Thüringen verliert Einwohner – doch der öffentliche Dienst des Freistaates wächst.

Rund 106.100 Menschen arbeiteten zuletzt bei Land, Kommunen, Sozialversicherungsträgern und weiteren Einrichtungen des öffentlichen Dienstes. Seit 2019 ist die Zahl der Beschäftigten um mehrere Tausend gestiegen. Gleichzeitig sank die Einwohnerzahl des Freistaates deutlich.

Diese gegenläufige Entwicklung sorgt inzwischen für scharfe Kritik aus der Wirtschaft und vom Bund der Steuerzahler.

Ute Zacharias vom Verband der Wirtschaft Thüringens erklärte gegenüber MDR Thüringen, Land und Kommunen stellten trotz sinkender Einwohnerzahl immer mehr Personal ein. Wolfgang Oehring vom Bund der Steuerzahler sprach von einer deutlichen Diskrepanz zwischen der Bevölkerungsentwicklung und der Zahl der Verwaltungsbeschäftigten. Neue Lehrer oder Polizisten seien notwendig. Dafür müsse der Staat jedoch an anderer Stelle Personal abbauen.

Die Debatte berührt eine der wichtigsten Zukunftsfragen des Freistaates: Wie viel Verwaltung kann und muss sich ein kleiner werdendes Land dauerhaft leisten?

Mehr als 106.000 Beschäftigte im öffentlichen Dienst

Nach Angaben des Thüringer Landesamtes für Statistik waren zum Stichtag 30. Juni 2024 insgesamt 106.105 Menschen im öffentlichen Dienst des Freistaates beschäftigt.

Dazu zählen nicht nur klassische Beamte in Ministerien und Behörden. Erfasst werden unter anderem Beschäftigte des Landes, der Kommunen, Zweckverbände, Sozialversicherungsträger und rechtlich selbstständiger öffentlicher Einrichtungen. Rund 31,5 Prozent der Beschäftigten waren Beamte oder Richter.

Nicht jeder Beschäftigte sitzt in einem Amt

Die Gesamtzahl darf deshalb nicht mit der Zahl der Mitarbeiter in Ministerien oder Bürgerämtern gleichgesetzt werden.

Zum öffentlichen Dienst gehören beispielsweise:

Lehrer und Hochschulbeschäftigte,
Polizisten und Justizbedienstete,
Mitarbeiter kommunaler Verwaltungen,
Feuerwehrleute,
Beschäftigte von Sozialversicherungsträgern,
Personal in öffentlichen Einrichtungen und Betrieben.

Dennoch bleibt die grundsätzliche Entwicklung bemerkenswert: Während die Zahl der Einwohner sinkt, nimmt das staatlich oder kommunal finanzierte Personal zu.

Thüringen hat seit 2019 Zehntausende Einwohner verloren

Ende 2019 lebten in Thüringen noch rund 2,13 Millionen Menschen. Ende 2024 waren es nach den revidierten Zahlen des Landesamtes nur noch rund 2,10 Millionen. Zum 30. Juni 2025 wurden etwa 2,089 Millionen Einwohner gezählt; Ende 2025 waren es rund 2,079 Millionen.

Der genaue Vergleich hängt wegen des Zensus 2022 und der damit verbundenen statistischen Revision davon ab, welche Datenbasis verwendet wird. Am langfristigen Trend ändert das nichts: Thüringen schrumpft.

Es sterben deutlich mehr Menschen, als geboren werden

Der Bevölkerungsrückgang entsteht vor allem durch das Geburtendefizit.

Im Jahr 2024 starben in Thüringen rund 30.450 Menschen, während lediglich etwa 11.800 Kinder geboren wurden. Wanderungsgewinne können diesen Unterschied nicht vollständig ausgleichen.

Damit wird die Bevölkerung nicht nur kleiner, sondern zugleich älter.

Für die Verwaltung bedeutet das einen widersprüchlichen Druck: Einerseits gibt es weniger Einwohner. Andererseits steigt der Bedarf in Bereichen wie Pflege, Gesundheit, Rentenbearbeitung und sozialer Unterstützung.

Bis 2045 könnten nur noch 1,8 Millionen Menschen im Land leben

Die jüngste Bevölkerungsvorausberechnung zeichnet ein deutliches Bild.

