Potsdam. Die angekündigte Schließung kam früher als erwartet. Ursprünglich wollte sich das Alexianer St. Josefs-Krankenhaus zum 1. August 2026 aus Frauenheilkunde und Geburtshilfe zurückziehen. Doch bereits seit Freitag, dem 10. Juli, werden dort keine gynäkologischen und geburtshilflichen Leistungen mehr angeboten.
Die Klinik begründet die vorgezogene Schließung mit einem akuten Personalmangel. Nach der angekündigten Aufgabe der Abteilung hätten nicht mehr genügend Fachkräfte zur Verfügung gestanden, um eine sichere medizinische Versorgung bis Ende Juli zu gewährleisten. Die Abmeldung von der Versorgung erfolgte nach Klinikangaben in Abstimmung mit den zuständigen Behörden.
Damit verliert Potsdam innerhalb weniger Tage eine gewachsene Geburtsstation, zahlreiche Arbeitsplätze und einen wichtigen Teil der wohnortnahen Frauenmedizin. Die geburtshilfliche Versorgung der Landeshauptstadt soll künftig vollständig vom kommunalen Klinikum Ernst von Bergmann übernommen werden.
Schließung erfolgte drei Wochen früher als angekündigt
Noch Anfang Juli war von einem Rückzug zum Monatsende die Rede.
Ursprünglicher Termin war der 1. August
Die Alexianer hatten angekündigt, die Bereiche Neurologie sowie Frauenheilkunde und Geburtshilfe zum 1. August aufzugeben. Als Begründung verwies der Klinikträger auf die Neuausrichtung der Potsdamer Krankenhauslandschaft im Zuge der bundesweiten Krankenhausreform.
Das St. Josefs-Krankenhaus und die Oberlinklinik wollen sich künftig stärker auf Chirurgie, Innere Medizin, Gefäßmedizin und Orthopädie konzentrieren.
Personalmangel machte Weiterbetrieb unmöglich
Nach der Bekanntgabe der Schließung verschärfte sich die personelle Situation offenbar innerhalb weniger Tage.
Eine Geburtsstation benötigt rund um die Uhr ausreichend Hebammen, Fachärzte, Pflegekräfte und Möglichkeiten für operative Notfälle. Können diese Mindestanforderungen nicht mehr zuverlässig erfüllt werden, darf der Betrieb aus Sicherheitsgründen nicht fortgeführt werden.
Schwangere mussten kurzfristig umplanen
Frauen, die ihre Entbindung im St. Josefs-Krankenhaus vorbereitet hatten, verloren damit kurzfristig den gewählten Geburtsort.
Geburtsplanung, Vorgespräche, medizinische Unterlagen und persönliche Erwartungen mussten innerhalb weniger Tage auf eine andere Klinik übertragen werden.
Nur noch ein Kreißsaal für die Landeshauptstadt
Mit der Schließung bleibt in Potsdam nur noch die Frauenklinik des Ernst-von-Bergmann-Klinikums.
Ernst von Bergmann übernimmt zusätzliche Geburten
Das kommunale Klinikum bietet weiterhin das vollständige Spektrum der Gynäkologie und Geburtshilfe an. Dazu gehört ein Perinatalzentrum der höchsten Versorgungsstufe für besonders gefährdete Schwangere, Frühgeborene und Neugeborene.
Die Klinik muss nun zusätzliche Geburten, Untersuchungen und Notfälle übernehmen.
Medizinische Qualität kann durch Spezialisierung steigen
Die Konzentration auf einen großen Standort kann grundsätzlich Vorteile besitzen.
Mehr Geburten können dazu führen, dass Teams größere Erfahrung mit seltenen Komplikationen sammeln. Zudem sind Kinderklinik, Intensivmedizin, Operationssäle und spezialisierte Diagnostik unmittelbar verfügbar.
Eine einzige Station schafft neue Abhängigkeit
Eine Stadt mit nur einem Kreißsaal besitzt jedoch kaum noch Ausweichmöglichkeiten.
Kommt es dort zu Überlastung, Personalausfällen, technischen Problemen oder einem vorübergehenden Aufnahmestopp, müssen Schwangere in umliegende Städte ausweichen.
