Dessau-Roßlau. Mit einem symbolischen ersten Spatenstich haben die Stadtwerke Dessau am 9. Juli 2026 den Bau einer neuen Energiezentrale am Zoberberg begonnen.
Die Anlage entsteht auf einer Fläche neben dem Umspannwerk Alten. Sie soll künftig Wärme für das Wohngebiet Zoberberg, das Städtische Klinikum Dessau sowie weitere Bereiche des städtischen Fernwärmenetzes erzeugen. Nach Angaben der Projektpartner investieren die Stadtwerke rund 15 Millionen Euro in das Vorhaben.
Das Projekt ist ein zentraler Bestandteil des Fernwärme-Transformationsplans der Stadtwerke. Ziel ist es, die Wärmeversorgung schrittweise von fossilen Energieträgern zu lösen, erneuerbare Energiequellen stärker einzubinden und die Versorgung dezentraler aufzustellen.
Drei Technologien arbeiten zusammen
Die neue Anlage gehört zur sogenannten innovativen Kraft-Wärme-Kopplung, kurz iKWK.
Anders als ein herkömmliches Heizkraftwerk setzt sie nicht nur auf einen einzelnen Wärmeerzeuger. Mehrere technische Komponenten sollen abhängig von Energiebedarf, Stromangebot und Betriebsbedingungen miteinander kombiniert werden.
Geplant sind:
- ein wasserstofftaugliches Blockheizkraftwerk,
- eine elektrische Großwärmepumpe,
- ein großer Wärmespeicher,
- sowie die erforderliche Steuerungs- und Netztechnik.
Das Blockheizkraftwerk erzeugt gleichzeitig Strom und Wärme. Dabei wird die bei der Stromproduktion entstehende Wärme nicht ungenutzt an die Umgebung abgegeben, sondern in das Fernwärmenetz eingespeist.
Die Großwärmepumpe soll Wärme aus der Umgebung beziehungsweise aus einer geeigneten Niedertemperaturquelle auf ein nutzbares Temperaturniveau bringen. Der Speicher ermöglicht es, erzeugte Wärme zeitversetzt zu verwenden. Dadurch muss die Erzeugung nicht in jedem Augenblick exakt dem Verbrauch entsprechen.
Rund 30 Gigawattstunden grüne Fernwärme im Jahr
Nach Angaben des beteiligten Anlagenbauers soll die neue Energiezentrale nach ihrer Inbetriebnahme jährlich rund 30 Gigawattstunden grüne Fernwärme bereitstellen.
Diese Wärmemenge soll einen erheblichen Beitrag zur Versorgung des westlichen Dessauer Stadtgebietes leisten. Eine genaue Zahl der damit versorgbaren Wohnungen wurde bislang nicht veröffentlicht. Der tatsächliche Bedarf hängt zudem von Gebäudezustand, Wohnungsgröße, Außentemperaturen und Nutzerverhalten ab.
Die Anlage wird jedoch nicht ausschließlich ein einzelnes Wohngebiet versorgen.
Neben dem Zoberberg gehört das Städtische Klinikum zu den vorgesehenen Wärmeabnehmern. Gerade Krankenhäuser benötigen ganzjährig eine besonders zuverlässige Energieversorgung. Wärme wird dort nicht nur während der Heizperiode gebraucht, sondern unter anderem auch für Warmwasser, technische Anlagen und bestimmte medizinische Betriebsbereiche.
Klinikum braucht besonders hohe Versorgungssicherheit
Ein Ausfall der Wärmeversorgung wäre bei einem Krankenhaus erheblich kritischer als in einem gewöhnlichen Verwaltungsgebäude.
Patientenzimmer, Operationsbereiche und medizinische Einrichtungen müssen zuverlässig temperiert werden. Hinzu kommt ein hoher Warmwasserbedarf. Die Energieversorgung muss deshalb auch bei Wartungsarbeiten oder technischen Störungen abgesichert bleiben.
Die dezentrale Anlage am Zoberberg kann dazu beitragen, Erzeugungskapazitäten näher an wichtige Verbraucher zu bringen.
Damit werden lange Transportwege innerhalb des Fernwärmenetzes verringert und zusätzliche Möglichkeiten geschaffen, wenn andere Erzeugungsanlagen zeitweise nicht zur Verfügung stehen.
