Noch nie seit Beginn der amtlichen Erhebung wurden in Thüringen so wenige Adoptionen ausgesprochen wie im vergangenen Jahr. Insgesamt fanden 2025 nur 65 Kinder und Jugendliche rechtlich neue Eltern. Es waren zwölf Fälle weniger als 2024 und damit ein Rückgang um 15,6 Prozent.

Die Zahl liegt zudem weit unter dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. In diesem Zeitraum wurden jährlich im Mittel rund 94 Adoptionen registriert. Der neue Wert markiert damit keinen bloßen kurzfristigen Ausschlag, sondern den vorläufigen Tiefpunkt einer längerfristigen Entwicklung.

Hinter der Statistik stehen sehr unterschiedliche Lebensgeschichten. Manche Kinder werden von bislang nicht mit ihnen verwandten Paaren aufgenommen. Andere erhalten durch die Adoption eines Stiefvaters oder einer Stiefmutter einen neuen rechtlichen Elternteil. Wieder andere leben bereits längere Zeit in Pflegefamilien, bevor eine Adoption überhaupt möglich wird.

Der Rückgang bedeutet deshalb nicht automatisch, dass weniger Menschen Verantwortung für Kinder übernehmen wollen. Er zeigt vielmehr, wie stark sich Familienformen, Hilfsangebote, Geburtenzahlen und medizinische Möglichkeiten verändert haben.

33 Jungen und 32 Mädchen wurden 2025 adoptiert

Die Geschlechterverteilung war nahezu ausgeglichen. Nach Angaben des Thüringer Landesamtes für Statistik wurden 33 Jungen und 32 Mädchen adoptiert.

Mehr als die Hälfte der adoptierten Kinder war noch sehr jung. 37 Kinder und damit 56,9 Prozent waren jünger als drei Jahre. Neun Kinder waren zwischen drei und unter sechs Jahren alt. Acht gehörten zur Altersgruppe von sechs bis unter zwölf Jahren. Weitere elf Kinder und Jugendliche waren zwischen zwölf und unter 18 Jahre alt.

Junge Kinder werden häufiger von nicht verwandten Eltern aufgenommen

Besonders deutlich sind die Unterschiede zwischen den Altersgruppen.

Von den Kindern, die von zuvor nicht mit ihnen verwandten Eltern adoptiert wurden, waren 31 und damit mehr als 91 Prozent jünger als sechs Jahre. Bei älteren Kindern handelte es sich dagegen überwiegend um Adoptionen durch Verwandte oder Stiefeltern. Von den 19 adoptierten Kindern zwischen sechs und unter 18 Jahren traf dies auf 16 zu.

Das entspricht der praktischen Realität vieler Adoptionsvermittlungen. Paare, die ein ihnen bislang unbekanntes Kind aufnehmen möchten, wünschen sich häufig ein möglichst junges Kind. Ältere Kinder leben dagegen oft bereits in neuen Familienkonstellationen, in denen ein Stiefelternteil die tatsächliche Elternrolle übernommen hat und diese später auch rechtlich absichern möchte.

Nur 34 Adoptionen erfolgten durch nicht verwandte Eltern

Von den insgesamt 65 Adoptionen wurden 34 durch Menschen ausgesprochen, die zuvor weder mit dem Kind verwandt noch dessen Stiefvater oder Stiefmutter waren.

31 Adoptionen entfielen dagegen auf Verwandte oder Stiefeltern. Damit bestanden zwischen beiden Gruppen nur geringe Unterschiede.

Das klassische Bild der Adoption trifft nur auf einen Teil der Fälle zu

In der öffentlichen Vorstellung bedeutet Adoption häufig, dass ein kinderloses Paar ein fremdes Kind dauerhaft in seine Familie aufnimmt.

Diese Form existiert weiterhin. Sie bildet aber nur einen Teil der tatsächlichen Verfahren ab.

Bei einer Stiefkindadoption lebt das Kind bereits mit einem leiblichen Elternteil und dessen Partner oder Partnerin zusammen. Durch die Adoption wird die familiäre Wirklichkeit rechtlich nachvollzogen. Der adoptierende Elternteil erhält dann unter anderem Sorgerechte und Unterhaltspflichten.

Auch Adoptionen durch Verwandte können dazu dienen, einem Kind nach einschneidenden familiären Veränderungen dauerhaft rechtliche Sicherheit zu geben.

