Wer heute im Norden Sachsen-Anhalts einen neuen Hausarzt sucht, erlebt bereits, was die Statistik für die kommenden Jahre ankündigt: Praxen nehmen keine Patienten mehr auf, Termine werden knapp und für bestimmte Fachärzte sind längere Fahrten notwendig.
Ende 2024 waren im ambulanten Bereich des Landes rund 240 Haus- und Facharztstellen unbesetzt. Nach einer Prognose der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt könnte sich diese Zahl bis 2030 auf etwa 520 erhöhen. Damit würde sich die bestehende Versorgungslücke innerhalb weniger Jahre mehr als verdoppeln.
Der wichtigste Grund ist nicht ein plötzliches Verschwinden medizinischer Studienplätze, sondern die Altersstruktur der niedergelassenen Ärzteschaft. Von derzeit rund 3.370 ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzten könnten bis 2030 etwa 1.180 aus Altersgründen ausscheiden. Nach aktuellen Berechnungen stehen dem voraussichtlich nur rund 870 nachrückende Mediziner gegenüber.
Die Differenz ist erheblich. Sie bedeutet nicht, dass 2030 überall gleichzeitig Praxen schließen. Sie zeigt aber, dass Sachsen-Anhalt ohne zusätzliche Maßnahmen das heutige Versorgungsniveau kaum halten kann.
Salzwedel und Sangerhausen gelten bereits als unterversorgt
Die Probleme verteilen sich nicht gleichmäßig über das Land.
Sachsen-Anhalt ist für die hausärztliche Bedarfsplanung in 32 Bereiche gegliedert. In zwei dieser Bereiche – Salzwedel und Sangerhausen – gilt die Versorgung bereits als unterversorgt. Für weitere 13 Regionen wurde eine drohende Unterversorgung festgestellt.
Besonders betroffen ist der ländliche Norden
Die Altmark gehört zu den Regionen, in denen sich die Lage besonders zuspitzt. Große Entfernungen, eine vergleichsweise geringe Bevölkerungsdichte und fehlende Nachfolger erschweren die Sicherung wohnortnaher Praxen.
Für Patienten bedeutet das nicht nur längere Fahrwege. Wenn eine Praxis schließt, verteilt sich deren Patientenstamm auf die verbleibenden Ärzte. Diese arbeiten häufig bereits an ihrer Belastungsgrenze und können nicht unbegrenzt zusätzliche Menschen aufnehmen.
In der hausärztlichen Versorgung waren nach der KV-Auswertung rund 205,5 Stellen nicht besetzt. Die Karte der Kassenärztlichen Vereinigung weist neben Salzwedel und Sangerhausen zahlreiche weitere Regionen als drohend unterversorgt aus.
Auch Fachärzte werden zunehmend knapp
Der Ärztemangel betrifft nicht allein Hausarztpraxen.
Bei Hautärzten gilt die Versorgung im Altmarkkreis Salzwedel und im Landkreis Börde als unterversorgt. Für Stendal und den Salzlandkreis wird eine drohende Unterversorgung ausgewiesen. Auch bei Augenärzten, Nervenärzten, Hals-Nasen-Ohren-Ärzten, Kinderärzten und Kinder- und Jugendpsychiatern bestehen regionale Engpässe.
HNO und Gynäkologie gelten als besonders gefährdet
Nach der aktuellen Prognose könnten sich die größten Schwierigkeiten bis 2030 unter anderem bei Hals-Nasen-Ohren-Ärzten und Gynäkologen entwickeln. Gerade Facharztpraxen versorgen häufig einen großen Einzugsbereich. Schließt ein Standort, müssen Patienten mitunter in den nächsten Landkreis oder in eine größere Stadt fahren.
Für ältere Menschen, Familien ohne eigenes Auto oder chronisch Kranke kann eine solche Entfernung zum tatsächlichen Versorgungshindernis werden.
Eine Arztstelle gilt statistisch möglicherweise als vorhanden. Praktisch hilft sie jedoch wenig, wenn sie 40 oder 60 Kilometer entfernt liegt und öffentliche Verkehrsverbindungen fehlen.
Ein Drittel der Ärzte nähert sich dem Ruhestand
Die Altersstruktur ist der entscheidende Risikofaktor.
Knapp 31 Prozent der Hausärzte und gut 32 Prozent der Fachärzte in Sachsen-Anhalt waren Ende 2024 bereits 60 Jahre oder älter. Bei den Psychotherapeuten lag der entsprechende Anteil bei 16,5 Prozent.
Nicht jede Praxis findet einen Nachfolger
Wenn ein Arzt in den Ruhestand geht, bleibt der Praxissitz nicht automatisch erhalten.
