Der Fahrplan steht, die neuen Züge jedoch noch nicht. Wenn am 12. Dezember 2026 das neue Regionalnetz zwischen Ostsee, Berlin und Sachsen-Anhalt startet, sollen auf dem RE3 eigentlich zwölf moderne Doppelstockzüge vom Typ Stadler KISS rollen. Doch die Fahrzeuge werden nicht rechtzeitig vollständig zur Verfügung stehen.
DB Regio muss deshalb mit älteren Doppelstockwagen und Elektrolokomotiven einspringen. Der angekündigte Stundentakt soll trotzdem beginnen. Für Fahrgäste bedeutet das: mehr Verbindungen ab Dezember, aber zunächst nicht der Komfort, mit dem Bahn und Länder seit Jahren werben.
Betroffen ist eine der wichtigsten Regionalbahnverbindungen Ostdeutschlands. Der RE3 verbindet künftig Stralsund und Prenzlau über Angermünde, Eberswalde und Berlin mit Luckenwalde, Jüterbog und Lutherstadt Wittenberg. Insgesamt durchquert das neue Nord-Süd-Netz vier Bundesländer und drei Verkehrsverbünde.
RE3 soll ab Dezember jede Stunde fahren
Die größte Verbesserung bleibt trotz der Fahrzeugprobleme bestehen: Der RE3 soll künftig stündlich und ohne Umstieg von Stralsund über Berlin bis Lutherstadt Wittenberg verkehren.
Gerade für Vorpommern, die Uckermark, Barnim und den Süden Brandenburgs ist das eine erhebliche Aufwertung. Bislang werden nicht alle Abschnitte durchgehend im Stundentakt bedient. Künftig entsteht eine feste Nord-Süd-Verbindung, die Tourismusregionen, Mittelzentren und die Hauptstadt enger miteinander verbindet.
Auch der RE4 und der RE5 erhalten zusätzliche Verbindungen. Insgesamt wächst das Angebot im neuen Netz um mehr als zwei Millionen Zugkilometer. Zwischen Berlin und Ludwigsfelde sollen künftig drei statt zwei Züge pro Stunde fahren. Stendal sowie mehrere Orte im Süden Sachsen-Anhalts erhalten häufigere Direktverbindungen nach Berlin.
Stralsund, Eberswalde und Wittenberg profitieren
Für Reisende aus Stralsund, Prenzlau, Angermünde und Eberswalde wird Berlin regelmäßiger erreichbar. In der Gegenrichtung profitieren unter anderem Luckenwalde, Jüterbog und Lutherstadt Wittenberg.
Besonders für Pendler ist ein fester Stundentakt wertvoller als einzelne zusätzliche Verbindungen. Er macht den Fahrplan leichter merkbar und reduziert die Folgen, wenn ein Zug verpasst wird.
Auch der Ausflugsverkehr dürfte wachsen. Berliner gelangen ohne Umstieg an die Ostsee, während Fahrgäste aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg direkt bis in den Süden Sachsen-Anhalts fahren können.
Zwölf neue Doppelstockzüge sind bestellt
Für den RE3 hat DB Regio zwölf fünfteilige Doppelstocktriebzüge vom Typ Stadler KISS bestellt. Jeder Zug soll 575 Sitzplätze bieten und damit deutlich mehr Fahrgäste aufnehmen können als viele derzeit eingesetzte Fahrzeuge.
Hinzu kommen 84 Fahrradstellplätze, zwei Rollstuhlplätze, drei Stellplätze für Kinderwagen und vier Toiletten. Mobilfunkdurchlässige Fensterscheiben sollen den Empfang unterwegs verbessern. An jedem Sitzplatz sind Steckdosen vorgesehen, an Tischen sollen Mobiltelefone teilweise sogar kabellos geladen werden können.
Neue Fahrzeuge für eine stark belastete Strecke
Die zusätzlichen Plätze werden dringend gebraucht. Der RE3 gehört besonders zwischen Berlin, Eberswalde und Angermünde zu den stark ausgelasteten Regionalexpresslinien.
An Wochenenden und während der Urlaubssaison verschärft sich die Lage. Dann treffen Pendler, Ostseeurlauber, Radfahrer und Ausflügler aufeinander. Schon einzelne fehlende Wagen können dazu führen, dass Reisende stehen bleiben oder Fahrräder nicht mehr mitgenommen werden.
