Wittenberg. In einer Zeit, in der vielerorts über Kürzungen bei Museen, Theatern und Denkmälern diskutiert wird, setzt Sachsen-Anhalt ein deutliches Zeichen.
Am 10. Juli wurde am Lutherhaus in Wittenberg der Grundstein für ein neues Eingangsgebäude gelegt. Das historische Gebäude wird bereits seit Anfang 2025 energetisch saniert und für eine zeitgemäße touristische Nutzung vorbereitet. Die neue Dauerausstellung soll im Herbst 2027 eröffnet werden.
Das gesamte Vorhaben kostet 15,6 Millionen Euro.
Davon übernimmt das Land Sachsen-Anhalt 10,5 Millionen Euro. Der Bund beteiligt sich mit 4,8 Millionen Euro an der energetischen Sanierung. Weitere 300.000 Euro bringt die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt aus eigenen Mitteln auf.
Es geht dabei nicht um irgendein Museum.
Das Lutherhaus gilt als das größte reformationsgeschichtliche Museum der Welt. Martin Luther lebte und arbeitete dort mehr als 35 Jahre. Das Gebäude gehört seit 1996 gemeinsam mit weiteren Luthergedenkstätten in Wittenberg und Eisleben zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Ein Ort, an dem europäische Geschichte geschrieben wurde
Das heutige Lutherhaus wurde ursprünglich als Augustinerkloster genutzt.
Martin Luther kam zunächst als Mönch dorthin. Später lebte er mit seiner Frau Katharina von Bora und den gemeinsamen Kindern in dem Gebäude.
Das Haus war Wohnort, Arbeitsstätte, Treffpunkt und geistiges Zentrum zugleich.
Hier entstanden reformatorische Schriften. Hier unterrichtete Luther Studenten aus zahlreichen europäischen Ländern. Hier fanden die später berühmt gewordenen Tischgespräche statt. Auch die nahezu im ursprünglichen Zustand erhaltene Lutherstube gehört zu den wichtigsten Räumen des Museums.
Von Wittenberg aus verbreiteten sich Luthers Schriften in weiten Teilen Europas.
Die Reformation veränderte Kirche, Politik, Bildung, Sprache und Gesellschaft. Sie förderte die Übersetzung religiöser Texte in die deutsche Sprache und trug dazu bei, dass mehr Menschen lesen und sich eigenständig mit Glaubensfragen beschäftigen konnten.
Das Lutherhaus ist deshalb nicht nur ein Ort evangelischer Kirchengeschichte.
Es gehört zum kulturellen Erbe Deutschlands und Europas.
Grundstein mit Zeitkapsel eingemauert
Zur Grundsteinlegung wurde eine Zeitkapsel befüllt und im Bereich des Neubaus eingemauert.
Darin befinden sich unter anderem:
- eine von den Beteiligten unterzeichnete Urkunde,
- aktuelle Baupläne,
- eine Münze aus dem Jahr 2026,
- eine Ausgabe der Mitteldeutschen Zeitung,
- sowie eine Playmobil-Figur von Martin Luther.
An der Zeremonie nahmen unter anderem Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, Sachsen-Anhalts Bildungsminister Jan Riedel, Wittenbergs Bürgermeister André Seidig und der Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten, Thomas T. Müller, teil.
Die Zeitkapsel ist ein symbolischer Bestandteil des Bauvorhabens.
Sie verbindet die historische Bedeutung des Hauses mit der Gegenwart. Künftige Generationen sollen erkennen können, unter welchen Bedingungen das Lutherhaus im Jahr 2026 erneuert und erweitert wurde.
Neues Eingangsgebäude ersetzt früheres Direktorenhaus
Für den Neubau wurde das in den 1930er-Jahren errichtete frühere Direktorenhaus zurückgebaut.
Das neue Gebäude entsteht an derselben Stelle und soll sich in Form und Erscheinungsbild am Vorgängerbau orientieren. Im Erdgeschoss werden ein größerer Empfangsbereich, die Museumskasse und ein Museumsshop eingerichtet.
Auch der bisher vom Lutherhof getrennte kleine Vorhof soll in den Eingangsbereich einbezogen werden. Eine transparente Überdachung soll den Bereich wettergeschützt mit dem Museum verbinden.
Damit erhält das Lutherhaus einen moderneren und großzügigeren Zugang.
Gerade bei großen Besuchergruppen war der bisherige Eingangsbereich nicht mehr ausreichend. Das betrifft insbesondere Schulklassen, Reisegruppen, Konfirmanden und internationale Touristen.
