Alte Familienfotos zeigen Ausflüge, Feiern und gewöhnliche Augenblicke. Menschen blicken in die Kamera, Kinder stehen neben ihren Eltern, Freunde sitzen gemeinsam an einem Tisch.
Ohne weitere Informationen könnten diese Bilder aus beinahe jeder Familie stammen. Doch hinter ihnen stehen jüdische Lebensgeschichten aus Zwickau – Geschichten von Menschen, deren Alltag durch Ausgrenzung, Verfolgung und die Shoah zerstört wurde.
Schüler aus Zwickau und der tschechischen Partnerstadt Jablonec nad Nisou haben sich mit diesen Biografien beschäftigt. Ihre Ergebnisse sind seit dem 15. Juli in einer zweisprachigen Ausstellung im Foyer des ersten Obergeschosses des Zwickauer Rathauses zu sehen. Die Präsentation läuft bis zum 14. August.
Schüler suchen nach den Menschen hinter alten Fotografien
Den Ausgangspunkt bildet das Projekt „Forgotten Tracks“ des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums.
Schüler entwickelten es gemeinsam mit ihrer Lehrerin Dorit Seichter. Grundlage waren private Fotografien, die Überlebende der Shoah oder deren Nachfahren für die historische Arbeit zur Verfügung gestellt hatten.
Die Jugendlichen sollten nicht nur Bilder beschreiben. Sie versuchten herauszufinden, wer die abgebildeten Menschen waren, wie sie in Zwickau lebten und welche Beziehungen sie zur Stadt besaßen.
Aus anonymen Bildern werden persönliche Geschichten
Gerade private Aufnahmen ermöglichen einen anderen Zugang zur Geschichte als Zahlen und amtliche Dokumente.
Sie zeigen Menschen nicht ausschließlich als spätere Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Sie zeigen Familien, Nachbarn, Geschäftsleute und Kinder in einem Alltag, der vor der Verfolgung selbstverständlich zur Stadt gehörte.
Dieser Blick ist wichtig. Wer nur über Opferzahlen spricht, läuft Gefahr, die einzelnen Persönlichkeiten hinter den Zahlen erneut unsichtbar zu machen.
Jüdisches Leben gehörte über Jahrhunderte zu Zwickau
Die Schülerausstellung ergänzt die Sonderausstellung „ERINNERNS_WERT. Jüdische Spuren in Zwickau“, die seit dem 25. Juni in den Priesterhäusern gezeigt wird und bis zum 9. November läuft.
Die Ausstellung erinnert daran, dass jüdisches Leben über Jahrhunderte Teil der Zwickauer Stadtgeschichte war. Bereits im Mittelalter bestand eine jüdische Gemeinde; eine frühere „Jüdengasse“ belegt ihre Präsenz im Stadtgebiet.
Heute sind viele Spuren kaum noch erkennbar
Die frühere jüdische Gemeinde löste sich 1939 auf und existiert seitdem nicht mehr. Verfolgung, Vertreibung und die Shoah zerstörten nicht nur Familien, sondern auch einen sichtbaren Teil der Stadtgesellschaft.
Häuser stehen teilweise noch. Straßen und frühere Geschäftsorte sind weiterhin vorhanden. Doch ohne Wissen über ihre früheren Bewohner bleiben diese Orte stumm.
Genau hier setzt das Projekt an.
Partnerstadt Jablonec beteiligt sich an der Spurensuche
Aus dem Zwickauer Schülerprojekt entwickelte das Museum Priesterhäuser eine Zusammenarbeit mit Jablonec nad Nisou.
Schüler einer neunten Klasse der Liberecká-Schule beschäftigten sich unter Leitung von Petra Endlerová mit jüdischen Familien aus ihrer Stadt.
Jablonec besaß vor dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls eine bedeutende jüdische Gemeinde. Die Synagoge wurde zerstört, und zahlreiche persönliche Erinnerungen gingen verloren.
Häuser und Wege erzählen noch immer von früheren Bewohnern
Die Jugendlichen suchten in historischen Unterlagen nach Namen, Adressen und Lebenswegen.
