Berlin hat sich einen Spitzenplatz gesichert, auf den die meisten Autofahrer vermutlich gern verzichten würden. Im vergangenen Jahr nahm die Hauptstadt 37,9 Millionen Euro durch Geschwindigkeits- und Rotlichtverstöße ein.
Das waren 4,4 Millionen Euro mehr als noch 2024. Bundesweit kassierte nur Hamburg mit 41,8 Millionen Euro eine höhere Summe. Auch Brandenburg an der Havel überschritt die Millionengrenze und nahm rund 1,2 Millionen Euro ein.
Die Zahlen stammen aus einer Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins. Von 126 angefragten Städten beteiligten sich 63. Insgesamt meldeten sie Einnahmen von mehr als 271 Millionen Euro. 35 Städte und Gemeinden gehören demnach zu den sogenannten Blitzermillionären.
Berlin nimmt 4,4 Millionen Euro mehr ein
Die Berliner Einnahmen stiegen innerhalb eines Jahres von rund 33,5 auf 37,9 Millionen Euro. Damit legte die Hauptstadt um mehr als 13 Prozent zu.
Aus den Zahlen allein lässt sich allerdings nicht ablesen, warum die Einnahmen so deutlich gestiegen sind. Denkbar sind mehr Kontrollen, höhere Fallzahlen, veränderte Standorte oder besonders viele schwere Verstöße.
Fest steht: Das Geld stammt nicht nur von Fahrern, die einige Kilometer pro Stunde zu schnell unterwegs waren. In der Erhebung werden auch Rotlichtverstöße berücksichtigt.
Nur Hamburg kassiert noch mehr
Mit 41,8 Millionen Euro führt Hamburg die bundesweite Rangliste an. Berlin folgt mit einem Abstand von 3,9 Millionen Euro auf dem zweiten Platz.
Ein direkter Vergleich zwischen Städten ist dennoch nur bedingt aussagekräftig. Einwohnerzahl, Straßennetz, Pendlerverkehr, Zahl der Messanlagen und Kontrollintensität unterscheiden sich erheblich.
Eine Millionenstadt mit starkem Durchgangsverkehr besitzt naturgemäß mehr potenzielle Verstöße als eine kleinere Kommune. Trotzdem zeigt die Summe, welche Dimension die Verkehrsüberwachung inzwischen erreicht hat.
Berlin verfügt über Deutschlands größte Blitzerflotte
Berlin hatte 2025 nach Angaben des Deutschen Anwaltvereins bundesweit die meisten fest installierten Geschwindigkeitsmessanlagen. Insgesamt waren 48 stationäre Blitzer im Einsatz.
Hinzu kamen 20 mobile Messfahrzeuge, sechs Messanhänger und 56 Handlasergeräte. Keine andere an der Umfrage beteiligte Stadt meldete eine ähnlich umfangreiche technische Ausstattung.
Mobile Kontrollen bleiben unverzichtbar
Stationäre Blitzer haben einen Nachteil: Ihre Standorte sind meist bekannt. Navigationsgeräte, Apps und soziale Netzwerke warnen Fahrer häufig schon lange vor der Messstelle.
Mobile Kontrollen sind deshalb für eine wirksame Verkehrsüberwachung wichtiger. Sie können dort eingesetzt werden, wo Anwohner über Raser klagen oder sich die Unfalllage kurzfristig verschärft.
Dazu gehören Schulwege, Baustellen, Wohngebiete und Straßenabschnitte mit besonders vielen schweren Unfällen.
Brandenburg an der Havel nimmt 1,2 Millionen Euro ein
Auch Brandenburg an der Havel gehört zu den 35 Städten, die mit Verkehrsverstößen mehr als eine Million Euro eingenommen haben.
Die kreisfreie Stadt meldete für 2025 Einnahmen von rund 1,2 Millionen Euro. Frankfurt an der Oder beteiligte sich ebenfalls an der Umfrage, blieb aber unterhalb der Millionengrenze.
Für eine Stadt mit deutlich weniger Einwohnern als Berlin ist die Summe bemerkenswert. Allerdings fehlen in der Veröffentlichung Angaben dazu, wie viele einzelne Verstöße dahinterstehen und welcher Anteil auf Geschwindigkeits- beziehungsweise Rotlichtkontrollen entfällt.
Einnahmen sagen wenig über die Gefahrenstellen aus
Eine hohe Summe kann bedeuten, dass besonders viele Menschen zu schnell fahren. Sie kann ebenso auf eine intensive Kontrollpraxis oder einzelne stark frequentierte Messstellen zurückzuführen sein.
Für eine sachliche Bewertung wären deshalb weitere Angaben erforderlich:
Wie viele Verstöße wurden erfasst? Wie hoch war die durchschnittliche Überschreitung? Wie viele Fahrer waren deutlich zu schnell? Und an welchen Stellen wurde besonders häufig kontrolliert?
Ohne diese Informationen bleibt die Einnahmesumme spektakulär, aber verkehrspolitisch nur begrenzt aussagekräftig.
Sind Blitzer Verkehrsschutz oder Einnahmequelle?
