Die Universitätsmedizin Greifswald versorgt mehr Patienten, beschäftigt mehr Fachkräfte und wirbt so viel Geld für Forschungsprojekte ein wie seit Jahren nicht. Trotzdem endet das Geschäftsjahr erneut mit einem deutlichen Verlust.
Für 2025 weist das Klinikum ein Defizit von 9,8 Millionen Euro aus. Auch für das laufende Jahr ist keine Entspannung in Sicht: Die Universitätsmedizin rechnet 2026 mit einem weiteren Fehlbetrag von rund 9,4 Millionen Euro. Als Ursachen nennt das Haus gestiegene Kosten, veränderte Finanzierungsregeln und eine aus seiner Sicht unzureichende Vergütung der erbrachten Krankenhausleistungen.
Die Zahlen werfen eine Frage auf, die weit über Greifswald hinausreicht: Wie kann ein Krankenhaus wirtschaftlich immer tiefer ins Minus geraten, obwohl es mehr Menschen behandelt und seine Leistungen ausbaut?
Mehr Patienten führen nicht automatisch zu höheren Einnahmen
Die Universitätsmedizin berichtet für 2025 von einem neuen Höchststand bei der Patientenversorgung. Noch nie zuvor seien so viele Menschen in Greifswald behandelt worden. Gleichzeitig wurde das medizinische Angebot erweitert, unter anderem durch eine engere Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen bei komplizierten Erkrankungen.
Normalerweise würde man erwarten, dass eine steigende Nachfrage auch zu einer besseren wirtschaftlichen Lage führt. Im Krankenhauswesen funktioniert diese Rechnung jedoch nur bedingt.
Kliniken können höhere Personal-, Energie- und Sachkosten nicht einfach wie ein privates Unternehmen auf ihre Preise aufschlagen. Ein großer Teil ihrer Einnahmen wird durch gesetzliche Vergütungsregeln, Fallpauschalen und Vereinbarungen mit den Kostenträgern bestimmt.
Jede zusätzliche Behandlung verursacht zunächst neue Kosten
Mehr Patienten bedeuten mehr Operationen, Diagnostik, Medikamente, Pflegeleistungen und Bereitschaftsdienste. Dafür werden Ärzte, Pflegekräfte, Labore, Betten und technische Geräte benötigt.
Steigt die Vergütung nicht im gleichen Maße wie die Ausgaben, verschärft sich das wirtschaftliche Problem sogar. Das Krankenhaus arbeitet mehr, ohne damit automatisch seine Kosten zu decken.
Genau diese Entwicklung beschreibt die Universitätsmedizin Greifswald. Das Defizit ist damit nicht Ausdruck fehlender Nachfrage. Es entsteht trotz einer starken Auslastung.
9,8 Millionen Euro Verlust im vergangenen Jahr
Der Fehlbetrag von 9,8 Millionen Euro ist für ein einzelnes Geschäftsjahr erheblich. Noch schwerer wiegt, dass bereits für 2026 erneut mit roten Zahlen gerechnet wird.
Mit dem erwarteten Minus von 9,4 Millionen Euro würde sich der Verlust innerhalb von zwei Jahren auf mehr als 19 Millionen Euro summieren.
Dabei handelt es sich nicht um ein kleines Kreiskrankenhaus mit wenigen Fachabteilungen. Die Universitätsmedizin Greifswald übernimmt hoch spezialisierte Behandlungen, bildet Ärzte aus und ist ein zentraler Bestandteil der Gesundheitsversorgung im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns.
Vorpommern kann auf die Klinik nicht verzichten
Greifswald versorgt nicht nur die Einwohner der Universitätsstadt. Das Einzugsgebiet reicht weit in die Landkreise Vorpommern-Greifswald und Vorpommern-Rügen hinein.
Viele Patienten kommen aus ländlichen Regionen, in denen spezialisierte medizinische Angebote nur begrenzt vorhanden sind. Für komplizierte Operationen, schwere Krebserkrankungen oder seltene Krankheitsbilder bleibt häufig nur der Weg in eine Universitätsklinik.
Ein wirtschaftlicher Rückzug aus einzelnen Bereichen hätte deshalb nicht nur Folgen für Greifswald. Er könnte die medizinischen Wege für Menschen aus ganz Vorpommern verlängern.
Klinik schafft 155 zusätzliche Vollzeitstellen
Trotz des Defizits hat die Universitätsmedizin ihre Belegschaft vergrößert. Die Zahl der Vollzeitstellen stieg im vergangenen Jahr um 155 auf insgesamt 3.805.
Zusätzliche Fachkräfte wurden insbesondere im ärztlichen und pflegerischen Bereich eingestellt.
Diese Entwicklung zeigt, dass der Personalaufbau nicht allein aus zusätzlichen Verwaltungsstellen besteht. Die Klinik reagiert damit auf steigende Patientenzahlen und den Bedarf in der unmittelbaren Versorgung.
