Dessau-Roßlau. Wo sollen künftig Wohnungen entstehen? Welche Stadtteile benötigen neue Investitionen? Wie lassen sich junge Menschen halten, Unternehmen ansiedeln und die beiden Stadtzentren besser miteinander verbinden?

Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich das neue Integrierte Stadtentwicklungskonzept Dessau-Roßlau 2040, kurz INSEK 2040.

Nach rund zweieinhalb Jahren Vorbereitung liegt nun ein vollständiger Entwurf vor. Das Konzept umfasst mehr als 200 Seiten sowie zusätzliche Maßnahmenlisten, Karten und Stadtteilsteckbriefe. Noch bis zum 24. August 2026 können Einwohner, Unternehmen, Vereine und weitere Akteure Stellungnahmen abgeben.

Das INSEK ist kein unmittelbar bindender Bauplan.

Es soll jedoch festlegen, welche Themen, Räume und Projekte in den kommenden Jahren besondere Bedeutung erhalten. Damit beeinflusst es auch, wofür die Stadt künftig Fördermittel beantragt und welche Investitionen zuerst vorbereitet werden.

Stadt braucht einen neuen Zukunftsplan

Das bisherige Stadtentwicklungskonzept wurde 2013 beschlossen und war auf einen Zeithorizont bis 2025 ausgerichtet.

Seitdem haben sich wesentliche Rahmenbedingungen verändert.

Dessau-Roßlau steht heute unter anderem vor:

  • einem anhaltenden demografischen Wandel,
  • veränderten Anforderungen an den Wohnungsmarkt,
  • steigenden Kosten für kommunale Infrastruktur,
  • der Mobilitäts- und Energiewende,
  • zunehmenden Folgen von Hitze und Trockenheit,
  • sowie der Vorbereitung auf die Bundesgartenschau 2035.

Das neue Konzept soll diese Themen zusammenführen und einen gemeinsamen Rahmen bis 2040 schaffen.

Eine solche Dachstrategie ist notwendig, weil Stadtentwicklung nicht aus einzelnen, voneinander getrennten Projekten besteht.

Neue Wohnungen benötigen Straßen, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Nahverkehr. Gewerbeflächen brauchen Energie, Fachkräfte und leistungsfähige Verbindungen. Grünflächen müssen zugleich Erholung, Hitzeschutz und Regenwasserrückhalt ermöglichen.

Bevölkerung bleibt die zentrale Herausforderung

Die größte langfristige Herausforderung ist die Bevölkerungsentwicklung.

Dessau-Roßlau verliert seit Jahren Einwohner. Besonders viele junge Menschen verlassen die Stadt nach Schule oder Ausbildung. Als Gründe werden unter anderem fehlende berufliche Perspektiven, zu wenige Angebote für Jugendliche und der Wunsch nach einem lebendigeren Stadtleben genannt.

Nach aktuellen Prognosen könnte Dessau-Roßlau zwischen 2022 und 2045 rund ein Fünftel seiner Bevölkerung verlieren.

Diese Entwicklung betrifft nahezu alle Bereiche kommunaler Politik.

Sinkt die Einwohnerzahl, verringern sich langfristig mögliche Steuereinnahmen und staatliche Zuweisungen. Gleichzeitig bleiben Straßen, Brücken, Verwaltungsgebäude und Leitungsnetze bestehen.

Eine Stadt mit weniger Menschen wird deshalb nicht automatisch im gleichen Umfang billiger.

Zugleich verändert sich die Altersstruktur. Weniger junge Einwohner stehen einer wachsenden Zahl älterer Menschen gegenüber. Dadurch steigen die Anforderungen an Pflege, medizinische Versorgung, Barrierefreiheit und wohnortnahe Dienstleistungen.

Junge Menschen müssen einen Grund zum Bleiben haben

Ein Stadtentwicklungskonzept kann keine Jugendlichen zwingen, in Dessau-Roßlau zu bleiben.

Es kann jedoch Bedingungen schaffen, die eine Rückkehr oder einen dauerhaften Verbleib wahrscheinlicher machen.

Dazu gehören:

  • attraktive Ausbildungs- und Arbeitsplätze,
  • bezahlbare Wohnungen,
  • kulturelle und gastronomische Angebote,
  • Räume für Jugendliche,
  • gute Bahnverbindungen,
  • eine moderne Verwaltung,
  • sowie Möglichkeiten, eigene Ideen umzusetzen.