Potsdam wächst – die medizinischen Angebote werden kleiner
Der Rückzug wirkt besonders widersprüchlich, weil Potsdam seit Jahren zu den wachsenden Städten Brandenburgs gehört.
Mehr Einwohner bedeuten langfristig mehr Versorgungsbedarf
Neue Wohngebiete, Zuzug aus Berlin und eine vergleichsweise junge Bevölkerungsstruktur erhöhen grundsätzlich den Bedarf an medizinischer Infrastruktur.
Krankenhausangebote lassen sich deshalb nicht allein anhand vergangener Geburtenzahlen beurteilen.
Geburtenzahlen können schwanken
Bundesweit sind die Geburtenzahlen zuletzt zurückgegangen.
Solche Entwicklungen können sich jedoch wieder verändern. Eine einmal geschlossene Station lässt sich später nicht kurzfristig wieder aufbauen, weil Personal, Räume und eingespielte Strukturen verloren gehen.
Vorsorgekapazitäten besitzen einen eigenen Wert
Medizinische Versorgung muss Reserven vorhalten.
Ein Kreißsaal kann nicht erst dann zusätzliches Personal einstellen, wenn innerhalb weniger Stunden mehrere komplizierte Geburten gleichzeitig beginnen.
Etwa 50 Beschäftigte sind betroffen
Von der Schließung der Frauenheilkunde und Geburtshilfe sind nach bisherigen Angaben rund 50 Mitarbeiter betroffen.
Hebammen und Ärzte verlieren ihren bisherigen Arbeitsplatz
Besonders betroffen sind Hebammen sowie ärztliches Personal. Für Pflegekräfte wurden teilweise Einsatzmöglichkeiten innerhalb anderer Alexianer-Einrichtungen geprüft. Für spezialisierte Hebammen und Ärzte waren solche Lösungen offenbar schwieriger.
Erfahrene Teams werden auseinandergerissen
Eine Geburtshilfe funktioniert nicht nur durch einzelne Fachkräfte.
Entscheidend sind eingespielte Abläufe zwischen Hebammen, Ärzten, Operationspersonal, Anästhesie, Pflege und Kinderärzten. Wird ein Team aufgelöst, lässt sich diese Erfahrung später nur schwer wiederherstellen.
Personal könnte der Region verloren gehen
Ein Teil der Beschäftigten könnte an andere Kliniken in Berlin oder Brandenburg wechseln.
Das würde den Fachkräftemangel in Potsdam und im direkten Umland weiter verschärfen.
Protest wuchs innerhalb weniger Tage
Die angekündigte Schließung löste erheblichen Widerstand aus.
Petition erhielt Tausende Unterschriften
Eine Onlinepetition zur Rettung der Geburtsstation sammelte innerhalb kurzer Zeit mehrere Tausend Unterstützer. Wenige Tage nach ihrem Start wurden zunächst rund 7.000 Unterschriften gemeldet; später stieg die Zahl auf weit über 15.000.
Die hohe Beteiligung zeigt, dass die Station für viele Familien weit mehr als ein beliebiges medizinisches Angebot war.
Ehemalige Patientinnen berichten von enger Betreuung
Das St. Josefs-Krankenhaus war für eine vergleichsweise persönliche Geburtshilfe bekannt.
Die Klinik warb mit zwei Geburtsräumen, einem Vorwehenzimmer, Wassergeburten und einer Betreuung in möglichst häuslicher Atmosphäre.
Protest kam offenbar zu spät
Trotz der Unterschriften hielt der Träger an der Schließung fest.
Die bereits eingetretene Personalentwicklung führte schließlich dazu, dass selbst der angekündigte Termin Anfang August nicht mehr erreicht wurde.
Hebammenverband warnt vor längeren Wegen und Überlastung
Die Schließung in Potsdam ist kein Einzelfall.
Mehrere Geburtsstationen in Brandenburg betroffen
Auch in anderen Teilen Brandenburgs wurden oder werden Geburtsangebote eingeschränkt. Der Hebammenverband verweist unter anderem auf Entwicklungen in Ludwigsfelde, Strausberg und Forst.