Mehr Personal ist notwendig – aber teuer
Krankenhäuser können nicht beliebig viele Patienten mit derselben Mannschaft behandeln. Werden Stationen dauerhaft unterbesetzt, steigen Überstunden, Krankenstände und die Gefahr, dass Beschäftigte den Beruf oder den Arbeitgeber verlassen.
Zusätzliche Ärzte und Pflegekräfte sind deshalb grundsätzlich eine gute Nachricht. Für das Klinikum erhöhen sie jedoch zunächst die laufenden Kosten.
Das Problem liegt nicht darin, dass Greifswald Personal einstellt. Problematisch ist ein Finanzierungssystem, das notwendige Beschäftigung offenbar nicht vollständig abbildet.
Forschung erreicht neuen Höchststand
Während das klinische Geschäft Verluste produziert, meldet die Forschung eine starke Entwicklung. Die Universitätsmedizin warb 2025 Drittmittel in Höhe von rund 37,9 Millionen Euro ein.
Damit wurde der bisherige Rekord aus dem Jahr 2022 übertroffen. Bereits zum vierten Mal in Folge lag das Volumen der Forschungsprojekte oberhalb von 30 Millionen Euro.
Für den Wissenschaftsstandort Greifswald ist das ein beachtlicher Erfolg. Drittmittel werden in der Regel in Wettbewerben vergeben. Sie zeigen, dass Forschungsprojekte fachlich überzeugen und überregional Anerkennung finden.
Forschungsgeld kann das Klinikdefizit nicht einfach ausgleichen
Die hohen Drittmitteleinnahmen dürfen allerdings nicht mit frei verfügbarem Geld verwechselt werden.
Forschungsmittel sind meist an konkrete Projekte, Personalstellen, Geräte und wissenschaftliche Aufgaben gebunden. Sie können nicht ohne Weiteres dafür eingesetzt werden, Verluste aus der normalen Patientenversorgung zu schließen.
So entsteht die widersprüchliche Lage: Wissenschaftlich ist die Universitätsmedizin erfolgreich, während der alltägliche Krankenhausbetrieb wirtschaftlich unter Druck bleibt.
Universitätskliniken tragen zusätzliche Aufgaben
Eine Universitätsmedizin ist mehr als ein normales Krankenhaus. Sie behandelt Patienten, bildet Medizinstudenten aus und betreibt Forschung.
Hinzu kommen besonders komplizierte Fälle, die kleinere Kliniken nicht übernehmen können. Solche Behandlungen sind häufig zeitaufwendig, personalintensiv und schwer mit standardisierten Pauschalen abzurechnen.
Universitätskliniken halten außerdem Spezialwissen und Technik bereit, die nicht jeden Tag vollständig ausgelastet werden. Diese Kapazitäten werden dennoch benötigt, damit sie im Ernstfall zur Verfügung stehen.
Spitzenmedizin lässt sich nicht wie Fließbandarbeit berechnen
Das Vergütungssystem setzt stark auf Fallzahlen und klar definierte Leistungen. Bei komplexen Erkrankungen lässt sich der tatsächliche Aufwand jedoch nicht immer sauber in ein Standardmodell pressen.
Ein Patient mit mehreren Vorerkrankungen benötigt möglicherweise verschiedene Fachabteilungen, längere Diagnostik und eine intensive Nachsorge. Für das Krankenhaus entstehen hohe Kosten, auch wenn die Vergütung den tatsächlichen Aufwand nur teilweise erfasst.
Die angekündigte engere Zusammenarbeit der Fachbereiche in Greifswald kann die Behandlungsqualität verbessern. Wirtschaftlich macht sie komplexe Fälle jedoch nicht automatisch rentabel.
Neue Sparpläne erschweren die Planung
Der Kaufmännische Vorstand der Universitätsmedizin verweist neben den bisherigen Finanzierungsproblemen auch auf neue Sparvorhaben des Bundes.
Veränderte Regeln würden die wirtschaftliche Planung zusätzlich erschweren.
Krankenhäuser müssen Investitionen, Personal und medizinische Angebote über Jahre planen. Wenn sich Vergütungsbedingungen kurzfristig verändern, können notwendige Entscheidungen kaum verlässlich getroffen werden.
Reformen brauchen verlässliche Übergänge
Die Krankenhausreform soll Leistungen stärker bündeln und die Bezahlung teilweise von reinen Fallzahlen lösen. Das kann grundsätzlich sinnvoll sein.
Problematisch wird es, wenn alte Finanzierungsmechanismen bereits zurückgefahren werden, während neue Strukturen noch nicht ausreichend greifen.
Kliniken geraten dann in eine Übergangsphase, in der sie alle bisherigen Leistungen erbringen müssen, aber keine verlässliche wirtschaftliche Grundlage besitzen.
Das Land steht in besonderer Verantwortung
Die Universitätsmedizin Greifswald ist für Mecklenburg-Vorpommern nicht irgendein Krankenhaus. Sie gehört zur öffentlichen Infrastruktur des Landes und ist eng mit der Universität verbunden.
