Wie bereitet man regionale Gerichte zeitgemäß zu? Was können deutsche Berufsschüler von polnischen Küchen lernen – und umgekehrt? Und wie lässt sich eine Ausbildung so gestalten, dass junge Fachkräfte später auf beiden Seiten der Grenze arbeiten können?

Mit diesen Fragen beschäftigen sich zwei deutsche und zwei polnische Berufsschulen im Projekt „Cooking into the future“, das auch unter dem Namen „Köstliche Kooperationen“ läuft.

Beteiligt sind die Regionalen Beruflichen Bildungszentren Greifswald und Wolgast-Torgelow sowie zwei Berufsschulen aus dem polnischen Landkreis Wałcz. Ziel ist ein gemeinsamer, grenzüberschreitend nutzbarer Lehrplan für die Gastronomieausbildung. Das Vorhaben läuft bis 2028 und verfügt über ein Gesamtvolumen von knapp 1,3 Millionen Euro.

Vier Berufsschulen entwickeln neue Lerninhalte

Im Mittelpunkt stehen nicht allein Begegnungen und gegenseitige Schulbesuche.

Die beteiligten Lehrer entwickeln gemeinsam Unterrichtsmodule, die dauerhaft in der gastronomischen Ausbildung eingesetzt werden können. Lerninhalte, die bisher nur in einem der beiden Länder zum Lehrplan gehören, sollen auch den Schülern auf der jeweils anderen Seite der Grenze vermittelt werden.

Regionale Küche trifft moderne Gastronomie

Ein Schwerpunkt liegt auf typischen Gerichten und Produkten aus Vorpommern und dem polnischen Grenzraum.

Gleichzeitig sollen moderne Arbeitsweisen stärker berücksichtigt werden. Genannt werden unter anderem:

  • Sous-vide-Garen,
  • Barista-Techniken,
  • Pralinenherstellung,
  • gesundes Kochen,
  • neue Koch- und Backverfahren.

Dafür soll teilweise auch neue technische Ausstattung angeschafft werden.

Wolgast wird zum Standort grenzüberschreitender Ausbildung

Das RBB Wolgast-Torgelow gehört zu den zentralen deutschen Partnern des Projekts.

Für die Berufliche Europaschule ist die Zusammenarbeit mit Polen keine bloße Zusatzveranstaltung. Ziel ist eine Ausbildung, die jungen Menschen praktische Fähigkeiten, kulturelles Verständnis und berufliche Möglichkeiten auf beiden Seiten der Grenze vermittelt.

Das Projekt wird neben den beteiligten Landkreisen und Schulen unter anderem vom Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommern, der Industrie- und Handelskammer Neubrandenburg und der Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern unterstützt.

Grenzlage wird zum Vorteil

Wolgast liegt zwar nicht unmittelbar an der deutsch-polnischen Grenze, gehört aber zu einer Region, in der Tourismus, Gastronomie und Arbeitsmarkt eng mit Polen verbunden sind.

Von Usedom bis Stettin bewegen sich Gäste und Beschäftigte längst über Landesgrenzen hinweg. Eine Ausbildung, die sprachliche, kulturelle und fachliche Unterschiede berücksichtigt, kann daraus einen echten Standortvorteil machen.

Fachkräftemangel bedroht Gastronomie und Tourismus

Restaurants, Hotels und Ferienbetriebe in Vorpommern suchen seit Jahren Personal.

Besonders während der Sommersaison steigt der Bedarf stark. Gleichzeitig finden Betriebe nicht genügend Köche, Restaurantfachkräfte und Auszubildende.

Landrat Michael Sack bezeichnete den Fachkräftebedarf in der Gastronomie bereits zum Projektstart als hoch. Das Vorhaben solle helfen, die Fachkräfte von morgen auf deutscher und polnischer Seite zu gewinnen.

Gute Ausbildung entscheidet über Qualität

Der Fachkräftemangel lässt sich nicht allein lösen, indem offene Stellen irgendwie besetzt werden.

Gastronomie lebt von Qualität, Zuverlässigkeit und handwerklichem Können. Gäste erwarten saubere Arbeitsabläufe, gute Produkte und kompetenten Service.

