Berlin-Köpenick. Die nächste große Verkehrsbaustelle im Berliner Osten rückt näher.
Die Lange Brücke über die Dahme ist marode und muss durch einen Neubau ersetzt werden. Sie verbindet die Köpenicker Altstadt mit der Köllnischen Vorstadt und Spindlersfeld und gehört zu den wichtigsten Straßen- und Straßenbahnverbindungen im Bezirk Treptow-Köpenick.
Bei einer Informationsveranstaltung am 8. Juli stellte die Berliner Verkehrsverwaltung den aktuellen Planungsstand vor. Nach Medienberichten soll das Projekt später beginnen als zunächst erwartet. Die vorgesehene Bauzeit von etwa vier Jahren bleibt jedoch bestehen. Während dieser Zeit müssen Autofahrer und Fahrgäste der Berliner Verkehrsbetriebe mit erheblichen Einschränkungen rechnen.
Eine der wichtigsten Verbindungen im Berliner Südosten
Die Lange Brücke führt über die Dahme und verbindet mehrere große Verkehrsachsen miteinander.
Über sie verlaufen:
- die Müggelheimer Straße,
- Straßenbahnverbindungen in Richtung Köpenicker Altstadt,
- wichtige Bus- und Autoverbindungen,
- Fuß- und Radwege,
- sowie überbezirklicher Verkehr zwischen Köpenick, Niederschöneweide und der Berliner Innenstadt.
Im Berliner Stadtentwicklungsplan Verkehr wird die Verbindung als übergeordnete Straßenverbindung der Stufe II eingeordnet. Die Verkehrsverwaltung betont, dass die Brücke nicht nur für die Altstadt, sondern auch für den gesamten Südosten Berlins eine hohe Bedeutung besitzt.
Im zentralen Bereich Köpenicks gibt es für den Straßenverkehr kaum geeignete Alternativen zur Querung der Dahme. Deshalb können Sperrungen oder Einschränkungen auf der Langen Brücke erhebliche Auswirkungen auf das gesamte Straßennetz haben.
Historische Brücke und Behelfsbauten reichen nicht mehr aus
Die heutige Verkehrssituation ist bereits ungewöhnlich.
In Richtung Köpenicker Altstadt fahren Straßenbahn, Autos und Fahrräder teilweise über das historische Brückenbauwerk. Der Verkehr in Richtung Westen wird dagegen über zwei Behelfsbrücken geführt, die ursprünglich nur für eine vorübergehende Nutzung vorgesehen waren.
Diese Behelfsbrücken entstanden während einer Sanierung der Langen Brücke in den 1990er Jahren. Nach Abschluss der damaligen Arbeiten zeigte sich jedoch, dass die historische Brücke allein das gestiegene Verkehrsaufkommen nicht bewältigen konnte.
Die provisorischen Bauwerke blieben deshalb bestehen.
Aus einer Übergangslösung wurde ein jahrzehntelanger Dauerzustand.
Die zwischen 1995 und 1998 durchgeführte Sanierung brachte nicht die erhoffte dauerhafte Verbesserung der Bausubstanz. Inzwischen gelten sowohl das historische Bauwerk als auch die Behelfsbrücken als den heutigen Belastungen nicht mehr gewachsen.
Seit Jahren gilt Tempo 10
Der Zustand der Brücke hat bereits heute konkrete Folgen.
Wegen der Belastung durch den zunehmenden Schwerverkehr wurde 2018 eine Höchstgeschwindigkeit von zehn Kilometern pro Stunde angeordnet. Die Behelfsbrücken müssen weiterhin repariert und ertüchtigt werden, damit sie bis zum Bau des neuen Übergangs genutzt werden können.
Eine dauerhafte Sanierung ist nach Einschätzung der Verkehrsverwaltung nicht mehr ausreichend.
Deshalb soll die vorhandene Brückenanlage abgerissen und durch einen leistungsfähigeren Neubau ersetzt werden.
Der Denkmalschutz für die historische Brücke wurde bereits im Januar 2020 aufgehoben. Damit ist ein vollständiger Abriss grundsätzlich möglich. Die neue Brücke soll sich dennoch an der historischen Umgebung orientieren und freie Sichtachsen auf die Altstadt, das Schloss Köpenick, die Schlossinsel und den Kietz ermöglichen.
Keine hohen Stahlbögen vor der Altstadt
Die geplante Brücke soll das Stadtbild möglichst wenig beeinträchtigen.
Oberhalb der Fahrbahn angeordnete große Tragkonstruktionen, wie sie bei manchen modernen Brücken üblich sind, sind nicht vorgesehen. Die Höhe des Neubaus soll sich am historischen Bauwerk orientieren.
Damit soll der Blick auf die Köpenicker Altstadt weitgehend frei bleiben.
