Rostock. Jahrzehntelang lagen Bomben, Granaten, Seeminen und weitere Kampfmittel weitgehend unbeachtet auf dem Grund der Ostsee. Nun soll die systematische Bergung endlich beginnen – und Mecklenburg-Vorpommern wird dabei eine zentrale Rolle übernehmen.

Der Bund will in Rostock ein Kompetenzzentrum zur Beseitigung von Munitionsaltlasten aufbauen. Von dort aus sollen Bergung, technische Entwicklung, wissenschaftliche Begleitung und die Zusammenarbeit von Bund und Küstenländern koordiniert werden. Außerdem ist ab 2028 der Einsatz einer schwimmenden Industrieplattform vorgesehen, auf der geborgene Munition untersucht und unschädlich gemacht werden kann. Für die eigentliche Räumung will der Bund langfristig jährlich rund 50 Millionen Euro bereitstellen.

Für Rostock könnte daraus ein neuer maritimer Zukunftsbereich entstehen. Die Stadt verfügt bereits über Hafeninfrastruktur, Schiffbau, Meerestechnik, Forschungseinrichtungen und Unternehmen, die für die Entwicklung und den Betrieb entsprechender Bergungssysteme benötigt werden.

1,6 Millionen Tonnen Munition im Meer

Nach Schätzungen liegen in den deutschen Gebieten von Nord- und Ostsee rund 1,6 Millionen Tonnen konventionelle Weltkriegsmunition. Dazu gehören Bomben, Minen, Torpedos, Granaten, Sprengmittel und große Mengen kleinerer Munition. Zusätzlich befinden sich mehrere Tausend Tonnen chemischer Kampfmittel in den Meeren.

Allein für die Ostsee werden rund 300.000 Tonnen konventionelle Munition genannt. Ein großer Teil wurde nach den Weltkriegen gezielt im Meer versenkt. Hinzu kommen Blindgänger, Seeminen und Munition aus Kampfhandlungen.

Über Jahrzehnte galten die Meere als vermeintlich einfache und billige Entsorgungsmöglichkeit. Die Folgen dieser damaligen Entscheidungen müssen nun heutige und künftige Generationen bewältigen.

Rostock soll die Räumung koordinieren

Das geplante Zentrum in Rostock soll nicht nur Verwaltung betreiben. Es könnte zum Knotenpunkt einer neuen maritimen Industrie werden.

Benötigt werden unter anderem:

  • Spezialschiffe,
  • Unterwasserroboter,
  • Sonar- und Ortungstechnik,
  • Greif- und Bergungssysteme,
  • schwimmende Arbeitsplattformen,
  • sichere Transportbehälter,
  • Anlagen zur Zerlegung und Vernichtung,
  • Umweltüberwachung,
  • sowie Fachkräfte aus Sprengtechnik, Schiffbau, Chemie und Meeresforschung.

Rostock besitzt dafür gute Voraussetzungen. Der Ocean Technology Campus bündelt bereits wissenschaftliche und wirtschaftliche Kompetenzen im Bereich der Meerestechnik. Bundesumweltminister Carsten Schneider informierte sich dort über Verfahren zur Ortung und Bergung von Altmunition.

Für die Stadt könnte sich daraus neben dem klassischen Hafen- und Schiffbaugeschäft ein langfristiger Technologiestandort entwickeln.

Welche Stadtteile und Standorte profitieren könnten

Von der Ansiedlung könnten mehrere Bereiche Rostocks profitieren.

Rostocker Hafen

Der Seehafen bietet Flächen, Liegeplätze, Logistik und Zugang zur offenen Ostsee. Von hier könnten Bergungsschiffe und Plattformen ausgerüstet, gewartet und mit Spezialtechnik versorgt werden.

Warnemünde

Warnemünde ist nicht nur Ostseebad, sondern auch Standort maritimer Forschung und Ausbildung. Die Nähe zum Meer macht den Ort für Erprobungen, Besatzungswechsel und wissenschaftliche Begleitung interessant.

Marienehe und Bramow

In den traditionellen Gewerbe- und Werftgebieten könnten Zulieferer, Werkstätten und technische Dienstleister angesiedelt werden.

Groß Klein und Schmarl

Die Nähe zum Überseehafen und zu bestehenden Industrieflächen könnte neue Arbeitsplätze in Logistik, Wartung und Produktion ermöglichen.