Bis 2030 könnte Thüringen die Marke von zwei Millionen Einwohnern unterschreiten. Für 2045 rechnen Statistiker mit nur noch rund 1,8 Millionen Menschen. Gegenüber der heutigen Bevölkerungszahl wäre das ein Rückgang von ungefähr 15 Prozent. Kein Landkreis und keine kreisfreie Stadt kann nach dieser Prognose langfristig mit einem Bevölkerungszuwachs rechnen.

Besonders der ländliche Raum verliert

Stark betroffen sind voraussichtlich Regionen im Süden und Osten des Landes.

Landkreise wie Sonneberg oder Saalfeld-Rudolstadt müssen teilweise mit Bevölkerungsverlusten von mehr als 20 Prozent rechnen. Selbst Erfurt, Jena, Weimar und Gera sollen langfristig Einwohner verlieren.

Eine dauerhaft wachsende Verwaltung wäre unter diesen Bedingungen kaum zu finanzieren.

Warum der öffentliche Dienst trotzdem größer wird

Der Personalzuwachs hat mehrere Ursachen.

Ein wichtiger Faktor ist die Verbeamtung von Lehrkräften. Thüringen führte sie wieder ein, um im Wettbewerb mit anderen Bundesländern bestehen zu können. Ohne vergleichbare Arbeitsbedingungen drohten junge Lehrer in Länder abzuwandern, die eine Beamtenlaufbahn anbieten.

Auch Polizei, Justiz, Finanzverwaltung, Hochschulen, Digitalisierung und soziale Dienste benötigen Personal.

Der Staat übernimmt immer mehr Aufgaben

Bund und Länder beschließen regelmäßig neue Gesetze, Förderprogramme, Berichtspflichten und Kontrollen.

Diese Aufgaben müssen anschließend in den Kommunen und Landesbehörden umgesetzt werden. Dazu gehören beispielsweise:

neue Umwelt- und Klimavorgaben,
Sozial- und Wohngeldleistungen,
Migration und Aufenthaltsrecht,
Datenschutz und Informationssicherheit,
Digitalisierung von Verwaltungsleistungen,
Fördermittelverwaltung,
Katastrophen- und Bevölkerungsschutz.

Oft wird politisch ein Bürokratieabbau versprochen, während gleichzeitig neue Dokumentations- und Kontrollpflichten entstehen.

Rund 34.000 Beamte arbeiten in Thüringen

Nach Angaben des Innenministeriums gibt es im Freistaat derzeit rund 32.000 Landesbeamte und mehr als 2.500 Kommunalbeamte.

Damit arbeiten insgesamt mehr als 34.000 Beamte in Thüringen. Zu den größten Gruppen zählen Lehrer und Polizisten. Beamte sind außerdem in Justiz, Finanzverwaltung, Feuerwehren und allgemeinen Behörden tätig.

Beamte kosten auch nach dem Berufsleben Geld

Während Angestellte in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, erhalten Beamte später eine Pension aus dem jeweiligen öffentlichen Haushalt.

Diese Ausgaben werden in Thüringen deutlich steigen.

Für 2026 werden Pensionsausgaben von rund 585 Millionen Euro erwartet. Bis 2029 könnten sie auf knapp 767 Millionen Euro anwachsen. Innerhalb weniger Jahre wäre das ein Zuwachs von mehr als 180 Millionen Euro.

Damit wird nicht nur das aktive Personal teuer. Auch frühere Personalentscheidungen belasten den Haushalt noch Jahrzehnte später.

Personalausgaben begrenzen den politischen Spielraum

Jeder dauerhaft geschaffene Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst verursacht langfristige Kosten.

Neben Gehalt oder Besoldung kommen Arbeitgeberanteile, Beihilfe, Versorgung, Arbeitsplätze, Technik, Fortbildung und Verwaltung hinzu.

Dieses Geld fehlt möglicherweise für:

Straßen und Brücken,
Schulgebäude,
Krankenhäuser,
Feuerwehren,
Digitalisierung,
kommunale Investitionen,
Unternehmensförderung.

Eine Regierung kann dieselben Mittel nicht gleichzeitig für immer mehr Personal und für dringend notwendige Investitionen ausgeben.

Wirtschaft verlangt eine Konzentration auf Kernaufgaben

Die Thüringer Wirtschaft kritisiert nicht grundsätzlich jede Neueinstellung.

