Luckenwalde. Als Fledermauskundler Ingo Richter am 24. Mai einen Fledermauskasten in einem Wald bei Woltersdorf kontrollierte, fiel ihm sofort ein ungewöhnlich großes Tier auf.

Der erfahrene Fachmann vermutete einen Fund, den es in Brandenburg zuvor noch nie gegeben hatte: einen Riesenabendsegler, wissenschaftlich Nyctalus lasiopterus genannt.

Richter vermaß den Unterarm des männlichen Tieres, fertigte Fotografien an und setzte die Fledermaus anschließend wieder vorsichtig in ihr Versteck zurück. Das Brandenburger Landesamt für Umwelt bestätigte später den ersten gesicherten Nachweis dieser Art im Land. Deutschlandweit waren zuvor lediglich drei bestätigte Funde bekannt geworden.

Damit ist in einem Wald im Landkreis Teltow-Fläming eine kleine zoologische Sensation gelungen.

Bis zu 46 Zentimeter Flügelspannweite

Der Name Riesenabendsegler klingt gewaltiger, als das Tier auf den ersten Blick wirkt.

Sein Körper ist lediglich etwa acht bis zehn Zentimeter lang. Mit ausgebreiteten Flügeln erreicht die Fledermaus jedoch eine Spannweite von ungefähr 43 bis 46 Zentimetern. Damit gilt sie als größte in Europa vorkommende Fledermausart.

Zum Vergleich: Der in Brandenburg häufigere Große Abendsegler erreicht eine Spannweite von bis zu etwa 40 Zentimetern.

Der Riesenabendsegler besitzt ein rötlich-braunes Fell. Besonders auffällig ist das dichte Fell im Nacken, das Beobachter an eine kleine Löwenmähne erinnert.

Trotz seiner Größe ist das Tier für Menschen nicht gefährlich.

Wie andere europäische Fledermäuse meidet es den direkten Kontakt und ist vor allem in der Dämmerung und nachts unterwegs.

Entdeckt in einem gewöhnlichen Fledermauskasten

Der Fundort liegt bei Woltersdorf in der Gemeinde Nuthe-Urstromtal südlich von Luckenwalde.

Dort kontrollierte Ingo Richter regelmäßig künstliche Fledermauskästen. Solche Kästen dienen als Ersatzquartiere, wenn natürliche Baumhöhlen fehlen oder von den Tieren noch nicht gefunden wurden.

Bei einer Kontrolle entdeckte Richter das ungewöhnlich große Männchen.

Er habe den Fund zunächst kaum glauben können und sei sprachlos gewesen, berichtete der Fledermauskundler. Erst die Vermessung und die anschließende Prüfung durch das Landesumweltamt brachten Gewissheit.

Das Tier wurde nicht eingefangen oder an einen anderen Ort gebracht.

Nach der Dokumentation durfte es in seinem Quartier bleiben.

Eigentlich lebt die Art weiter südlich und östlich

Der Riesenabendsegler ist vor allem in Süd- und Osteuropa verbreitet.

Bekannte Vorkommen gibt es unter anderem auf der Iberischen Halbinsel, in Frankreich, Italien, auf dem Balkan sowie in Teilen Osteuropas. Die Art kommt jedoch selbst dort nur in geringen Beständen und sehr ungleichmäßig verteilt vor.

Deutschland liegt außerhalb ihres gewöhnlichen Kernverbreitungsgebietes.

Deshalb ist noch unklar, ob das Brandenburger Tier nur auf einer weiten Wanderung unterwegs war oder ob sich die Art künftig häufiger im Nordosten Deutschlands aufhalten könnte.

Ein einzelner Nachweis beweist noch keine dauerhafte Ansiedlung.

Dafür müssten weitere Tiere, wiederkehrende Aufenthalte oder sogar Fortpflanzungsquartiere gefunden werden.

Bis zu 400 Kilometer in einer Nacht

Riesenabendsegler gehören zu den besonders wanderfreudigen Fledermäusen.

Nach Einschätzung von Fachleuten können sie in einer Nacht Strecken von bis zu 400 Kilometern zurücklegen. Damit wäre es für das gefundene Männchen grundsätzlich möglich gewesen, aus einem deutlich weiter südlich oder östlich gelegenen Gebiet nach Brandenburg zu gelangen.