Sie nutzten dafür Dokumente, Personenstandsregister und zeitgenössische Zeitungen. Aus einzelnen Hinweisen entstanden schrittweise Biografien, die anschließend mit den Zwickauer Arbeiten verbunden wurden.
Das Ergebnis ist eine deutsch-tschechische Wanderausstellung, die in beiden Partnerstädten gezeigt werden soll.
Erinnerungskultur überschreitet die Grenze
Die Zusammenarbeit ist mehr als ein gewöhnlicher Schüleraustausch.
Zwickau und Jablonec beschäftigen sich mit einer gemeinsamen mitteleuropäischen Geschichte. Jüdische Familien lebten in beiden Städten, bauten Unternehmen auf, besuchten Schulen, gründeten Vereine und gehörten zum örtlichen Alltag.
Nationalsozialistische Herrschaft und Krieg zerstörten diese Lebenswelten auf beiden Seiten der heutigen Grenze.
Jugendliche arbeiten an einer gemeinsamen europäischen Geschichte
Die kommissarische Leiterin der Priesterhäuser, Nadine Holesch, erklärte, das Museum habe das Zwickauer Projekt bewusst mit der Partnerstadt weiterentwickelt. Junge Menschen sollten miteinander ins Gespräch kommen und erkennen, dass Erinnerungskultur nicht an Staatsgrenzen endet.
Dieser Ansatz überzeugt, weil er Geschichte nicht ausschließlich als nationale Erzählung behandelt.
Die Verfolgung jüdischer Menschen war ein europäisches Verbrechen. Ihre Aufarbeitung muss deshalb ebenfalls grenzüberschreitend erfolgen.
Die Ausstellung ist zweisprachig
Sämtliche Inhalte werden auf Deutsch und Tschechisch präsentiert.
Dadurch können Besucher aus beiden Städten die Lebensgeschichten nachvollziehen. Gleichzeitig zwingt die Zweisprachigkeit die Projektgruppe dazu, historische Begriffe und persönliche Erzählungen besonders sorgfältig zu formulieren.
Sprache wird Teil der Erinnerungsarbeit
Übersetzen bedeutet nicht nur, einzelne Wörter auszutauschen.
Historische Zusammenhänge, Namen von Institutionen und Erfahrungen von Verfolgung müssen so erklärt werden, dass sie in beiden Sprachen verständlich bleiben.
Gerade bei persönlichen Familiengeschichten ist diese Genauigkeit entscheidend.
Private Fotos schaffen Nähe
Die Fotografien erzählen von Alltag, Familie und persönlichen Momenten. Sie zeigen eine Normalität, die später gewaltsam beendet wurde.
Für Schüler ist dieser Zugang häufig greifbarer als eine ausschließlich chronologische Darstellung des Nationalsozialismus.
Geschichte beginnt vor der Verfolgung
Jüdische Menschen dürfen in Ausstellungen nicht nur über ihre Ermordung definiert werden.
Sie hatten Berufe, Freundschaften, Interessen und Familien. Sie waren Teil des wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens ihrer Städte.
Wer diese Zeit vor der Verfolgung sichtbar macht, zeigt zugleich, was Zwickau und Jablonec durch Nationalsozialismus und Shoah verloren haben.
Die Zwickauer Thorarolle überstand den Nationalsozialismus
Die größere Sonderausstellung in den Priesterhäusern zeigt unter anderem eine Thorarolle, die die Zeit des Nationalsozialismus überstand und erst 2002 wiederentdeckt wurde. Außerdem werden Objekte aus dem Umfeld des früheren Kaufhauskonzerns Schocken präsentiert.
Diese Exponate verbinden religiöses Leben, Wirtschaftsgeschichte und persönliche Erinnerung.
Der Name Schocken gehört zur Zwickauer Stadtgeschichte
Der Kaufhauskonzern Schocken prägte mehrere deutsche Städte. Auch Zwickau gehörte zu dieser Unternehmensgeschichte.
Solche Verbindungen zeigen, dass jüdische Geschichte kein abgetrennter Sonderbereich ist. Sie gehört zur allgemeinen Wirtschafts-, Kultur- und Stadtgeschichte.