Universität und Forschungseinrichtungen

Die Universität Rostock sowie maritime Institute könnten Verfahren zur Detektion, Umweltüberwachung und sicheren Behandlung der Munition weiterentwickeln.

Entscheidend ist, dass nicht nur ein Verwaltungsbüro entsteht. Ein möglichst großer Teil von Forschung, Bau, Wartung und Beschäftigung sollte tatsächlich in Mecklenburg-Vorpommern verbleiben.

Schwimmende Fabrik soll Munition unschädlich machen

Ein Kernstück des Projekts ist eine geplante schwimmende Industrieplattform. Sie soll voraussichtlich ab 2028 eingesetzt werden.

Auf einer solchen Plattform könnte geborgene Munition direkt auf See oder in Küstennähe behandelt werden. Dadurch müssten gefährliche Kampfmittel nicht über lange Strecken durch Häfen und über Straßen transportiert werden.

Die Plattform soll helfen, die bisher überwiegend fallbezogene Bergung in einen kontinuierlichen industriellen Prozess zu überführen. Der Bundestag hat Mittel für eine Entsorgungsplattform vorgesehen, die Munition schneller bergen und unschädlich machen soll.

Dabei müssen höchste Sicherheits- und Umweltstandards gelten. Ein Unfall mit Sprengstoff, chemischen Kampfmitteln oder austretenden Giftstoffen könnte schwere Folgen haben.

Die Metallhüllen rosten durch

Die Munition liegt teilweise seit mehr als 80 Jahren im Salzwasser. Ihre Metallhüllen korrodieren zunehmend.

Dadurch können Sprengstoffe, Schwermetalle und weitere Schadstoffe in Sedimente und Wasser gelangen. Sachverständige haben darauf hingewiesen, dass Stoffe aus der Munition punktuell bereits in Fischen nachgewiesen wurden. Für eine umfassende Bewertung fehlen jedoch teilweise noch belastbare Langzeitdaten.

Mit fortschreitender Korrosion wird die Bergung schwieriger. Wenn die Metallhüllen vollständig zerfallen, lassen sich einzelne Kampfmittel schlechter orten und sicher aufnehmen.

Der Zeitdruck wächst deshalb von Jahr zu Jahr.

Was bedeutet das für Warnemünde und die Ostseebäder?

Die Meldung über Hunderttausende Tonnen Munition in der Ostsee kann bei Urlaubern zunächst Sorgen auslösen.

Für Badegäste besteht nach bisherigen Einschätzungen keine allgemeine unmittelbare Gefahr. Eine besondere Gefahr können jedoch angespülte Stücke weißen Phosphors darstellen. Sie können Bernstein ähneln, sich bei Wärme entzünden und schwere Verbrennungen verursachen.

Betroffen sein können grundsätzlich Strände entlang der gesamten Ostseeküste, darunter:

  • Warnemünde,
  • Kühlungsborn,
  • Heiligendamm,
  • Graal-Müritz,
  • die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst,
  • Rügen,
  • Usedom,
  • sowie Küstenabschnitte Schleswig-Holsteins.

Strandbesucher sollten unbekannte, bernsteinähnliche Fundstücke nicht in die Tasche stecken. Verdächtige Gegenstände dürfen grundsätzlich nicht berührt werden; Polizei oder örtliche Behörden sollten informiert werden.

Eine systematische Räumung dient damit nicht nur dem Meeresschutz, sondern auch langfristig der Sicherheit der Küstenregionen.

Rügen: Tourismus und Offshore-Ausbau betroffen

Rügen ist eine der wichtigsten Tourismusregionen Ostdeutschlands. Gleichzeitig spielt die Insel eine wachsende Rolle beim Ausbau der Energieinfrastruktur in der Ostsee.

Munitionsaltlasten können die Planung und Verlegung von Seekabeln, den Bau von Offshore-Windparks und Arbeiten an Pipelines erschweren. Vor Baumaßnahmen müssen Flächen auf Kampfmittel untersucht und gegebenenfalls geräumt werden. Die Bundesregierung bezeichnet Altmunition deshalb ausdrücklich auch als Risiko für die wirtschaftliche Nutzung der Meeresgebiete.

Für Sassnitz-Mukran könnte die Bergung neue wirtschaftliche Chancen schaffen. Der Hafen verfügt über große Flächen, schwere Umschlagtechnik und Erfahrung mit Offshore-Projekten.