Weniger Kinder stehen überhaupt für eine Adoption zur Verfügung

Am Jahresende 2025 waren in Thüringen 45 Kinder und Jugendliche offiziell für eine Adoption vorgemerkt. Ein Jahr zuvor waren es noch 52.

Gleichzeitig lagen den Jugendämtern 124 Bewerbungen möglicher Adoptiveltern vor. Damit standen rechnerisch jedem vorgemerkten Kind ungefähr drei Bewerbungen gegenüber. Ende 2024 waren es noch etwa zwei Bewerbungen je Kind gewesen.

Die Zahl der Bewerber sagt wenig über eine konkrete Vermittlung aus

Die rechnerische Gegenüberstellung darf nicht missverstanden werden.

Jugendämter suchen nicht einfach aus einer Liste drei Paare aus und vergeben ein Kind. Entscheidend ist immer, welche Familie zu den Bedürfnissen eines bestimmten Kindes passt.

Dabei spielen unter anderem eine Rolle:

  • Alter und gesundheitlicher Zustand des Kindes,
  • mögliche Behinderungen oder Entwicklungsverzögerungen,
  • Erfahrungen mit Vernachlässigung oder Gewalt,
  • Geschwisterbeziehungen,
  • Herkunft und bisherige Bindungen,
  • Belastbarkeit und Lebenssituation der Bewerber.

Ein Paar kann grundsätzlich als geeignet gelten und trotzdem nicht für jedes vorgemerkte Kind infrage kommen. Umgekehrt benötigen manche Kinder Eltern, die bereit und fachlich vorbereitet sind, besondere Belastungen mitzutragen.

Der Geburtenrückgang erreicht auch die Adoptionsvermittlung

Eine der wichtigsten Ursachen liegt in der demografischen Entwicklung. In Thüringen werden seit Jahren deutlich weniger Kinder geboren.

2016 kamen im Freistaat noch 18.456 Kinder zur Welt. Im Jahr 2024 waren es nur noch 11.803. Für 2025 rechnete das Landesamt mit weniger als 11.000 Geburten.

Weniger Geburten bedeuten zwangsläufig auch weniger Situationen, in denen eine Adoption überhaupt infrage kommt.

Thüringens Bevölkerung wird älter und kinderärmer

Der Rückgang hat Folgen weit über die Adoptionsstatistik hinaus.

Kindertagesstätten verlieren Belegungen, Schulen müssen ihre Standorte neu planen und Kommunen rechnen mit sinkenden Kinderzahlen. Gleichzeitig steigt der Anteil älterer Einwohner.

Adoptionen können diese demografische Entwicklung nicht ausgleichen. Die Zahlen zeigen aber, wie tief der Geburtenrückgang inzwischen in verschiedene gesellschaftliche Bereiche hineinwirkt.

Junge Mütter erhalten heute mehr Unterstützung

Ein weiterer Grund für sinkende Adoptionszahlen ist grundsätzlich positiv.

Frauen, die ungeplant schwanger werden oder sich in einer schwierigen Lebenslage befinden, erhalten heute mehr Hilfen als noch vor mehreren Jahrzehnten. Dadurch können mehr Mütter ihre Kinder selbst versorgen, obwohl sie zunächst unsicher waren, ob sie dazu in der Lage sind.

Die Familienforscherin Ina Bowenschen erklärte, dass insbesondere sehr junge Frauen heute auf ein dichteres Netz an Beratung und Unterstützung zurückgreifen könnten. Kinder, die früher möglicherweise zur Adoption freigegeben worden wären, blieben dadurch häufiger bei ihren leiblichen Müttern.

Hilfe kann eine Trennung von Mutter und Kind verhindern

Zu den Unterstützungsangeboten gehören je nach Situation:

  • Schwangerschaftsberatung,
  • finanzielle Hilfen,
  • betreute Wohnformen,
  • Unterstützung durch das Jugendamt,
  • Familienhebammen,
  • Mutter-Kind-Einrichtungen,
  • Hilfen bei Ausbildung und Kinderbetreuung.

Das Ziel sollte grundsätzlich darin bestehen, eine Familie zu stabilisieren, wenn das Kindeswohl gesichert werden kann.

Eine Adoption ist keine sozialpolitische Lösung für Armut oder fehlende Unterstützung. Kein Kind sollte allein deshalb dauerhaft von seiner leiblichen Familie getrennt werden, weil eine junge Mutter keine Wohnung, kein ausreichendes Einkommen oder keine verlässliche Beratung erhält.

Kinderwunschmedizin verändert die Nachfrage

Auch aufseiten der möglichen Adoptiveltern hat sich vieles verändert.