Das Rathaus ist ein sinnvoller Ausstellungsort
Die Schülerarbeiten werden nicht nur in einem Museum gezeigt, sondern im Rathaus.
Dadurch erreichen sie auch Menschen, die wegen eines Behördentermins kommen und möglicherweise keinen Museumsbesuch geplant hatten.
Erinnerung gehört mitten in die Stadt
Ein Rathaus steht für die heutige kommunale Gemeinschaft.
Dort jüdische Lebensgeschichten sichtbar zu machen, ist deshalb ein klares Zeichen: Die dargestellten Menschen waren keine Fremden außerhalb der Stadtgeschichte. Sie gehörten zu Zwickau und Jablonec.
Die Ausstellung holt ihre Namen symbolisch in das öffentliche Leben zurück.
Schüler lernen historische Quellen kritisch zu lesen
Die Arbeit mit Registern, Zeitungen und Fotografien verlangt mehr als bloßes Abschreiben.
Jugendliche müssen prüfen, aus welcher Zeit eine Quelle stammt, wer sie erstellt hat und welche Informationen möglicherweise fehlen.
Erinnerung braucht überprüfbare Fakten
Gerade bei der Geschichte des Nationalsozialismus verbreiten sich im Internet Vereinfachungen, Verfälschungen und offene Lügen.
Historische Bildungsarbeit sollte deshalb nicht allein auf Emotionen setzen. Sie muss zeigen, wie Wissen entsteht und wie Behauptungen anhand von Quellen geprüft werden.
Das Projekt verbindet persönliche Nähe mit wissenschaftlicher Sorgfalt.
Nicht jede Lebensgeschichte lässt sich vollständig rekonstruieren
Viele Unterlagen wurden zerstört, gingen im Krieg verloren oder befinden sich in privaten Archiven.
Manche Biografien bleiben daher unvollständig. Daten über Geburt, Wohnung oder Beruf sind vielleicht vorhanden, während persönliche Gedanken und Beziehungen nicht mehr nachvollzogen werden können.
Auch Lücken gehören zur Geschichte
Eine Ausstellung darf fehlende Informationen nicht durch Vermutungen ersetzen.
Gerade die Lücken zeigen, wie umfassend Verfolgung und Vernichtung wirkten. Nicht nur Menschen wurden ermordet oder vertrieben. Auch Dokumente, Familienarchive und Erinnerungsorte verschwanden.
Das offene Benennen solcher Lücken ist ehrlicher als eine künstlich geschlossene Erzählung.
Städtepartnerschaften brauchen konkrete Projekte
Zwickau und Jablonec sind Partnerstädte.
Solche Partnerschaften bleiben für viele Bürger abstrakt, wenn sie hauptsächlich aus offiziellen Besuchen und Festreden bestehen.
Gemeinsame Schülerarbeit schafft echte Verbindung
Bei diesem Projekt entsteht Zusammenarbeit auf einer praktischen Ebene.
Jugendliche recherchieren, übersetzen und präsentieren gemeinsam. Lehrer und Museen bauen Kontakte auf, die auch nach Ende der Ausstellung weiterbestehen können.
Eine Städtepartnerschaft wird dadurch im Alltag sichtbar.
Erinnerung darf nicht nur Aufgabe von Historikern bleiben
Archive und Museen besitzen das notwendige Fachwissen.
Doch Erinnerungskultur bleibt nur lebendig, wenn jede Generation einen eigenen Zugang entwickelt.
Jugendliche übernehmen Verantwortung
Die Schüler entscheiden nicht darüber, was damals geschah. Sie entscheiden aber mit darüber, ob die Geschichten heute weitergegeben werden.
Indem sie Namen recherchieren und Familiengeschichten präsentieren, übernehmen sie Verantwortung für das historische Gedächtnis ihrer Städte.
Das ist keine Schuldübertragung auf junge Menschen. Es ist eine Einladung, Geschichte bewusst zu bewahren.
Die Ausstellung vermeidet anonyme Opferzahlen
Gedenkveranstaltungen nennen häufig große Zahlen.