Kaum ein Instrument der Verkehrspolitik wird so kontrovers diskutiert wie der Blitzer.
Kommunen und Polizei betonen, dass Geschwindigkeitskontrollen Unfälle verhindern und gefährdete Verkehrsteilnehmer schützen sollen. Kritiker vermuten dagegen häufig, Messstellen würden gezielt dort aufgebaut, wo besonders hohe Einnahmen zu erwarten seien.
Beide Seiten machen es sich mitunter zu einfach.
Wer sich an die Regeln hält, zahlt nichts
Der zentrale Punkt bleibt: Ein Bußgeld entsteht erst, wenn ein Fahrer eine geltende Verkehrsregel verletzt.
Niemand muss zahlen, nur weil eine Stadt einen Blitzer aufstellt. Wer die zulässige Geschwindigkeit einhält und nicht bei Rot fährt, trägt keinen Cent zu den Einnahmen bei.
Die Verantwortung für den Verstoß liegt deshalb zunächst beim Fahrer.
Messstellen müssen trotzdem nachvollziehbar sein
Das entbindet Städte jedoch nicht von der Pflicht, ihre Kontrollen sinnvoll zu planen.
Ein Blitzer sollte dort stehen, wo Geschwindigkeit tatsächlich eine Gefahr darstellt: vor Schulen, an Unfallschwerpunkten, in engen Wohnstraßen oder auf gefährlichen Kreuzungen.
Steht eine Anlage dagegen vor allem an einer übersichtlichen Stelle mit plötzlich wechselndem Tempolimit, entsteht schnell der Eindruck einer Einnahmefalle.
Transparenz wäre deshalb hilfreich. Städte sollten regelmäßig veröffentlichen, nach welchen Kriterien Messstellen ausgewählt werden und wie sich dort die Unfallzahlen entwickeln.
Tempoverstöße sind kein Kavaliersdelikt
Die öffentliche Debatte konzentriert sich häufig auf vermeintlich harmlose Überschreitungen. Dabei wird übersehen, dass schon wenige Kilometer pro Stunde den Bremsweg deutlich verlängern können.
Besonders gefährdet sind Fußgänger, Radfahrer, Kinder und ältere Menschen. Sie besitzen keine schützende Karosserie und reagieren häufig weniger vorhersehbar als andere Autofahrer.
Wenige Kilometer pro Stunde können entscheidend sein
Wer schneller fährt, legt während der Reaktionszeit eine längere Strecke zurück. Gleichzeitig wächst der eigentliche Bremsweg überproportional.
Das bedeutet: Ein Fahrzeug, das bei regelgerechtem Tempo noch rechtzeitig zum Stehen kommt, kann bei einer vergleichsweise kleinen Überschreitung bereits mit erheblicher Geschwindigkeit auf ein Hindernis treffen.
In Wohngebieten und an Fußgängerüberwegen sind Geschwindigkeitskontrollen deshalb kein Selbstzweck.
Rotlichtverstöße bergen besonders hohe Risiken
Zu den gemeldeten Einnahmen gehören auch Verstöße gegen rote Ampeln.
Ein Rotlichtverstoß ist meist gefährlicher als eine geringfügige Geschwindigkeitsüberschreitung. Wer in eine bereits freigegebene Kreuzung fährt, kann mit Fahrzeugen, Radfahrern oder Fußgängern kollidieren, die aus einer anderen Richtung grünes Licht haben.
Gerade an großen Berliner Kreuzungen können die Folgen schwer sein.
Kontrollen schützen schwächere Verkehrsteilnehmer
Für Fußgänger und Radfahrer ist eine grüne Ampel ein Sicherheitsversprechen. Sie müssen darauf vertrauen können, dass der kreuzende Autoverkehr tatsächlich anhält.
Wer dieses Vertrauen durch einen Rotlichtverstoß zerstört, riskiert nicht nur ein Bußgeld und Punkte. Er gefährdet Menschen, die sich regelgerecht verhalten.
Kontrollen an bekannten Gefahrenkreuzungen sind deshalb notwendig und sollten nicht pauschal als Abzocke bezeichnet werden.
Wohin fließen die Millionen?
Interessant ist nicht nur, wie viel Geld Berlin und Brandenburg an der Havel einnehmen. Entscheidend ist ebenso, wofür es verwendet wird.
Bußgelder fließen grundsätzlich in die jeweiligen öffentlichen Haushalte. Sie sind nicht automatisch zweckgebunden und müssen daher nicht zwingend vollständig in die Verkehrssicherheit zurückfließen.
Genau das verstärkt bei vielen Bürgern das Misstrauen.
Einnahmen sollten sichtbar in Sicherheit investiert werden
Politisch wäre es klug, einen erheblichen Teil der Einnahmen nachvollziehbar für sichere Straßen einzusetzen.
Denkbar wären:
- sichere Schulwege,
- bessere Beleuchtung an Kreuzungen,
- zusätzliche Fußgängerüberwege,
- die Beseitigung gefährlicher Sichtbehinderungen,
- die Sanierung von Radwegen,
- mehr Kontrollen an tatsächlichen Unfallschwerpunkten.
