Brandenburg an der Havel. Schlaglöcher, Fahrbahnrisse und abgesackte Straßenränder gehören für viele Einwohner längst zum Alltag.

Nun zeigen Zahlen der Landesregierung, wie groß das Problem tatsächlich ist: Rund 84 Prozent der Landesstraßen im Gebiet der Stadt Brandenburg an der Havel wurden bei der letzten Zustandserfassung als sehr schlecht eingestuft.

Damit gehört die Havelstadt zu den besonders stark betroffenen Regionen Brandenburgs. Noch schlechter ist die Lage nur in Cottbus, wo etwa 97 Prozent der Landesstraßen in die schlechteste Kategorie fallen. Landesweit wurden 46,6 Prozent der Landesstraßen als sehr schlecht und weitere 18 Prozent als schlecht bewertet.

Die zugrunde liegenden Messungen stammen aus dem Jahr 2023. Neue Zahlen sollen im Laufe des Jahres 2026 veröffentlicht werden.

Mehr als vier von fünf Abschnitten in schlechtester Kategorie

Die Ergebnisse stammen aus einer Antwort des Brandenburger Verkehrsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage.

Bewertet werden Straßen unter anderem anhand von Unebenheiten, Rissen, Verformungen, Oberflächenschäden und weiteren Merkmalen. Wird ein Abschnitt als sehr schlecht eingestuft, besteht nach dem Bewertungssystem in der Regel dringender Erhaltungsbedarf.

Für Brandenburg an der Havel bedeutet der Wert von 84 Prozent, dass nicht nur einzelne problematische Straßen betroffen sind.

Es handelt sich um ein strukturelles Problem.

Landesstraßen verbinden Stadtteile, Gewerbegebiete und umliegende Gemeinden. Sie werden von Berufspendlern, Lieferverkehr, Bussen, Rettungsdiensten und Handwerksunternehmen genutzt.

Sind diese Verkehrsachsen beschädigt, hat das Folgen für die gesamte Stadt.

Welche Straßen konkret betroffen sind

Die veröffentlichte Statistik nennt zunächst den prozentualen Gesamtzustand der Landesstraßen im Stadtgebiet. Eine allgemein zugängliche vollständige Rangfolge jedes einzelnen Abschnitts liegt bislang nicht vor.

Zu den Landesstraßen im Bereich Brandenburg an der Havel und der angrenzenden Ortsteile gehören beziehungsweise gehörten je nach Straßenabschnitt unter anderem wichtige Verbindungen in Richtung:

  • Plaue,
  • Kirchmöser,
  • Brielow,
  • Fohrde,
  • Wusterwitz,
  • Schmerzke,
  • und das weitere Umland.

Die genaue Baulast kann innerhalb geschlossener Ortschaften unterschiedlich geregelt sein. Nicht jede beschädigte Straße wird automatisch vom Land unterhalten. Teilweise liegt die Verantwortung bei der Stadt, teilweise beim Landesbetrieb Straßenwesen oder bei anderen Straßenbaulastträgern.

Für Bürger ist diese Aufteilung häufig schwer nachvollziehbar.

Sie erleben eine kaputte Straße – und erwarten zu Recht, dass die zuständigen Behörden das Problem lösen.

Brandenburg an der Havel ist auf gute Straßen angewiesen

Die Stadt besitzt eine besondere geografische Struktur.

Brandenburg an der Havel besteht nicht nur aus einer kompakten Innenstadt. Das Stadtgebiet umfasst weit auseinanderliegende Ortsteile, Industrieflächen, Seen, Wasserläufe und ländlich geprägte Bereiche.

Viele Wege lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres zu Fuß, mit dem Fahrrad oder ausschließlich mit Straßenbahn und Bus zurücklegen.

Das Auto bleibt für zahlreiche Einwohner notwendig – insbesondere für:

  • Schichtarbeiter,
  • Handwerker,
  • Pflegekräfte,
  • Familien,
  • Einwohner der äußeren Ortsteile,
  • und Beschäftigte mit Arbeitsplätzen außerhalb der Stadt.

