Die Krankenhausreform wird in Potsdam konkret. Das Klinikum Ernst von Bergmann und das St. Josefs-Krankenhaus wollen mehrere medizinische Fachbereiche künftig nicht mehr parallel anbieten. Stattdessen sollen Behandlungen zwischen den beiden großen Häusern der Landeshauptstadt neu verteilt werden.

Was auf dem Papier nach einer vernünftigen Spezialisierung klingt, verändert den Klinikalltag erheblich. Patienten können künftig nicht mehr bei jeder Erkrankung zwischen beiden Krankenhäusern wählen. Je nach Diagnose müssen sie gezielt den Standort aufsuchen, dem der jeweilige Fachbereich zugeteilt wurde.

Das Klinikum Ernst von Bergmann will nach den angekündigten Plänen auf die bislang angebotene Orthopädie und Gefäßchirurgie verzichten. Andere Behandlungen sollen dagegen am kommunalen Klinikum gebündelt werden. Das St. Josefs-Krankenhaus gibt wiederum einzelne Bereiche ab.

Zwei Krankenhäuser teilen Potsdams Medizin untereinander auf

Die beiden Häuser reagieren mit der Neuordnung auf die Krankenhausreform und die veränderten Vorgaben zur Finanzierung medizinischer Leistungen. Bestimmte Behandlungen sollen nicht mehr an mehreren Standorten gleichzeitig vorgehalten werden, sondern dort konzentriert werden, wo ausreichend Fachpersonal, Erfahrung und technische Ausstattung vorhanden sind.

Der Grundgedanke ist nachvollziehbar: Eine Abteilung, die viele Eingriffe durchführt, kann oft effizienter und mit größerer Routine arbeiten als zwei kleinere Bereiche, die jeweils nur einen Teil der Patienten behandeln.

Für die Bevölkerung zählt jedoch nicht allein die medizinische Statistik. Entscheidend ist auch, ob Behandlungen erreichbar bleiben und wie reibungslos die Kliniken Patienten zwischen ihren Standorten weiterleiten.

Ernst von Bergmann gibt Orthopädie und Gefäßchirurgie ab

Das Klinikum Ernst von Bergmann soll die Bereiche Orthopädie und Gefäßchirurgie künftig nicht mehr selbst vorhalten. Entsprechende Patienten würden damit verstärkt am St. Josefs-Krankenhaus behandelt.

Zur Orthopädie gehören unter anderem Behandlungen an Knochen, Gelenken und dem Bewegungsapparat. Die Gefäßchirurgie versorgt Erkrankungen der Arterien und Venen, beispielsweise gefährliche Gefäßverengungen oder Aussackungen.

Gerade ältere Patienten benötigen häufig mehrere Fachrichtungen gleichzeitig. Für sie muss deshalb geklärt sein, wie Untersuchungen, Operationen und Nachbehandlungen zwischen den Häusern abgestimmt werden.

Neurologie wird am Klinikum Ernst von Bergmann konzentriert

Im Gegenzug soll die neurologische Versorgung stärker am Klinikum Ernst von Bergmann gebündelt werden. Das betrifft unter anderem Patienten mit Schlaganfällen, Erkrankungen des Nervensystems, Epilepsie oder bestimmten Lähmungserscheinungen.

Eine Konzentration kann medizinisch sinnvoll sein, wenn dadurch spezialisierte Teams rund um die Uhr verfügbar sind. Gerade bei einem Schlaganfall zählt jede Minute.

Allerdings darf die Bündelung nicht dazu führen, dass Rettungsdienste längere Strecken zurücklegen müssen oder Patienten zunächst im falschen Krankenhaus eintreffen und anschließend verlegt werden.

Rettungsleitstellen müssen neue Zuständigkeiten kennen

Die Umstellung betrifft deshalb nicht nur Ärzte und Patienten. Auch Rettungsdienste, niedergelassene Mediziner und ärztliche Bereitschaftsdienste müssen wissen, welches Krankenhaus künftig welchen Fachbereich übernimmt.

Unklare Zuständigkeiten können im Notfall Zeit kosten. Die Kliniken müssen die Veränderungen deshalb rechtzeitig und verständlich kommunizieren.

Ein Hinweis auf der Internetseite reicht nicht aus. Hausärzte, Pflegeeinrichtungen und Rettungswachen benötigen verbindliche Übersichten und feste Ansprechpartner.

Geburtshilfe wechselt zum Klinikum Ernst von Bergmann

Besonders einschneidend ist die Neuordnung bei der Geburtshilfe. Mit der Schließung der Geburtsstation am St. Josefs-Krankenhaus übernimmt das Klinikum Ernst von Bergmann zusätzliche Geburten.

