Wenige Wochen vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres zeigt sich in Ostdeutschland ein scheinbarer Widerspruch: Tausende Unternehmen suchen dringend Auszubildende, während zugleich viele Jugendliche noch keinen Lehrvertrag unterschrieben haben.
Besonders deutlich wird das derzeit in Thüringen. Dort waren Ende Juni noch 4.226 betriebliche Ausbildungsstellen unbesetzt. Gleichzeitig suchten 3.099 gemeldete Bewerber weiterhin nach einem Ausbildungsplatz. Insgesamt standen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 9.591 gemeldete Ausbildungsangebote 7.125 Bewerbern gegenüber.
Rein rechnerisch müsste damit für fast jeden Jugendlichen eine Stelle vorhanden sein. In der Praxis funktioniert diese Rechnung jedoch nicht.
Berufswünsche, Wohnorte, Schulabschlüsse und Erwartungen der Betriebe passen häufig nicht zusammen. Während sich Jugendliche auf wenige bekannte Berufe konzentrieren, bleiben Lehrstellen im Verkauf, in der Lagerwirtschaft, in technischen Berufen und in Teilen des Handwerks unbesetzt.
4.226 freie Stellen allein in Thüringen
Die Thüringer Zahlen zeigen, wie groß die Lücke zwischen statistischem Angebot und tatsächlicher Vermittlung geworden ist.
Unter den noch unbesetzten Stellen befinden sich 871 Ausbildungsplätze im Verkauf. Weitere 269 freie Stellen entfallen auf Lagerwirtschaft, Post, Zustellung und Güterumschlag. Im Maschinenbau und in der Betriebstechnik waren Ende Juni noch 199 Lehrstellen offen.
Beliebte Berufe sind häufig überlaufen
Auf der anderen Seite interessieren sich besonders viele Jugendliche für Berufe wie:
- Kfz-Mechatroniker,
- Kaufmann oder Kauffrau für Büromanagement,
- Verkäufer,
- medizinische Fachangestellte,
- Einzelhandelskaufleute,
- Fachinformatiker.
Diese Wünsche sind verständlich. Viele dieser Berufe sind bekannt, werden in Schulen regelmäßig vorgestellt und sind für Jugendliche leicht vorstellbar.
Das führt jedoch dazu, dass sich Bewerbungen auf wenige Angebote konzentrieren, während weniger sichtbare Berufe kaum Beachtung finden.
Extremes Missverhältnis in einzelnen Berufen
Wie weit Angebot und Nachfrage auseinanderliegen können, zeigt ein Blick auf einzelne Berufsgruppen.
In Thüringer Körperpflegeberufen kamen rechnerisch 1.242 Bewerber auf 100 betriebliche Ausbildungsstellen. Im Lebensmittelverkauf waren es dagegen lediglich zwölf Bewerber je 100 Stellen.
Auf den Wunschberuf warten – oder eine Alternative wählen?
Für Jugendliche entsteht daraus eine schwierige Entscheidung.
Sie können weiter auf einen Platz in ihrem bevorzugten Beruf hoffen. Oder sie orientieren sich kurzfristig um und wählen einen Ausbildungsweg, den sie bisher kaum kannten.
Eine solche Umorientierung darf jedoch nicht bedeuten, junge Menschen einfach in Berufe zu drängen, für die sie weder Interesse noch Eignung besitzen.
Eine Ausbildung dauert mehrere Jahre. Wer nur deshalb beginnt, weil eine Stelle frei ist, bricht möglicherweise nach wenigen Monaten wieder ab.
Auch regional passt der Markt nicht zusammen
Nicht nur die Berufe unterscheiden sich. Auch zwischen den Regionen bestehen erhebliche Unterschiede.
Im Wartburgkreis kamen zuletzt 132 Bewerber auf 100 betriebliche Ausbildungsstellen. Im Saale-Orla-Kreis waren es dagegen lediglich 38 Bewerber.