Eine moderne, praxisnahe Ausbildung ist deshalb nicht nur für die Jugendlichen wichtig. Sie entscheidet darüber, ob die Tourismusregion langfristig ein hochwertiges gastronomisches Angebot sichern kann.

Schüler lernen voneinander

Der NDR berichtete im Juli erneut über die Kooperation und stellte dabei das gemeinsame Lernen der zwei deutschen und zwei polnischen Berufsschulen in den Mittelpunkt.

Bei gemeinsamen Workshops arbeiten die Jugendlichen nicht nur nebeneinander. Sie vergleichen Rezepte, Arbeitsweisen und Vorstellungen von Gastronomie.

Küche überwindet Sprachbarrieren

Beim gemeinsamen Kochen können viele Abläufe unmittelbar gezeigt werden.

Wie wird ein Teig verarbeitet? Wie wird ein Fisch filetiert? Welche Temperatur benötigt ein Gericht? Viele Handgriffe lassen sich vormachen, auch wenn der Wortschatz in der jeweils anderen Sprache noch begrenzt ist.

Ganz ohne Sprache funktioniert die Zusammenarbeit dennoch nicht. Fachbegriffe, Absprachen und Hygieneregeln müssen verstanden werden. Dadurch entsteht ein praktischer Anlass, Deutsch oder Polnisch zu lernen.

Polnische Küche ist mehr als Pierogi

In Deutschland wird polnische Küche häufig auf wenige bekannte Gerichte reduziert.

Tatsächlich besitzt sie eine große regionale Vielfalt. Fisch, Pilze, Kohl, Wild, Suppen und Backwaren spielen je nach Region eine wichtige Rolle.

Auch Vorpommern verfügt über eine eigene Küchentradition mit Ostseefisch, Kartoffeln, Wild, Sanddorn und regionalem Gemüse.

Gemeinsame Wurzeln sichtbar machen

Die Küchen beider Regionen sind historisch nicht voneinander getrennt entstanden.

Handelswege, frühere Grenzverschiebungen und ähnliche klimatische Bedingungen führten zu Überschneidungen bei Zutaten und Zubereitungsarten.

Das Projekt kann diese Gemeinsamkeiten sichtbar machen, ohne Unterschiede zu verwischen.

Moderne Techniken ergänzen das Handwerk

Sous-vide, Barista-Handwerk und Pralinenherstellung klingen zunächst nach gehobener Gastronomie.

Solche Techniken sind jedoch längst auch in Hotels, Cafés und modernen Restaurants der Region angekommen.

Tradition allein reicht nicht

Regionale Küche darf nicht bedeuten, jahrzehntelang dieselben Gerichte unverändert anzubieten.

Gäste erwarten heute auch vegetarische Optionen, leichtere Zubereitungen, ansprechende Präsentation und einen professionellen Umgang mit Unverträglichkeiten.

Die Verbindung aus regionalen Zutaten und modernen Techniken kann Vorpommerns Gastronomie ein eigenständiges Profil geben.

Knapp 1,3 Millionen Euro für drei Jahre

Das Projekt wird über das europäische Interreg-Programm finanziert.

Das Gesamtvolumen beträgt knapp 1,3 Millionen Euro. Die Laufzeit ist auf drei Jahre angelegt und reicht bis 2028.

Förderung muss dauerhaft wirken

Bei europäischen Projekten besteht häufig die Gefahr, dass nach dem Ende der Finanzierung wenig übrig bleibt.

Deshalb ist entscheidend, dass die entwickelten Lehrmodule tatsächlich in den regulären Unterricht übernommen werden. Auch angeschaffte Geräte, Kontakte zwischen Schulen und gemeinsame Ausbildungsangebote sollten über 2028 hinaus genutzt werden.

Der Erfolg lässt sich nicht allein an der Zahl der Workshops messen.

Betriebe müssen eingebunden werden

Eine Berufsausbildung kann nur dann praxisnah sein, wenn Schulen und Ausbildungsbetriebe eng zusammenarbeiten.

Hotels, Restaurants, Cafés und Bäckereien wissen, welche Fähigkeiten im Alltag benötigt werden. Sie können Praktikumsplätze anbieten, Geräte zur Verfügung stellen und Rückmeldung zu den neuen Lerninhalten geben.

