Sie liegen in alten Pfarrhäusern, verschlossenen Schränken, Turmstuben und Nebenräumen von Dorfkirchen. Manche Bücher wurden seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet. Andere haben Kriege, politische Umbrüche, Feuchtigkeit und den langsamen Verfall überstanden.

Nun sollen diese weitgehend unbekannten Bestände erstmals systematisch erfasst werden. In Sachsen-Anhalt werden die Bibliotheken von 17 Kirchen wissenschaftlich erschlossen. Mehr als 23.000 historische Drucke und Handschriften aus der Zeit vom späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert sollen katalogisiert und besonders wertvolle Stücke digital zugänglich gemacht werden.

Das Projekt ist weit mehr als eine technische Bestandsaufnahme. Es macht sichtbar, welche kulturellen Schätze in kleinen Städten und Gemeinden Sachsen-Anhalts über Jahrhunderte bewahrt wurden.

17 Kirchenbibliotheken zwischen Altmark und Zeitz

Die ausgewählten Bibliotheken verteilen sich über weite Teile Sachsen-Anhalts. Die untersuchten Bestände reichen von Alsleben und Gardelegen bis nach Stolberg und Zeitz.

Insgesamt gibt es im Land rund 1.000 Kirchenbibliotheken. Viele befinden sich nicht in großen wissenschaftlichen Einrichtungen, sondern in kleinen Kirchengemeinden. Genau dort lagern häufig Bücher und Dokumente, die bislang weder vollständig verzeichnet noch wissenschaftlich untersucht wurden.

Bücher, Flugblätter, Noten und frühe Zeitungen

Bei den Beständen handelt es sich keineswegs ausschließlich um theologische Werke.

In den Kirchenarchiven finden sich unter anderem:

  • Handschriften,
  • Predigtsammlungen,
  • Leichenpredigten,
  • Flugschriften,
  • medizinische Bücher,
  • historische Noten,
  • frühe Zeitungen,
  • Drucke aus der Reformationszeit.

Diese Schriften zeigen, welche Themen die Menschen früher beschäftigten, was Pfarrer und Lehrer lasen und wie sich Wissen über Städte und Dörfer verbreitete.

1,3 Millionen Euro für die Erschließung

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt das Vorhaben mit rund 1,3 Millionen Euro. Von dem Geld werden unter anderem drei wissenschaftliche Stellen sowie Kräfte für die Digitalisierung finanziert. Beteiligt ist auch die Staatsbibliothek zu Berlin.

Ziel ist zunächst ein verlässlicher Gesamtüberblick. Forscher müssen wissen, welche Werke vorhanden sind, aus welcher Zeit sie stammen und in welchem Zustand sie sich befinden.

Verluste sollen verhindert werden

Die Bestandsaufnahme hat auch einen ganz praktischen Zweck. Was nicht bekannt und katalogisiert ist, kann unbemerkt verschwinden.

Alte Bücher sind empfindlich. Feuchtigkeit, Schimmel, Insektenbefall, ungeeignete Lagerung oder versehentliche Entsorgung können jahrhundertealte Zeugnisse innerhalb kurzer Zeit zerstören.

Die Digitalisierung ersetzt zwar nicht das Original. Sie sorgt aber dafür, dass Inhalte gesichert und unabhängig vom Aufbewahrungsort zugänglich werden.

Sensationsfund in Zeitz: Luthers 95 Thesen

Wie bedeutend solche Kirchenbestände sein können, zeigt ein Fund in der Bibliothek von St. Michaelis in Zeitz.

Dort wurde ein Plakatdruck der 95 Thesen Martin Luthers entdeckt. Weltweit sind nach Angaben der Projektverantwortlichen lediglich drei Exemplare dieser Druckfassung erhalten. Das Zeitzer Stück war über Jahrhunderte unauffällig in einen Sammelband eingebunden.

Jahrhundertelang zwischen anderen Texten verborgen

Der Druck war nicht in einer Schatzkammer ausgestellt. Er lag unscheinbar zwischen anderen Schriften und wurde offenbar lange nicht als außergewöhnliches Dokument erkannt.