Ein freier Platz kann trotzdem unerreichbar sein
Eine Lehrstelle auf dem Papier hilft einem Jugendlichen wenig, wenn der Betrieb 50 Kilometer entfernt liegt, kein Zug fährt und der erste Bus erst nach Arbeitsbeginn ankommt.
Auszubildende verdienen in den ersten Lehrjahren häufig noch nicht genug, um eine eigene Wohnung, ein Auto und alle laufenden Kosten zu finanzieren.
Gerade im ländlichen Ostdeutschland entscheidet deshalb die Verkehrsanbindung mit darüber, ob eine Stelle tatsächlich besetzt werden kann.
Fehlende Busse werden zum Ausbildungshindernis
Viele Betriebe beginnen früh am Morgen.
Bäckereien, Pflegeeinrichtungen, Handwerksbetriebe, Produktionsunternehmen und Logistikzentren arbeiten zu Zeiten, in denen der öffentliche Nahverkehr in manchen Regionen kaum unterwegs ist.
Mobilität ist Teil der Wirtschaftspolitik
Wer über Fachkräftemangel spricht, darf Buslinien und Bahnverbindungen nicht ausblenden.
Eine Region kann nicht gleichzeitig junge Menschen zum Bleiben auffordern und Verbindungen kürzen, die sie zum Ausbildungsbetrieb bringen.
Landkreise und Verkehrsunternehmen sollten deshalb prüfen, wo Berufsschulen, Gewerbegebiete und größere Ausbildungsbetriebe morgens und abends besser angebunden werden müssen.
Jugendliche orientieren sich an sichtbaren Berufen
Viele Berufe mit Nachwuchsproblemen sind im Alltag kaum präsent.
Jugendliche kennen Verkäufer, Lehrer, Ärzte oder Kfz-Mechatroniker. Weniger bekannt sind dagegen zahlreiche Tätigkeiten in Produktion, Energieversorgung, Metallverarbeitung, Gebäudetechnik oder Lebensmittelherstellung.
Unbekannte Berufe verlieren frühzeitig
Was Jugendliche nicht kennen, können sie kaum als berufliche Möglichkeit betrachten.
Ein kurzer Messestand einmal im Jahr reicht dafür nicht aus. Betriebe müssen dauerhaft in Schulen sichtbar werden, Praktika anbieten und zeigen, wie der tatsächliche Arbeitsalltag aussieht.
Die Bundesagentur für Arbeit verweist selbst darauf, dass sogenannte unsichtbare Berufe trotz guter Beschäftigungschancen häufig weniger Bewerbungen erhalten. Dazu gehören unter anderem Lagerlogistik, Mechatronik und verschiedene Verkaufsberufe.
Schulen müssen früher praktisch orientieren
Berufsorientierung beginnt vielerorts zu spät.
Erst kurz vor dem Schulabschluss erhalten Jugendliche Bewerbungsunterlagen, besuchen eine Messe oder absolvieren ein einzelnes Praktikum.
Eine Woche reicht nicht zur Berufswahl
Ein Jugendlicher kann kaum entscheiden, welcher Beruf zu ihm passt, wenn er nur wenige Tage in einem Betrieb verbringt.
Sinnvoller wären mehrere praktische Phasen in unterschiedlichen Bereichen:
- Handwerk,
- Industrie,
- Pflege,
- Handel,
- Verwaltung,
- Technik,
- soziale Berufe.
Dadurch könnten Schüler eigene Fähigkeiten entdecken, bevor sie sich auf einen bekannten Wunschberuf festlegen.
Unternehmen melden weniger Ausbildungsplätze
Die Lage ist komplizierter als eine reine Erzählung vom Fachkräftemangel.
Nach Einschätzung der Arbeitsagentur führt die schwierige wirtschaftliche Entwicklung dazu, dass Unternehmen zurückhaltender werden und weniger Ausbildungsplätze melden. Gleichzeitig bleibt der Nachwuchsmangel eine zentrale Herausforderung.