Fledermäuse orientieren sich während ihrer Flüge mithilfe der Echoortung.

Sie senden für Menschen größtenteils nicht hörbare Ultraschallrufe aus. Die zurückkehrenden Echos verraten ihnen, wo sich Bäume, Gebäude, Beutetiere und andere Hindernisse befinden.

Wandernde Arten nutzen dabei vermutlich auch Landschaftsstrukturen, Flüsse, Waldränder und andere Orientierungslinien.

Viele Einzelheiten ihrer Routen sind allerdings noch immer nicht vollständig erforscht.

Eine Fledermaus, die sogar kleine Vögel jagt

Die meisten heimischen Fledermäuse ernähren sich überwiegend von Insekten.

Auch der Riesenabendsegler jagt größere Käfer, Nachtfalter und andere fliegende Insekten. Die Art besitzt jedoch eine außergewöhnliche Besonderheit: Sie kann auch kleine ziehende Singvögel im freien Luftraum erbeuten. Besonders während der Vogelzugzeiten im Frühjahr und Herbst wurde dieses Verhalten wissenschaftlich nachgewiesen.

Das macht den Riesenabendsegler zu einer Besonderheit unter den europäischen Fledermäusen.

Er jagt dabei nicht in Vogelnestern oder auf dem Boden, sondern kann kleinere Vögel offenbar während des Fluges fangen.

Für die heimischen Vogelbestände stellt ein einzelnes durchziehendes Tier allerdings keine erkennbare Gefahr dar.

Der Riesenabendsegler ist selbst äußerst selten und gefährdet.

Alte Bäume sind lebenswichtige Quartiere

Riesenabendsegler nutzen bevorzugt Baumhöhlen als Tagesquartiere.

Sie sind daher besonders auf ältere Wälder mit Spechthöhlen, Rissen, abgestorbenen Ästen und natürlichen Hohlräumen angewiesen. Auch künstliche Fledermauskästen können zeitweise als Ersatz dienen.

Aus Sicht moderner Forstwirtschaft wirken alte, beschädigte oder teilweise abgestorbene Bäume gelegentlich wertlos oder gefährlich.

Für Fledermäuse, Spechte, Eulen, Käfer und zahlreiche andere Tiere sind sie jedoch unverzichtbare Lebensräume.

Ein aufgeräumter Wald mit gleich alten Bäumen bietet möglicherweise viel Nutzholz, aber häufig nur wenige natürliche Verstecke.

Der Fund bei Woltersdorf zeigt deshalb, wie wichtig ein ausreichender Anteil alter Bäume und geschützter Höhlen ist.

Ist der Fund eine Folge veränderter Temperaturen?

Nach einem außergewöhnlichen Tierfund stellt sich schnell die Frage nach dem Klimawandel.

Steigende Temperaturen können grundsätzlich dazu führen, dass südlich verbreitete Arten ihr Gebiet nach Norden ausdehnen. Dies ist bei Insekten, Vögeln und anderen Tierarten bereits zu beobachten.

Beim Brandenburger Riesenabendsegler lässt sich ein solcher Zusammenhang bislang aber nicht belegen.

Die Art ist sehr wanderfreudig und kann auch als einzelner Irrgast große Entfernungen zurücklegen. Der Fund könnte daher ebenso ein seltenes Einzelereignis sein.

Erst weitere Beobachtungen werden zeigen, ob Riesenabendsegler künftig häufiger in Brandenburg oder anderen Teilen Nordostdeutschlands auftauchen.

Eine seriöse Einordnung muss deshalb zwischen einer interessanten Möglichkeit und einem wissenschaftlich gesicherten Trend unterscheiden.

Brandenburg besitzt bereits zahlreiche Fledermausarten

In Deutschland sind insgesamt 25 Fledermausarten bekannt. Brandenburg bietet mit seinen Wäldern, Gewässern, Mooren, alten Gebäuden und ehemaligen Militärflächen vielfältige Lebensräume.

Zu den bekannteren Arten im Land gehören:

  • Großer Abendsegler,
  • Kleiner Abendsegler,
  • Zwergfledermaus,
  • Breitflügelfledermaus,
  • Wasserfledermaus,
  • Braunes Langohr,
  • und verschiedene Mausohrarten.

