Berlin und Brandenburg wollen gemeinsam zu den führenden Innovationsregionen Europas gehören. Dafür haben beide Länder ihre neue Wirtschafts- und Forschungsstrategie „InnoBB 2035“ vorgelegt.
Das Papier setzt auf moderne Mobilität, künstliche Intelligenz, Energietechnik, Gesundheit und neue Produktionsverfahren. Wissenschaft, Start-ups und etablierte Unternehmen sollen enger zusammenarbeiten. Forschungsergebnisse sollen schneller in marktfähige Produkte und neue Arbeitsplätze übersetzt werden.
Das Ziel klingt richtig. Doch Unternehmer aus der Region warnen davor, die nächste Strategie vor allem mit neuen Begriffen, Arbeitsgruppen und Förderprogrammen zu füllen. Ihr Kernproblem sei nicht der Mangel an Ideen, sondern eine Verwaltung, die Gründungen, Einstellungen und Investitionen zu häufig ausbremse.
Aus fünf Clustern werden fünf Zukunftsbereiche
Berlin und Brandenburg verfolgen bereits seit Jahren eine gemeinsame Innovationspolitik. In der bisherigen Strategie „InnoBB 2025“ wurden fünf wirtschaftliche und wissenschaftliche Cluster festgelegt.
Mit „InnoBB 2035“ werden daraus sogenannte Zukunftsbereiche. Die neue Strategie konzentriert sich auf:
- innovative Mobilität,
- digitale Technologien und Creative Tech,
- Gesundheit und Teilhabe,
- intelligente Energiesysteme,
- innovative und nachhaltige Produktion sowie Materialien.
Damit reagieren beide Länder auf technologische Veränderungen, neue Sicherheitsanforderungen und den wachsenden internationalen Wettbewerb.
Künstliche Intelligenz bleibt Teil eines größeren Bereichs
Künstliche Intelligenz wird nicht als eigenständiger Zukunftsbereich geführt. Sie gehört zum Schwerpunkt digitale Technologien.
Das Papier nennt unter anderem vertrauenswürdige KI-Anwendungen, digitale Souveränität und die technologische Widerstandsfähigkeit Europas. Auch die Verteidigungsfähigkeit spielt inzwischen eine Rolle.
Damit verändert sich die wirtschaftspolitische Sprache. Innovation wird nicht mehr allein mit Wachstum und neuen Produkten verbunden. Sie soll zugleich Abhängigkeiten verringern, kritische Infrastruktur schützen und staatliche Handlungsfähigkeit sichern.
Berlin besitzt Forschung – Brandenburg besitzt Fläche
Die Zusammenarbeit beider Länder hat grundsätzlich großes Potenzial.
Berlin verfügt über Universitäten, Forschungsinstitute, Kliniken, Kreativwirtschaft und eine ausgeprägte Start-up-Szene. Brandenburg bietet Industrieflächen, Energieanlagen, Produktionsstandorte und Raum für größere technische Erprobungen.
Diese unterschiedlichen Stärken können sich ergänzen. Ein Unternehmen entwickelt seine Technologie möglicherweise in Berlin, testet sie in Brandenburg und baut dort später eine Produktion auf.
Genau darin liegt die Chance der Hauptstadtregion: Wirtschaftsräume müssen nicht an der Berliner Landesgrenze enden.
Innovation darf sich nicht nur auf Berlin konzentrieren
Brandenburgs Wirtschaftsministerin Martina Klement betont, technologische Kompetenz und neue Arbeitsplätze müssten in allen Teilen Brandenburgs entstehen.
Das ist ein wichtiger Anspruch. Zu häufig konzentrieren sich wirtschaftspolitische Projekte auf Berlin, Potsdam und das unmittelbare Hauptstadtumland.
Für Frankfurt an der Oder, Cottbus, Schwedt, Brandenburg an der Havel oder ländliche Teile der Lausitz reicht es nicht, wenn Innovation lediglich in Strategiepapieren für die gesamte Region mitgedacht wird. Unternehmen benötigen dort Gewerbeflächen, schnelle Genehmigungen, leistungsfähige Netze und gut erreichbare Hochschulpartner.
