Brandenburg ist reich an Wäldern, Seen und offenen Landschaften. Doch der grüne Eindruck täuscht. Große Teile des Landes können Hitze und Trockenheit nur noch schlecht ausgleichen.

Das zeigt der erstmals veröffentlichte Grün-Feucht-Kühl-Index. Die Untersuchung bewertet, wie dicht eine Landschaft bewachsen ist, wie viel Wasser sie speichern kann und ob sie ihre Umgebung an heißen Tagen noch wirksam abkühlt.

Brandenburg gehört demnach zu den Bundesländern mit besonders vielen schlecht bewerteten Flächen. Auffällig niedrige Werte weist das Oderbruch auf. Dort treffen geringe Niederschläge, großflächige Landwirtschaft und ein über Jahrzehnte veränderter Wasserhaushalt aufeinander.

Neuer Index misst mehr als nur Temperaturen

Der Grün-Feucht-Kühl-Index betrachtet nicht allein, wie heiß es in einer Region wird. Er untersucht drei Eigenschaften, die eng miteinander verbunden sind: Vegetation, Feuchtigkeit und Kühlwirkung.

Eine Landschaft mit gesunden Wäldern, feuchten Böden, Hecken, Auen und Mooren kann Regenwasser aufnehmen und langsam wieder abgeben. Pflanzen verdunsten einen Teil des gespeicherten Wassers und kühlen dadurch ihre Umgebung.

Fehlt diese Feuchtigkeit, bricht auch die natürliche Kühlung ein. Aus einem trockenen Acker oder einem geschädigten Wald steigt heiße Luft auf. Der Boden verliert weiteres Wasser, Pflanzen geraten unter Stress und das Brandrisiko wächst.

Der vom NABU und dem ECONICS Institut vorgestellte Index soll sichtbar machen, wo diese natürlichen Schutzfunktionen noch bestehen und wo sie bereits erheblich geschwächt sind. Grundlage sind unter anderem satellitengestützte Daten.

Grün bedeutet nicht automatisch widerstandsfähig

Ein Gebiet kann auf den ersten Blick bewachsen wirken und trotzdem schlecht abschneiden. Entscheidend ist nicht allein, ob Bäume oder Pflanzen vorhanden sind.

Auch die Art der Vegetation spielt eine Rolle. Ein dichter, naturnaher Mischwald mit verschiedenen Baumarten, Sträuchern und einem feuchten Waldboden verhält sich anders als eine gleichförmige Kiefernfläche auf trockenem Sand.

Dasselbe gilt für die Landwirtschaft. Ein großer Acker ist während der Wachstumsphase zwar grün. Nach der Ernte kann die ungeschützte Fläche jedoch schnell austrocknen und sich stark aufheizen.

Brandenburg gehört zu den Problemregionen

In Brandenburg kommen mehrere ungünstige Faktoren zusammen. Das Land erhält vergleichsweise wenig Niederschlag. Viele Böden bestehen aus Sand und können Wasser nur begrenzt speichern.

Hinzu kommen großflächige Agrarlandschaften mit wenigen Hecken, Gehölzen oder feuchten Senken. Auch der hohe Anteil an Kiefernforsten belastet die Bilanz. Solche Bestände erwärmen sich bei Hitze stark und geraten während langer Trockenperioden besonders unter Druck.

Die Untersuchung zeichnet damit kein plötzlich entstandenes Problem. Sie macht eine Entwicklung sichtbar, die Landwirte, Förster und Feuerwehren seit Jahren erleben.

Regen allein beendet die Trockenheit nicht

Kräftige Schauer vermitteln schnell den Eindruck, die Natur habe sich erholt. Doch auf ausgetrockneten oder verdichteten Böden fließt ein erheblicher Teil des Wassers oberirdisch ab.

Kurze Niederschläge reichen häufig nicht aus, um tiefere Bodenschichten oder das Grundwasser aufzufüllen. Besonders problematisch wird es, wenn Gräben, begradigte Flüsse und Entwässerungssysteme das Wasser schnell aus der Landschaft ableiten.