Auch der Wirtschaftsverkehr ist auf belastbare Straßen angewiesen.

Brandenburg an der Havel ist ein Industrie- und Logistikstandort. Unternehmen benötigen verlässliche Verbindungen zur Autobahn A2, zu Gewerbegebieten, Bahnhöfen und umliegenden Städten.

Marode Landesstraßen sind deshalb nicht nur ein Ärgernis für Autofahrer.

Sie sind ein Standortnachteil.

Schäden verursachen zusätzliche Kosten

Schlechte Straßen verteuern Mobilität.

Fahrzeuge werden durch Schlaglöcher, Unebenheiten und beschädigte Fahrbahnkanten stärker belastet. Betroffen sind insbesondere:

  • Reifen,
  • Felgen,
  • Stoßdämpfer,
  • Achsen,
  • Lenkung,
  • und Fahrzeugaufhängung.

Für private Haushalte können daraus hohe Reparaturkosten entstehen.

Noch größer ist die Belastung für Unternehmen mit Transportern, Lastwagen oder regelmäßig eingesetzten Dienstfahrzeugen. Auch Busunternehmen und kommunale Betriebe müssen mit höherem Verschleiß rechnen.

Hinzu kommen längere Fahrzeiten, wenn Geschwindigkeiten reduziert, Abschnitte gesperrt oder Umleitungen eingerichtet werden müssen.

Damit kostet unterlassene Straßensanierung ebenfalls Geld – nur erscheint diese Rechnung nicht unmittelbar im Landeshaushalt.

Sie landet bei Bürgern und Unternehmen.

Reparieren reicht häufig nicht mehr

Über Jahre wurden Schäden vielerorts punktuell ausgebessert.

Schlaglöcher werden geschlossen, Risse verfüllt und einzelne Fahrbahnbereiche erneuert. Solche Maßnahmen sind notwendig, können aber eine grundlegende Sanierung nicht dauerhaft ersetzen.

Ist der Unterbau einer Straße beschädigt, kehren Oberflächenschäden häufig schnell zurück.

Dann entsteht ein teurer Kreislauf:

Im Winter bricht die Fahrbahn auf.

Im Frühjahr wird notdürftig repariert.

Nach einigen Monaten treten erneut Risse und Verformungen auf.

Langfristig kann eine vollständige Erneuerung günstiger sein als eine jahrelange Folge kleiner Reparaturen.

Dafür braucht es jedoch ausreichende Investitionsmittel und belastbare Planungen.

Verkehrsminister räumt Probleme ein

Brandenburgs Verkehrsminister Robert Crumbach erklärte, der Zustand vieler Landesstraßen sei nicht zufriedenstellend und werde von den Menschen täglich wahrgenommen.

Das Land wolle die verfügbaren Mittel gezielt auf besonders belastete und geschädigte Abschnitte konzentrieren und die Substanz des Straßennetzes schrittweise verbessern.

Diese Priorisierung ist grundsätzlich nachvollziehbar.

Nicht alle Straßen können gleichzeitig saniert werden. Planungskapazitäten, Bauunternehmen und Haushaltsmittel sind begrenzt.

Für Brandenburg an der Havel stellt sich jedoch eine entscheidende Frage:

Wenn 84 Prozent der Landesstraßen als sehr schlecht gelten, welcher Abschnitt hat dann keine hohe Priorität?

Ein schrittweises Vorgehen darf nicht bedeuten, dass die Sanierung über Jahrzehnte gestreckt wird.

Alte Daten machen die Planung schwieriger

Die aktuellen öffentlich diskutierten Werte beruhen auf der Zustandserfassung von 2023.

Bis zur Veröffentlichung im Juni 2026 waren diese Daten somit bereits rund drei Jahre alt.