Gründer vermissen konkrete Maßnahmen
Kritik kommt aus der Start-up-Szene. Benjamin Heese, Gründer eines Potsdamer Technologieunternehmens und Sprecher des Brandenburger Start-up-Verbandes, hält die bisherigen Einteilungen teilweise für überholt.
Vor allem warnt er vor zu viel Bürokratie. Nach seiner Einschätzung entstehen in der Region zahlreiche gute Ideen, doch zu wenige Unternehmen schaffen den Schritt vom ersten Produkt zu einem größeren und international wettbewerbsfähigen Betrieb.
Sein zugespitztes Urteil: Deutschland sei besonders gut darin, Ideen nicht groß zu machen.
Ein Strategiepapier ersetzt keine funktionierende Verwaltung
Die neue Innovationsstrategie umfasst 27 Seiten. Darin werden zahlreiche Ziele formuliert, darunter energieeffizientere Gebäude und Industrien, moderne Mobilität sowie neue digitale Anwendungen.
Viele dieser Ziele bleiben allerdings allgemein. Es fehlen teilweise feste Fristen, überprüfbare Kennzahlen und klare Zuständigkeiten.
Eine Strategie kann sinnvoll sein, wenn sie politische Entscheidungen bündelt. Sie verliert jedoch ihren Wert, wenn sich später kaum feststellen lässt, welche Maßnahmen tatsächlich umgesetzt wurden.
Berlin und Brandenburg sollten deshalb für jeden Zukunftsbereich konkrete Ziele benennen: Wie viele Unternehmensgründungen sollen unterstützt werden? Wie schnell sollen Förderanträge entschieden werden? Wie viele Forschungsprojekte sollen in eine industrielle Anwendung übergehen?
Fördergeld kommt teilweise zu spät
Nach Aussage von Heese ist nicht unbedingt immer mehr Fördergeld notwendig. Entscheidend sei, dass bewilligte oder zugesagte Mittel rechtzeitig ausgezahlt werden.
Er berichtet von Start-ups in Brandenburg, die wirtschaftlich scheiterten, weil Fördermittel nicht rechtzeitig ankamen.
Für junge Unternehmen kann eine Verzögerung von mehreren Monaten existenzbedrohend sein. Sie besitzen meist keine großen Rücklagen und können Personal, Entwicklungskosten oder Mieten nicht über lange Zeit vorfinanzieren.
Langsame Förderung kann gute Unternehmen zerstören
Förderprogramme sollen Risiken abfedern und Innovationen ermöglichen, die ohne staatliche Unterstützung möglicherweise nicht entstehen würden.
Erhält ein Unternehmen die Mittel jedoch erst, wenn seine Zahlungsfähigkeit bereits erschöpft ist, erreicht das Programm das Gegenteil seines eigentlichen Zwecks.
Berlin und Brandenburg brauchen deshalb verbindliche Bearbeitungsfristen. Ist ein Antrag vollständig, muss innerhalb eines klar definierten Zeitraums entschieden werden.
Auch Auszahlungen dürfen nicht an zusätzlichen Prüfungen hängen, die bereits während des Antragsverfahrens hätten abgeschlossen werden können.
Internationale Fachkräfte warten monatelang
Ein weiteres Problem ist die Gewinnung hoch qualifizierter Beschäftigter aus dem Ausland.
Technologieunternehmen konkurrieren international um Entwickler, Ingenieure, Wissenschaftler und Spezialisten. Diese Menschen können sich häufig aussuchen, ob sie in Deutschland, Großbritannien, den Vereinigten Staaten oder einem anderen Land arbeiten.
Nach Angaben aus der Brandenburger Gründerszene dauern Einreise- und Beschäftigungsverfahren teilweise mindestens drei Monate, oft deutlich länger.
Ein Start-up kann nicht ein halbes Jahr auf einen Entwickler warten
Für eine Behörde mögen mehrere Monate als normaler Bearbeitungszeitraum erscheinen. Für ein junges Unternehmen kann diese Zeit über den Erfolg eines Produkts entscheiden.
Entwicklungen verzögern sich, Aufträge können nicht angenommen werden und Konkurrenten bringen ähnliche Lösungen früher auf den Markt.