Brandenburg leidet deshalb nicht nur unter zu wenig Regen. Das Land hat zugleich ein Problem damit, vorhandenes Wasser lange genug in seinen Böden zu halten.

Das Oderbruch schneidet besonders schlecht ab

Zu den auffälligsten Problemgebieten gehört das Oderbruch im Landkreis Märkisch-Oderland. Die Region ist eine historisch gewachsene Kulturlandschaft mit fruchtbaren Böden und großer landwirtschaftlicher Bedeutung.

Über Jahrhunderte wurde das Gebiet entwässert, eingedeicht und für die Landwirtschaft nutzbar gemacht. Dieses System sichert Siedlungen und bewirtschaftete Flächen. Es führt jedoch auch dazu, dass Wasser möglichst kontrolliert aus der Landschaft abgeleitet wird.

In langen Trockenperioden zeigt sich die Kehrseite: Was im Frühjahr oder bei Hochwasser schnell verschwinden soll, fehlt im Sommer auf Feldern, Wiesen und in tieferen Bodenschichten.

Der neue Index weist für das Oderbruch besonders niedrige Werte aus. Ein Landwirt aus der Region berichtete dem rbb über die praktischen Folgen der aufgeheizten und ausgetrockneten Landschaft.

Landwirtschaft braucht Wasser – und verlässliche Regeln

Für die Bauern im Oderbruch ist die Lage kompliziert. Sie sollen Böden schützen, Wasser zurückhalten und ihre Bewirtschaftung an längere Trockenphasen anpassen. Gleichzeitig müssen sie Erträge erwirtschaften und ihre Betriebe erhalten.

Pauschale Vorwürfe gegen die Landwirtschaft greifen deshalb zu kurz. Viele Flächen wurden nach den politischen und wirtschaftlichen Vorgaben früherer Jahrzehnte gestaltet.

Wer heute mehr Hecken, breitere Gewässerränder, kleinere Felder oder feuchte Rückhalteflächen fordert, muss auch beantworten, wer die daraus entstehenden Kosten und Ertragsverluste trägt.

Klimaanpassung kann nicht dauerhaft auf den Schultern einzelner Familienbetriebe abgeladen werden.

Kiefernwälder werden bei Hitze zur Schwachstelle

Brandenburgs ausgedehnte Kiefernwälder prägen das Landschaftsbild. Viele von ihnen wurden als wirtschaftlich nutzbare Forste angelegt und bestehen über weite Strecken aus nahezu gleich alten Bäumen derselben Art.

Kiefern kommen mit trockenen und nährstoffarmen Standorten vergleichsweise gut zurecht. Gleichförmige Bestände besitzen jedoch erhebliche Nachteile.

Der Waldboden ist häufig trocken, die biologische Vielfalt begrenzt und die Widerstandskraft gegen Schädlinge, Stürme und Feuer geringer als in strukturreichen Mischwäldern. Der neue Index nennt den hohen Anteil an Kiefernforsten ausdrücklich als einen Grund für Brandenburgs schwache Bewertung.

Waldumbau dauert mehrere Generationen

Die Lösung klingt einfach: Aus Kiefernforsten sollen stabile Mischwälder werden. In der Praxis ist dieser Umbau eine Aufgabe für Jahrzehnte.

Junge Laubbäume brauchen ausreichend Niederschlag, Schutz vor Wildverbiss und Pflege. Mehrere trockene Sommer können bereits aufgebaute Bestände wieder zurückwerfen.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Seite. Waldbesitzer können nicht beliebig auf nutzbares Holz verzichten. Förderprogramme müssen daher verlässlich, verständlich und über lange Zeiträume verfügbar sein.

Ein Wald lässt sich nicht im Rhythmus einer Legislaturperiode umbauen.