Die Planer müssen dabei mehrere Anforderungen miteinander verbinden:
- ausreichende Tragfähigkeit,
- leistungsfähige Straßenbahnverbindungen,
- sichere Geh- und Radwege,
- Platz für den Autoverkehr,
- Denkmalschutz,
- und möglichst geringe Eingriffe in die historische Umgebung.
Das macht das Projekt technisch und städtebaulich anspruchsvoll.
Straßenbahn erhält eigenen Bereich
Nach den bisherigen Planungsgrundlagen soll die neue Brücke in beiden Richtungen mehrere klar getrennte Verkehrsflächen erhalten.
Vorgesehen sind unter anderem:
- Gehwege von rund 3,70 Metern,
- Radwege von etwa 2,30 Metern,
- Sicherheitsstreifen,
- zweistreifige Richtungsfahrbahnen,
- Notgehbahnen,
- und ein eigener Straßenbahnkörper.
Die Straßenbahn soll jeweils eingleisig geführt werden. Die genaue Gestaltung kann sich im weiteren Planungsverfahren noch verändern.
Der Umbau betrifft nicht nur die eigentliche Brücke.
Zum Projekt gehört ein rund 330 Meter langer Abschnitt zwischen dem Schlossplatz in der Altstadt und dem Köllnischen Platz auf der westlichen Seite der Dahme. Auch Straßen, Kreuzungen und Straßenbahnanlagen müssen dort grundlegend angepasst werden.
Vier Jahre Einschränkungen angekündigt
Die Verkehrsverwaltung nennt auf ihrer Projektseite bisher noch keine endgültige Bauzeit. Dort heißt es, konkrete Angaben könnten erst nach Abschluss weiterer Planungen gemacht werden.
Bei der Informationsveranstaltung wurde nach Berichten jedoch deutlich, dass weiterhin mit einer etwa vierjährigen Hauptbauphase gerechnet wird. Das Projekt soll später beginnen als bisher angekündigt, an der erwarteten Dauer ändere sich jedoch nichts.
Für den Berliner Südosten bedeutet das eine lange Belastungsprobe.
Bereits heute führen Bauarbeiten, Staus und eingeschränkte Straßenbahnverbindungen regelmäßig zu Problemen rund um die Köpenicker Altstadt. Mit dem Ersatzneubau der Langen Brücke kommt ein weiteres Großprojekt hinzu.
Schienenersatzverkehr wird kaum zu vermeiden sein
Die Lange Brücke ist Teil des Köpenicker Straßenbahnnetzes.
Während einzelner Bauphasen werden Gleise verlegt, Straßenbahnanlagen umgebaut und Teile des Verkehrsraums gesperrt. Deshalb ist nach den vorgestellten Planungen zeitweise mit Schienenersatzverkehr zu rechnen.
Das ist für Köpenick besonders problematisch.
Die Straßenbahn ist für viele Bewohner die wichtigste Verbindung zu S-Bahnhöfen, Einkaufsstraßen, Schulen und Arbeitsplätzen. Busse im Ersatzverkehr benötigen jedoch dieselben Straßen wie Autos und Lieferfahrzeuge.
Geraten die Straßen in den Stau, verliert auch der Ersatzverkehr an Zuverlässigkeit.
Die BVG und die Verkehrsverwaltung müssen deshalb frühzeitig erklären:
- welche Straßenbahnlinien betroffen sind,
- wie lange einzelne Sperrungen dauern,
- wo Ersatzbusse verkehren,
- welche Haltestellen entfallen,
- und wie barrierefreie Umstiege organisiert werden.
Altstadt und Bahnhofstraße könnten zusätzlich belastet werden
Der Verkehr wird während der Bauzeit nicht verschwinden.
Er wird sich auf andere Straßen verlagern.
Besonders betroffen sein könnten:
- die Bahnhofstraße,
- die Wendenschloßstraße,
- die Salvador-Allende-Straße,
- die Oberspreestraße,
- die Straße An der Wuhlheide,
- und kleinere Nebenstraßen.
Schon heute ist die Bahnhofstraße eine der am stärksten belasteten Straßen Köpenicks. Berlin plant zwar eine Westumfahrung, doch deren Baubeginn ist nach Angaben der Verkehrsverwaltung nicht vor 2027 vorgesehen.
Damit besteht die Gefahr, dass mehrere große Verkehrsprojekte zeitlich aufeinandertreffen oder sich gegenseitig beeinflussen.
Gewerbetreibende fürchten lange Umsatzeinbußen
Die Köpenicker Altstadt lebt von kleinen Geschäften, Gastronomie, Dienstleistungen und Besuchern.
Vier Jahre Baustelle können für diese Betriebe erhebliche Folgen haben.
Wenn Kunden wegen Staus, fehlender Parkplätze oder unterbrochener Straßenbahnverbindungen ausbleiben, sinken die Umsätze. Besonders gefährdet sind kleine Unternehmen, die keine finanziellen Rücklagen für mehrere schlechte Jahre besitzen.