Denkbar wären dort:

  • Ausrüstung von Spezialschiffen,
  • Zwischenlagerung technischer Geräte,
  • Wartung von Bergungssystemen,
  • Ausbildung von Besatzungen,
  • und Unterstützung von Einsätzen im östlichen Ostseeraum.

Dabei müsste klar festgelegt werden, ob und in welcher Form geborgene Munition in Hafennähe behandelt werden darf.

Usedom und Greifswald: Sorge um Küste und Fischerei

Auch Vorpommern ist unmittelbar betroffen.

Greifswald besitzt mit Universität und Forschungseinrichtungen wichtige wissenschaftliche Kompetenzen. Lubmin verfügt über Hafen-, Energie- und Industrieinfrastruktur. Usedom lebt stark vom Tourismus und von einer intakten Küstenlandschaft.

Für Fischer aus Freest, Greifswald, Wolgast und weiteren Küstenorten stellt Altmunition ein zusätzliches Berufsrisiko dar. Kampfmittel können in Netze geraten oder Fanggebiete einschränken.

Die Bergung könnte deshalb langfristig helfen, Fischereigebiete sicherer zu machen. Während konkreter Räumungsarbeiten können allerdings zeitweise Sperrzonen notwendig werden.

Die Interessen von Fischern müssen frühzeitig berücksichtigt werden. Sie verfügen häufig über praktische Kenntnisse zu auffälligen Fundstellen und gefährlichen Gebieten.

Wismar und die westliche Ostseeküste

Auch Wismar, die Insel Poel und die westmecklenburgische Küste können von einem dauerhaften Räumprogramm betroffen sein.

Wismar besitzt einen Hafen, maritime Betriebe und Werftkompetenz. Unternehmen aus der Region könnten Ausrüstung, Stahlkonstruktionen oder Spezialkomponenten für Plattformen und Schiffe liefern.

Damit bietet das Vorhaben Chancen für mehrere Standorte:

  • Rostock als Kompetenz- und Koordinierungszentrum,
  • Sassnitz-Mukran als möglicher Offshore- und Logistikstandort,
  • Lubmin als Energie- und Industriehafen,
  • Wismar als Werft- und Produktionsstandort,
  • sowie Greifswald als Wissenschaftsstandort.

Mecklenburg-Vorpommern sollte deshalb eine gemeinsame Landesstrategie entwickeln, statt die Chancen allein Rostock zu überlassen.

Neue Arbeitsplätze – aber wie viele?

Die Politik spricht von einer langfristigen Aufgabe und möglichen wirtschaftlichen Chancen. Noch offen ist jedoch, wie viele Arbeitsplätze tatsächlich entstehen.

Benötigt werden voraussichtlich:

  • Ingenieure,
  • Schiffbauer,
  • Kampfmittelräumer,
  • Taucher,
  • Robotikexperten,
  • Meeresbiologen,
  • Chemiker,
  • Techniker,
  • Seeleute,
  • Logistiker,
  • Sicherheitskräfte,
  • und Verwaltungsmitarbeiter.

Die Landesregierung sollte frühzeitig veröffentlichen:

  1. Wo das Kompetenzzentrum genau angesiedelt wird.
  2. Wie viele Beschäftigte dort arbeiten sollen.
  3. Welche Unternehmen beteiligt werden.
  4. Welche Ausbildungswege benötigt werden.
  5. Wie regionale Firmen an Ausschreibungen teilnehmen können.
  6. Welche Forschungsgelder nach Rostock und Greifswald fließen.
  7. Welche zusätzlichen Hafenflächen erforderlich sind.

Ohne solche Angaben bleibt der wirtschaftliche Nutzen zunächst eine Erwartung.

50 Millionen Euro pro Jahr reichen nicht für eine schnelle Gesamträumung

Die zugesagten 50 Millionen Euro jährlich sind ein wichtiger Schritt. Angesichts von insgesamt rund 1,6 Millionen Tonnen Munition wird eine vollständige Bergung jedoch Jahrzehnte dauern.

Nicht jedes einzelne Kampfmittel kann sofort geborgen werden. Zunächst müssen besonders gefährliche und technisch gut erreichbare Gebiete priorisiert werden.

Die Bundesregierung hatte bereits früher als Ziel formuliert, zunächst konventionelle Munition in gut zugänglicher Lage zu räumen, bei der hohe Erfolgsaussichten bestehen. Als erste Schwerpunktregion wurden die deutschen Hoheitsgewässer der Ostsee genannt.