Der Fund zeigt, warum eine fachkundige Untersuchung notwendig ist. Ein seltenes Werk fällt nicht zwangsläufig durch einen kostbaren Einband oder besonders aufwendige Gestaltung auf.

Entscheidend sind Drucktechnik, Papier, Schriftbild, Inhalt und die historische Einordnung. Ohne entsprechendes Wissen bleibt selbst ein einzigartiges Dokument möglicherweise unentdeckt.

Sachsen-Anhalt als Kernland der Reformation

Das Projekt besitzt für Sachsen-Anhalt eine besondere Bedeutung. Mit Wittenberg, Eisleben, Mansfeld, Halle und zahlreichen kleineren Orten liegt ein wesentlicher Teil der deutschen Reformationsgeschichte im heutigen Bundesland.

Martin Luther wurde in Eisleben geboren und starb dort. In Wittenberg wirkte er als Theologe und Professor. Von Mitteldeutschland aus verbreiteten sich seine Schriften, Predigten und Übersetzungen weit über Europa.

Die Kirchenbibliotheken dokumentieren, wie diese Ideen aufgenommen, weitergegeben und mit anderen politischen, wissenschaftlichen und religiösen Debatten verbunden wurden.

Geschichte fand nicht nur in Wittenberg statt

Die Reformation wird häufig auf einige berühmte Orte und Persönlichkeiten reduziert. Doch ihre Wirkung entfaltete sich auch in kleinen Gemeinden.

Pfarrer nutzten Bücher zur Vorbereitung ihrer Predigten. Lehrer unterrichteten daraus. Adlige, Bürger und Gelehrte sammelten Texte. Wandernde Drucke und Flugschriften brachten neue Ideen selbst in abgelegene Regionen.

Die Bibliotheken zeigen deshalb nicht nur die Geschichte großer Reformatoren. Sie erzählen, wie geistige Umbrüche tatsächlich in der Fläche ankamen.

Kirchen waren jahrhundertelang Bildungszentren

Eine Kirchenbibliothek war früher nicht lediglich ein Aufbewahrungsort für religiöse Literatur.

Gerade in kleineren Städten und Dörfern gehörten Pfarrhäuser zu den wichtigsten Bildungsorten. Dort wurden Bücher gesammelt, kopiert, kommentiert und an nachfolgende Generationen weitergegeben.

Die Bestände geben daher Auskunft über das Verhältnis von Glaube, Bildung und Macht. Sie zeigen, welches Wissen zugänglich war, wer lesen konnte und welche Themen als wichtig angesehen wurden.

Randnotizen machen Geschichte persönlich

Besonders interessant sind handschriftliche Einträge, Besitzvermerke und Kommentare.

Ein Leser strich möglicherweise einen Satz an. Ein Pfarrer ergänzte eine Bemerkung am Rand. Ein früherer Besitzer schrieb seinen Namen oder das Kaufdatum in das Buch.

Solche Spuren machen historische Texte zu persönlichen Dokumenten. Sie zeigen nicht nur, was gedruckt wurde, sondern auch, wie Menschen die Inhalte verstanden und verwendeten.

Auch Heimatvereine und Museen profitieren

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sollen nicht allein Universitäten und spezialisierten Wissenschaftlern zur Verfügung stehen.

Auch Museen, Archive, Schulen und Heimatvereine können die digitalisierten Bestände nutzen. Daraus lassen sich Ausstellungen, Ortschroniken, Unterrichtsmaterialien und Veranstaltungen entwickeln.

Neue Quellen für Ortsgeschichte und Familienforschung

Für die Heimatforschung können selbst unscheinbare Dokumente wertvoll sein.

Leichenpredigten enthalten häufig biografische Angaben zu Verstorbenen. Besitzvermerke liefern Namen früherer Einwohner. Noten dokumentieren kirchliche Musiktraditionen. Alte Zeitungen und Flugblätter zeigen, welche Ereignisse eine Gemeinde beschäftigten.

So entstehen neue Möglichkeiten für Ortschronisten und Familienforscher, die bislang auf verstreute oder schwer zugängliche Quellen angewiesen waren.

Digitalisierung öffnet verschlossene Archive

Bislang war der Zugang zu vielen Kirchenbibliotheken schwierig. Nicht jede Gemeinde verfügt über feste Öffnungszeiten, fachkundiges Archivpersonal oder geeignete Arbeitsplätze für Besucher.