Dezentral bedeutet allerdings nicht automatisch vollständig unabhängig. Auch die neue Energiezentrale bleibt auf Strom, Gas beziehungsweise perspektivisch andere Brennstoffe sowie ein funktionierendes Wärmenetz angewiesen.
Wasserstofftauglich heißt nicht sofort mit Wasserstoff betrieben
Die Stadtwerke beschreiben das Blockheizkraftwerk als wasserstofftauglich.
Dieser Begriff ist wichtig, muss aber richtig eingeordnet werden.
Er bedeutet zunächst, dass die Anlage technisch darauf vorbereitet werden soll, künftig Wasserstoff oder wasserstoffhaltige Gasgemische zu nutzen. Daraus folgt nicht automatisch, dass sie bereits vom ersten Betriebstag an vollständig mit grünem Wasserstoff arbeitet.
Grüner Wasserstoff wird mithilfe erneuerbaren Stroms hergestellt. Er ist derzeit noch vergleichsweise knapp und teuer. Zudem müssen Transport, Speicherung und regionale Verfügbarkeit geklärt werden.
Die Wasserstofffähigkeit soll verhindern, dass die heute errichtete Technik langfristig ausschließlich an fossiles Erdgas gebunden bleibt.
Ob und wann größere Mengen Wasserstoff tatsächlich eingesetzt werden, hängt jedoch von Preis, Verfügbarkeit und der weiteren Entwicklung der Energieinfrastruktur ab.
Großwärmepumpe nutzt Strom für die Wärmeerzeugung
Eine zentrale Rolle übernimmt die geplante Großwärmepumpe.
Das Prinzip ähnelt einer Wärmepumpe in einem Wohnhaus, allerdings in erheblich größerem Maßstab. Die Anlage entzieht einer vorhandenen Quelle Wärme und hebt deren Temperatur mithilfe elektrischer Energie an.
Besonders klimafreundlich arbeitet eine solche Wärmepumpe, wenn der eingesetzte Strom aus erneuerbaren Energien stammt.
Sie kann zudem dann verstärkt betrieben werden, wenn viel Wind- oder Solarstrom im Netz vorhanden ist. Überschüssige elektrische Energie wird auf diese Weise in nutzbare Wärme umgewandelt.
Der Wärmespeicher erlaubt es anschließend, diese Energie später abzugeben.
Dadurch kann die Anlage flexibler auf Schwankungen zwischen Stromerzeugung und Wärmebedarf reagieren.
Wärmespeicher entkoppelt Erzeugung und Verbrauch
Der Wärmebedarf eines Stadtteils verändert sich im Laufe eines Tages deutlich.
Am Morgen und Abend wird meist mehr Wärme und Warmwasser benötigt als in der Nacht oder während der Mittagsstunden. Auch Wetter und Jahreszeit beeinflussen den Verbrauch.
Ohne Speicher müssten Wärmeerzeuger ständig auf diese Veränderungen reagieren.
Ein großer Wärmespeicher funktioniert vereinfacht wie eine Thermoskanne. Er nimmt überschüssige Wärme auf und stellt sie später wieder bereit.
Das besitzt mehrere Vorteile:
- Erzeugungsanlagen können gleichmäßiger betrieben werden.
- Strom aus günstigen oder besonders erneuerbaren Zeiten kann besser genutzt werden.
- Verbrauchsspitzen lassen sich abfedern.
- Das Blockheizkraftwerk muss nicht bei jeder kurzfristigen Schwankung starten.
- Die Versorgungssicherheit steigt.
Die Größe des geplanten Speichers wurde in den bislang veröffentlichten Projektinformationen nicht näher beziffert.
Fernwärme soll bis 2045 klimaneutral werden
Die neue Energiezentrale ist Teil eines langfristigen Umbaus.
Die Stadtwerke Dessau verfolgen das Ziel, ihre Fernwärmeversorgung spätestens bis zum Jahr 2045 vollständig klimaneutral zu gestalten. Bis 2030 sollen mindestens 30 Prozent der eingesetzten Wärme aus erneuerbaren Energien oder unvermeidbarer Abwärme stammen.
Dafür soll schrittweise ein dezentraler Erzeugungspark aufgebaut werden.
Vorgesehen beziehungsweise bereits vorbereitet sind unter anderem:
- mehrere iKWK-Anlagen,
- Großwärmepumpen,
- Photovoltaikanlagen,
- die Nutzung industrieller Abwärme,
- Wärmespeicher,
- und weitere erneuerbare Wärmequellen.