Deutschlandweit waren bis Juni rund 400.000 Bewerber bei den Arbeitsagenturen gemeldet. Davon galten 181.000 noch als unversorgt. Auf der anderen Seite wurden rund 409.000 Ausbildungsstellen registriert. Die Bundesagentur weist allerdings darauf hin, dass die Stellenstatistik wegen technischer und prozessualer Umstellungen derzeit nur eingeschränkt mit früheren Jahren vergleichbar ist.
Unsicherheit trifft zuerst den Nachwuchs
Wenn Aufträge fehlen oder Kosten steigen, reduzieren manche Unternehmen zunächst Investitionen und Neueinstellungen.
Das kann kurzfristig nachvollziehbar sein. Langfristig verschärft es jedoch den Fachkräftemangel.
Ein Ausbildungsjahrgang, der heute nicht eingestellt wird, fehlt dem Betrieb drei Jahre später als Facharbeiter.
Ausbildung ist eine langfristige Entscheidung
Unternehmen dürfen Ausbildung nicht nur davon abhängig machen, ob die aktuelle Auftragslage für die kommenden sechs Monate gut aussieht.
Wer Fachkräfte benötigt, muss über mehrere Jahre planen.
Der demografische Wandel läuft weiter
Viele erfahrene Beschäftigte werden in den kommenden Jahren in Rente gehen.
Diese Entwicklung stoppt nicht, weil die Konjunktur vorübergehend schwach ist.
Betriebe, die jetzt vollständig auf Ausbildung verzichten, können später vor einem noch größeren Personalproblem stehen.
Manche Anforderungen sind unnötig hoch
Unternehmen beklagen häufig mangelnde Bewerbungen oder unzureichende Schulnoten.
Gleichzeitig verlangen manche Ausschreibungen selbst für Berufe mit großem Nachwuchsmangel gute Noten in fast allen Fächern, vollständige Bewerbungsunterlagen und bereits praktische Erfahrungen.
Nicht jeder gute Auszubildende ist ein guter Schüler
Schulnoten liefern Hinweise, aber kein vollständiges Bild.
Ein Jugendlicher mit durchschnittlichen Mathematiknoten kann handwerklich geschickt, pünktlich und belastbar sein. Ein Bewerber mit gutem Zeugnis kann dagegen im praktischen Arbeitsalltag Schwierigkeiten haben.
Betriebe sollten deshalb häufiger Praktika, Probearbeitstage und persönliche Gespräche nutzen, bevor sie Jugendliche allein nach Zeugnissen aussortieren.
Der perfekte Bewerber existiert selten
Wer Nachwuchs sucht, muss bereit sein, Nachwuchs auszubilden.
Das klingt selbstverständlich, wird aber nicht immer umgesetzt.
Manche Betriebe erwarten von Schulabgängern bereits Fähigkeiten, die eigentlich während der Ausbildung vermittelt werden sollen.
Ausbildung bedeutet Entwicklung
Ein 16-Jähriger ist keine fertige Fachkraft.
Er braucht klare Anweisungen, Geduld, Rückmeldungen und manchmal Unterstützung bei grundlegenden Dingen wie Pünktlichkeit, Kommunikation oder Arbeitsorganisation.
Wer dazu nicht bereit ist, sucht in Wahrheit keinen Auszubildenden, sondern einen günstigen, bereits ausgebildeten Mitarbeiter.
Betriebe konkurrieren um eine kleinere Generation
Die Zahl junger Menschen ist in vielen ostdeutschen Regionen geringer als früher.
Das verändert das Kräfteverhältnis auf dem Ausbildungsmarkt.
Unternehmen müssen sich ebenfalls bewerben
Früher konnten Betriebe aus vielen Bewerbern auswählen.
Heute vergleichen Jugendliche Arbeitszeiten, Bezahlung, Betriebsklima, Übernahmechancen und Erreichbarkeit.
Ein Unternehmen mit schlechtem Ruf, unbezahlten Überstunden oder respektlosem Umgang wird auch mit einer freien Stelle kaum Nachwuchs gewinnen.
Ausbildungsvergütung ist wichtiger geworden
Mieten, Lebensmittel und Fahrtkosten sind gestiegen.