Digitale Kataloge und hochwertige Scans können diese Grenzen überwinden.

Ein Wissenschaftler in Leipzig, ein Heimatforscher in der Altmark oder ein ehemaliger Einwohner aus dem Ausland könnten dieselben Dokumente betrachten, ohne dass die empfindlichen Originale ständig bewegt werden müssen.

Originale bleiben dennoch unersetzlich

Die Digitalisierung darf allerdings nicht als Ersatz für die Erhaltung der Bücher verstanden werden.

Ein Scan zeigt Text und Bild. Er vermittelt aber nur begrenzt Informationen über Papier, Wasserzeichen, Bindung, Material, Geruch, Gebrauchsspuren oder spätere Veränderungen.

Deshalb müssen die Originale weiterhin fachgerecht gelagert, restauriert und geschützt werden.

Kleine Gemeinden bewahrten ein großes Erbe

Das Projekt räumt zugleich mit der Vorstellung auf, bedeutende Kulturgüter befänden sich ausschließlich in großen Museen und Staatsbibliotheken.

Viele der jetzt untersuchten Werke haben nur deshalb überlebt, weil Kirchengemeinden sie über Generationen aufbewahrten. Oft geschah das ohne große finanzielle Mittel und ohne öffentliche Aufmerksamkeit.

In manchen Orten dürfte den heutigen Einwohnern kaum bekannt sein, welche historischen Bestände ihre Kirche besitzt.

Kulturerbe braucht Menschen vor Ort

Digitalisierung und wissenschaftliche Projekte sind wichtig. Dauerhaft erhalten bleibt das Erbe jedoch nur, wenn es auch vor Ort Menschen gibt, die Verantwortung übernehmen.

Kirchengemeinden werden kleiner. Pfarrstellen werden zusammengelegt, Gebäude verkauft oder nur noch selten genutzt. Damit wächst das Risiko, dass Bibliotheken und Archive aus dem Blick geraten.

Das Forschungsprojekt kommt daher zur richtigen Zeit. Es erfasst Bestände, bevor Wissen über ihre Herkunft und Bedeutung verloren geht.

Sachsen-Anhalt sollte das Projekt touristisch nutzen

Die Reformationsgeschichte gehört zu den größten kulturellen Stärken Sachsen-Anhalts. Dennoch konzentriert sich die touristische Aufmerksamkeit häufig auf wenige bekannte Orte.

Die Kirchenbibliotheken könnten helfen, neue regionale Angebote zu entwickeln. Digitale Ausstellungen, Themenrouten, Lesungen und kleinere Präsentationen könnten Besucher auch in Orte bringen, die bislang abseits der großen Reformationswege liegen.

Kulturpolitik darf nicht nur Leuchttürme fördern

Große Museen und bekannte Gedenkstätten sind wichtig. Doch das kulturelle Gedächtnis des Landes liegt ebenso in kleinen Kirchen, Pfarrarchiven und lokalen Sammlungen.

Gerade diese Einrichtungen verfügen selten über eigene Restauratoren, Archivare oder große Etats.

Wer das Kulturerbe in der Fläche erhalten will, muss deshalb auch kleine Gemeinden unterstützen – nicht nur bei der Digitalisierung, sondern ebenso bei Lagerung, Brandschutz und Gebäudesicherung.

Ein Schatz, der endlich sichtbar wird

Mehr als 23.000 Schriften sind keine abstrakte Zahl. Hinter jedem Band stehen Drucker, Autoren, frühere Eigentümer und Leser.

Die Bücher berichten von Glauben und Macht, Krankheit und Tod, Musik und Bildung, gesellschaftlichen Umbrüchen und dem Alltag vergangener Generationen.

Sachsen-Anhalt besitzt damit ein kulturelles Archiv, dessen Umfang bislang kaum bekannt war.

Die Digitalisierung macht diese Geschichte nicht moderner. Sie macht sie wieder erreichbar.

Und möglicherweise liegt in irgendeiner Turmstube oder einem alten Pfarrschrank noch ein weiterer Fund, dessen Bedeutung bis heute niemand erkannt hat.