Gerade junge Menschen, die nicht studieren, fühlen sich nach aktuellen Berichten teilweise zu wenig angesprochen. Kritisiert wird, dass Angebote für Schüler, Auszubildende und junge Erwachsene außerhalb des Hochschulumfeldes fehlen.

Diese Stimmen sollten im INSEK ernst genommen werden.

Eine Stadt darf Jugendpolitik nicht auf Spielplätze und einmalige Veranstaltungen reduzieren. Junge Erwachsene benötigen Orte, an denen sie sich treffen, feiern, arbeiten, gründen und Verantwortung übernehmen können.

Dessau und Roßlau müssen gemeinsam gedacht werden

Dessau-Roßlau ist keine gewöhnliche kompakte Stadt.

Die Doppelstadt besteht aus zwei größeren Zentren und zahlreichen unterschiedlich geprägten Stadt- und Ortsteilen. Zwischen innerstädtischen Quartieren, Plattenbaugebieten, Einfamilienhaussiedlungen und ländlichen Ortschaften bestehen sehr unterschiedliche Bedürfnisse.

Ein erfolgreiches INSEK darf deshalb nicht ausschließlich auf die Dessauer Innenstadt schauen.

Auch Roßlau und die äußeren Ortsteile benötigen:

  • zuverlässige Verkehrsverbindungen,
  • erreichbare Ärzte,
  • Einkaufsmöglichkeiten,
  • Schulen und Betreuung,
  • funktionierende Feuerwehren,
  • sowie öffentliche Treffpunkte.

Gleichzeitig kann nicht jede Einrichtung in jedem Ortsteil dauerhaft erhalten werden.

Die Stadt muss ehrlich benennen, wo Angebote gebündelt werden und wie Menschen diese zentralen Standorte erreichen können.

BUGA 2035 soll mehr als ein Blumenfest werden

Eine zentrale Rolle für die Stadtentwicklung spielt die Bundesgartenschau 2035.

Dessau-Roßlau will die BUGA nicht nur als zeitlich begrenzte Ausstellung verstehen, sondern als Motor für langfristige Investitionen. Unter dem Leitgedanken „Eine Stadt wird BUGA“ sollen möglichst viele Stadtbereiche einbezogen werden.

Die Bundesgartenschau kann helfen, Grünflächen aufzuwerten, Wege zu verbinden und brachliegende Bereiche neu zu entwickeln.

Sie birgt jedoch auch Risiken.

Große Projekte können teurer werden als geplant. Anlagen müssen nach dem Veranstaltungsjahr weiter gepflegt werden. Werden Flächen ausschließlich für Besucher geschaffen, ohne den Alltag der Einwohner zu verbessern, bleibt die Wirkung begrenzt.

Das INSEK muss deshalb klar festlegen, welche BUGA-Projekte auch nach 2035 dauerhaft sinnvoll und finanzierbar sind.

Innenstadt braucht neue Funktionen

Der klassische Einzelhandel allein wird die Dessauer Innenstadt nicht dauerhaft stabilisieren.

Onlinehandel, verändertes Konsumverhalten und Leerstände zwingen viele Städte dazu, ihre Zentren neu zu denken.

Eine lebendige Innenstadt benötigt künftig eine Mischung aus:

  • Wohnen,
  • Handel,
  • Gastronomie,
  • Kultur,
  • Bildung,
  • Verwaltung,
  • Gesundheit,
  • Dienstleistungen,
  • und öffentlichen Aufenthaltsräumen.

Leerstehende Gebäude können teilweise zu Wohnungen, Büros, Praxen oder Bildungsorten umgebaut werden.

Dabei darf sich die Stadt nicht nur auf große Einzelprojekte verlassen.

Oft verbessern kleine Maßnahmen den Alltag schneller: saubere Plätze, sichere Wege, gut gepflegte Fassaden, verständliche Beschilderung und nutzbare Grünflächen.

Wohnen muss an die tatsächliche Nachfrage angepasst werden

Dessau-Roßlau besitzt in mehreren Bereichen Leerstände, gleichzeitig fehlen teilweise moderne, barrierefreie oder familiengerechte Wohnungen.