Das Land kann deshalb nicht dauerhaft nur auf Bundesregeln oder Krankenkassen verweisen. Es muss sicherstellen, dass der Standort wirtschaftlich handlungsfähig bleibt.
Das bedeutet nicht, jedes Defizit ungeprüft auszugleichen. Die Klinik muss transparent erklären, wo die Verluste entstehen und welche Bereiche wirtschaftlich besonders belastet sind.
Transparenz ist Voraussetzung für zusätzliche Hilfe
Die Öffentlichkeit sollte erfahren, wie sich das Defizit zusammensetzt:
- Welcher Anteil entsteht durch gestiegene Personalkosten?
- Wie stark wirken sich Energie und medizinische Sachmittel aus?
- Welche Leistungen werden nicht kostendeckend vergütet?
- Welche strukturellen Einsparungen sind möglich, ohne die Versorgung zu gefährden?
Erst auf dieser Grundlage lässt sich beurteilen, welche Unterstützung notwendig und gerechtfertigt ist.
Sparen darf nicht bei Patienten und Pflegekräften beginnen
Wenn ein Krankenhaus Verluste schreibt, liegt der schnelle Ruf nach Einsparungen nahe. In der Praxis trifft dieser Druck häufig zuerst Stationen und Beschäftigte.
Freie Stellen werden nicht nachbesetzt, Betten gesperrt oder Abteilungen zusammengelegt. Für die verbliebenen Mitarbeiter steigt die Belastung, während Patienten länger warten müssen.
Greifswald hat sich bislang für zusätzliches Personal entschieden. Das ist angesichts der Rekordzahl behandelter Menschen nachvollziehbar.
Personalabbau könnte das Problem verschärfen
Ein harter Stellenabbau würde zwar kurzfristig Ausgaben senken. Gleichzeitig könnte er die Zahl behandelbarer Patienten reduzieren und die Arbeitsbedingungen verschlechtern.
Verlassen erfahrene Fachkräfte die Klinik, lassen sie sich später nur schwer ersetzen. Mecklenburg-Vorpommern konkurriert bei Ärzten und Pflegekräften mit Kliniken in Berlin, Hamburg und anderen Großstädten.
Eine Sparpolitik, die gutes Personal vertreibt, wäre deshalb wirtschaftlich kurzsichtig.
Greifswald ist ein wichtiger Arbeitgeber
Mit 3.805 Vollzeitstellen gehört die Universitätsmedizin zu den größten Arbeitgebern der Region. Hinzu kommen weitere indirekte Arbeitsplätze bei Dienstleistern, Zulieferern und Forschungspartnern.
Die wirtschaftliche Bedeutung reicht damit weit über den Klinikbetrieb hinaus.
Für eine Region, die mit Abwanderung und Fachkräftemangel kämpft, sind qualifizierte Arbeitsplätze besonders wertvoll. Ärzte, Wissenschaftler und Pflegekräfte bringen Kaufkraft nach Greifswald und stärken den Hochschulstandort.
Ein schwaches Klinikum schwächt die ganze Region
Sollte die Universitätsmedizin Investitionen zurückstellen oder medizinische Angebote abbauen müssen, träfe das auch die Attraktivität Greifswalds als Wohn-, Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort.
Junge Mediziner entscheiden sich eher für eine Region, wenn sie moderne Arbeitsbedingungen und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten vorfinden.
Auch Unternehmen aus Medizin, Biotechnologie und Forschung siedeln sich bevorzugt in der Nähe starker wissenschaftlicher Einrichtungen an.
Der Widerspruch muss politisch gelöst werden
Die Zahlen aus Greifswald erzählen keine Geschichte des Niedergangs. Die Klinik behandelt mehr Patienten, beschäftigt mehr Fachkräfte und ist in der Forschung erfolgreicher als zuvor.
Trotzdem schreibt sie Millionenverluste.
Genau darin liegt der eigentliche Skandal des Systems: Nicht mangelnde Leistung bringt das Haus in Schwierigkeiten, sondern eine Finanzierung, die mit der tatsächlichen Entwicklung offenbar nicht Schritt hält.
Leistung muss sich auch für Krankenhäuser rechnen
Ein öffentliches Krankenhaus muss keinen maximalen Gewinn erzielen. Es darf aber auch nicht dauerhaft für jede zusätzliche Behandlung tiefer ins Minus rutschen.
Bund, Land und Krankenkassen müssen deshalb dafür sorgen, dass notwendige medizinische Leistungen kostendeckend finanziert werden. Gleichzeitig bleibt die Klinik verpflichtet, ihre Ausgaben zu kontrollieren und Strukturen regelmäßig zu überprüfen.
Die Universitätsmedizin Greifswald darf nicht zwischen beiden Seiten aufgerieben werden.
Vorpommern braucht dieses Krankenhaus – als medizinisches Zentrum, als Forschungsstandort und als Arbeitgeber. Wer seine Leistungen erhalten will, muss deshalb auch ehrlich darüber sprechen, was eine verlässliche Gesundheitsversorgung kostet.