Ein Museum von weltweiter Bedeutung benötigt einen Eingang, der seinen Besucherzahlen und heutigen Sicherheitsanforderungen entspricht.
Barrierefreiheit wird deutlich verbessert
Ein wichtiger Teil des Projekts ist die bessere Zugänglichkeit.
Historische Gebäude wurden zu einer Zeit errichtet, in der Barrierefreiheit keine Rolle spielte. Enge Durchgänge, Stufen und unterschiedliche Höhen können Menschen mit Rollstuhl, Rollator oder anderen körperlichen Einschränkungen den Besuch erheblich erschweren.
Mit dem Neubau und den geplanten Anpassungen soll das Lutherhaus künftig deutlich barriereärmer werden.
Bei der Planung wurden nach Angaben der Stiftung unter anderem der Behindertenverband, das Landesamt für Denkmalpflege, das Landeskriminalamt und Fachleute für Konservierung einbezogen.
Das ist notwendig.
Kulturelles Erbe darf nicht nur für körperlich uneingeschränkte Besucher zugänglich sein. Ein öffentlich gefördertes Museum muss möglichst vielen Menschen offenstehen.
Gleichzeitig darf die historische Substanz nicht beliebig verändert werden.
Die Herausforderung besteht darin, Barrierefreiheit, Denkmalschutz und Sicherheit miteinander zu verbinden.
Energetische Sanierung schützt Gebäude und Exponate
Die Millioneninvestition dient nicht allein dem Komfort der Besucher.
Auch das historische Gebäude selbst und die wertvollen Ausstellungsstücke müssen besser vor klimatischen Einflüssen geschützt werden.
Im Rahmen der Sanierung werden unter anderem:
- Fenster ertüchtigt,
- eine neue Heizungsanlage geplant und eingebaut,
- Sicherheitsmaßnahmen verbessert,
- sowie die Gebäudehülle energetisch stabilisiert.
Der neue Eingangsbereich soll zugleich als Klimaschleuse dienen. Dadurch sollen starke Schwankungen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Museumsinneren verringert werden.
Historische Bücher, Gemälde, Handschriften und Alltagsgegenstände reagieren empfindlich auf Feuchtigkeit, Hitze und schnelle Temperaturwechsel.
Eine energetische Sanierung spart deshalb nicht nur Heizkosten.
Sie ist auch Teil des Schutzes der Sammlung.
Neue Dauerausstellung soll Luther differenzierter zeigen
Mit der Wiedereröffnung im Herbst 2027 ist eine neue Dauerausstellung geplant.
Sie soll Martin Luther nicht ausschließlich als überlebensgroße historische Figur darstellen, sondern seine unterschiedlichen Seiten zeigen.
Luther war Mönch, Theologe, Übersetzer, Professor, Ehemann und Familienvater. Er war ein scharf formulierender politischer und religiöser Publizist. Seine Schriften trugen zur Veränderung Europas bei.
Zu seinem Erbe gehören jedoch auch Äußerungen, die heute kritisch betrachtet werden müssen.
Dazu zählen insbesondere seine antijüdischen Schriften und seine Haltung während der Bauernkriege.
Ein modernes Museum darf diese Teile seiner Biografie nicht verschweigen.
Es sollte erklären, welchen historischen Zusammenhang es gab, welche Wirkung die Texte entfalteten und wie Luther heute bewertet werden kann.
Historische Größe und historische Verantwortung schließen sich nicht gegenseitig aus.
Gerade ein Museum von internationalem Rang muss beides vermitteln.
Wittenberg lebt auch vom Erbe der Reformation
Für die Lutherstadt Wittenberg ist das Museum ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.
Besucher aus Deutschland, Europa, Nordamerika, Asien und weiteren Teilen der Welt reisen wegen der Reformationsgeschichte in die Stadt.
Davon profitieren:
- Hotels und Pensionen,
- Restaurants und Cafés,
- Stadtführer,
- Einzelhandel,
- Reiseveranstalter,
- Verkehrsbetriebe,
- sowie weitere Museen und Kultureinrichtungen.
Das Lutherhaus gehört gemeinsam mit der Schlosskirche, der Stadtkirche, dem Melanchthonhaus und der historischen Altstadt zu den wichtigsten touristischen Anziehungspunkten Wittenbergs.
Eine längere Schließung wirkt sich deshalb nicht nur auf die Stiftung aus.
Sie betrifft die gesamte Stadt.