Dieser scheinbare Widerspruch entsteht, weil nicht jede vorhandene Wohnung zur heutigen Nachfrage passt.

Ein unsanierter Altbau ohne Aufzug hilft einem älteren Menschen wenig. Eine kleine Wohnung am Stadtrand ist für eine Familie möglicherweise ungeeignet. Junge Fachkräfte suchen häufig moderne Wohnungen in lebendigen Quartieren mit kurzen Wegen.

Die Stadt und die Wohnungsunternehmen müssen daher unterscheiden zwischen:

  • dauerhaft nicht mehr benötigten Beständen,
  • erhaltenswerten Altbauten,
  • barrierefrei umzubauenden Wohnungen,
  • familiengerechtem Wohnraum,
  • und neuen Wohnformen für Senioren.

Pauschaler Neubau ist ebenso wenig sinnvoll wie pauschaler Abriss.

Wirtschaft braucht Flächen und Fachkräfte

Das INSEK beschäftigt sich auch mit Unternehmens- und Gewerbeentwicklung.

Dessau-Roßlau benötigt bestehende Industriebetriebe, neue Investitionen und ausreichend Gewerbeflächen. Gleichzeitig müssen Verkehr, Natur- und Anwohnerschutz berücksichtigt werden.

Der geplante Gewerbe- und Solarpark an der Lukoer Straße zeigt diesen Konflikt deutlich: Ein bestehendes Unternehmen möchte wachsen und erneuerbare Energie nutzen, zugleich müssen Auswirkungen auf Wald, Verkehr und Umgebung geprüft werden.

Stadtentwicklung bedeutet deshalb Abwägung.

Unternehmen brauchen schnelle Verfahren und Planungssicherheit. Bürger haben zugleich Anspruch auf Transparenz und Schutz vor vermeidbaren Belastungen.

Langfristig entscheidet jedoch nicht allein die verfügbare Fläche über neue Ansiedlungen.

Mindestens ebenso wichtig sind Fachkräfte, Schulen, Wohnraum, digitale Infrastruktur und die Erreichbarkeit der Stadt.

Mobilität darf nicht nur das Auto betrachten

Dessau-Roßlau ist eine weitläufige Stadt.

Für viele Wege bleibt das Auto notwendig, besonders in den äußeren Ortsteilen. Gleichzeitig benötigen ältere Menschen, Schüler und Einwohner ohne eigenes Fahrzeug einen verlässlichen öffentlichen Nahverkehr.

Das INSEK muss daher unterschiedliche Verkehrsarten miteinander verbinden:

  • leistungsfähige Hauptstraßen,
  • zuverlässige Bus- und Straßenbahnangebote,
  • sichere Radwege,
  • barrierefreie Haltestellen,
  • gute Fußwege,
  • sowie bessere Verbindungen zwischen Dessau und Roßlau.

Eine reine Verdrängung des Autoverkehrs wäre für eine Flächenstadt unrealistisch.

Ebenso falsch wäre es jedoch, jeden Straßenraum ausschließlich nach den Bedürfnissen des Autos auszurichten.

Entscheidend sind praktikable Lösungen, die zum jeweiligen Stadtteil passen.

Klimaanpassung wird zur Pflichtaufgabe

Hitze, Trockenheit und Starkregen werden auch Dessau-Roßlau stärker beschäftigen.

Große versiegelte Flächen heizen sich im Sommer auf. Gleichzeitig können intensive Regenfälle Kanalisation und Straßenentwässerung überfordern.

Stadtentwicklung muss deshalb künftig stärker berücksichtigen:

  • zusätzliche Bäume,
  • größere Grünflächen,
  • Entsiegelung,
  • Regenwasserspeicherung,
  • Verschattung,
  • klimaangepasste Gebäude,
  • und widerstandsfähige Pflanzenarten.

Gerade bei Straßen- und Platzumbauten sollte Regenwasser möglichst vor Ort zurückgehalten werden, statt es schnell in die Kanalisation abzuleiten.

Solche Maßnahmen kosten zunächst Geld.

Sie können jedoch spätere Schäden und hohe Pflegekosten verringern.

Bürgerbeteiligung darf keine Formalität sein

Die Stadt hat bereits Bürgerdialoge und Online-Beteiligungen durchgeführt.