Die neuen Züge sollten dieses Problem zumindest abmildern. Dass sie nun nicht pünktlich zum Vertragsstart bereitstehen, ist deshalb mehr als eine technische Randnotiz.
Bahn setzt zunächst ältere Doppelstockwagen ein
DB Regio hat für den Übergang ein Ersatzkonzept ausgearbeitet. Auf den Linien RE3, RE4 und RE5 sollen fünfteilige Doppelstockzüge mit elektrischen Lokomotiven fahren.
Damit sollen sowohl der neue Fahrplan als auch die zusätzlichen Verbindungen vollständig angeboten werden. Nach Angaben des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg bleibt das Netz trotz der Lieferverzögerung zum geplanten Termin betriebsfähig.
Das ist die gute Nachricht. Der Stundentakt wird nicht verschoben, nur weil die neuen Fahrzeuge fehlen.
Ersatzflotte muss sich im Alltag beweisen
Ob der Übergang reibungslos funktioniert, wird sich jedoch erst im täglichen Betrieb zeigen. Ältere Wagen können grundsätzlich zuverlässig fahren. Sie bieten aber nicht automatisch dieselbe Barrierefreiheit, Fahrgastinformation oder technische Ausstattung wie die bestellten Neufahrzeuge.
Entscheidend wird außerdem sein, ob ausreichend Ersatzwagen vorhanden sind. Regionalzüge fallen häufig nicht wegen der Strecke, sondern wegen fehlender oder defekter Fahrzeuge aus.
Wenn die Bahn für das neue Nord-Süd-Netz vorhandene Züge aus anderen Linien abzieht, darf das Problem nicht lediglich verlagert werden.
Auch RB24 und RB32 sind betroffen
Genau diese Verschiebung ist teilweise bereits vorgesehen. Weil Doppelstockwagen für das neue Nord-Süd-Netz benötigt werden, sollen auf den Linien RB24 und RB32 übergangsweise Talent-2-Triebzüge eingesetzt werden.
Diese Fahrzeuge bieten nach Angaben des VBB überwiegend rund 420 Sitzplätze je Fahrt. Damit können sich auch Fahrgäste abseits des RE3 auf veränderte Fahrzeuge und möglicherweise geringere Kapazitäten einstellen.
Die Lieferverzögerung betrifft deshalb nicht nur Reisende zwischen Stralsund, Berlin und Wittenberg. Sie wirkt sich auf mehrere Linien im Regionalverkehr von Berlin und Brandenburg aus.
Mehr Angebot darf nicht an fehlenden Wagen scheitern
Der Fahrplanwechsel verspricht mehr Züge. Doch zusätzliche Fahrten helfen nur, wenn dafür ausreichend betriebsfähige Fahrzeuge und Personal vorhanden sind.
Ein dichterer Takt mit häufigen Ausfällen wäre für Reisende kaum ein Fortschritt. Gerade Pendler brauchen keine theoretischen Verbindungen im Fahrplan, sondern Züge, die tatsächlich fahren.
DB Regio und die beteiligten Länder müssen deshalb frühzeitig offenlegen, wie viele Ersatzfahrzeuge dauerhaft verfügbar sind und welche Reserven für Störungen eingeplant wurden.
Liefertermin bleibt offen
Wann alle neuen KISS-Züge tatsächlich eingesetzt werden können, ist bislang nicht konkret benannt worden. Der VBB spricht von Lieferverzögerungen und einem Übergangskonzept, nennt aber keinen festen Termin für den vollständigen Einsatz der Flotte.
Diese Unklarheit ist problematisch. Zwischen einer Verzögerung von wenigen Wochen und einer Verschiebung um viele Monate liegt für Fahrgäste ein erheblicher Unterschied.
Bahn und Hersteller sollten deshalb nicht nur neue Fahrzeuge präsentieren, sondern auch transparent erklären, wann sie zugelassen, ausgeliefert und im Regelbetrieb eingesetzt werden.
Ein Vorführzug ist noch keine fertige Flotte
Am 9. Juli wurde in Hennigsdorf erstmals eines der neuen Fahrzeuge öffentlich vorgestellt. Vertreter der Bahn, des Herstellers und der vier beteiligten Bundesländer warben dabei für mehr Komfort und Kapazität.