Mit der geplanten Wiedereröffnung 2027 besteht die Chance, Wittenberg erneut stärker als internationales Kultur- und Reiseziel zu positionieren.
Sachsen-Anhalt besitzt ein außergewöhnliches reformatorisches Erbe
Das Lutherhaus steht nicht allein.
Zu den Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt gehören mehrere historische Orte in Wittenberg, Eisleben und Mansfeld.
Dazu zählen unter anderem:
- Luthers Geburtshaus in Eisleben,
- Luthers Sterbehaus in Eisleben,
- Luthers Elternhaus in Mansfeld,
- das Melanchthonhaus in Wittenberg,
- sowie das Lutherhaus.
Im Jahr 2026 wird zugleich an 30 Jahre UNESCO-Welterbe erinnert. Die sechs Luthergedenkstätten in Eisleben und Wittenberg wurden 1996 in die Welterbeliste aufgenommen.
Damit besitzt Sachsen-Anhalt ein kulturelles Erbe, das weltweit bekannt ist.
Das Bundesland darf sich nicht nur als Industriestandort oder strukturschwache Region darstellen lassen.
Es ist zugleich ein Kernland deutscher Geschichte.
Neben Luther gehören das Bauhaus in Dessau, die Himmelsscheibe von Nebra, die Franckeschen Stiftungen in Halle, der Naumburger Dom und zahlreiche Burgen, Schlösser und historische Städte zu diesem Erbe.
Kultur ist deshalb keine Nebensache.
Sie gehört zur Identität und wirtschaftlichen Zukunft des Landes.
Millionen für Kultur: Ist das in Zeiten knapper Kassen vertretbar?
Bei Investitionen von 15,6 Millionen Euro stellt sich zwangsläufig die Frage nach den Prioritäten.
Kommunen kämpfen mit maroden Straßen, fehlenden Lehrern, steigenden Sozialausgaben und hohen Energiekosten. Krankenhäuser, Schulen und Feuerwehren benötigen ebenfalls Geld.
Kritiker könnten deshalb fragen, ob ein Museum eine solche Summe erhalten sollte.
Die Antwort hängt davon ab, wie man staatliche Verantwortung versteht.
Ein historisches Gebäude von Weltrang kann nicht später einfach neu gebaut werden, wenn es einmal verfällt. Schäden an Originalsubstanz und Ausstellungsobjekten sind teilweise unwiederbringlich.
Zudem handelt es sich nicht um eine kurzfristige Veranstaltung oder eine vorübergehende Kampagne.
Die Investition soll ein Bauwerk und seine Sammlung über viele Jahrzehnte sichern.
Das Geld fließt außerdem in regionale Bauleistungen, Handwerk, Planung und dauerhafte touristische Infrastruktur.
Dennoch muss die Stiftung transparent darstellen, wie die Mittel verwendet werden und ob der vereinbarte Kostenrahmen eingehalten wird.
Denkmalschutz darf kein Freibrief für ausufernde Baukosten sein.
Authentizität darf nicht hinter moderner Inszenierung verschwinden
Moderne Museen arbeiten zunehmend mit Bildschirmen, Animationen, Projektionen und interaktiven Angeboten.
Solche Elemente können Wissen verständlicher vermitteln und jüngere Besucher ansprechen.
Beim Lutherhaus liegt die größte Stärke jedoch im authentischen Ort.
Besucher wollen nicht nur digitale Rekonstruktionen sehen. Sie wollen die Räume betreten, in denen Luther tatsächlich lebte und arbeitete.
Die historische Bausubstanz darf deshalb nicht zur bloßen Kulisse für eine technisch aufwendige Ausstellung werden.
Digitale Vermittlung sollte den Ort erklären, aber nicht überdecken.
Die Lutherstube, das Klostergebäude und die erhaltenen Originale müssen im Mittelpunkt bleiben.
Gerade in einer zunehmend digitalen Welt steigt der Wert echter historischer Räume.
Katharina von Bora verdient mehr Aufmerksamkeit
Die Geschichte des Lutherhauses ist nicht nur die Geschichte Martin Luthers.
Katharina von Bora spielte eine entscheidende Rolle für den Haushalt, die Familie und das wirtschaftliche Leben des Hauses.
Sie organisierte einen großen Haushalt mit Kindern, Bediensteten, Studenten und Gästen. Sie bewirtschaftete Land, kümmerte sich um Vorräte und übernahm zahlreiche Aufgaben, ohne die Luthers umfangreiche Arbeit kaum möglich gewesen wäre.
Lange wurde sie in historischen Darstellungen hauptsächlich als Ehefrau des Reformators behandelt.