Ein Nachfolger muss bereit sein, den Standort zu übernehmen, die Finanzierung zu stemmen und sich langfristig an die Region zu binden. Moderne Praxen benötigen Personal, digitale Technik, geeignete Räume und häufig hohe Investitionen.
In wirtschaftlich schwächeren oder dünn besiedelten Regionen erscheint die Übernahme für junge Ärzte oft weniger attraktiv als eine Anstellung in einer Klinik oder einem Medizinischen Versorgungszentrum.
Mehr Ärzte bedeuten nicht automatisch mehr Behandlungszeit
Die Zahl der ambulant tätigen Ärzte kann steigen, ohne dass im gleichen Umfang zusätzliche Arztzeit entsteht.
Immer mehr Mediziner arbeiten angestellt oder in Teilzeit. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse bei Ärzten und Psychotherapeuten erhöhte sich nach Angaben der KV von 59 im Jahr 2007 auf 879 im Jahr 2024.
Teilzeit ist legitim, verändert aber die Bedarfsplanung
Teilzeit ist weder ein Fehlverhalten noch ein Problem, das jungen Ärzten angelastet werden sollte. Sie entspricht veränderten Vorstellungen von Beruf, Familie und Arbeitsbelastung.
Für die Versorgung bedeutet sie dennoch: Zwei Ärzte können sich gemeinsam einen einzigen Versorgungsauftrag teilen. Die Zahl der ärztlich tätigen Personen steigt, ohne dass sich die Zahl verfügbarer Behandlungstermine im gleichen Verhältnis erhöht.
Die eigentliche knappe Ressource ist daher nicht allein die Zahl der Ärzte. Es ist die gesamte Zeit, die für Patienten zur Verfügung steht.
Einzelpraxen verlieren an Bedeutung
Die klassische Einzelpraxis wird schrittweise durch andere Arbeitsformen ergänzt oder ersetzt.
Bei Hausärzten sank die Zahl der in Einzelpraxen tätigen Personen zwischen 2007 und 2024 von 1.162 auf 846. Gleichzeitig stieg die Zahl angestellter Ärzte und der Beschäftigten in Medizinischen Versorgungszentren deutlich. Bei Fachärzten wuchs die Zahl der in MVZ tätigen Personen im selben Zeitraum von 95 auf 827.
Medizinische Versorgungszentren können Regionen stabilisieren
MVZ ermöglichen Arbeit im Team, geregeltere Zeiten und eine stärkere Aufteilung von Verwaltung und Organisation. Das kann für junge Ärzte attraktiver sein als die alleinige Verantwortung für eine Praxis.
Kommunale oder kliniknahe Zentren können deshalb eine wichtige Antwort auf fehlende Praxisnachfolger sein.
Sie bergen aber auch Risiken. Werden Standorte allein nach wirtschaftlichen Kriterien betrieben, könnten kleinere Außenstellen geschlossen und Leistungen in größeren Städten konzentriert werden.
Für das Land kommt es daher nicht nur darauf an, dass MVZ entstehen. Entscheidend ist, wo sie entstehen und welche medizinischen Angebote sie dauerhaft vorhalten.
Landarztquote bringt Nachwuchs – aber erst mit Verzögerung
Sachsen-Anhalt hat bereits 2019 ein Landarztgesetz beschlossen.
Über die Landarztquote erhalten Bewerber einen Studienplatz, wenn sie sich verpflichten, nach Studium und Weiterbildung für einen festgelegten Zeitraum in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung konnten auf diesem Weg bereits mehr als 100 künftige Landärzte für ein Studium und eine spätere Tätigkeit im Land gewonnen werden.
Vom Studienbeginn bis zur eigenen Praxis vergehen viele Jahre
Die Landarztquote wirkt nicht kurzfristig.
Ein Medizinstudium dauert sechs Jahre. Danach folgt die mehrjährige Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin. Zwischen der Vergabe eines Studienplatzes und der selbstständigen Tätigkeit in einer ländlichen Praxis können zehn Jahre liegen.
Die ersten Teilnehmer können daher einen wichtigen Beitrag leisten. Sie ersetzen aber nicht die große Zahl der Ärzte, die bereits bis 2030 in den Ruhestand gehen könnte.
Sachsen-Anhalt braucht mehr Studienplätze
Die Kassenärztliche Vereinigung fordert seit Jahren eine Ausweitung der Medizinstudienplätze.
Die Landarztquote verteilt einen Teil der vorhandenen Plätze nach besonderen Kriterien. Sie schafft jedoch keinen zusätzlichen Studienplatz. Werden nicht insgesamt mehr Ärzte ausgebildet, konkurrieren Länder und Regionen um eine begrenzte Zahl von Absolventen.