Damit wächst die Entfernung zwischen vielen Wohnorten und dem nächsten Kreißsaal.
Längere Anfahrten erhöhen Risiken
Geburten lassen sich nicht immer genau planen.
Bei schnellen Verläufen können lange Fahrtzeiten dazu führen, dass Kinder ungeplant im Rettungswagen, zu Hause oder an anderen ungeeigneten Orten geboren werden.
Frauen könnten aus Sorge zu früh in die Klinik fahren
Wer eine längere Strecke zurücklegen muss, fährt möglicherweise deutlich früher los.
Das kann zu längeren Klinikaufenthalten und medizinischen Eingriffen führen, die bei einem wohnortnahen Angebot möglicherweise nicht notwendig gewesen wären.
Ernst von Bergmann muss zusätzliche Kapazitäten schaffen
Die Erklärung, die Versorgung sei weiterhin gesichert, muss sich im Alltag beweisen.
Mehr Kreißsaalplätze allein reichen nicht
Zusätzliche Geburten benötigen Hebammen, Ärzte, Pflegekräfte, Betten, Operationskapazitäten und Räume für Wochenbett und Neugeborene.
Eine rechnerisch vorhandene Raumreserve hilft wenig, wenn das nötige Personal fehlt.
Hebammen müssen dauerhaft gewonnen werden
Das Ernst-von-Bergmann-Klinikum sollte möglichst viele der bisherigen Mitarbeiter des St. Josefs-Krankenhauses übernehmen.
Damit könnten Erfahrung erhalten und der zusätzliche Arbeitsaufwand besser bewältigt werden.
Aufnahmegrenzen müssen transparent sein
Schwangere benötigen klare Informationen, ob und unter welchen Bedingungen das Klinikum alle Potsdamer Geburten aufnehmen kann.
Sollten zeitweise Verlegungen in andere Häuser notwendig werden, müssen feste Kooperationen und Transportwege bestehen.
Vorsorge, Geburt und Wochenbett müssen zusammenpassen
Geburtshilfe besteht nicht nur aus dem Aufenthalt im Kreißsaal.
Geburtsvorbereitung ist Vertrauensarbeit
Viele Frauen lernen ihre Klinik bereits durch Informationsabende, Vorgespräche und Untersuchungen kennen.
Ein kurzfristiger Wechsel zerstört dieses aufgebaute Vertrauen.
Nachsorge bleibt Aufgabe ambulanter Hebammen
Nach der Entlassung benötigen Familien häufig Unterstützung beim Stillen, bei der Versorgung des Kindes und bei gesundheitlichen Fragen.
Schon heute finden nicht alle Frauen rechtzeitig eine Hebamme für die Wochenbettbetreuung.
Klinikschließung kann ambulanten Bereich zusätzlich belasten
Wenn Frauen früher entlassen werden, um Betten freizuhalten, steigt der Bedarf an ambulanter Nachsorge.
Diese Kapazitäten müssen deshalb parallel zur stationären Umstrukturierung ausgebaut werden.
Frauenheilkunde verschwindet ebenfalls aus dem St. Josefs
Die öffentliche Aufmerksamkeit konzentriert sich stark auf den Kreißsaal.
Auch gynäkologische Behandlungen enden
Die Klinik gab nicht nur die Geburtshilfe, sondern die gesamte Frauenheilkunde auf.
Dazu gehören Untersuchungen, Operationen und Behandlungen gynäkologischer Erkrankungen.
Ernst von Bergmann übernimmt auch diese Fälle
Das kommunale Klinikum bietet weiterhin ein umfassendes gynäkologisches Angebot.
Die zusätzliche Nachfrage kann jedoch Wartezeiten bei planbaren Untersuchungen und Operationen erhöhen.
Vorsorge findet überwiegend ambulant statt
Niedergelassene Frauenärzte bleiben für Vorsorge und viele Behandlungen zuständig.
In Potsdam und dem Umland sind kurzfristige Facharzttermine jedoch nicht unbegrenzt verfügbar. Der stationäre Rückzug darf deshalb nicht ohne Blick auf den ambulanten Bereich erfolgen.