Auch Unternehmen benötigen funktionierende Genehmigungsbehörden, gut ausgestattete Schulen, innere Sicherheit und eine leistungsfähige Justiz.

Der Vorwurf lautet vielmehr, dass der Staat an zu vielen Stellen gleichzeitig wächst, ohne bestehende Strukturen ausreichend zu überprüfen.

Unternehmen leiden unter langsamen Verfahren

Bauanträge, Umweltprüfungen, Förderanträge und Genehmigungsverfahren dauern teilweise Monate oder Jahre.

Mehr Personal müsste eigentlich zu schnelleren Entscheidungen führen.

Erleben Unternehmen trotz wachsender Beschäftigtenzahlen weiterhin lange Wartezeiten, entsteht der Eindruck, dass nicht die Zahl der Mitarbeiter, sondern die Organisation das eigentliche Problem ist.

Der Staat muss daher nicht nur über Stellenzahlen sprechen. Er muss messen, welche Leistungen tatsächlich schneller und besser werden.

Der Steuerzahlerbund fordert klare Prioritäten

Der Bund der Steuerzahler erkennt an, dass Thüringen zusätzliches Personal in bestimmten Bereichen benötigt.

Lehrer, Polizei, Justiz und Digitalisierung können nicht nach einem pauschalen Kürzungsschlüssel behandelt werden.

Die Forderung lautet jedoch: Wo neue Stellen entstehen, müssen in weniger wichtigen oder automatisierbaren Bereichen Stellen wegfallen.

Nicht jede frei werdende Stelle muss neu besetzt werden

In den kommenden Jahren gehen viele Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes in den Ruhestand.

Dieser Generationswechsel bietet die Möglichkeit, Verwaltungsstrukturen zu überprüfen, ohne Beschäftigte massenhaft entlassen zu müssen.

Statt jede Stelle automatisch neu zu besetzen, könnte gefragt werden:

Wird die Aufgabe weiterhin benötigt?
Kann sie digital erledigt werden?
Können mehrere Behörden zusammenarbeiten?
Gibt es doppelte Zuständigkeiten?
Kann eine Vorschrift vollständig entfallen?

Ein solcher Ansatz wäre sozial verträglicher als spätere harte Sparprogramme.

Landesregierung rechnet selbst mit deutlich weniger Personal

Die Thüringer Landesregierung hat das Problem grundsätzlich erkannt.

Staatskanzleichef Stefan Gruhner erklärte bereits im Frühjahr, ein Land mit weniger Einwohnern müsse langfristig auch einen kleineren öffentlichen Dienst haben.

Nach einer Prognose könnte die Zahl der Bediensteten im Landesdienst ohne ausreichende Neueinstellungen bis 2035 von derzeit etwa 47.500 auf rund 33.000 sinken. Das wären ungefähr 14.500 Beschäftigte weniger.

Fachkräftemangel könnte den Abbau erzwingen

Der Personalabbau könnte teilweise von selbst erfolgen.

Viele Beschäftigte erreichen das Renten- oder Pensionsalter. Gleichzeitig wird es schwieriger, geeignete Nachfolger zu finden.

Das löst jedoch nicht automatisch das Problem.

Fehlen Beschäftigte ausgerechnet bei Polizei, Schulen oder Gerichten, während weniger wichtige Verwaltungsstrukturen bestehen bleiben, verschlechtert sich der Staat an den falschen Stellen.

Der Personalabbau muss deshalb gesteuert werden.

Ein zentraler Stellenpool soll Prioritäten ermöglichen

Die Landesregierung arbeitet mit einem Stellenpool.

Die Ressorts sollen einen Teil ihrer unbesetzten Stellen abgeben. Diese Stellen können anschließend zentral in Bereichen eingesetzt werden, in denen besonderer Bedarf besteht – beispielsweise in Justiz, Polizei, Bildung oder Digitalisierung.

Das Prinzip ist richtig, muss aber konsequent angewandt werden

Ein Stellenpool verhindert, dass jedes Ministerium seine unbesetzten Stellen unabhängig vom tatsächlichen Bedarf verteidigt.

Entscheidend ist jedoch, ob die Landesregierung auch bereit ist, Stellen vollständig zu streichen.