Für junge Menschen ist deshalb nicht nur der Beruf interessant, sondern auch die Frage, ob sie von ihrer Vergütung zumindest teilweise leben können.
Niedrige Bezahlung begrenzt die Auswahl
Wer bei den Eltern wohnt und einen Ausbildungsbetrieb in der Nähe findet, kann eine geringe Vergütung leichter ausgleichen.
Wer umziehen oder täglich weit fahren muss, braucht deutlich mehr Geld.
Betriebe in schwer erreichbaren Regionen könnten daher mit Fahrtkostenzuschüssen, Wohnmöglichkeiten oder einem höheren Ausbildungsentgelt punkten.
Ostdeutsche Mittelständler haben besondere Schwierigkeiten
Große Unternehmen können mit bekannten Namen, eigenen Ausbildungszentren und umfangreichen Werbekampagnen auftreten.
Kleine Betriebe verfügen über diese Möglichkeiten häufig nicht.
Gute Ausbildung bleibt oft unsichtbar
Ein Handwerksbetrieb mit zehn Mitarbeitern kann hervorragende Arbeitsbedingungen bieten, wird aber bei der Internetrecherche kaum gefunden.
Regionale Kammern, Wirtschaftsförderungen und Schulen sollten deshalb kleinere Unternehmen stärker gemeinsam präsentieren.
Eine zentrale regionale Ausbildungsplattform kann mehr bewirken als viele einzelne, schlecht auffindbare Stellenanzeigen.
Ausländische Jugendliche werden wichtiger
In Thüringen waren erstmals mehr als 1.000 ausländische Jugendliche als Ausbildungsbewerber gemeldet. Ihre Zahl stieg binnen eines Jahres um 22,4 Prozent auf 1.076.
Auch Sachsen-Anhalt setzt angesichts des Nachwuchsmangels zunehmend auf junge Menschen aus dem Ausland.
Integration entscheidet sich im Alltag
Ein Ausbildungsvertrag allein reicht nicht.
Ausländische Auszubildende benötigen häufig Unterstützung bei Sprache, Behörden, Wohnungssuche und Berufsschule.
Betriebe, Kommunen und Kammern müssen diese Begleitung gemeinsam organisieren. Andernfalls steigt das Risiko, dass Verträge trotz anfänglichen Interesses scheitern.
Sprache ist in der Berufsschule besonders wichtig
Im Betrieb können viele Tätigkeiten praktisch gezeigt werden.
In der Berufsschule müssen Auszubildende dagegen Fachtexte verstehen, Prüfungsfragen bearbeiten und schriftliche Aufgaben lösen.
Fachsprache unterscheidet sich vom Alltagsdeutsch
Wer sich im Alltag verständigen kann, beherrscht nicht automatisch Begriffe aus Elektrotechnik, Pflege, Logistik oder Verwaltung.
Berufsbezogene Sprachkurse sollten deshalb möglichst vor Ausbildungsbeginn starten und während der Lehre fortgesetzt werden.
Ausbildungsabbrüche dürfen nicht ignoriert werden
Eine besetzte Stelle ist noch kein nachhaltiger Erfolg.
Entscheidend ist, ob der Auszubildende die Prüfung besteht und anschließend im Beruf bleibt.
Probleme früh erkennen
Konflikte entstehen häufig durch:
- falsche Vorstellungen vom Beruf,
- schlechte Betreuung,
- Schwierigkeiten in der Berufsschule,
- finanzielle Probleme,
- lange Fahrtwege,
- persönliche Krisen.
Mit Angeboten wie assistierter Ausbildung, Einstiegsqualifizierung und berufsvorbereitenden Maßnahmen versucht die Arbeitsagentur, Jugendliche beim Einstieg und während der Lehre zu unterstützen.
Einstiegsqualifizierung kann eine Brücke sein
Eine Einstiegsqualifizierung ist ein längeres, sozialversicherungspflichtiges Praktikum.