Neurologie soll ebenfalls aufgegeben werden
Zum 1. August will sich das St. Josefs-Krankenhaus auch aus der Neurologie zurückziehen.
Schlaganfälle benötigen schnelle Versorgung
Neurologische Notfälle gehören zu den zeitkritischsten Erkrankungen.
Bei einem Schlaganfall entscheidet jede Minute darüber, wie viel Hirngewebe gerettet werden kann.
Aufgaben müssen eindeutig verteilt werden
Das Land und die Potsdamer Kliniken müssen erklären, welcher Standort künftig welche neurologischen Leistungen übernimmt.
Für Rettungsdienste darf keine Unsicherheit entstehen, wohin ein Patient gebracht werden soll.
Konzentration braucht ausreichende Kapazitäten
Spezialisierung kann die Qualität verbessern, wenn am verbleibenden Standort ausreichend Personal, Betten und Diagnostik vorhanden sind.
Ohne diese Voraussetzungen entsteht keine bessere Versorgung, sondern lediglich eine Verlagerung der Überlastung.
Auch Ernst von Bergmann streicht Fachbereiche
Die Veränderungen betreffen beide großen Potsdamer Krankenhäuser.
Orthopädie und Gefäßchirurgie werden nicht mehr vorgehalten
Das Klinikum Ernst von Bergmann kündigte an, sich aus eigenständigen Angeboten der Orthopädie und Gefäßchirurgie zurückzuziehen. Als Grund nannte das Haus ebenfalls die notwendige Spezialisierung im Zuge der Krankenhausreform.
Oberlinklinik und Alexianer übernehmen Schwerpunkte
Die Oberlinklinik soll künftig mehrheitlich zu den Alexianern gehören. Der Verbund will unter anderem Orthopädie und Gefäßmedizin ausbauen.
Damit werden Leistungen zwischen den Häusern neu verteilt, statt vollständig aus Potsdam zu verschwinden.
Patienten brauchen verständliche Informationen
Für Bürger ist die neue Aufgabenverteilung schwer zu überblicken.
Eine zentrale Übersicht sollte zeigen, welches Krankenhaus bei welchem Notfall, welcher Operation und welcher Fachrichtung zuständig ist.
Krankenhausreform setzt auf Spezialisierung
Hinter den Entscheidungen steht ein grundlegender Umbau der deutschen Krankenhauslandschaft.
Nicht jede Leistung soll überall angeboten werden
Die Reform verfolgt das Ziel, komplizierte Behandlungen an Standorten zu bündeln, die über ausreichend Erfahrung, Personal und technische Ausstattung verfügen.
Damit sollen Qualität verbessert und unwirtschaftliche Doppelstrukturen vermieden werden.
Spezialisierung kann medizinisch sinnvoll sein
Eine Klinik, die einen Eingriff häufig durchführt, erzielt häufig bessere Ergebnisse als ein Haus mit nur wenigen Fällen.
Dieser Grundsatz gilt besonders bei komplexen Operationen und seltenen Erkrankungen.
Geburtshilfe ist keine gewöhnliche planbare Leistung
Eine Geburt lässt sich jedoch nicht wie eine Hüftoperation wochenlang vorausplanen.
Wohnortnähe, Erreichbarkeit und jederzeit verfügbare Kapazitäten besitzen deshalb ein besonderes Gewicht.
Wirtschaftlichkeit darf nicht allein entscheiden
Geburtsstationen gelten vielerorts als finanziell schwierig.
Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft kostet Geld
Hebammen, Ärzte, Operationspersonal und Anästhesie müssen auch dann verfügbar sein, wenn gerade keine Geburt stattfindet.
Diese Vorhaltekosten lassen sich bei niedrigen Geburtenzahlen nur schwer über Fallpauschalen finanzieren.
Leere Kapazität ist kein überflüssiger Luxus
Bei Notfallversorgung bedeutet eine zeitweise freie Kapazität Sicherheit.
Ein Rettungswagen wird ebenfalls nicht erst dann angeschafft, wenn ein Unfall bereits passiert ist.