Wer jede frei werdende Stelle lediglich zwischen Ministerien verschiebt, verkleinert die Verwaltung nicht.

Digitalisierung hat bislang nicht zu weniger Personal geführt

Seit Jahren wird die Digitalisierung als Möglichkeit zum Bürokratieabbau angeführt.

Online-Anträge, digitale Akten und automatisierte Verfahren sollen Bürgern Wege ersparen und Mitarbeiter entlasten.

In der Praxis wurden viele Prozesse jedoch lediglich digital nachgebildet.

Ein schlechtes Formular bleibt auch digital schlecht

Wird ein kompliziertes Papierformular einfach in ein Onlineformular übertragen, entsteht noch kein effizienter Prozess.

Teilweise müssen Bürger ihre Daten digital eingeben, anschließend Dokumente ausdrucken, unterschreiben und per Post verschicken.

Auch zwischen Behörden fehlen häufig einheitliche Systeme und Schnittstellen.

Digitalisierung spart erst dann Personal, wenn Verfahren vollständig neu organisiert und unnötige Prüfschritte abgeschafft werden.

Künstliche Intelligenz könnte Routinearbeit übernehmen

Thüringen testet inzwischen KI-Anwendungen für die Landesverwaltung.

Solche Systeme können Texte zusammenfassen, Informationen suchen, Standardantworten vorbereiten und große Dokumentenmengen auswerten.

Die Landesregierung sieht darin eine Möglichkeit, den Personalbedarf langfristig zu senken.

KI ersetzt keine hoheitlichen Entscheidungen

Bescheide, Gerichtsurteile, Polizeimaßnahmen oder sensible Sozialentscheidungen dürfen nicht unkontrolliert einer Software überlassen werden.

KI kann Mitarbeiter unterstützen, aber Verantwortung und Prüfung müssen beim Menschen bleiben.

Der größte Nutzen dürfte zunächst bei Routineaufgaben liegen:

Akten sortieren,
Fristen erkennen,
Texte vergleichen,
Standardfälle vorbereiten,
Wissen schneller auffindbar machen.

Damit könnte der Staat trotz weniger Personal leistungsfähig bleiben.

Kleine Kommunen tragen besonders hohe Verwaltungskosten

Thüringen besitzt viele kleine Gemeinden und Verwaltungsgemeinschaften.

Jede Kommune benötigt bestimmte Grundfunktionen – unabhängig davon, ob dort 2.000 oder 20.000 Menschen leben.

Dazu gehören Bürgermeister, Kämmerei, Personalverwaltung, Ordnungsamt und zahlreiche gesetzliche Aufgaben.

Sinkende Einwohnerzahlen erhöhen die Kosten je Bürger

Verliert eine Gemeinde Einwohner, verschwinden ihre Verwaltungsaufgaben nicht im gleichen Verhältnis.

Die Fixkosten verteilen sich lediglich auf weniger Steuerzahler. Das kann Gebühren und kommunale Abgaben erhöhen und den Investitionsspielraum verkleinern.

Verwaltungskooperationen, gemeinsame Ämter oder freiwillige Zusammenschlüsse könnten Kosten reduzieren. Solche Reformen stoßen jedoch regelmäßig auf Widerstand, weil Gemeinden ihre Eigenständigkeit und örtliche Identität schützen wollen.

Eine Gebietsreform allein löst das Problem nicht

Thüringen hat seit Jahren über größere Gemeinden und leistungsfähigere Verwaltungsstrukturen diskutiert.

Größere Einheiten können bestimmte Aufgaben günstiger erledigen. Sie führen aber nicht automatisch zu weniger Personal oder besseren Dienstleistungen.

Entscheidend sind die inneren Strukturen

Wer lediglich mehrere Behörden unter einem neuen Namen zusammenfasst, aber sämtliche Standorte, Leitungsebenen und Verfahren erhält, spart kaum Geld.

Eine Reform muss Zuständigkeiten vereinfachen, Doppelarbeit vermeiden und Entscheidungswege verkürzen.

Sie darf nicht nur neue Kästchen in einem Organigramm schaffen.

Polizei und Schulen dürfen nicht pauschal gekürzt werden

Die Forderung nach einem kleineren öffentlichen Dienst darf nicht bedeuten, dass überall derselbe Prozentsatz gestrichen wird.