Ausbildung allein garantiert keinen Verbleib im Land
Selbst zusätzliche Studienplätze in Halle oder Magdeburg lösen das Problem nicht automatisch.
Studierende bleiben eher, wenn sie bereits während des Studiums Kontakte zu ländlichen Praxen aufbauen, dort Praktika absolvieren und realistische berufliche Perspektiven erhalten.
Dazu gehören auch Arbeitsplätze für Partner, verlässliche Kinderbetreuung, gute Schulen, schnelles Internet und erreichbare kulturelle Angebote.
Ärztemangel ist deshalb nicht ausschließlich Gesundheitspolitik. Er ist auch Infrastruktur-, Familien- und Regionalpolitik.
Bürokratie bindet medizinische Arbeitszeit
Die KV nennt neben Alter und Nachwuchsmangel auch die wachsende Bürokratie als Ursache der angespannten Lage.
Ärzte verbringen Zeit mit Dokumentation, Abrechnung, Anträgen, Verordnungen, Prüfungen und technischen Vorgaben. Diese Zeit fehlt für Untersuchungen und Gespräche mit Patienten.
Digitalisierung entlastet bislang nicht überall
Digitale Systeme könnten Abläufe vereinfachen. In der Praxis führen unterschiedliche Programme, technische Störungen und zusätzliche Dokumentationspflichten jedoch teilweise zu neuer Arbeit.
Eine schlecht umgesetzte Digitalisierung spart keine Zeit. Sie verlagert den Aufwand lediglich vom Papier auf den Bildschirm.
Das Ziel muss deshalb nicht sein, noch mehr Daten zu erheben, sondern medizinisch notwendige Informationen einmalig, sicher und systemübergreifend nutzbar zu machen.
Medizinische Fachangestellte werden ebenfalls knapp
Eine Praxis funktioniert nicht allein durch den Arzt.
Medizinische Fachangestellte koordinieren Termine, nehmen Blut ab, betreuen chronisch Kranke, organisieren Hausbesuche und übernehmen delegierbare Aufgaben. Fehlt dieses Personal, kann auch ein vorhandener Arzt weniger Patienten versorgen.
Mehr Aufgaben könnten im Team verteilt werden
Qualifizierte Praxisassistenten und speziell weitergebildete Pflegekräfte können Hausbesuche übernehmen, Blutdruck und Blutzucker kontrollieren oder die Versorgung chronisch Kranker begleiten.
Die ärztliche Verantwortung bleibt bestehen. Der Arzt muss aber nicht jede standardisierte Handlung persönlich durchführen.
Solche Teammodelle können insbesondere ländliche Praxen entlasten. Voraussetzung ist, dass Krankenkassen die Leistungen ausreichend vergüten und die Beschäftigten entsprechend qualifiziert werden.
Kommunen müssen bei Praxisgründungen stärker helfen
Viele Gemeinden bemühen sich bereits um Ärzte.
Sie stellen günstige Praxisräume bereit, unterstützen bei Wohnungssuche oder Kinderbetreuung und werben gezielt um Nachfolger.
Eine Praxis ist heute auch ein Standortprojekt
Gerade kleinere Gemeinden können nicht darauf warten, dass sich zufällig ein Arzt niederlässt.
Sie müssen frühzeitig erkennen, wann ein Praxisinhaber in den Ruhestand gehen will, und gemeinsam mit der KV nach Lösungen suchen.
Mögliche Instrumente sind kommunale Gesundheitszentren, gemeinsame Praxen mehrerer Ärzte, Zweigstellen und mobile Sprechstunden.
Telemedizin kann Entfernungen überbrücken
Digitale Sprechstunden können einen Teil der Wege vermeiden.
Befunde lassen sich besprechen, Medikamente kontrollieren und bestimmte Nachsorgetermine durchführen, ohne dass der Patient jedes Mal in die Praxis fahren muss.
Der Bildschirm ersetzt keine Untersuchung
Telemedizin eignet sich nicht für jede Erkrankung.
Akute Schmerzen, unklare Symptome und körperliche Befunde benötigen häufig eine direkte Untersuchung. Auch ältere Menschen verfügen nicht immer über geeignete Technik oder ausreichend Erfahrung.
Telemedizin kann daher ergänzen, aber keine dauerhaft geschlossene Hausarztpraxis ersetzen.
Apotheken könnten stärker einbezogen werden
In ländlichen Regionen gehören Apotheken häufig zu den letzten leicht erreichbaren Gesundheitseinrichtungen.