Viele Menschen bemerken die Tiere nur als dunkle Silhouetten, die am Abend schnell und scheinbar unberechenbar über Gärten, Seen und Straßen fliegen.

Dabei leisten Fledermäuse einen wichtigen Beitrag zum natürlichen Gleichgewicht.

Sie fressen große Mengen an Mücken, Nachtfaltern und anderen Insekten.

Licht kann Fledermäuse verdrängen

Eine wachsende Belastung ist künstliches Licht.

Helle Fassaden, Straßenbeleuchtung, Werbeanlagen und dauerhaft beleuchtete Gärten verändern die natürlichen Nachtlandschaften. Einige Fledermausarten meiden stark beleuchtete Flächen und verlieren dadurch Flugwege oder Jagdgebiete.

Andere Arten jagen zwar an Straßenlaternen, weil sich dort viele Insekten sammeln. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Licht grundsätzlich ungefährlich wäre.

Besonders problematisch können beleuchtete Ausflugöffnungen an Gebäuden und Baumquartieren sein. Tiere verlassen ihre Verstecke dann möglicherweise verspätet oder meiden sie vollständig.

Kommunen und Grundstückseigentümer können helfen, indem sie:

  • unnötige Dauerbeleuchtung abschalten,
  • Lampen gezielt nach unten ausrichten,
  • Bewegungsmelder verwenden,
  • warme und insektenfreundlichere Lichtquellen einsetzen,
  • und bekannte Quartiere nicht direkt anstrahlen.

Windkraftanlagen können zur Gefahr werden

Wandernde Fledermausarten bewegen sich teilweise in großen Höhen.

Dadurch können sie mit Windkraftanlagen kollidieren oder durch starke Druckunterschiede in der Nähe der Rotorblätter verletzt werden. Besonders betroffen sind Arten wie der Große und Kleine Abendsegler, die weite Strecken zurücklegen. Auch für einen Riesenabendsegler wären Windparks grundsätzlich ein mögliches Risiko.

Das bedeutet nicht, dass Windkraft und Fledermausschutz grundsätzlich unvereinbar sind.

Moderne Anlagen können zu Zeiten hoher Fledermausaktivität zeitweise abgeschaltet werden. Dabei berücksichtigen automatische Systeme unter anderem Temperatur, Windgeschwindigkeit und Jahreszeit.

Solche Abschaltregelungen können das Risiko erheblich verringern.

Entscheidend ist, dass neue Anlagen nicht allein nach Energieertrag, sondern auch nach Zugwegen und bekannten Quartieren geplant werden.

Fledermäuse stehen unter strengem Schutz

Alle heimischen Fledermausarten sind geschützt.

Quartiere dürfen nicht ohne Weiteres zerstört, verschlossen oder während der Nutzung verändert werden. Das betrifft nicht nur Baumhöhlen, sondern auch Dachböden, Fassadenspalten, Keller und Brücken.

Probleme entstehen häufig bei Sanierungen.

Hausbesitzer entdecken Fledermäuse hinter Verkleidungen oder unter dem Dach und befürchten Schmutz, Schäden oder Krankheiten.

In den meisten Fällen lassen sich Lösungen finden, bei denen die Arbeiten fortgesetzt und die Tiere trotzdem geschützt werden können.

Dafür sollten frühzeitig Naturschutzbehörden oder Fledermausfachleute einbezogen werden.

Wer ein Quartier eigenmächtig verschließt, kann Tiere einschließen und gegen Naturschutzrecht verstoßen.

Keine Panik bei einer Fledermaus im Haus

Im Sommer verirren sich einzelne Fledermäuse gelegentlich in Wohnungen.

Meist handelt es sich um junge Tiere, die auf ihren ersten Flügen ein geöffnetes Fenster oder eine Balkontür nicht richtig einschätzen.

In solchen Fällen sollte Ruhe bewahrt werden.

Sinnvoll ist es:

  • Zimmertüren zu schließen,
  • Haustiere fernzuhalten,
  • Fenster weit zu öffnen,
  • das Licht auszuschalten,
  • und dem Tier Zeit zu geben, selbst hinauszufliegen.

Eine Fledermaus sollte nicht mit bloßen Händen angefasst werden.

Ist sie verletzt, flugunfähig oder befindet sie sich am nächsten Morgen noch im Raum, sollte eine Fledermausauffangstation oder ein Tierarzt kontaktiert werden.