Im vergangenen Jahr kamen dort nach Angaben des Krankenhauses bereits 1.638 Kinder zur Welt. Das Team bereitet sich nach eigenen Angaben auf die zusätzliche Versorgung vor.

Für werdende Eltern bedeutet die Veränderung weniger Auswahl. Viele Familien entscheiden sich bewusst für eine bestimmte Geburtsklinik, weil sie dort bereits Erfahrungen gesammelt haben oder sich mit dem Betreuungskonzept verbunden fühlen.

Mehr Geburten verlangen mehr Personal und Räume

Die Übernahme zusätzlicher Geburten funktioniert nur, wenn gleichzeitig genügend Hebammen, Ärzte, Pflegekräfte, Kreißsäle und Betten zur Verfügung stehen.

Eine Abteilung kann nicht unbegrenzt mehr Patienten aufnehmen, nur weil ein anderer Standort sein Angebot einstellt. Besonders in arbeitsreichen Nächten oder bei mehreren komplizierten Geburten gleichzeitig darf die Versorgung nicht an personelle Grenzen geraten.

Das Klinikum muss deshalb offenlegen, wie viele zusätzliche Geburten erwartet werden und welche Kapazitäten dafür geschaffen werden.

Babyklappe am St. Josefs-Krankenhaus geschlossen

Mit dem Ende der Geburtshilfe am St. Josefs-Krankenhaus wurde auch die dortige Babyklappe geschlossen. Das brandenburgische Gesundheitsministerium verweist für Frauen in Notlagen unter anderem auf die Möglichkeit einer anonymen Geburt am Klinikum Ernst von Bergmann.

Ab dem 1. September 2026 sollen außerdem sogenannte Babylotsinnen Schwangere und Familien beraten und an geeignete Hilfsangebote vermitteln. Babyklappen gibt es weiterhin im nahe gelegenen Berlin.

Potsdams Oberbürgermeisterin Noosha Aubel setzt sich dafür ein, die Babyklappe an einem anderen Standort wieder zu öffnen. Erste Gespräche mit dem Klinikum Ernst von Bergmann wurden bereits geführt.

Eine Landeshauptstadt sollte eine eigene Lösung finden

Dass Frauen in einer akuten Notlage nach Berlin fahren sollen, kann keine zufriedenstellende Dauerlösung sein. Eine Babyklappe ist zwar kein Ersatz für Beratung, medizinische Betreuung oder eine vertrauliche Geburt. Sie kann aber in extremen Situationen Leben retten.

Potsdam ist die Landeshauptstadt Brandenburgs und wächst seit Jahren. Eine Stadt dieser Größe sollte in der Lage sein, ein niedrigschwelliges Notangebot vor Ort bereitzuhalten.

Spezialisierung kann Qualität verbessern

Die geplante Aufteilung der Fachbereiche ist nicht grundsätzlich falsch. Medizin wird immer komplexer. Moderne Eingriffe erfordern teure Technik, spezialisierte Teams und ausreichend hohe Fallzahlen.

Es ist weder wirtschaftlich noch medizinisch sinnvoll, jede denkbare Behandlung an jedem Krankenhaus anzubieten. In bestimmten Bereichen kann eine Konzentration die Qualität erhöhen.

Erfahrene Teams erkennen Komplikationen schneller. Geräte werden besser ausgelastet, Bereitschaftsdienste lassen sich verlässlicher organisieren und Personal kann gezielter eingesetzt werden.

Der Begriff Reform darf nicht nur Kürzungen verdecken

Problematisch wird die Entwicklung, wenn Spezialisierung lediglich als freundlicher Begriff für Einsparungen verwendet wird.

Patienten müssen nachvollziehen können, warum ein Fachbereich verlagert wird. Es sollte transparent dargestellt werden, welche Vorteile entstehen, wie viele Betten erhalten bleiben und ob Personal an den neuen Standort wechselt.

Ohne diese Angaben entsteht schnell der Eindruck, dass Leistungen nicht verbessert, sondern schlicht gestrichen werden.

Patienten verlieren einen Teil ihrer Wahlfreiheit

Bislang konnten viele Potsdamer bei bestimmten Behandlungen zwischen zwei großen Krankenhäusern wählen. Künftig wird diese Möglichkeit eingeschränkt.

Für gesetzlich Versicherte mag die freie Wahl ohnehin nicht in jeder Situation vollständig bestehen. Dennoch spielt sie für viele Menschen eine wichtige Rolle. Persönliche Erfahrungen, Empfehlungen des Hausarztes oder die Nähe zum Wohnort beeinflussen die Entscheidung.

Die Neuordnung kann deshalb als Verlust empfunden werden, selbst wenn die medizinische Qualität am verbleibenden Standort hoch ist.