Daseinsvorsorge braucht verlässliche Finanzierung
Wenn Politik wohnortnahe Geburtshilfe erhalten will, muss sie die notwendige Bereitschaft gesondert finanzieren.
Klinikträger können nicht dauerhaft Leistungen anbieten, deren Kosten strukturell nicht gedeckt sind.
Einzige Babyklappe Brandenburgs wurde geschlossen
Mit dem Ende der Geburtshilfe ist auch die Babyklappe am St. Josefs-Krankenhaus außer Betrieb.
Seit 2003 wurden zwölf Kinder abgegeben
Die Einrichtung bestand seit mehr als zwei Jahrzehnten. Nach Angaben des Landes wurden dort insgesamt zwölf Kinder abgegeben. In den vergangenen fünf Jahren sei sie nicht genutzt worden.
Ministerium verweist auf alternative Hilfen
Das Gesundheitsministerium hält die Schließung für vertretbar und verweist unter anderem auf die Möglichkeit einer vertraulichen oder anonymen Geburt sowie auf Beratungsangebote.
Ab September sollen zusätzlich sogenannte Babylotsinnen Schwangere und junge Familien unterstützen.
Oberbürgermeisterin fordert Verlagerung
Potsdams Oberbürgermeisterin Noosha Aubel sprach sich dafür aus, die Babyklappe an das Ernst-von-Bergmann-Klinikum zu verlagern. Erste Gespräche seien dazu geführt worden.
Babyklappe und vertrauliche Geburt sind nicht dasselbe
Die Diskussion darf nicht allein anhand der geringen Nutzungszahl geführt werden.
Babyklappe ist ein Angebot für extreme Notsituationen
Frauen können ein Neugeborenes anonym und geschützt abgeben, ohne unmittelbar persönlichen Kontakt aufnehmen zu müssen.
Das Angebot richtet sich an Menschen, die möglicherweise von Angst, Gewalt oder völliger Verzweiflung geprägt sind.
Vertrauliche Geburt bietet medizinische Sicherheit
Bei einer vertraulichen Geburt erhält die Frau medizinische Betreuung, während ihre Identität geschützt wird.
Das Kind kann später unter bestimmten Voraussetzungen Informationen über seine Herkunft erhalten.
Beide Angebote können sich ergänzen
Die vertrauliche Geburt ist rechtlich und medizinisch grundsätzlich vorzuziehen.
Eine Babyklappe kann dennoch als letzte Notlösung bestehen bleiben, wenn eine Frau andere Hilfen nicht erreicht oder nicht annimmt.
Rettungsdienst und Umlandkliniken werden wichtiger
Nicht jede Schwangere aus Potsdam wird künftig automatisch im Ernst-von-Bergmann-Klinikum entbinden.
Berlin liegt geografisch nah
Einige Familien könnten auf Kliniken in Berlin ausweichen.
Das setzt allerdings voraus, dass dort freie Kapazitäten vorhanden sind und die Anfahrt im Berufsverkehr rechtzeitig gelingt.
Kliniken im Umland müssen vorbereitet sein
Auch Krankenhäuser in Brandenburg können zusätzliche Patientinnen aufnehmen müssen.
Das Land sollte deshalb nicht nur die Potsdamer Kapazität betrachten, sondern das gesamte regionale Geburtsnetz.
Rettungsdienst braucht klare Zielkliniken
Bei einer ungeplanten oder komplizierten Geburt muss sofort feststehen, welche Klinik aufnahmebereit ist.
Telefonische Suchfahrten zwischen mehreren Häusern kosten wertvolle Zeit.
Wahlfreiheit wird deutlich kleiner
Viele Frauen wählen ihren Geburtsort nach medizinischen und persönlichen Kriterien.
Persönliche Atmosphäre oder Maximalversorgung
Einige Schwangere bevorzugen eine kleinere Station mit ruhiger Atmosphäre.
Andere entscheiden sich bewusst für ein großes Perinatalzentrum mit Kinderintensivmedizin.
Mit der Schließung besteht diese Wahl innerhalb Potsdams nicht mehr.
Konkurrenz kann Qualität fördern
Zwei Kliniken können unterschiedliche Konzepte entwickeln und um Patienten sowie Fachkräfte werben.