Menschen müssen keine Angst haben

Fledermäuse besitzen in Geschichten und Filmen häufig ein unheimliches Image.

Sie gelten als Wesen der Nacht, werden mit Vampiren verbunden und lösen bei manchen Menschen Unsicherheit aus.

Die heimischen Arten greifen Menschen jedoch nicht an.

Sie fliegen auch nicht absichtlich in Haare. Ihre Echoortung ist so präzise, dass sie selbst dünne Hindernisse erkennen können.

Wie bei allen Wildtieren sollte direkter Kontakt vermieden werden. Ein verletztes Tier kann sich mit seinen Zähnen verteidigen.

Daraus ergibt sich jedoch kein Grund, gesunde Fledermäuse in der Umgebung zu verfolgen oder Quartiere zu zerstören.

Was Forscher jetzt wissen wollen

Der erste Brandenburger Nachweis dürfte weitere Untersuchungen auslösen.

Fachleute werden besonders darauf achten, ob:

  • das Tier erneut im selben Kasten erscheint,
  • weitere Riesenabendsegler in der Region gefunden werden,
  • Ultraschallaufnahmen typische Rufe erkennen lassen,
  • es Hinweise auf regelmäßige Wanderwege gibt,
  • oder sogar mehrere Tiere gemeinsam auftreten.

Ein einzelnes Männchen kann auf der Durchreise gewesen sein.

Mehrere wiederkehrende Nachweise würden dagegen darauf hindeuten, dass Brandenburg für die Art als Rast-, Jagd- oder möglicherweise sogar Lebensraum an Bedeutung gewinnt.

Fledermausforschung benötigt dabei viel Geduld.

Die Tiere sind nachts aktiv, bewegen sich schnell und verbringen den Tag versteckt in kleinen Höhlen.

Der Wald bei Luckenwalde wird nicht zum Ausflugsziel

Der genaue Standort des Fledermauskastens sollte nicht als touristische Attraktion behandelt werden.

Zu viele Besucher könnten das Tier stören oder dazu führen, dass Quartiere beschädigt werden. Außerdem ist keineswegs sicher, dass der Riesenabendsegler weiterhin in demselben Kasten lebt.

Naturschutz lebt häufig davon, empfindliche Fundorte nicht öffentlich zu vermarkten.

Wer Fledermäuse erleben möchte, kann an geführten Abendwanderungen von Naturschutzverbänden teilnehmen oder die Tiere an Seen, Waldrändern und alten Parks beobachten.

Der besondere Fund gehört wissenschaftlich dokumentiert – nicht von Neugierigen belagert.

Eine kleine Sensation mit großer Botschaft

Der Riesenabendsegler hat Brandenburg nicht bewusst als neue Heimat ausgewählt.

Vielleicht war er nur auf der Durchreise. Vielleicht ist sein Auftauchen der Beginn weiterer Beobachtungen. Noch weiß das niemand.

Trotzdem besitzt der Fund eine wichtige Botschaft.

Seltene Tiere halten sich nicht an Landesgrenzen, Flächennutzungspläne oder politische Zuständigkeiten. Sie benötigen geeignete Lebensräume entlang ihrer gesamten Wanderwege.

Ein Fledermauskasten kann helfen.

Noch wichtiger sind jedoch alte Wälder, natürliche Baumhöhlen, dunkle Nächte und ausreichend Insekten.

Der Fund bei Woltersdorf zeigt, dass Brandenburg solche Lebensräume zumindest stellenweise noch bietet.

Darauf darf sich das Land jedoch nicht ausruhen.

Wälder werden wirtschaftlich genutzt, Windkraftanlagen ausgebaut und Siedlungen erweitert. Diese Entwicklungen sind nicht grundsätzlich falsch. Sie müssen aber so geplant werden, dass seltene Arten nicht vollständig verdrängt werden.

Heimat bedeutet nicht nur Dörfer, Kirchen, Traditionen und menschliche Geschichte.

Zur Heimat gehören auch Tiere, die kaum jemand zu Gesicht bekommt und die trotzdem seit Jahrhunderten durch die Nacht fliegen.

Europas größte Fledermaus ist in Brandenburg aufgetaucht.

Ob sie wiederkommt, hängt nicht nur vom Zufall ab – sondern auch davon, welchen Platz wir der Natur lassen.