Paare mit unerfülltem Kinderwunsch verfügen heute über deutlich mehr medizinische Behandlungsmöglichkeiten. Künstliche Befruchtung und andere reproduktionsmedizinische Verfahren sind verbreiteter und erfolgreicher geworden.

Dadurch entscheiden sich einige Paare später oder gar nicht mehr für eine Adoption. Nach Angaben des MDR sank auch die Zahl der registrierten Adoptionsbewerbungen leicht von 126 im Jahr 2024 auf 124 im Jahr 2025.

Adoption darf kein Ersatzverfahren für ein eigenes Kind sein

Eine Adoption unterscheidet sich grundlegend von einer Kinderwunschbehandlung.

Sie dient nicht in erster Linie dazu, Erwachsenen ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Im Mittelpunkt steht ein Kind, das dauerhaft neue Eltern benötigt.

Bewerber müssen deshalb bereit sein, sich mit der Vorgeschichte des Kindes, möglichen Herkunftsfragen und späteren Identitätskonflikten auseinanderzusetzen.

Auch ein sehr jung adoptiertes Kind bringt eine eigene Geschichte mit. Diese darf weder verschwiegen noch verdrängt werden.

Stiefkindadoptionen bleiben ein bedeutender Teil der Statistik

Während die klassische Fremdadoption abnimmt, gewinnen andere Familienformen an Bedeutung.

Dazu gehören Adoptionen innerhalb von Patchworkfamilien und durch gleichgeschlechtliche Paare. Häufig adoptiert die Partnerin einer Mutter deren Kind, um auch rechtlich als Elternteil anerkannt zu werden. Nach Einschätzung der Familienforschung nimmt diese Form der Adoption entgegen dem allgemeinen Trend zu.

Rechtliche Elternschaft folgt der gelebten Familie

Für das Kind kann eine Stiefkindadoption erhebliche praktische Bedeutung besitzen.

Der neue Elternteil übernimmt nicht nur symbolisch Verantwortung. Es entstehen Rechte und Pflichten bei:

  • Sorgerecht,
  • Unterhalt,
  • Erbschaft,
  • medizinischen Entscheidungen,
  • Vertretung gegenüber Behörden,
  • Absicherung im Todesfall.

Die Adoption macht damit aus einer tatsächlich gelebten Elternrolle eine rechtlich abgesicherte Beziehung.

Adoption und Pflegefamilie sind nicht dasselbe

In Debatten werden Adoptionen und Pflegeverhältnisse häufig miteinander verwechselt.

Bei einer Adoption wird das Kind rechtlich vollständig zum Kind der Adoptiveltern. Die bisherigen rechtlichen Familienbindungen werden grundsätzlich beendet.

Ein Pflegekind bleibt dagegen rechtlich Kind seiner leiblichen Eltern. Es lebt möglicherweise nur vorübergehend, möglicherweise aber auch über viele Jahre in der Pflegefamilie.

Viele Kinder benötigen Pflegeeltern, aber keine Adoptiveltern

Jugendämter bringen Kinder in Pflegefamilien unter, wenn sie vorübergehend oder dauerhaft nicht bei ihren Eltern leben können.

Eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie bleibt je nach Fall möglich. Deshalb kann eine Adoption rechtlich oder fachlich ausgeschlossen sein, auch wenn das Kind langfristig bei Pflegeeltern lebt.

Der Tiefstand bei Adoptionen bedeutet somit nicht, dass es keine Kinder mit Bedarf nach familiärer Betreuung gibt. Der Bedarf an geeigneten Pflegefamilien kann gleichzeitig hoch bleiben.

Lange Prüfungen dienen dem Schutz des Kindes

Manche Bewerber empfinden das Adoptionsverfahren als langsam und bürokratisch.

Jugendämter prüfen persönliche, gesundheitliche, wirtschaftliche und familiäre Voraussetzungen. Es finden Gespräche, Hausbesuche und Vorbereitungskurse statt.

Schnelligkeit darf nicht vor Eignung stehen

Eine Adoption ist eine lebenslange rechtliche und emotionale Entscheidung.

Fehlvermittlungen können für ein Kind schwerwiegende Folgen haben. Deshalb müssen Fachkräfte sorgfältig prüfen, ob Bewerber mit möglichen Belastungen umgehen können und realistische Erwartungen besitzen.

Adoptiveltern benötigen nicht nur Liebe und ein stabiles Einkommen. Sie müssen auch bereit sein, schwierige Fragen zur Herkunft, zu möglichen Traumatisierungen und zum Kontakt mit der leiblichen Familie auszuhalten.