Sie kann Jugendlichen helfen, einen Betrieb kennenzulernen und fehlende Kenntnisse aufzuholen.
Betriebe können Bewerber praktisch prüfen
Für Unternehmen bietet dieses Modell ebenfalls Vorteile.
Statt nur Zeugnisse und Bewerbungsschreiben zu bewerten, erleben sie den Jugendlichen im Arbeitsalltag.
Funktioniert die Zusammenarbeit, kann anschließend eine reguläre Ausbildung beginnen.
Eltern beeinflussen die Berufswahl stark
Jugendliche entscheiden nicht allein.
Eltern empfehlen häufig Berufe, die sie kennen oder für besonders sicher halten.
Alte Vorstellungen halten sich lange
Manche gewerblichen Berufe gelten zu Unrecht als schmutzig, schlecht bezahlt oder ohne Aufstiegsmöglichkeiten.
Gleichzeitig werden Büroberufe teilweise überschätzt, obwohl auch dort die Konkurrenz groß und die berufliche Zukunft durch Digitalisierung im Wandel ist.
Berufsorientierung muss deshalb Eltern einbeziehen und realistische Informationen zu Einkommen, Entwicklungsmöglichkeiten und Arbeitsbedingungen vermitteln.
Ein Studium ist nicht automatisch der bessere Weg
Über Jahre wurde vielen Jugendlichen vermittelt, dass das Abitur und ein Studium den sichersten gesellschaftlichen Aufstieg bieten.
Die duale Ausbildung geriet dadurch teilweise ins Hintertreffen.
Berufliche Bildung bietet gute Perspektiven
Facharbeiter, Meister und Techniker werden dringend benötigt.
In vielen Bereichen können sie früh Verantwortung übernehmen, sich selbstständig machen oder später ein Studium anschließen.
Ausbildung und Studium dürfen deshalb nicht als höher- und minderwertige Wege behandelt werden.
Berufsschulen müssen erreichbar bleiben
Der demografische Rückgang führt dazu, dass Ausbildungsklassen zusammengelegt und an zentralen Standorten angeboten werden.
Für Jugendliche bedeutet das teilweise lange Wege.
Zu weite Schulwege gefährden Ausbildungsverhältnisse
Wer mehrere Tage im Betrieb arbeitet und für die Berufsschule durch ein halbes Bundesland fahren muss, wird zusätzlich belastet.
Bei seltenen Berufen lässt sich eine Bündelung nicht vollständig vermeiden. Dennoch sollten Länder prüfen, wie Wohnheime, Fahrtkosten und Stundenpläne besser organisiert werden können.
Betriebe brauchen verlässliche Berufsschulen
Auch Unternehmen leiden unter weit entfernten oder schlecht ausgestatteten Schulen.
Wenn Unterricht ausfällt oder Fachlehrer fehlen, müssen Betriebe Ausbildungsinhalte zusätzlich vermitteln.
Dual bedeutet gemeinsame Verantwortung
Das deutsche Ausbildungssystem lebt vom Zusammenspiel zwischen Betrieb und Berufsschule.
Fällt eine Seite dauerhaft aus, sinkt die Qualität.
Die Länder müssen deshalb nicht nur allgemein über Lehrermangel sprechen, sondern gezielt Fachlehrer für berufliche Schulen gewinnen.
Abwanderung beginnt oft nach der Schule
Viele junge Ostdeutsche verlassen ihre Heimatregion für Ausbildung oder Studium.
Ein Teil kehrt später zurück, viele bleiben jedoch dauerhaft in größeren Städten oder westdeutschen Regionen.
Eine gute Lehrstelle kann Jugendliche halten
Wer vor Ort einen attraktiven Betrieb, eine bezahlbare Wohnung und eine berufliche Perspektive findet, hat weniger Anlass wegzuziehen.
Ausbildungspolitik ist deshalb immer auch Regionalpolitik.
Jeder nicht besetzte Ausbildungsplatz kann langfristig einen fehlenden Einwohner und eine fehlende Fachkraft bedeuten.