Die Präsentation zeigt, dass das Projekt grundsätzlich vorankommt. Sie ändert jedoch nichts daran, dass für einen stabilen Betrieb nicht ein einzelner Zug, sondern eine vollständige Flotte einschließlich Reserve benötigt wird.
Ein Regionalexpress kann nur zuverlässig verkehren, wenn auch bei Wartungen, technischen Störungen und Unfällen genügend Fahrzeuge verfügbar bleiben.
Vier Länder hängen an einem gemeinsamen Netz
Das neue Nord-Süd-Netz ist ungewöhnlich groß. Es verbindet Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin und Sachsen-Anhalt. Fehler an einer Stelle können sich deshalb über Hunderte Kilometer auswirken.
Verspätet sich ein Zug bereits in Stralsund, erreicht er Berlin möglicherweise zu spät und trägt die Verzögerung weiter nach Luckenwalde oder Wittenberg. Gleichzeitig können Anschlüsse in Angermünde, Eberswalde, Berlin oder Jüterbog verloren gehen.
Eine lange Linie bietet attraktive Direktverbindungen. Sie ist im Betrieb aber auch störanfälliger als kurze, voneinander getrennte Abschnitte.
Direktverbindungen brauchen stabile Fahrpläne
Für Fahrgäste ist eine umsteigefreie Fahrt bequem. Sie verliert ihren Vorteil jedoch, wenn Züge häufig verspätet sind oder vorzeitig enden.
Die Bahn muss deshalb genügend Zeitreserven einplanen und an den Endpunkten ausreichend Fahrzeuge bereithalten. Auch die Infrastruktur muss mitspielen: eingleisige Abschnitte, Baustellen und überlastete Knoten können einen dichten Takt schnell aus dem Gleichgewicht bringen.
Gerade Berlin bleibt ein Nadelöhr. Störungen auf der Stadtbahn oder an großen Bahnhöfen wirken sich häufig auf mehrere Regionalexpresslinien gleichzeitig aus.
Ostdeutschland braucht verlässliche Schienenverbindungen
Der neue RE3 ist weit mehr als eine Verbindung für den Freizeitverkehr. Er erschließt Städte und ländliche Regionen, in denen viele Menschen auf den Zug angewiesen sind.
Nicht jeder lebt in Berlin oder direkt an einer Autobahn. Für Prenzlau, Angermünde, Eberswalde, Jüterbog oder Lutherstadt Wittenberg entscheidet ein verlässlicher Regionalexpress darüber, ob Arbeitsplätze und Hochschulen erreichbar bleiben.
Auch Unternehmen profitieren von guten Bahnverbindungen. Sie erweitern den möglichen Arbeitsmarkt und erleichtern Beschäftigten das Pendeln über Kreis- und Landesgrenzen hinweg.
Der Stundentakt ist ein echter Fortschritt
Trotz aller Kritik an der verspäteten Fahrzeuglieferung ist der neue Fahrplan ein wichtiger Schritt. Ein durchgehender Stundentakt zwischen Ostsee, Berlin und Sachsen-Anhalt stärkt den Nordosten.
Die Länder haben damit eine Verbindung geschaffen, die nicht an ihren Verwaltungsgrenzen endet. Genau solche überregionalen Linien braucht Ostdeutschland.
Nun muss die Bahn beweisen, dass das Angebot auch mit der Ersatzflotte zuverlässig funktioniert.
Fahrgäste dürfen nicht wieder vertröstet werden
Bahnreisende kennen Ankündigungen über neue Züge, bessere Takte und mehr Komfort. Zu oft folgen darauf technische Probleme, verkürzte Züge oder langwierige Übergangslösungen.
Beim RE3 darf sich dieses Muster nicht wiederholen. Der Ersatzbetrieb muss vom ersten Tag an genügend Sitzplätze bieten. Gleichzeitig braucht es einen belastbaren Zeitplan für die neuen Fahrzeuge.
Der Fahrplanwechsel am 12. Dezember 2026 wird deshalb zur Bewährungsprobe. Gelingt er, erhalten vier ostdeutsche Bundesländer eine deutlich bessere Nord-Süd-Verbindung. Misslingt er, wird aus einem ehrgeizigen Verkehrsprojekt schnell das nächste Bahnversprechen, auf das die Fahrgäste noch länger warten müssen.