Ausgetrocknete Landschaften verstärken die Hitze

Die Untersuchung zeigt einen Zusammenhang, den viele Menschen an heißen Tagen unmittelbar erleben: Wo Bäume, feuchte Böden und offene Wasserflächen fehlen, steigen die Temperaturen stärker.

Versiegelte Flächen speichern Sonnenwärme und geben sie noch Stunden später ab. Trockene Felder und geschädigte Wälder besitzen kaum Verdunstungskälte. Dadurch können ganze Landschaftsräume zusätzliche Hitze entwickeln.

Naturnahe Flächen wirken dagegen wie eine dezentrale Klimaanlage. Sie speichern Wasser, spenden Schatten und kühlen ihre Umgebung.

Der NABU bezeichnet intakte Wälder, Moore, Auen und Grünflächen deshalb als natürliche Infrastruktur. Diese Infrastruktur erfülle für die Klimaanpassung eine ähnlich grundlegende Funktion wie Straßen, Deiche oder technische Wasserspeicher.

Kleine Einzelprojekte reichen nicht

Ein neu gepflanzter Baum auf einem Dorfplatz ist sinnvoll. Eine begrünte Bushaltestelle oder ein entsiegelter Schulhof können das unmittelbare Umfeld verbessern.

Für eine ganze Region reicht das jedoch nicht. Experten fordern deshalb miteinander verbundene Grün- und Wasserstrukturen statt vieler voneinander isolierter Einzelmaßnahmen.

Hecken müssen an Waldsäume anschließen, Bäche benötigen ausreichend Raum und Regenwasser sollte möglichst dort versickern, wo es fällt.

Nur dann entsteht ein Netz, das Tiere und Pflanzen schützt, Wasser zurückhält und die Temperatur über größere Flächen beeinflusst.

Auch Berlin besitzt erhebliche Defizite

Der Index betrachtet nicht nur ländliche Räume. Auch Berlin steht bei der Klimaanpassung vor großen Aufgaben.

Dicht bebaute Stadtteile, versiegelte Straßen und Plätze sowie fehlende Verbindungen zwischen Grünflächen verschärfen die Hitze. Bäume leiden unter kleinen Pflanzgruben, verdichteten Böden und Wassermangel.

Der NABU Berlin sieht deshalb großen Handlungsbedarf. Bestehendes Stadtgrün müsse geschützt und stärker miteinander verbunden werden.

Alte Bäume sind wertvoller als symbolische Neupflanzungen

Städte verweisen bei Bauprojekten häufig auf Ersatzpflanzungen. Doch ein junger Baum ersetzt die Kühlwirkung einer alten, groß gewachsenen Krone über viele Jahre nicht.

Bestehende Bäume sollten deshalb nicht vorschnell gefällt werden. Wo eine Fällung unvermeidbar ist, müssen neue Bäume ausreichend Wurzelraum und eine gesicherte Wasserversorgung erhalten.

Eine schmale Pflanzgrube zwischen Asphalt und Leitungen bietet dafür häufig keine tragfähige Grundlage.

Wasser muss länger in der Landschaft bleiben

Die entscheidende Frage lautet nicht nur, wie Brandenburg mehr Wasser bekommt. Ebenso wichtig ist, wie vorhandener Niederschlag gespeichert werden kann.

Dazu gehören wiedervernässte Moore, naturnähere Flussläufe, breitere Gewässerrandstreifen, weniger Bodenversiegelung und Rückhalteflächen in Städten und Dörfern.

Auch Entwässerungsgräben müssen überprüft werden. Nicht jede Anlage, die Wasser seit Jahrzehnten schnell abführt, ist unter den heutigen Bedingungen noch uneingeschränkt sinnvoll.

Wasserrückhalt darf Hochwasserschutz nicht gefährden

Dabei sind Zielkonflikte unvermeidbar. Anwohner in hochwassergefährdeten Gebieten erwarten funktionierende Deiche, Pumpwerke und Abflüsse.