Die Herkunft darf nicht zum Tabu werden

Früher wurden Adoptionen in Familien häufig verschwiegen. Kinder erfuhren teilweise erst spät oder zufällig, dass sie adoptiert worden waren.

Heute gilt eine offene und altersgerechte Aufklärung als wesentlich für eine gesunde Identitätsentwicklung.

Kinder haben ein Recht auf ihre eigene Geschichte

Adoptierte Menschen stellen oft Fragen wie:

  • Warum konnte ich nicht bei meinen leiblichen Eltern bleiben?
  • Wem sehe ich ähnlich?
  • Habe ich Geschwister?
  • Welche Krankheiten kommen in meiner Herkunftsfamilie vor?
  • Warum wurde gerade diese Familie ausgewählt?

Adoptiveltern müssen solche Fragen zulassen, auch wenn sie schmerzhaft oder verunsichernd sind.

Die leiblichen Eltern werden nicht dadurch bedeutungslos, dass eine Adoption ausgesprochen wird. Sie bleiben Teil der Biografie des Kindes.

Ein Tiefstand ist nicht automatisch eine schlechte Nachricht

Die Zahl von 65 Adoptionen wirkt zunächst alarmierend. Sie muss jedoch differenziert betrachtet werden.

Wenn weniger Kinder zur Adoption freigegeben werden, weil Mütter heute bessere Unterstützung erhalten und ihre Kinder selbst versorgen können, ist das eine positive Entwicklung.

Wenn Kinder dagegen mangels geeigneter Familien länger in Einrichtungen oder instabilen Verhältnissen leben, wäre der Rückgang problematisch.

Die Statistik beantwortet nicht jede entscheidende Frage

Aus den reinen Zahlen geht nicht hervor:

  • wie lange Kinder auf eine Familie warteten,
  • wie viele in Pflegefamilien lebten,
  • welche besonderen Bedürfnisse sie hatten,
  • warum einzelne Vermittlungen nicht zustande kamen,
  • wie stabil die ausgesprochenen Adoptionen langfristig waren.

Für eine ehrliche Bewertung benötigt Thüringen daher mehr als die jährliche Gesamtzahl.

Jugendämter brauchen erfahrene Fachkräfte

Adoptionsvermittlung gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe.

Fachkräfte begleiten leibliche Eltern, prüfen Bewerber, vermitteln Kinder und beraten Familien teilweise noch lange nach dem gerichtlichen Abschluss.

Kleine Fallzahlen machen Erfahrung umso wichtiger

Gerade wenn Adoptionen seltener werden, besteht die Gefahr, dass einzelne Jugendämter nur noch wenige Verfahren bearbeiten.

Dadurch kann fachliche Routine verloren gehen. Kooperationen zwischen Landkreisen und kreisfreien Städten können helfen, Erfahrung zu bündeln und eine einheitliche Qualität zu sichern.

Thüringen sollte darauf achten, dass Adoptionsvermittlungsstellen trotz niedriger Fallzahlen ausreichend Personal und Fortbildung erhalten.

Weniger Verfahren bedeuten nicht weniger Verantwortung

2025 wurden in Thüringen nur noch 65 Adoptionen ausgesprochen. 37 der adoptierten Kinder waren jünger als drei Jahre. 34 wurden von nicht verwandten Eltern aufgenommen, 31 von Verwandten oder Stiefeltern. Gleichzeitig standen 45 vorgemerkten Kindern 124 Bewerbungen gegenüber.

Die Zahlen zeigen, dass Adoptionen zu einem seltenen und hochgradig individuellen Verfahren geworden sind.

Der historische Tiefstand ist weder ausschließlich eine gute noch ausschließlich eine schlechte Nachricht. Er ist teilweise Ausdruck sinkender Geburtenzahlen, teilweise Folge besserer Hilfen für Herkunftsfamilien und teilweise Ergebnis neuer medizinischer und familiärer Möglichkeiten.

Entscheidend bleibt das einzelne Kind.

Eine erfolgreiche Adoptionspolitik misst sich nicht daran, möglichst viele Verfahren abzuschließen. Sie misst sich daran, ob Kinder, die dauerhaft nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können, eine passende, stabile und verantwortungsvolle Familie finden.

Genau dafür müssen Jugendämter, Beratungsstellen und Gerichte auch bei sinkenden Zahlen ausreichend ausgestattet bleiben.