Kommunen müssen Wohnraum für Auszubildende schaffen
In Universitätsstädten sind Studentenwohnheime selbstverständlich.
Für Auszubildende gibt es vergleichbare Angebote nur selten.
Azubi-Wohnheime könnten Regionen verbinden
Bezahlbare kleine Wohnungen oder Wohnheimplätze würden Jugendlichen ermöglichen, eine Stelle außerhalb ihres Heimatortes anzunehmen.
Besonders in Tourismusregionen, Industriegebieten und ländlichen Kreisen könnte dies helfen, offene Stellen zu besetzen.
Die heiße Vermittlungsphase läuft
Der Ausbildungsmarkt ist Mitte Juli noch nicht abgeschlossen.
Viele Verträge werden erst in den letzten Wochen vor Ausbildungsbeginn geschlossen. Auch nach August oder September sind in einzelnen Berufen noch Einstiege möglich.
Jugendliche sollten nicht vorschnell aufgeben
Wer bislang nur Absagen erhalten hat, kann seine Suche ausweiten:
- ähnliche Berufe prüfen,
- kleinere Betriebe direkt ansprechen,
- Praktikum vereinbaren,
- Nachbarlandkreis einbeziehen,
- Berufsberatung nutzen,
- späteren Ausbildungsbeginn erfragen.
Flexibilität erhöht die Chancen. Sie darf jedoch nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden.
Unternehmen müssen ihre Auswahl überdenken
Auch Betriebe dürfen in der letzten Phase nicht einfach erklären, es gebe keine geeigneten Bewerber.
Sie sollten prüfen, welche Anforderungen tatsächlich notwendig sind und wo Unterstützung möglich wäre.
Der Nachwuchs muss nicht perfekt sein
Ein motivierter Jugendlicher mit Schwächen kann sich zu einer verlässlichen Fachkraft entwickeln.
Ein Ausbildungsplatz sollte deshalb nicht an einer einzelnen Schulnote, einer unbeholfenen Bewerbung oder fehlender Erfahrung scheitern.
Gerade kleine und mittlere Unternehmen waren früher stark darin, jungen Menschen praktisch eine Chance zu geben. Diese Haltung wird wieder wichtiger.
Der Lehrstellenmangel ist in Wahrheit ein Passungsproblem
Thüringen zeigt den Widerspruch besonders klar: 4.226 unbesetzte Ausbildungsstellen stehen 3.099 unversorgten Bewerbern gegenüber.
Das bedeutet nicht, dass sich beide Gruppen automatisch zusammenbringen lassen.
Ein freier Ausbildungsplatz im Lebensmittelverkauf hilft einer Jugendlichen mit dem Berufswunsch Kosmetikerin nicht unmittelbar. Eine Stelle im Saale-Orla-Kreis löst das Problem eines Bewerbers ohne Auto im Wartburgkreis ebenfalls nicht.
Ostdeutschland darf keine Generation verlieren
Der Fachkräftemangel gehört zu den größten wirtschaftlichen Risiken der ostdeutschen Länder.
Gleichzeitig darf kein Jugendlicher den Eindruck gewinnen, trotz zahlreicher freier Stellen nicht gebraucht zu werden.
Beides zusammen wäre ein politisches und wirtschaftliches Versagen.
Die Lösung liegt nicht in einem einzigen Förderprogramm. Notwendig sind bessere Berufsorientierung, erreichbare Betriebe, attraktive Ausbildungsbedingungen, realistische Anforderungen und mehr Bereitschaft auf beiden Seiten.
Unternehmen müssen jungen Menschen eine echte Chance geben. Jugendliche sollten bereit sein, auch weniger bekannte Berufe kennenzulernen. Schulen, Arbeitsagenturen und Kommunen müssen dafür sorgen, dass beide Seiten tatsächlich zueinanderfinden.
Denn jede unbesetzte Lehrstelle ist eine fehlende Fachkraft von morgen. Und jeder Jugendliche ohne Ausbildungsplatz ist ein Zukunftspotenzial, das Ostdeutschland nicht verschenken darf.