Sie könnten bei Blutdruckkontrollen, Impfberatung, Medikationschecks und der Früherkennung bestimmter Risiken eine größere Rolle übernehmen.
Die Zuständigkeiten müssen klar bleiben
Eine stärkere Zusammenarbeit darf nicht zu einem ungeordneten Ersatz ärztlicher Leistungen führen.
Apotheker besitzen eigene fachliche Kompetenzen. Sie können Ärzte entlasten, sollten aber nicht aus Kostengründen Aufgaben übernehmen müssen, für die eine ärztliche Diagnose erforderlich ist.
Entscheidend ist ein abgestimmtes Versorgungsmodell, nicht ein Streit zwischen Berufsgruppen.
Krankenhäuser können die Lücke nicht einfach auffangen
Wenn niedergelassene Ärzte fehlen, suchen Patienten häufiger Notaufnahmen auf.
Das belastet Kliniken mit Fällen, die eigentlich ambulant behandelt werden könnten.
Notaufnahmen sind kein Ersatz für Hausarztpraxen
Eine Krankenhausambulanz behandelt akute Probleme. Sie übernimmt keine kontinuierliche Versorgung von Bluthochdruck, Diabetes oder anderen chronischen Erkrankungen.
Fehlen Hausärzte, gehen wichtige Funktionen verloren: langfristige Begleitung, Kenntnis der Krankengeschichte, koordinierte Überweisungen und regelmäßige Vorsorge.
Der ambulante Ärztemangel verschärft damit auch die Probleme der Krankenhäuser.
Patienten spüren den Mangel zuerst bei den Wartezeiten
Unterversorgung zeigt sich nicht erst, wenn die letzte Praxis eines Ortes schließt.
Sie beginnt mit vollen Telefonleitungen, Aufnahmestopps und langen Wartezeiten.
Chronisch Kranke sind besonders betroffen
Menschen mit mehreren Erkrankungen benötigen regelmäßige Kontrollen und abgestimmte Medikamente.
Wechselt der Arzt häufig oder liegen die Praxen weit auseinander, steigt das Risiko von Versorgungslücken. Auch Vorsorgeuntersuchungen können aufgeschoben werden, wenn Termine schwer verfügbar sind.
Der Ärztemangel ist deshalb nicht nur ein Komfortproblem. Er kann gesundheitliche Folgen haben.
Die Lösung besteht aus mehreren Bausteinen
Keine einzelne Maßnahme wird die prognostizierten 520 offenen Stellen verhindern.
Die Landarztquote hilft, wirkt aber langsam. Mehr Studienplätze bringen nur dann etwas, wenn Absolventen im Land bleiben. MVZ können Praxen sichern, benötigen jedoch langfristige Finanzierung. Telemedizin spart Wege, ersetzt aber keine Untersuchung.
Sachsen-Anhalt muss jetzt gleichzeitig handeln
Notwendig sind vor allem:
- mehr Medizinstudienplätze,
- frühzeitige Nachfolgeplanung,
- bessere Arbeitsbedingungen in Praxen,
- weniger unnötige Bürokratie,
- stärkere medizinische Teams,
- kommunale Gesundheitszentren,
- attraktive Lebensbedingungen im ländlichen Raum,
- verlässliche digitale Infrastruktur.
Aus einer Prognose darf keine selbsterfüllende Erwartung werden
Die Zahl von rund 520 unbesetzten Arztstellen beschreibt ein mögliches Szenario, keine unveränderliche Zukunft.
Politik, Kassenärztliche Vereinigung, Kommunen, Hochschulen und Krankenkassen können die Entwicklung beeinflussen.
Doch die Zeit wird knapp.
Mehr als 1.000 ambulant tätige Ärzte könnten bis 2030 aus dem Berufsleben ausscheiden. Neue Studenten, die heute beginnen, werden bis dahin vielfach noch nicht vollständig ausgebildet sein.
Sachsen-Anhalt muss deshalb zweigleisig vorgehen: kurzfristig vorhandene Ärzte und Praxisteams entlasten und langfristig deutlich mehr Nachwuchs gewinnen.
Der Maßstab darf nicht allein lauten, ob auf einer Versorgungskarte rechnerisch noch ein Arzt vorhanden ist.
Entscheidend ist, ob ein Patient tatsächlich einen Termin erhält, die Praxis erreichen kann und dort ausreichend Zeit für eine medizinische Behandlung bleibt.
Genau daran wird sich zeigen, ob Sachsen-Anhalt seine Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum sichern kann – oder ob aus der heutigen Warnung bis 2030 ein flächendeckendes Versorgungsproblem wird.