Wenn Autofahrer erkennen, dass Bußgelder zur Verbesserung gefährlicher Stellen beitragen, verliert der Vorwurf der bloßen Einnahmebeschaffung an Kraft.
Mehr Blitzer bedeuten nicht automatisch mehr Sicherheit
Berlin besitzt die umfangreichste Messtechnik der befragten Städte. Trotzdem ist damit noch nicht bewiesen, dass die Hauptstadt ihre Straßen besonders wirksam schützt.
Entscheidend ist nicht die Zahl der Geräte, sondern ihr Einsatz.
Erfolg zeigt sich an weniger Verstößen
Eine wirklich erfolgreiche Messstelle müsste langfristig immer weniger Geld einbringen.
Wenn Fahrer ihr Verhalten ändern, sinkt die Zahl der Verstöße. Genau das sollte das eigentliche Ziel sein.
Steigen die Einnahmen dagegen über Jahre immer weiter, müssen sich die Behörden fragen, ob die Kontrollen tatsächlich abschreckend wirken oder lediglich dauerhaft Fehlverhalten dokumentieren.
Warn-Apps lösen das Problem nicht
Viele Autofahrer nutzen Apps, Radiomeldungen oder Online-Gruppen, um sich vor Kontrollen warnen zu lassen.
Damit wird der Sinn der Verkehrsüberwachung teilweise umgangen. Fahrer bremsen unmittelbar vor dem Blitzer ab und beschleunigen danach wieder.
Verkehrssicherheit darf nicht an einzelnen Geräten hängen
Eine wirksame Strategie benötigt deshalb mehr als Messanlagen.
Bauliche Veränderungen können Geschwindigkeit dauerhaft reduzieren. Engere Fahrspuren, Mittelinseln, Kreisverkehre oder angehobene Übergänge wirken rund um die Uhr – unabhängig davon, ob gerade kontrolliert wird.
Blitzer bleiben sinnvoll, sollten aber Teil eines größeren Sicherheitskonzeptes sein.
271 Millionen Euro in nur 63 Städten
Die teilnehmenden Städte meldeten zusammen mehr als 271 Millionen Euro Einnahmen aus Geschwindigkeits- und Rotlichtverstößen.
Da nur die Hälfte der angeschriebenen Kommunen antwortete, liegt die tatsächliche bundesweite Summe deutlich höher.
Diese Dimension zeigt, wie verbreitet Regelverstöße im Straßenverkehr sind. Sie zeigt aber ebenso, dass Bußgelder zu einem erheblichen Faktor in kommunalen Haushalten geworden sind.
Kommunen dürfen Einnahmen nicht fest einplanen
Problematisch wird es, wenn Städte mit gleichbleibend hohen Bußgeldern rechnen und diese fest in ihre Haushaltsplanung aufnehmen.
Denn dann entsteht ein widersprüchlicher Anreiz: Verkehrspolitisch müssten die Einnahmen sinken, haushaltspolitisch werden sie jedoch gebraucht.
Bußgelder sollten deshalb nicht als verlässliche Finanzierungsquelle betrachtet werden. Ihr Rückgang wäre ein Erfolg und kein Haushaltsproblem.
Berlin muss die Zahlen genauer erklären
37,9 Millionen Euro sind eine gewaltige Summe. Eine Pressemitteilung über den Gesamtbetrag reicht jedoch nicht aus.
Berlin sollte offenlegen, wie viele Verstöße erfasst wurden, welche Messstellen besonders hohe Fallzahlen aufweisen und ob sich dort die Verkehrssicherheit verbessert hat.
Transparenz schafft Akzeptanz
Wer Kontrollen nachvollziehbar begründet, muss den Vorwurf der Abzocke nicht fürchten.
Bürger akzeptieren Messungen eher, wenn sie erkennen, dass es um gefährliche Kreuzungen, Schulwege und bekannte Unfallschwerpunkte geht.
Umgekehrt müssen Standorte überprüft werden, die zwar viel Geld einbringen, aber keinen erkennbaren Beitrag zur Sicherheit leisten.
Millionen durch Verstöße sind kein Grund zum Feiern
Berlin liegt bei den Blitzereinnahmen bundesweit auf Platz zwei. Brandenburg an der Havel gehört ebenfalls zum Kreis der Millioneneinnehmer.
Das ist weder ein Erfolg der Städte noch ein Beweis für eine grundsätzlich falsche Kontrollpolitik.
Die Zahlen zeigen vor allem, dass sehr viele Verkehrsteilnehmer Geschwindigkeitsbegrenzungen und Ampeln nicht ernst genug nehmen.
Blitzer sind deshalb notwendig. Doch sie müssen dort eingesetzt werden, wo sie Menschen schützen – nicht dort, wo sie nur besonders zuverlässig Geld einbringen.
Das beste Ergebnis wäre am Ende nicht ein neuer Einnahmerekord. Es wären weniger Verstöße, weniger Unfälle und Straßen, auf denen Kontrollen irgendwann kaum noch gebraucht werden.