Diese Zahlen sind notwendig, um das Ausmaß der Verbrechen zu begreifen. Sie können jedoch abstrakt wirken.
Ein einzelnes Foto verändert den Blick
Wer ein Familienbild sieht und erfährt, wo die Menschen wohnten, welchen Beruf sie hatten und was mit ihnen geschah, versteht Geschichte anders.
Der Abstand zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird kleiner.
Aus „den Verfolgten“ werden konkrete Nachbarn aus einer konkreten Straße.
Zwickau beteiligt sich am sächsischen Jahr jüdischer Kultur
Die Ausstellung ist Teil eines größeren Programms, mit dem jüdisches Leben und jüdische Kultur in Sachsen sichtbarer gemacht werden sollen.
Zwickau kündigte für 2026 verschiedene Veranstaltungen, Führungen, Konzerte und Bildungsangebote an.
Jüdische Kultur darf nicht nur als Geschichte des Todes erscheinen
Zur Erinnerung an die Shoah gehört auch die Beschäftigung mit Religion, Musik, Literatur und Gegenwart.
Jüdisches Leben existiert heute in Deutschland und Sachsen. Eine ausschließlich auf Verfolgung konzentrierte Darstellung wäre deshalb unvollständig.
Das Zwickauer Programm versucht, historische Erinnerung und kulturelle Vermittlung miteinander zu verbinden.
Schulen sollten lokale Geschichte stärker nutzen
Der Nationalsozialismus wird im Unterricht häufig über Berlin, Nürnberg, Auschwitz oder große politische Ereignisse vermittelt.
Diese Orte und Zusammenhänge sind unverzichtbar. Doch lokale Geschichte schafft eine zusätzliche Nähe.
Verfolgung geschah auch vor der eigenen Haustür
Jüdische Familien lebten in Zwickauer Häusern, besuchten örtliche Schulen und führten Geschäfte in bekannten Straßen.
Damit wird deutlich: Nationalsozialistische Ausgrenzung geschah nicht nur irgendwo anders. Sie spielte sich in der eigenen Stadt und unter den Augen der damaligen Bevölkerung ab.
Diese Erkenntnis ist für historisches Lernen besonders wichtig.
Die Ausstellung läuft nur bis zum 14. August
Die Schülerausstellung im Zwickauer Rathaus ist zeitlich begrenzt.
Sie kann während der üblichen Öffnungszeiten des Rathauses im Foyer des ersten Obergeschosses besucht werden und endet am 14. August.
Die größere Sonderausstellung in den Priesterhäusern bleibt dagegen bis zum 9. November geöffnet.
Die Ergebnisse sollten dauerhaft gesichert werden
Nach dem Ende der Präsentation dürfen die erarbeiteten Biografien nicht wieder in Archiven verschwinden.
Sinnvoll wäre eine dauerhafte digitale Dokumentation auf den Seiten der Stadt, der Schulen oder der Priesterhäuser.
Digitale Stadtkarte könnte Erinnerungsorte verbinden
Adressen früherer Wohnhäuser, Geschäfte und jüdischer Einrichtungen könnten auf einer digitalen Karte markiert werden.
Besucher und Schulklassen könnten damit selbstständig durch Zwickau gehen und die historischen Orte aufsuchen.
Die Stadt bietet bereits digitale Angebote zur Spurensuche an. Das Schülerprojekt könnte diese langfristig ergänzen.
Erinnerung beginnt mit dem genauen Hinsehen
Die Ausstellung zeigt keine abstrakte Vergangenheit.
Sie zeigt Menschen, die in Zwickau und Jablonec lebten, arbeiteten und Familien gründeten. Ihre Geschichten wurden durch Verfolgung und Shoah unterbrochen, verdrängt oder beinahe vergessen.
Schüler aus beiden Städten haben begonnen, diese Lebenswege wieder sichtbar zu machen.
Das Projekt ist deshalb mehr als eine historische Ausstellung. Es zeigt, wie Erinnerung weitergegeben werden kann: nicht durch große Worte allein, sondern durch Namen, Fotografien, sorgfältige Recherche und den Willen, die Menschen hinter den Bildern nicht erneut verschwinden zu lassen.