Der nun ausgelegte Entwurf fasst nach Angaben der Verwaltung Ergebnisse aus Beirat, Bürgerdialogen und weiteren Rückmeldungen zusammen.

Bis zum 24. August können weitere Hinweise eingereicht werden.

Damit diese Beteiligung glaubwürdig bleibt, sollte die Stadt später offen darstellen:

  • wie viele Stellungnahmen eingegangen sind,
  • welche Vorschläge übernommen wurden,
  • welche Hinweise abgelehnt wurden,
  • und wie diese Entscheidungen begründet werden.

Bürgerbeteiligung bedeutet nicht, dass jede Forderung umgesetzt werden muss.

Sie bedeutet aber, dass Einwände ernsthaft geprüft und nachvollziehbar beantwortet werden.

Mehr als 200 Seiten dürfen niemanden abschrecken

Der vollständige Entwurf ist umfangreich.

Nicht jeder Einwohner hat Zeit, mehr als 200 Seiten sowie Karten und Anhänge zu lesen.

Die Stadt stellt deshalb zusätzlich Kurzinformationen für verschiedene Bevölkerungsgruppen und Themen bereit. Dazu gehören Zusammenfassungen für Familien, Jugendliche, Senioren, Unternehmen, Wohnungswirtschaft, Kultur, Umwelt und Mobilität.

Diese vereinfachten Darstellungen sind wichtig.

Ein Beteiligungsverfahren ist nur dann zugänglich, wenn auch Menschen ohne planerische Fachkenntnisse verstehen, welche Veränderungen vorgeschlagen werden.

Stadtplanung darf nicht allein in einer Sprache stattfinden, die nur Fachämter und Planungsbüros verstehen.

Umsetzung entscheidet über den Wert des Konzeptes

Dessau-Roßlau hat bereits zahlreiche Konzepte beschlossen.

Entscheidend ist, ob daraus tatsächlich Projekte entstehen.

Ein INSEK kann Prioritäten ordnen und Förderanträge erleichtern. Es schafft jedoch kein zusätzliches Geld aus eigener Kraft.

Viele Maßnahmen werden davon abhängen:

  • ob Bund und Land Fördermittel bereitstellen,
  • ob die Stadt Eigenanteile finanzieren kann,
  • ob Grundstücke verfügbar sind,
  • ob Planungs- und Baukapazitäten ausreichen,
  • und ob politische Mehrheiten über Jahre bestehen bleiben.

Das Konzept sollte deshalb nicht nur möglichst viele Wünsche sammeln.

Es muss klare Prioritäten setzen.

Ein Zukunftsplan ist glaubwürdiger, wenn zehn zentrale Projekte realistisch umgesetzt werden, als wenn hundert Vorhaben unverbindlich nebeneinanderstehen.

Dessau-Roßlau muss jetzt klare Entscheidungen treffen

Das INSEK 2040 kommt zur richtigen Zeit.

Dessau-Roßlau steht vor grundlegenden Veränderungen. Die Stadt wird älter, verliert junge Einwohner und muss ihre Infrastruktur an eine möglicherweise kleinere Bevölkerung anpassen.

Gleichzeitig bieten die BUGA 2035, die Bauhaus-Tradition, Industrie, Kultur und große Freiräume erhebliche Chancen.

Entscheidend ist, daraus eine klare Strategie zu entwickeln.

Die Stadt muss festlegen, welche Zentren gestärkt, welche Quartiere umgebaut, welche Verkehrsverbindungen verbessert und welche Investitionen zuerst umgesetzt werden.

Dabei sollte sie weder den Bevölkerungsrückgang schönreden noch die Zukunft ausschließlich als Niedergang betrachten.

Eine kleinere Stadt kann lebenswert, wirtschaftlich stark und kulturell attraktiv sein.

Dafür muss sie jedoch früher handeln, konsequenter priorisieren und ihre Bürger stärker einbeziehen.

Bis zum 24. August besteht noch die Möglichkeit, den Entwurf zu kommentieren.

Diese Gelegenheit sollte nicht nur von Fachverbänden und Behörden genutzt werden.

Auch Einwohner, Unternehmer, Familien, Jugendliche und Vereine können jetzt mitentscheiden, welche Richtung Dessau-Roßlau bis 2040 einschlagen soll.