Für insgesamt drei innovative Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen konnten nach Angaben der Stadtwerke bereits Förderzuschläge gesichert werden.
Die Anlage am Zoberberg ist damit nicht als Einzelprojekt gedacht, sondern als Teil eines größeren Gesamtsystems.
Dezentrale Versorgung soll Risiken verteilen
Die Dessauer Fernwärme soll künftig nicht mehr ausschließlich von wenigen großen zentralen Erzeugern abhängig sein.
Stattdessen sollen mehrere Anlagen in unterschiedlichen Teilen der Stadt Strom und Wärme bereitstellen.
Diese Dezentralisierung kann die Versorgung widerstandsfähiger machen.
Fällt ein einzelner Erzeuger aus oder muss gewartet werden, können andere Anlagen zumindest einen Teil der benötigten Leistung übernehmen. Gleichzeitig lassen sich lokale Energiequellen besser nutzen.
Eine dezentrale Struktur ist jedoch technisch anspruchsvoll.
Mehrere Erzeuger, Speicher und Netze müssen intelligent gesteuert werden. Temperatur, Druck und Einspeisung müssen jederzeit aufeinander abgestimmt sein.
Dafür sind moderne Leittechnik, digitale Messsysteme und qualifiziertes Personal notwendig.
Hohe Investition soll durch Förderung abgesichert werden
Die neue Energiezentrale am Zoberberg wird durch staatliche Förderung unterstützt.
Innovative Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen erhalten Zuschläge auf Grundlage des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes. Damit soll der Aufbau solcher kombinierten Systeme wirtschaftlich ermöglicht werden.
Für ein weiteres geplantes iKWK-Projekt der Stadtwerke in der Waldsiedlung wurden beispielsweise Investitionen von rund 7,6 Millionen Euro und eine Förderung von etwa 6,85 Millionen Euro genannt. Diese Anlage soll jährlich rund 16,2 Gigawattstunden Wärme in das Netz einspeisen.
Für die Zoberberger Anlage wurde bislang keine genaue Aufteilung zwischen Eigenmitteln, Krediten und Fördergeldern veröffentlicht.
Auch die endgültigen Auswirkungen auf die Fernwärmepreise lassen sich daher derzeit nicht seriös beziffern.
Wird die Fernwärme dadurch günstiger?
Für die Kunden ist neben dem Klimaschutz vor allem eine Frage entscheidend: Was bedeutet die neue Anlage für ihre Heizkosten?
Darauf gibt es bislang keine eindeutige Antwort.
Neue Technik verursacht zunächst hohe Investitions-, Finanzierungs- und Betriebskosten. Gleichzeitig kann sie langfristig die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und deren Preisschwankungen reduzieren.
Die tatsächlichen Fernwärmepreise hängen jedoch von zahlreichen Faktoren ab:
- Investitions- und Finanzierungskosten,
- Höhe der Förderung,
- Strom- und Brennstoffpreise,
- Netzkosten,
- Wartung und Personal,
- Auslastung der Anlagen,
- sowie gesetzlichen Abgaben und Preisformeln.
Ein modernes Heizkraftwerk garantiert deshalb nicht automatisch sinkende Rechnungen.
Es kann aber dazu beitragen, die Kosten langfristig besser zu kalkulieren und die Abhängigkeit von einzelnen Energieträgern zu verringern.
Die Stadtwerke müssen transparent erläutern, wie Investitionen und Einsparungen in die künftige Preisbildung einfließen.
Fernwärmekunden sind an ihren Versorger gebunden
Transparenz ist bei Fernwärme besonders wichtig.
Anders als bei Strom oder Gas können Kunden in einem bestehenden Fernwärmenetz den Anbieter gewöhnlich nicht einfach wechseln. Das Netz und die Erzeugungsanlagen gehören einem örtlichen Versorger.
Damit besitzt dieser eine besondere Verantwortung.
Preisanpassungen müssen nachvollziehbar sein. Investitionen sollten verständlich erklärt und Einsparungen dürfen nicht nur allgemein versprochen werden.
Die Stadtwerke stehen dabei vor einer schwierigen Aufgabe.