Wasser in der Landschaft zu halten bedeutet deshalb nicht, bestehende Schutzanlagen einfach stillzulegen. Erforderlich sind örtlich angepasste Lösungen.

Geeignete Flächen können zeitweise Wasser aufnehmen, während Siedlungen weiterhin geschützt bleiben. Dafür müssen Wasserwirtschaft, Landwirtschaft, Naturschutz und Kommunen enger zusammenarbeiten.

Kommunen brauchen Geld statt neuer Forderungskataloge

Viele Gemeinden wissen längst, wo ihre Schwachstellen liegen. Es fehlt an schattigen Plätzen, größeren Baumscheiben, Regenwasserspeichern und entsiegelten Flächen.

Das Problem liegt häufig nicht in fehlenden Konzepten, sondern in leeren Kassen und zu komplizierten Förderverfahren.

Kleine Städte und Dörfer können keine umfangreichen Klimaanpassungsprogramme umsetzen, wenn sie für jede Maßnahme Gutachten, Eigenmittel und zusätzliches Verwaltungspersonal benötigen.

Bund und Länder müssen deshalb dauerhaft finanzierbare Programme schaffen, die auch von kleinen Gemeinden tatsächlich genutzt werden können.

Pflege ist wichtiger als der Fototermin

Neue Bäume und Grünanlagen werden gern öffentlichkeitswirksam eingeweiht. Entscheidend ist jedoch, wer sie in den folgenden trockenen Sommern bewässert und pflegt.

Ohne gesicherte Unterhaltung verdorren junge Bäume, versanden Mulden und technische Anlagen fallen aus.

Jede Investition benötigt deshalb von Anfang an ein realistisches Pflegekonzept. Klimaanpassung endet nicht mit dem Pflanzen oder Bauen.

Brandenburg braucht keine Panik, sondern einen Umbau

Der neue Index ist kein Beweis dafür, dass Brandenburg in kurzer Zeit unbewohnbar wird. Er zeigt aber deutlich, welche Regionen gegenüber Hitze und Wassermangel besonders verletzlich sind.

Das Land besitzt weiterhin große Naturflächen und erhebliche Möglichkeiten zur Verbesserung. Doch viele Maßnahmen brauchen Zeit.

Mischwälder wachsen nicht innerhalb weniger Jahre. Grundwasserspeicher füllen sich nicht nach einem einzigen nassen Monat. Hecken, Moore und Auen können ihre Wirkung nur entfalten, wenn sie langfristig geschützt werden.

Das Oderbruch darf nicht allein gelassen werden

Gerade das Oderbruch zeigt, dass Klimaanpassung nicht gegen die Menschen einer Region durchgesetzt werden darf.

Landwirte, Kommunen und Grundstückseigentümer brauchen Planungssicherheit. Veränderungen am Wasserhaushalt müssen fachlich begründet und gemeinsam entwickelt werden.

Wer von den Bewohnern verlangt, Flächen anders zu nutzen oder Erträge aufzugeben, muss faire Ausgleiche anbieten.

Der Index liefert einen klaren Auftrag

Brandenburg muss seine Landschaft wieder widerstandsfähiger machen. Dazu braucht es mehr als Schlagworte und einzelne Vorzeigeprojekte.

Wasser muss länger in der Region gehalten werden. Wälder benötigen mehr Vielfalt. Große Agrarflächen sollten durch Gehölze, Randstreifen und Rückhalteräume gegliedert werden. Städte müssen bestehende Bäume schützen und unnötige Versiegelung vermeiden.

Der Grün-Feucht-Kühl-Index macht sichtbar, wo der Handlungsbedarf besonders groß ist. Im Oderbruch und in anderen schwach bewerteten Regionen sollte daraus nun eine konkrete Prioritätenliste entstehen.

Denn der natürliche Hitzeschutz Brandenburgs lässt sich nicht durch Klimaanlagen ersetzen. Er liegt in seinen Böden, Wäldern, Gewässern und Pflanzen – und genau diese Infrastruktur muss wieder leistungsfähiger werden.