Wer die besten Köpfe gewinnen will, braucht schnelle und verlässliche Verfahren. Dazu gehören digitale Anträge, feste Ansprechpartner und verbindliche Rückmeldungen.
Eine Innovationsstrategie, die internationale Fachkräfte fordert, aber ihre Beschäftigung monatelang verhindert, widerspricht sich selbst.
Brandenburg braucht mehr Unternehmenswachstum
Die Region verfügt über viele Forschungsprojekte und junge Unternehmen. Schwächer ist häufig der Übergang in die nächste Wachstumsphase.
Ein Start-up mit zehn Beschäftigten benötigt andere Bedingungen als ein Gründer mit einer ersten Idee. Es braucht größere Finanzierungsrunden, zusätzliche Flächen, erfahrenes Management und Zugang zu internationalen Märkten.
Gerade Brandenburg sollte darauf achten, dass erfolgreiche Unternehmen nicht nach Berlin, München oder ins Ausland wechseln, sobald sie wachsen.
Gewerbeflächen und Energieanschlüsse werden zum Standortfaktor
Für Industrie- und Technologieunternehmen zählen nicht nur Förderprogramme.
Sie benötigen geeignete Flächen, Stromanschlüsse, digitale Netze und Planungssicherheit. Ein Grundstück ist wenig wert, wenn ein leistungsfähiger Energieanschluss erst nach mehreren Jahren verfügbar wird.
Auch Genehmigungen müssen schneller erfolgen. Unternehmen investieren dort, wo sie kalkulieren können. Unsichere Verfahren und wechselnde Anforderungen schrecken Kapital ab.
Der Mittelstand darf nicht vergessen werden
Innovationspolitik wird häufig mit Start-ups, künstlicher Intelligenz und Hochschulforschung verbunden. Der größte Teil der regionalen Wirtschaft besteht jedoch aus kleinen und mittleren Unternehmen.
Viele dieser Betriebe entwickeln keine spektakulären Apps. Sie modernisieren Maschinen, automatisieren Abläufe, sparen Energie oder verbessern bestehende Produkte.
Auch das ist Innovation.
Forschung muss bei bestehenden Betrieben ankommen
Ein Handwerksbetrieb in der Lausitz oder ein Maschinenbauer in der Prignitz benötigt andere Unterstützung als ein Berliner Softwareunternehmen.
Technologietransfer muss deshalb verständlich und praktisch organisiert werden. Kleine Betriebe können keine eigenen Forschungsabteilungen aufbauen und beschäftigen selten Mitarbeiter, die sich ausschließlich mit Förderanträgen befassen.
Hochschulen und Wirtschaftsförderer müssen aktiv auf diese Unternehmen zugehen, statt darauf zu warten, dass sie sich durch komplizierte Programme arbeiten.
Berlin und Brandenburg konkurrieren mit stärkeren Regionen
Die Hauptstadtregion tritt nicht nur gegen andere deutsche Bundesländer an.
Technologieunternehmen vergleichen Standorte in ganz Europa und darüber hinaus. Städte wie London, Paris, Amsterdam, Stockholm oder Warschau werben ebenfalls um Investitionen, Fachkräfte und Forschungseinrichtungen.
Berlin besitzt eine internationale Anziehungskraft. Brandenburg kann mit Flächen, günstigeren Kosten und industriellen Standorten punkten.
Diese Vorteile reichen jedoch nicht aus, wenn Genehmigungen, Einwanderungsverfahren und Förderauszahlungen langsamer sind als bei der Konkurrenz.
Gute Überschriften schaffen noch keine Arbeitsplätze
Die neue Strategie verwendet Begriffe wie Zukunftsbereiche, Resilienz, digitale Souveränität und internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Diese Themen sind wichtig. Für Unternehmen entscheidet am Ende jedoch der Alltag:
Wie schnell wird ein Bauantrag genehmigt? Wann kommt der Stromanschluss? Wie lange dauert die Einstellung eines ausländischen Spezialisten? Wird ein zugesagter Zuschuss pünktlich ausgezahlt?
An diesen Fragen wird sich der Erfolg von InnoBB 2035 messen lassen.
