Wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wächst die Sorge vor gezielter Einflussnahme aus Russland. Seit Anfang Juli werden über soziale Netzwerke Videos verbreitet, die Falschinformationen über Kandidaten mehrerer Parteien enthalten und dabei den Anschein erwecken, von bekannten deutschen Medien zu stammen.

Nach Recherchen der Wochenzeitung „Die Zeit“ und aktuellen Berichten des MDR soll die Kampagne Verbindungen zu dem russischen Desinformationsnetzwerk „Matrjoschka“ aufweisen. Eine staatliche Urheberschaft ist bislang nicht abschließend gerichtlich oder behördlich festgestellt. Die Verbreitungsmuster und technischen Spuren sollen jedoch auf Akteure mit Verbindungen nach Russland hindeuten.

Logos bekannter Medien werden missbraucht

Die verbreiteten Videos sind so gestaltet, dass sie auf den ersten Blick wie Nachrichtenbeiträge etablierter deutscher Medien wirken. Nach den vorliegenden Recherchen wurden dabei unter anderem Logos oder Gestaltungselemente der „Süddeutschen Zeitung“, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, von „Spiegel TV“ und der „Zeit“ verwendet.

Die betroffenen Medien haben die Inhalte nicht erstellt. Ihre Marken sollen vielmehr eingesetzt werden, um den erfundenen Behauptungen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Verbreitet werden die Videos vor allem über die Plattform X und weitere soziale Netzwerke.

Kandidaten mehrerer Parteien betroffen

Nach dem bislang bekannten Stand richten sich die Falschbehauptungen gegen Kandidaten von CDU, SPD, Grünen und Linken. Dabei werden ihnen angebliche persönliche Verfehlungen, politische Skandale oder andere Vorgänge zugeschrieben, für die keine belastbaren Belege vorliegen.

Die AfD erklärte dem Deutschlandfunk zufolge, nicht von der aktuellen Kampagne betroffen zu sein. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass die Partei an der Verbreitung beteiligt ist oder Kenntnis davon hatte. Entsprechende Belege wurden bislang nicht veröffentlicht.

Für die redaktionelle Berichterstattung ist entscheidend, die erfundenen Vorwürfe nicht unnötig zu wiederholen. Schon die detaillierte Wiedergabe einer Falschmeldung kann dazu beitragen, dass sie weiter verbreitet und von Suchmaschinen erfasst wird.

Wahl findet am 6. September statt

Der neue Landtag von Sachsen-Anhalt wird am 6. September 2026 gewählt. Der Landeswahlausschuss hat 20 Parteien grundsätzlich zur Teilnahme zugelassen. Die endgültige Zulassung der Wahlvorschläge erfolgt nach Prüfung der formalen Voraussetzungen.

Die mutmaßliche Desinformationskampagne trifft das Land damit in einer politisch besonders angespannten Phase. Wahlkämpfe sind für ausländische Akteure attraktiv, weil bereits kleine Zweifel an Kandidaten, Medien und dem Wahlverfahren das Vertrauen in demokratische Institutionen beschädigen können.

Dabei muss eine Einflusskampagne nicht zwingend das Ziel haben, eine bestimmte Partei unmittelbar zum Wahlsieg zu führen. Bereits die Verunsicherung der Bevölkerung, die Verstärkung gesellschaftlicher Konflikte oder die Diskreditierung etablierter Medien kann aus Sicht der Urheber ein Erfolg sein.

Verfassungsschutz warnte bereits vor Manipulation

Die Verfassungsschutzbehörde Sachsen-Anhalt weist grundsätzlich darauf hin, dass Wahlen Ziel unzulässiger Einflussnahme werden können. Politische Ereignisse wie Parlamentswahlen böten extremistischen und ausländischen Akteuren Möglichkeiten, demokratische Meinungsbildungsprozesse zu diskreditieren.

Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte bereits Ende 2025 vor verstärkten russischen Desinformationsaktivitäten im Umfeld der Landtagswahlen 2026 gewarnt. Wahlen spielten bei bisherigen Einflussversuchen wiederholt eine besondere Rolle.

Die aktuelle Kampagne kommt daher nicht überraschend. Sie zeigt jedoch, wie professionell Falschmeldungen inzwischen produziert werden und wie schwer sie für Nutzer ohne genaue Prüfung von echten Medieninhalten zu unterscheiden sind.

„Matrjoschka“ arbeitet mit gefälschten Nachrichten

Die Bezeichnung „Matrjoschka“ steht für eine bereits länger beobachtete Einflussoperation. Dabei werden gefälschte Medienbeiträge, manipulierte Videos und erfundene Nachrichten zunächst auf kleinen oder neu angelegten Konten veröffentlicht.

Anschließend werden Journalisten, Faktenprüfer und politische Akteure gezielt aufgefordert, die angeblichen Meldungen zu überprüfen. Dadurch sollen die Falschinformationen zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten und in echte öffentliche Debatten gelangen.

Die Kampagne richtet sich nach früheren Erkenntnissen nicht nur gegen einzelne Politiker. Sie versucht auch, bestehende Konflikte zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen gesellschaftlichen Gruppen oder zwischen Bürgern und staatlichen Institutionen zu verschärfen.

Medienkompetenz wird zur Sicherheitsfrage

Für Bürger wird es zunehmend schwieriger, echte Nachrichten von professionell gestalteten Fälschungen zu unterscheiden. Ein Logo, eine vertraute Schriftart oder ein scheinbar seriöser Sprecher reichen längst nicht mehr als Echtheitsnachweis.

Vor dem Teilen politischer Meldungen sollten deshalb mindestens diese Punkte geprüft werden:

  • Ist der Beitrag auf der offiziellen Internetseite des genannten Mediums zu finden?
  • Stammt das Konto tatsächlich vom angeblichen Absender?
  • Berichten mehrere voneinander unabhängige Medien darüber?
  • Enthält das Video auffällige Schnitte, fehlerhafte Sprache oder unklare Quellen?
  • Wird eine starke emotionale Reaktion erzeugt, ohne Belege zu liefern?

Besondere Vorsicht ist geboten, wenn ein Beitrag behauptet, einen großen Skandal aufzudecken, aber ausschließlich über anonyme Konten verbreitet wird.

Ostdeutsche Debatten dürfen nicht von außen gesteuert werden

Sachsen-Anhalt steht vor einer Landtagswahl, in der es um reale Probleme geht: wirtschaftliche Entwicklung, Schulen, medizinische Versorgung, Migration, Energiepreise, innere Sicherheit und die Zukunft des ländlichen Raums.

Diese Debatten müssen offen und auch scharf geführt werden können. Sie dürfen jedoch nicht auf erfundenen Skandalen, manipulierten Medienbeiträgen oder verdeckter ausländischer Einflussnahme beruhen.

Gerade eine kritische und selbstbewusste ostdeutsche Öffentlichkeit hat ein Interesse daran, dass politische Entscheidungen von den Bürgern des Landes getroffen werden – und nicht von anonymen Akteuren, die gesellschaftliche Spannungen gezielt ausnutzen.