Eine Priorisierung ist praktisch notwendig. Sie muss aber transparent erfolgen.

Die Öffentlichkeit sollte erfahren:

  • Welche Gebiete zuerst geräumt werden,
  • nach welchen Gefahrenkriterien entschieden wird,
  • welche Mengen jährlich geborgen werden sollen,
  • wie hoch die Kosten pro Tonne sind,
  • und welche Fortschritte tatsächlich erreicht wurden.

Keine weiteren Sprengungen als einfache Lösung

In der Vergangenheit wurde Munition teilweise direkt im Meer gesprengt. Diese Methode kann jedoch zusätzliche Belastungen verursachen.

Explosionen können Meerestiere schädigen und Schadstoffe im Sediment verteilen. Sachverständige haben davor gewarnt, dass unnötige Sprengungen die Verteilung belasteter Bestandteile verstärken können.

Ziel muss deshalb sein, Munition möglichst unbeschädigt zu bergen und kontrolliert zu vernichten.

Sprengungen sollten nur erfolgen, wenn eine sichere Bergung technisch nicht möglich ist und eine unmittelbare Gefahr besteht.

Verantwortung von Bund und Ländern

Die Altlasten entstanden überwiegend durch Kriegshandlungen und staatlich organisierte Versenkungen. Ihre Beseitigung kann deshalb nicht allein Aufgabe finanzschwacher Küstenkommunen sein.

Der Bund übernimmt nun zunächst die Vorfinanzierung. Langfristig ist eine gemeinsame Beteiligung von Bund und Ländern vorgesehen. Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein sind besonders betroffen, doch das Problem ist eine gesamtdeutsche Hinterlassenschaft.

Auch Länder ohne eigene Küste profitieren von sicheren Schifffahrtswegen, saubereren Meeren und einer funktionierenden Offshore-Infrastruktur.

Eine dauerhafte Finanzierung darf deshalb nicht bei der nächsten Haushaltskrise wieder infrage gestellt werden.

Chancen für ostdeutsche Unternehmen

Das Projekt kann zu einem bedeutenden industriepolitischen Vorhaben für Ostdeutschland werden.

Die dafür benötigten Technologien haben auch international einen Markt. Weltweit liegen in Meeren, Häfen und ehemaligen Kriegsgebieten große Mengen versenkter Munition.

Gelingt es Rostocker, Greifswalder und weitere ostdeutsche Unternehmen, sichere Bergungs- und Vernichtungssysteme zu entwickeln, könnten diese später exportiert werden.

Denkbar sind Anwendungen in:

  • der gesamten Ostsee,
  • Nordseegebieten,
  • europäischen Häfen,
  • früheren militärischen Übungsgebieten,
  • sowie internationalen Küstenregionen.

Rostock könnte damit von einem Ort der Altlastenbewältigung zu einem internationalen Zentrum für maritime Sicherheitstechnik werden.

Rostock muss mehr bekommen als ein neues Behördenschild

Die Entscheidung für Rostock ist richtig.

Mecklenburg-Vorpommern besitzt Häfen, maritime Unternehmen, Forschung und eine lange Küstentradition. Wenn Deutschland eine neue Industrie zur Bergung von Weltkriegsmunition aufbaut, gehört ein zentraler Standort an die Ostsee.

Doch die Landesregierung muss darauf achten, dass Rostock nicht nur den Namen des Kompetenzzentrums erhält.

Forschung, technische Entwicklung, Schiffsumbauten, Wartung und Arbeitsplätze müssen tatsächlich in der Region entstehen. Auch Sassnitz, Greifswald, Lubmin und Wismar sollten eingebunden werden.

Die Ostsee ist Lebensraum, Wirtschaftsraum und Heimat. Sie sichert Arbeitsplätze in Tourismus, Fischerei, Häfen, Schiffbau und Energieversorgung.

Jahrzehntelang wurde die Munition auf dem Meeresgrund ignoriert. Je länger gewartet wird, desto stärker rosten die Hüllen und desto schwieriger wird die Bergung.

Die zugesagten 50 Millionen Euro jährlich sind deshalb kein Luxusprojekt. Sie sind eine überfällige Investition in Sicherheit und Umweltschutz.

Jetzt kommt es auf die Umsetzung an.

Rostock darf nicht nur die Bergung verwalten.

Rostock sollte die Technologie entwickeln, mit der die Ostsee endlich von einem gefährlichen Erbe der Weltkriege befreit wird.