Innovation braucht auch Verteidigung und Sicherheit
Auffällig ist, dass die neue Strategie stärker als frühere Programme auf Sicherheit und Widerstandsfähigkeit eingeht.
Dazu zählen vertrauenswürdige KI, digitale Souveränität und Technologien, die Europas Verteidigungsfähigkeit stärken sollen.
Diese Entwicklung entspricht einer veränderten politischen und wirtschaftlichen Lage. Abhängigkeiten von einzelnen Ländern, unsichere Lieferketten und Cyberangriffe haben deutlich gemacht, dass Technologiepolitik auch Sicherheitspolitik ist.
Brandenburg kann von neuen Industrien profitieren
Brandenburg besitzt Flächen, Forschungsstandorte und militärische Einrichtungen, die sich für die Erprobung neuer Technologien eignen.
Dabei geht es nicht nur um klassische Rüstung. Gefragt sind Drohnenabwehr, sichere Kommunikation, Sensorik, künstliche Intelligenz, Energieversorgung und Schutz kritischer Infrastruktur.
Solche Projekte können neue Arbeitsplätze schaffen. Sie verlangen jedoch klare ethische, rechtliche und sicherheitspolitische Regeln.
Erfolg muss messbar werden
Die größte Schwäche vieler Wirtschaftsstrategien zeigt sich erst nach einigen Jahren: Ziele waren so allgemein formuliert, dass weder Erfolg noch Misserfolg eindeutig festgestellt werden können.
InnoBB 2035 darf diesen Fehler nicht wiederholen.
Berlin und Brandenburg sollten jährlich öffentlich berichten, welche Projekte umgesetzt wurden, wie viele Unternehmen entstanden sind und welche privaten Investitionen ausgelöst wurden.
Fünf Kennzahlen würden mehr sagen als hundert Schlagworte
Sinnvoll wären beispielsweise:
- durchschnittliche Bearbeitungszeit von Förderanträgen,
- Zahl neu geschaffener Arbeitsplätze,
- Höhe privater Folgeinvestitionen,
- Zahl international angeworbener Fachkräfte,
- Zahl der Forschungsprojekte, aus denen marktfähige Produkte entstanden.
Solche Daten würden zeigen, ob die Strategie tatsächlich wirkt.
Die Region hat Ideen – ihr fehlt Geschwindigkeit
Berlin und Brandenburg besitzen Hochschulen, kreative Gründer, Industrieerfahrung und eine wachsende internationale Bevölkerung.
Das Problem der Hauptstadtregion ist nicht, dass niemand neue Ideen entwickelt.
Das Problem beginnt häufig danach: wenn ein Unternehmen eine Genehmigung benötigt, Fördergeld beantragt, Personal aus dem Ausland einstellen oder eine Produktion aufbauen will.
Genau dort muss InnoBB 2035 ansetzen.
Weniger Verwaltung kann mehr bewirken als neue Förderung
Nicht jedes Problem benötigt ein weiteres Programm. Manchmal wäre Unternehmen bereits geholfen, wenn bestehende Verfahren zuverlässig funktionieren würden.
Schnelle Entscheidungen kosten den Staat häufig weniger als neue Subventionen. Sie schaffen Vertrauen und ermöglichen privaten Investoren, eigenes Kapital einzusetzen.
Berlin und Brandenburg müssen deshalb nicht nur Innovation fördern. Sie müssen aufhören, sie unnötig zu behindern.
InnoBB 2035 wird am Alltag der Unternehmen gemessen
Die neue Strategie beschreibt die richtigen Technologiefelder. Digitale Anwendungen, moderne Mobilität, Energie, Medizin und neue Materialien werden die Wirtschaft der kommenden Jahre prägen.
Ob daraus in Berlin und Brandenburg starke Unternehmen und gut bezahlte Arbeitsplätze entstehen, entscheidet sich jedoch nicht in einem Strategiepapier.
Entscheidend sind schnelle Behörden, verlässliche Förderung, verfügbare Fachkräfte und der Mut, Regeln zu vereinfachen.
Die Hauptstadtregion muss nicht erst lernen, neue Ideen hervorzubringen. Sie muss lernen, erfolgreiche Ideen schneller groß werden zu lassen.