Weitere Wege treffen nicht alle Patienten gleich

Potsdam verfügt im Vergleich zu ländlichen Regionen noch über eine gute medizinische Infrastruktur. Trotzdem kann der Wechsel eines Standortes für ältere, pflegebedürftige oder mobilitätseingeschränkte Menschen erhebliche Folgen haben.

Auch Angehörige müssen weitere Fahrten bewältigen. Wer einen Patienten täglich besucht, erlebt bereits wenige zusätzliche Kilometer als Belastung.

Die Krankenhausplanung darf deshalb nicht nur Operationszahlen und Kosten betrachten. Erreichbarkeit gehört ebenfalls zur Qualität der Versorgung.

Folgen reichen weit über Potsdam hinaus

Die Potsdamer Krankenhäuser versorgen nicht allein Einwohner der Landeshauptstadt. Viele Patienten kommen aus dem Umland und aus Teilen Westbrandenburgs.

Wer aus Werder, Teltow, Michendorf, Beelitz oder dem Landkreis Potsdam-Mittelmark anreist, muss künftig noch genauer wissen, welches Haus für die benötigte Behandlung zuständig ist.

Für Menschen aus ländlichen Gemeinden können zusätzliche Umwege deutlich stärker ins Gewicht fallen als für Potsdamer mit Straßenbahn- oder Busanschluss.

Brandenburg darf Versorgung nicht nur in Zentren bündeln

Die Entwicklung in Potsdam zeigt, wohin die Krankenhausreform führen kann: Fachbereiche werden zusammengelegt, Leistungen konzentriert und kleinere Angebote aufgegeben.

In einer Großstadt lässt sich das unter Umständen auffangen. In ländlichen Teilen Brandenburgs sieht es anders aus. Dort kann die Schließung einer Abteilung bedeuten, dass das nächste geeignete Krankenhaus eine Stunde entfernt liegt.

Das Land muss deshalb verhindern, dass wirtschaftliche Vorgaben Schritt für Schritt zu weißen Flecken auf der medizinischen Landkarte führen.

Fachkräftemangel bleibt das Kernproblem

Hinter vielen Klinikreformen steht nicht nur Geldmangel. Es fehlt an Ärzten, Pflegekräften und anderem Fachpersonal.

Zwei kleine Abteilungen parallel zu betreiben, ist kaum möglich, wenn bereits für eine einzige Station nicht genügend Beschäftigte gefunden werden. Die Zusammenlegung von Leistungen ist deshalb oft auch eine Reaktion auf leere Stellenpläne.

Doch eine Konzentration löst den Fachkräftemangel nicht automatisch. Sie verschiebt Personal lediglich innerhalb des Systems.

Gute Arbeitsbedingungen entscheiden über die Versorgung

Krankenhäuser werden Beschäftigte nur halten können, wenn Dienstpläne verlässlich, Überstunden begrenzt und Gehälter konkurrenzfähig sind.

Wer ständig unterbesetzte Stationen erlebt, wechselt irgendwann den Arbeitgeber oder verlässt den Beruf. Dann müssen die verbliebenen Kollegen noch mehr auffangen – und der Kreislauf beginnt von vorn.

Eine Krankenhausreform ohne Verbesserungen für das Personal bleibt deshalb unvollständig.

Potsdam braucht klare Zusagen

Die Kliniken müssen nun erklären, wann die Änderungen greifen, wie Patienten geleitet werden und ob alle Beschäftigten übernommen werden.

Besonders wichtig sind belastbare Zusagen zur Geburtshilfe, Neurologie und Notfallversorgung. Diese Bereiche dürfen während der Umstellung nicht ins Rutschen geraten.

Auch Wartezeiten, Bettenzahlen und die Entwicklung der Patientenzahlen sollten öffentlich dokumentiert werden. Nur so lässt sich später beurteilen, ob die neue Aufteilung tatsächlich funktioniert.

Versorgung muss besser werden – nicht nur billiger

Die Zusammenarbeit der beiden Potsdamer Krankenhäuser kann ein sinnvolles Modell sein. Dafür muss sie jedoch mehr leisten als eine rechnerische Bereinigung doppelter Angebote.

Patienten erwarten kurze Wege, klare Zuständigkeiten und eine Behandlung ohne unnötige Verlegungen. Beschäftigte brauchen Sicherheit über ihre berufliche Zukunft. Rettungsdienste und Hausärzte benötigen eindeutige Abläufe.

Am Ende darf die Neuordnung nicht daran gemessen werden, wie viele Abteilungen eingespart wurden. Entscheidend ist, ob die Menschen in Potsdam und Westbrandenburg weiterhin rechtzeitig die medizinische Hilfe erhalten, die sie brauchen.