Bei nur einem Anbieter fehlt dieser Vergleich.
Medizinische Sicherheit bleibt entscheidend
Wahlfreiheit darf allerdings nicht bedeuten, eine Station ohne ausreichendes Personal künstlich offen zu halten.
Ein sicherer Kreißsaal ist wichtiger als die bloße Zahl vorhandener Standorte.
Stadt und Land müssen Zahlen offenlegen
Die Öffentlichkeit benötigt mehr als die allgemeine Aussage, die Versorgung sei gesichert.
Wie viele Geburten hatte das St. Josefs-Krankenhaus?
Aktuelle und vollständige Zahlen würden zeigen, welche zusätzliche Belastung auf das Ernst-von-Bergmann-Klinikum zukommt.
Wie viele Kreißsäle und Betten stehen künftig bereit?
Die vorhandenen Kapazitäten sollten dem erwarteten Bedarf gegenübergestellt werden.
Wie viele Hebammen werden zusätzlich eingestellt?
Räume allein garantieren keine Versorgung.
Welche Warte- und Aufnahmeregeln gelten?
Schwangere müssen wissen, an wen sie sich bei Wehen, Beschwerden oder Unsicherheit wenden können.
Was geschieht mit der Babyklappe?
Eine Entscheidung über Verlagerung oder endgültige Aufgabe sollte zeitnah fallen.
Wie wird die Neurologie neu geordnet?
Auch dort braucht es eindeutige Zuständigkeiten und ausreichende Notfallkapazitäten.
Eine wachsende Landeshauptstadt darf ihre medizinische Versorgung nicht nur nach Tabellen ordnen
Die vorgezogene Schließung der Geburtsstation ist ein Alarmsignal.
Wenn eine Klinik nach Bekanntgabe ihres Rückzugs innerhalb weniger Tage so viel Personal verliert, dass ein sicherer Betrieb nicht einmal bis zum angekündigten Termin möglich ist, war die Umstellung offensichtlich nicht ausreichend vorbereitet.
Natürlich darf kein Kreißsaal ohne genügend Hebammen und Ärzte geöffnet bleiben. Die sofortige Schließung war unter diesen Bedingungen medizinisch notwendig.
Die entscheidende Frage lautet jedoch, weshalb Stadt, Land und Klinikträger keine geordnete Übergangslösung geschaffen haben.
Potsdam wächst. Die Stadt baut neue Wohnungen, gewinnt Einwohner und übernimmt Versorgungsfunktionen für das Umland. Gleichzeitig verliert sie einen Kreißsaal, Frauenheilkunde, Neurologie und weitere Klinikangebote.
Spezialisierung kann medizinisch sinnvoll sein. Nicht jedes Krankenhaus muss jede komplizierte Operation anbieten. Doch Geburtshilfe ist eine Leistung, bei der Erreichbarkeit und Reservekapazitäten über Sicherheit entscheiden.
Das Ernst-von-Bergmann-Klinikum muss nun beweisen, dass es die zusätzlichen Geburten tatsächlich mit ausreichend Personal übernehmen kann. Allgemeine Versicherungen reichen nicht. Erforderlich sind konkrete Zahlen zu Hebammen, Kreißsälen, Betten und Notfallreserven.
Ebenso falsch wäre es, den Protest der Familien als reine Nostalgie abzutun. Eine vertraute Geburtsstation besitzt einen medizinischen und menschlichen Wert, der sich nicht vollständig in Fallzahlen ausdrücken lässt.
Die Krankenhausreform darf nicht dazu führen, dass funktionierende Teams zuerst aufgelöst und tragfähige Ersatzstrukturen erst später gesucht werden.
Potsdam braucht eine nachvollziehbare medizinische Gesamtplanung. Sie muss zeigen, wie Geburtshilfe, Frauenmedizin, Neurologie, Orthopädie und Gefäßmedizin künftig zusammenwirken.
Die Geburtshilfe am St. Josefs-Krankenhaus ist verloren. Umso wichtiger ist, dass aus dieser übereilten Schließung kein Muster für die nächsten Klinikentscheidungen wird.