In dieser Zeit können sich Schäden deutlich vergrößert haben. Frost, Hitze, Schwerverkehr und eindringendes Wasser verschlechtern angeschlagene Fahrbahnen weiter.

Es ist deshalb dringend notwendig, dass das Land die angekündigten neuen Zustandsdaten zeitnah vorlegt.

Nur mit aktuellen Messungen lässt sich seriös entscheiden:

  • Welche Straßen müssen sofort saniert werden?
  • Wo reichen kleinere Reparaturen?
  • Welche Abschnitte müssen aus Sicherheitsgründen eingeschränkt werden?
  • Wie hoch ist der tatsächliche Investitionsbedarf?
  • Und welche Projekte sollen bis wann umgesetzt werden?

Transparenz ist dabei entscheidend.

Die Öffentlichkeit sollte nicht nur Prozentwerte erhalten, sondern einen konkreten Sanierungsplan.

Brücken verschärfen die Herausforderung

Brandenburg an der Havel ist eine Stadt der Brücken.

Durch Havel, Seen, Kanäle und Eisenbahnlinien gibt es im Stadtgebiet besonders viele Bauwerke. Damit steigt auch der Erhaltungsaufwand.

Mehrere Brücken mussten in den vergangenen Jahren eingeschränkt, gesperrt oder ersetzt werden. Nach regionalen Recherchen besitzt Brandenburg an der Havel im Landesvergleich besonders viele Brückenbauwerke; einzelne Projekte werden die Stadt noch über Jahre beschäftigen.

Straßen- und Brückensanierung lassen sich dabei nicht getrennt betrachten.

Eine erneuerte Straße nützt wenig, wenn die anschließende Brücke nur eingeschränkt befahrbar ist. Umgekehrt führt ein Brückenneubau ohne Sanierung der Zufahrten ebenfalls nicht zu einer dauerhaft leistungsfähigen Verbindung.

Die Stadt und das Land benötigen daher ein gemeinsames Infrastrukturkonzept.

Rettungsdienste dürfen nicht ausgebremst werden

Schlechte Straßen betreffen auch Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei.

Einsatzfahrzeuge müssen schnell und sicher fahren können. Starke Fahrbahnschäden, Baustellen oder Gewichtsbeschränkungen können Wege verlängern.

In einem medizinischen Notfall zählt jede Minute.

Auch für die Feuerwehr kann eine verzögerte Anfahrt erhebliche Folgen haben.

Bei der Priorisierung von Sanierungen sollten deshalb nicht nur Verkehrszahlen betrachtet werden. Wichtig sind auch:

  • Zufahrten zu Krankenhäusern,
  • Feuerwachen und Rettungsstationen,
  • Schulwege,
  • Busverbindungen,
  • Gewerbegebiete,
  • und mögliche Umleitungsstrecken.

Eine Straße mit vergleichsweise wenig Verkehr kann trotzdem systemrelevant sein.

Baustellen müssen besser koordiniert werden

Sanierungen sind notwendig, verursachen aber zunächst neue Belastungen.

Werden mehrere wichtige Straßen oder Brücken gleichzeitig gesperrt, kann das gesamte Verkehrsnetz einer Stadt überfordert werden.

Brandenburg an der Havel benötigt deshalb eine vorausschauende Baustellenkoordination.

Dazu gehören:

  • aufeinander abgestimmte Zeitpläne,
  • frühzeitige Informationen,
  • nachvollziehbare Umleitungen,
  • Schutz kleiner Nebenstraßen,
  • sichere Wege für Fußgänger und Radfahrer,
  • sowie abgestimmte Fahrpläne des Nahverkehrs.

Auch Unternehmen müssen rechtzeitig erfahren, wann Zufahrten eingeschränkt sind.

Eine gute Baustellenplanung verhindert nicht jede Belastung. Sie kann aber verhindern, dass aus notwendigen Sanierungen ein vermeidbares Verkehrschaos entsteht.