Eine zeitgemäße Dauerausstellung sollte ihre eigenständige Bedeutung stärker hervorheben.
Das gilt auch für weitere Menschen, die im Lutherhaus lebten, arbeiteten oder studierten.
Geschichte wird nicht nur von berühmten Männern geschrieben.
Sie entsteht auch durch Familien, Mitarbeiter, Handwerker, Drucker, Studenten und Bürger einer Stadt.
Schulen brauchen authentische Lernorte
Das Lutherhaus wird regelmäßig von Schulklassen und Konfirmandengruppen besucht.
Das Museum ist in Lehrplänen und Bildungsangeboten fest verankert.
Ein authentischer Ort kann Unterricht ergänzen, aber nicht ersetzen.
Schüler erleben dort, dass Reformation nicht nur ein Kapitel im Geschichtsbuch ist. Sie sehen Räume, Gegenstände und Gebäude, die unmittelbar mit historischen Personen verbunden sind.
Damit das gelingt, braucht es jedoch gute pädagogische Angebote.
Eine neue Dauerausstellung sollte unterschiedliche Altersgruppen ansprechen und komplizierte Fragen verständlich erklären:
- Warum kritisierte Luther die Kirche?
- Welche Rolle spielte der Buchdruck?
- Warum wurde die Bibelübersetzung so bedeutend?
- Welche Folgen hatte die Reformation für einfache Menschen?
- Warum führte religiöser Streit auch zu Gewalt?
- Welche Seiten Luthers werden heute kritisch bewertet?
Ein Museum darf Schüler nicht mit Jahreszahlen überfordern.
Es muss Zusammenhänge vermitteln.
Sonderausstellung bleibt während der Bauzeit geöffnet
Trotz der Sanierung müssen Besucher nicht vollständig auf reformationsgeschichtliche Angebote verzichten.
Im benachbarten Augusteum wird weiterhin die Sonderausstellung „Buchstäblich Luther. Facetten eines Reformators“ gezeigt. Dort sind wichtige Objekte aus den Wittenberger Sammlungen zu sehen.
Außerdem kann die Lutherstube über eine interaktive 3D-Panorama-Anwendung virtuell erkundet werden.
Diese Angebote können die Schließung des eigentlichen Lutherhauses zumindest teilweise auffangen.
Sie ersetzen den Besuch des historischen Gebäudes jedoch nicht vollständig.
Für Wittenberg ist es deshalb entscheidend, dass der Zeitplan bis Herbst 2027 eingehalten wird.
Kommentar: Geschichte darf etwas kosten
Deutschland diskutiert gern über Identität, Werte und kulturelles Erbe.
Wenn es jedoch um die Finanzierung konkreter historischer Orte geht, wird Kultur schnell als freiwillige Ausgabe behandelt.
Das ist ein Fehler.
Das Lutherhaus gehört nicht nur einer Stiftung, einer Kirche oder der Stadt Wittenberg.
Es gehört zum historischen Gedächtnis des ganzen Landes.
Hier lebte und arbeitete ein Mann, dessen Ideen Europa veränderten. Seine Leistungen, seine Widersprüche und seine problematischen Seiten gehören zur deutschen Geschichte.
Ein solcher Ort darf nicht verfallen.
15,6 Millionen Euro sind viel Geld. Deshalb müssen Baukosten, Zeitplan und Verwendung der Fördermittel streng kontrolliert werden.
Doch es wäre kurzsichtig, bei einem UNESCO-Welterbe nur auf den aktuellen Haushalt zu schauen.
Straßen können erneuert, Verwaltungsgebäude ersetzt und technische Anlagen neu angeschafft werden.
Ein authentisches Gebäude aus der Reformationszeit lässt sich nicht wiederherstellen, wenn seine Substanz verloren ist.
Konservative Kulturpolitik bedeutet, das überlieferte Erbe zu bewahren, statt jede Generation ihre Geschichte neu erfinden zu lassen.
Sie bedeutet aber ebenso, historische Persönlichkeiten nicht zu verklären.
Luther war weder ein makelloser Heiliger noch lediglich eine problematische Figur. Er war ein Mensch seiner Zeit, dessen Wirken enorme Folgen hatte – positive wie negative.
Das neue Lutherhaus muss genau diese Spannungen zeigen.
Wenn Sanierung und Ausstellung gelingen, erhält Wittenberg nicht nur ein modernisiertes Museum.
Deutschland bewahrt einen Ort, an dem Weltgeschichte geschrieben wurde.