Die Verkehrsverwaltung sollte deshalb nicht nur technische Baupläne veröffentlichen.
Notwendig sind auch:
- klare Zufahrtsregelungen,
- verständliche Beschilderung,
- sichere Liefermöglichkeiten,
- aktuelle Informationen für Kunden,
- und ein Baustellenmarketing für die Altstadt.
Der Neubau ist unvermeidbar.
Der wirtschaftliche Schaden für die Umgebung muss es nicht sein.
Rettungsdienste und Feuerwehr brauchen freie Wege
Eine Brückenbaustelle betrifft auch die Sicherheit.
Treptow-Köpenick ist ein großer Bezirk mit langen Wegen. Rettungswagen, Feuerwehr und Polizei müssen die Dahme schnell überqueren können.
Wenn sich der Verkehr auf wenigen verbleibenden Straßen staut, können Einsatzzeiten steigen.
Deshalb müssen Einsatzfahrzeuge bei der Verkehrsplanung besonders berücksichtigt werden. Denkbar sind eigene Durchfahrtsmöglichkeiten, angepasste Ampelschaltungen und laufend aktualisierte Einsatzrouten.
Eine Großbaustelle darf nicht dazu führen, dass Menschen in einem Notfall länger auf Hilfe warten.
Köpenick wächst schneller als seine Infrastruktur
Der Bezirk Treptow-Köpenick gehört zu den wachsenden Teilen Berlins.
Neue Wohnungen entstehen unter anderem in Altglienicke, Adlershof, Köpenick und auf früheren Gewerbe- oder Bahnflächen. Gleichzeitig bleibt das Verkehrsnetz an vielen Stellen eng und störanfällig.
Die Lange Brücke ist ein Beispiel dafür.
Sie trägt heute wesentlich mehr Verkehr, als bei ihrem Bau oder ihrer Sanierung erwartet wurde. Jahrzehntelang wurde mit Behelfsbrücken gearbeitet, statt eine dauerhafte Lösung zu schaffen.
Nun muss der Neubau unter laufendem Verkehr erfolgen.
Das ist teurer, komplizierter und belastender, als wenn rechtzeitig gehandelt worden wäre.
Brückenkrise ist kein Einzelfall
Die Lange Brücke ist nicht die einzige problematische Brücke im Berliner Osten.
Die Promenadenwegbrücke in Köpenick wurde im Juni wegen verschlechterter Tragwerksschäden vollständig gesperrt. Die Köpenicker-Allee-Brücke ist auf zwölf Tonnen begrenzt und befindet sich laut Senat nur noch in einem gerade ausreichenden Zustand. Weitere Verschlechterungen könnten zusätzliche Einschränkungen bis hin zu einer Vollsperrung notwendig machen.
Berlin hat über viele Jahre zu wenig in die rechtzeitige Erhaltung seiner Brücken investiert.
Nun müssen mehrere Bauwerke gleichzeitig saniert oder ersetzt werden.
Für die Bewohner entsteht dadurch der Eindruck einer dauerhaften Baustellenstadt.
Ein Neubau ist trotzdem unvermeidbar
So belastend die kommenden Jahre werden: Ein Aufschub wäre keine verantwortbare Lösung.
Die Brücke ist marode. Die Behelfsbauten sind alt. Der Schwerverkehr belastet die Konstruktion, und Tempo 10 ist bereits seit Jahren notwendig.
Würde Berlin den Ersatzneubau erneut verschieben, könnte später eine ungeplante Sperrung drohen.
Dann wären die Auswirkungen noch schwerer.
Ein kontrollierter Neubau mit vorbereiteten Umleitungen ist besser als eine plötzlich gesperrte Brücke ohne funktionierende Alternative.
Köpenick braucht jetzt einen verlässlichen Bauplan
Die Lange Brücke muss neu gebaut werden.
Darüber kann angesichts ihres Zustandes kaum noch ernsthaft gestritten werden.
Entscheidend ist nun, wie Berlin das Projekt organisiert.
Die Bewohner brauchen keinen weiteren unverbindlichen Zeitplan, der später wieder verschoben wird. Sie brauchen klare Bauphasen, verlässliche Informationen und funktionierende Ersatzverbindungen.
Auch Händler, Gastronomen, Pflegeeinrichtungen, Schulen und Rettungsdienste müssen frühzeitig einbezogen werden.
Vier Jahre Verkehrsbehinderungen sind für einen wachsenden Bezirk eine enorme Belastung.
Sie werden nur dann akzeptiert, wenn erkennbar ist, dass die Verwaltung vorbereitet handelt und nicht erneut von Problemen überrascht wird.
Der Neubau der Langen Brücke ist kein gewöhnliches Bauprojekt.
Er ist ein entscheidender Test dafür, ob Berlin seine alternde Infrastruktur erneuern kann, ohne einen ganzen Stadtteil über Jahre ins Verkehrschaos zu schicken.