Thüringen benötigt genügend Lehrer, um Unterrichtsausfall zu vermeiden. Polizei und Justiz müssen Straftaten verfolgen und Verfahren in angemessener Zeit bearbeiten können.

Der Staat muss sichtbar handlungsfähig bleiben

Bürger erleben den Staat vor allem dort, wo er konkrete Leistungen erbringt:

in der Schule,
bei der Polizei,
im Bürgeramt,
vor Gericht,
beim Rettungsdienst,
in der Finanzverwaltung.

Ein Staat, der zwar viele interne Verwaltungsstellen besitzt, aber monatelang keinen Termin im Bürgeramt anbieten kann, verliert Vertrauen.

Deshalb muss Personal von verwaltungsinternen Aufgaben zu bürgernahen Kernbereichen verschoben werden.

Auch Förderprogramme erzeugen Bürokratie

Land, Bund und Europäische Union stellen zahlreiche Förderprogramme bereit.

Kommunen, Vereine und Unternehmen können damit Investitionen finanzieren.

Doch jedes Programm benötigt Richtlinien, Anträge, Nachweise, Prüfungen und Abrechnungen.

Weniger Programme könnten mehr bewirken

Ein einfaches, langfristig verfügbares Investitionsbudget kann effizienter sein als viele kleine Fördertöpfe.

Kommunen müssten dann nicht für jedes Projekt neue Anträge stellen und Personal für komplizierte Verwendungsnachweise vorhalten.

Bürokratieabbau bedeutet daher auch, Förderpolitik neu zu ordnen.

Wer ständig neue Programme beschließt, darf sich nicht über wachsende Verwaltungen wundern.

Der Bund überträgt Aufgaben ohne ausreichend Geld

Länder und Kommunen kritisieren regelmäßig das sogenannte Konnexitätsproblem.

Der Bund beschließt neue Leistungen oder Standards, während die praktische Umsetzung und ein Teil der Finanzierung bei Ländern und Gemeinden landen.

Das betrifft beispielsweise Sozialleistungen, Migration, Klimaschutz oder digitale Verwaltungsangebote.

Thüringen kann nicht jede Entwicklung allein steuern

Ein Teil des Personalwachstums entsteht nicht durch freiwillige Entscheidungen der Landesregierung.

Trotzdem muss das Land gegenüber dem Bund deutlicher verlangen, dass neue Aufgaben vollständig finanziert werden.

Gleichzeitig sollte Thüringen prüfen, welche eigenen Vorgaben über Bundesrecht hinausgehen und zusätzliche Bürokratie verursachen.

Weniger Vorschriften sind wichtiger als weniger Mitarbeiter

Ein reiner Stellenabbau kann dazu führen, dass dieselbe komplizierte Arbeit von weniger Menschen erledigt werden muss.

Dann steigen Wartezeiten und Überlastung.

Die bessere Reihenfolge lautet:

zuerst Aufgaben streichen,
dann Verfahren vereinfachen,
anschließend digitalisieren,
erst danach den Personalbedarf reduzieren.

Bürokratieabbau muss konkret werden

Allgemeine Versprechen reichen nicht.

Jedes Ministerium sollte regelmäßig offenlegen:

Welche Berichtspflichten wurden abgeschafft?
Welche Anträge wurden vereinfacht?
Welche Genehmigungsfristen wurden verkürzt?
Welche Stellen konnten dadurch entfallen?
Welche Leistungen wurden für Bürger verbessert?

Nur so lässt sich überprüfen, ob der Staat tatsächlich effizienter wird.

Die Verwaltung benötigt mehr Leistungsmessung

In der Privatwirtschaft wird regelmäßig geprüft, wie viel Zeit und Geld ein Prozess benötigt.

Im öffentlichen Dienst fehlt eine vergleichbare Transparenz oft.

Stellenzahlen allein sagen wenig aus

Eine Behörde kann mit mehr Personal schneller und besser arbeiten. Sie kann aber auch trotz Personalzuwachs ineffizient bleiben.

Deshalb braucht Thüringen klare Kennzahlen:

durchschnittliche Bearbeitungsdauer,
Zahl unerledigter Vorgänge,
Kosten je Verfahren,
Krankheitsquote,
Digitalisierungsgrad,
Zufriedenheit von Bürgern und Unternehmen.