Sie müssen Milliarden- beziehungsweise Millioneninvestitionen vorbereiten, Klimaziele erfüllen und zugleich dafür sorgen, dass Wärme für Haushalte und öffentliche Einrichtungen bezahlbar bleibt.
Der Umbau kann nur erfolgreich sein, wenn die Kunden ihn wirtschaftlich mittragen können.
Bauarbeiten können vorübergehend Belastungen verursachen
Mit dem Spatenstich beginnt nun die eigentliche Bauphase.
Auf dem Gelände müssen Fundamente hergestellt, Gebäude und technische Anlagen errichtet sowie Anschlüsse an Strom-, Gas- und Wärmenetze geschaffen werden.
Für Anwohner können dadurch zeitweise entstehen:
- Baustellenverkehr,
- Lärm,
- Staub,
- Arbeiten an Zufahrten,
- und vorübergehende Einschränkungen im Umfeld.
Die Stadtwerke sollten frühzeitig darüber informieren, wann besonders lärmintensive Arbeiten stattfinden und ob Straßen oder Wege betroffen sind.
Ein genauer Termin für die vollständige Inbetriebnahme wurde in den aktuellen Mitteilungen nicht genannt. Die Anlage soll in den kommenden Monaten errichtet werden.
Regionale Unternehmen können profitieren
Ein Bauprojekt mit einem Volumen von rund 15 Millionen Euro erzeugt Aufträge für zahlreiche Gewerke.
Benötigt werden unter anderem:
- Tief- und Hochbau,
- Anlagen- und Rohrleitungsbau,
- Elektroinstallation,
- Mess- und Regeltechnik,
- Gerüstbau,
- Transport,
- Sicherheitsdienste,
- sowie spätere Wartungsleistungen.
Wie hoch der Anteil regionaler Unternehmen sein wird, hängt von Ausschreibungen, technischen Anforderungen und verfügbaren Kapazitäten ab.
Für Dessau-Roßlau wäre es wirtschaftlich vorteilhaft, wenn ein möglichst großer Teil der Wertschöpfung in der Region verbleibt.
Gleichzeitig muss die Vergabe den gesetzlichen Regeln folgen und Qualität sowie Terminsicherheit gewährleisten.
Wärmewende darf nicht nur technisch gedacht werden
Die neue Anlage zeigt, dass die Wärmewende zunehmend praktisch wird.
Sie besteht nicht nur aus Klimazielen und kommunalen Konzepten, sondern aus Baustellen, Leitungen, Maschinen und hohen Investitionen.
Der technische Umbau allein reicht jedoch nicht.
Ebenso wichtig sind:
- bezahlbare Preise,
- verständliche Kundeninformationen,
- verlässliche Bauzeiten,
- sozialverträgliche Lösungen,
- und eine ehrliche Darstellung der Übergangsphase.
Fossile Energieträger werden nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden. Neue Anlagen werden zunächst häufig verschiedene Technologien und Brennstoffe kombinieren.
Entscheidend ist, dass der erneuerbare Anteil nachweisbar wächst und Übergangslösungen nicht dauerhaft zum Stillstand führen.
Ein wichtiges Projekt mit hohen Erwartungen
Die neue Energiezentrale am Zoberberg ist eines der bedeutendsten aktuellen Infrastrukturprojekte in Dessau-Roßlau.
Rund 15 Millionen Euro werden investiert, um Fernwärme künftig dezentraler, flexibler und klimafreundlicher zu erzeugen. Die Verbindung aus Blockheizkraftwerk, Großwärmepumpe und Wärmespeicher ist technisch anspruchsvoll und kann einen wichtigen Beitrag zur Wärmewende leisten.
Besonders wichtig ist die geplante Versorgung des Städtischen Klinikums und des Wohngebietes Zoberberg.
Nun müssen die Stadtwerke beweisen, dass Bau, Technik und Wirtschaftlichkeit zusammenpassen.
Die Anlage sollte nicht nur auf dem Papier klimafreundlich sein. Sie muss zuverlässig arbeiten, tatsächlich fossile Energie ersetzen und für die angeschlossenen Haushalte bezahlbar bleiben.
Der erste Spatenstich ist erfolgt.
Ob daraus ein Vorzeigeprojekt für die kommunale Wärmewende wird, entscheidet sich nach der Inbetriebnahme – an der erzeugten Wärmemenge, der Versorgungssicherheit und letztlich auch auf den Rechnungen der Kunden.