Grenzüberschreitende Praktika wären nächster Schritt

Besonders sinnvoll wären längere Praxisphasen im jeweiligen Nachbarland.

Ein Wolgaster Auszubildender könnte Erfahrungen in einem polnischen Hotel sammeln. Eine polnische Berufsschülerin könnte in einem Restaurant auf Usedom mitarbeiten.

Solche Aufenthalte vermitteln nicht nur Fachwissen. Sie zeigen jungen Menschen, dass die Region beruflich größer ist als der eigene Wohnort.

Ausbildung muss für Jugendliche attraktiver werden

Die Gastronomie hat nicht nur ein Nachwuchsproblem, sondern teilweise auch ein Imageproblem.

Unregelmäßige Arbeitszeiten, Wochenenddienste, körperliche Belastung und vergleichsweise niedrige Anfangslöhne schrecken viele Schulabgänger ab.

Projekte allein reichen nicht

Eine interessante Ausbildung kann junge Menschen gewinnen. Damit sie dauerhaft in der Branche bleiben, müssen jedoch auch die Arbeitsbedingungen stimmen.

Betriebe brauchen planbare Dienstzeiten, verlässliche Ausbildung, faire Bezahlung und einen respektvollen Umgang mit Nachwuchskräften.

Wer Azubis lediglich als billige Hilfskräfte einsetzt, wird sie nach dem Abschluss verlieren.

Deutsch-polnische Kooperation stärkt die Region

Das Projekt ist mehr als ein kulinarischer Austausch.

Es zeigt, wie die Grenzregion ihre Lage wirtschaftlich nutzen kann. Statt nur auf nationale Arbeitsmärkte zu schauen, können Schulen und Betriebe gemeinsam ausbilden und voneinander lernen.

Vorpommern darf nicht nur Saisonregion sein

Die Region braucht ganzjährige berufliche Perspektiven.

Tourismus und Gastronomie bieten dafür Chancen, wenn Ausbildung, Qualität und Angebote so entwickelt werden, dass Beschäftigung nicht ausschließlich auf wenige Sommermonate begrenzt bleibt.

Kulinarische Veranstaltungen, regionale Produkte und grenzüberschreitende Angebote können auch außerhalb der Hauptsaison Gäste anziehen.

Europäische Zusammenarbeit muss vor Ort sichtbar werden

Viele Bürger erleben europäische Förderprogramme als abstrakt.

In Wolgast wird dagegen konkret sichtbar, wofür europäische Zusammenarbeit eingesetzt werden kann: für Berufsschulen, Auszubildende, neue Geräte und gemeinsame Unterrichtsinhalte.

Das schafft mehr Akzeptanz als große politische Erklärungen ohne erkennbaren Nutzen für die Region.

Wolgast kann Modellstandort werden

Gelingt das Projekt, könnten die gemeinsam entwickelten Module auch an weiteren Berufsschulen genutzt werden.

Das Modell wäre nicht auf Gastronomie beschränkt. Vergleichbare Kooperationen wären etwa in Tourismus, Pflege, Handwerk oder Logistik denkbar.

Gerade in einer dünn besiedelten Grenzregion können gemeinsame Ausbildungsangebote helfen, Klassen zu stabilisieren und Fachwissen zu bündeln.

Entscheidend ist, was nach 2028 bleibt

Bis zum Ende des Projekts haben die beteiligten Schulen Zeit, einen belastbaren gemeinsamen Lehrplan und funktionierende Austauschstrukturen aufzubauen.

Der Ansatz ist überzeugend: regionale Küche bewahren, moderne Techniken vermitteln und jungen Menschen grenzüberschreitende Berufschancen eröffnen.

Nun müssen daraus dauerhafte Ergebnisse entstehen.

Für Wolgast ist „Cooking into the future“ eine Chance, sich nicht nur als Schulstandort, sondern als Ort einer modernen deutsch-polnischen Berufsausbildung zu profilieren.

Wenn die Jugendlichen nach dem Projekt besser ausgebildet sind, Betriebe leichter Nachwuchs finden und gemeinsame Praktika zum Alltag werden, haben sich die knapp 1,3 Millionen Euro gelohnt.