Solche Daten würden eine sachlichere Debatte ermöglichen.

Der Staat konkurriert mit Unternehmen um Fachkräfte

Thüringen leidet bereits heute unter einem Mangel an qualifizierten Beschäftigten.

Wenn Land und Kommunen immer mehr Personal einstellen, konkurrieren sie mit Handwerk, Industrie und Dienstleistungsunternehmen.

Öffentliche Sicherheit trifft wirtschaftliche Wertschöpfung

Ein Lehrer oder Polizist erfüllt eine unverzichtbare öffentliche Aufgabe.

Wächst dagegen die allgemeine Verwaltung zu stark, fehlen möglicherweise Fachkräfte in Betrieben, die Steuern erwirtschaften und den öffentlichen Dienst finanzieren.

Der Staat muss deshalb besonders sorgfältig prüfen, für welche Aufgaben er knappe Arbeitskräfte bindet.

Höhere Besoldung belastet den Haushalt zusätzlich

Thüringen muss die Besoldung seiner Beamten an tarifliche Entwicklungen und verfassungsrechtliche Vorgaben anpassen.

Das Finanzministerium legte im Juni 2026 einen Gesetzentwurf zur Übertragung der Tarifeinigung und zur verfassungsgemäßen Alimentation vor. Dadurch entstehen zusätzliche Ausgaben für aktive Beamte und später auch für Versorgungsempfänger.

Jede zusätzliche Beamtenstelle wirkt langfristig

Eine neue Beamtenstelle belastet nicht nur den aktuellen Haushalt.

Aus ihr entstehen über Jahrzehnte Besoldungs-, Beihilfe- und Pensionsansprüche.

Deshalb muss der Staat bei Verbeamtungen langfristiger rechnen als ein privater Arbeitgeber bei einer normalen Einstellung.

Der Generationswechsel ist eine historische Gelegenheit

In den kommenden zehn Jahren wird ein großer Teil der Beschäftigten im öffentlichen Dienst altersbedingt ausscheiden.

Das ist ein Risiko, aber auch eine Chance.

Jetzt können Strukturen neu geordnet werden

Thüringen könnte den Generationswechsel nutzen, um:

Doppelstrukturen abzubauen,
Behörden zusammenzuführen,
Routineaufgaben zu automatisieren,
Personal in Schulen, Polizei und Justiz zu konzentrieren,
weniger wichtige Stellen nicht neu zu besetzen.

Geschieht das nicht, wird die Politik später unter wesentlich größerem finanziellen Druck handeln müssen.

Thüringen braucht einen kleineren, aber stärkeren Staat

Die Zahl von mehr als 106.000 Beschäftigten im öffentlichen Dienst ist nicht automatisch ein Skandal.

Darunter befinden sich Lehrer, Polizisten, Richter und viele weitere Menschen, ohne die ein Gemeinwesen nicht funktionieren kann.

Problematisch ist jedoch die Richtung.

Ein Land, das in wenigen Jahren unter zwei Millionen Einwohner fallen könnte, kann seine Verwaltungsstrukturen nicht dauerhaft ausweiten. Gleichzeitig steigen die Pensionslasten, während Unternehmen und Handwerk händeringend nach Mitarbeitern suchen.

Thüringen braucht deshalb keinen pauschal kaputtgesparten Staat.

Es braucht einen kleineren, moderneren und leistungsfähigeren Staat.

Mehr Personal muss dort eingesetzt werden, wo Bürger es unmittelbar benötigen: in Schulen, Polizei, Justiz, Katastrophenschutz und funktionierenden Bürgerdiensten.

An anderer Stelle müssen Aufgaben, Vorschriften und Stellen entfallen.

Die entscheidende Frage lautet nicht, wie viele Beamte oder Angestellte Thüringen beschäftigt.

Die entscheidende Frage lautet: Was bekommen Bürger und Unternehmen für dieses Personal?

Wächst die Verwaltung, während Genehmigungen weiterhin lange dauern, Unterricht ausfällt und Bürger auf Termine warten, ist der Personalzuwachs nicht zu rechtfertigen.

Ein schrumpfendes Land kann sich einen starken Staat leisten.

Es kann sich aber keinen Staat leisten, der immer größer und zugleich nicht spürbar besser wird.