Fahrradwege gehören zur Sanierung dazu

Bei der Erneuerung von Landesstraßen sollte nicht ausschließlich die Fahrbahn für Autos betrachtet werden.

Viele Verbindungen werden auch von Radfahrern genutzt. Fehlende oder beschädigte Radwege können besonders außerhalb geschlossener Ortschaften gefährlich sein.

Wenn eine Straße grundlegend saniert wird, sollte deshalb geprüft werden, ob gleichzeitig:

  • Radwege erneuert oder ergänzt,
  • sichere Querungen geschaffen,
  • Bushaltestellen barrierefrei ausgebaut,
  • und Fußwege verbessert werden können.

Eine gemeinsame Planung ist oft günstiger, als wenige Jahre später erneut eine Baustelle einzurichten.

Dabei müssen Radverkehrsprojekte pragmatisch gestaltet werden. Entscheidend sind sichere, tatsächlich nutzbare Verbindungen – nicht möglichst komplizierte Symbolprojekte.

Wer trägt die Verantwortung?

Bei Infrastrukturprojekten führt die Aufteilung der Zuständigkeiten regelmäßig zu Streit.

Das Land verweist auf kommunale Aufgaben.

Die Stadt verweist auf den Landesbetrieb.

Der Bund ist für andere Straßen zuständig.

Für Bürger ist diese Abgrenzung zweitrangig.

Sie zahlen Steuern an alle staatlichen Ebenen und erwarten funktionierende Infrastruktur.

Notwendig ist deshalb eine klare öffentliche Übersicht:

  • Welche Straße gehört wem?
  • Wie wurde ihr Zustand bewertet?
  • Welche Maßnahme ist geplant?
  • Wann beginnt die Sanierung?
  • Wie hoch sind die Kosten?
  • Und wer ist Ansprechpartner?

Eine solche Übersicht könnte online regelmäßig aktualisiert werden.

Infrastruktur ist eine Kernaufgabe des Staates

In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche neue politische Programme und Förderangebote geschaffen.

Viele davon verfolgen berechtigte Ziele.

Doch die grundlegende Infrastruktur darf darüber nicht vernachlässigt werden.

Straßen, Brücken, Schienen, Wasserleitungen und öffentliche Gebäude sind die Grundlage für wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftliches Leben.

Eine Stadt kann keine neuen Unternehmen gewinnen, wenn Zufahrten marode sind.

Sie kann keinen leistungsfähigen Nahverkehr anbieten, wenn Busse und Straßenbahnen durch dauerhafte Baustellen ausgebremst werden.

Und sie kann ihre Ortsteile nicht zusammenhalten, wenn wichtige Verbindungen immer schlechter werden.

Straßenerhalt ist deshalb keine rückwärtsgewandte Autopolitik.

Er ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge.

84 Prozent sind ein politisches Alarmsignal

Die Zahlen für Brandenburg an der Havel sind erschreckend.

Wenn mehr als vier von fünf Landesstraßen als sehr schlecht gelten, handelt es sich nicht mehr um vereinzelte Schäden.

Es handelt sich um einen jahrelang gewachsenen Investitionsstau.

Das Land erkennt die Probleme an und verspricht eine schrittweise Verbesserung. Nun müssen konkrete Projekte, Prioritäten und Termine folgen.

Brandenburg an der Havel benötigt einen öffentlich nachvollziehbaren Sanierungsplan, der Straßen, Brücken, Nahverkehr und Radwege gemeinsam betrachtet.

Dabei muss klar sein: Jede weitere Verzögerung macht die spätere Erneuerung teurer.

Straßen verfallen nicht linear. Kleine Risse werden zu großen Schäden, Wasser dringt in den Unterbau ein und aus einer möglichen Reparatur wird ein vollständiger Neubau.

Die Stadt kann sich einen dauerhaften Zustand des Mangels nicht leisten.

Nicht als Wohnort.

Nicht als Wirtschaftsstandort.

Und nicht als Oberzentrum für eine ganze Region.