Berlin steht vor der größten Erneuerung seiner S-Bahn-Flotte seit Jahrzehnten. Nach dem Abschluss eines langwierigen Vergabeverfahrens hat ein Konsortium aus S-Bahn Berlin, Stadler Deutschland und Siemens Mobility den rechtskräftigen Zuschlag für die Teilnetze Stadtbahn und Nord-Süd erhalten. Vorgesehen sind 350 vierteilige Züge mit insgesamt 1.400 Wagen.

Die Fahrzeuge sollen ab 2032 schrittweise auf zentralen Strecken der Hauptstadtregion eingesetzt werden. Neben dem Betrieb der beiden Teilnetze umfasst der Auftrag die Instandhaltung der neuen Flotte über 30 Jahre. Der Verkehrsvertrag läuft über 15 Jahre. Mit dem Zuschlag beginnt nun der Herstellungsprozess.

Für Berlin und Brandenburg geht es nicht allein um neue Fahrzeuge. Der Auftrag stärkt einen industriellen Standort, der in den vergangenen Jahrzehnten trotz Strukturwandel und wachsendem Dienstleistungssektor erhalten geblieben ist. Stadler will die Züge in Berlin bauen. Nach Unternehmensangaben werden durch das Gesamtprojekt Tausende Arbeitsplätze und ein erheblicher Teil der regionalen Wertschöpfung gesichert.

350 Züge mit insgesamt 1.400 Wagen

Die neue Flotte besteht aus 350 vierteiligen, durchgängig begehbaren Fahrzeugen. In der Vergabe werden sie auch als Halbzüge bezeichnet. Zusammen ergeben sie 1.400 einzelne Wagen.

Die Züge sollen vor allem auf den großen Nord-Süd- und Ost-West-Verbindungen eingesetzt werden. Dazu gehören die Strecken durch den Nord-Süd-Tunnel sowie die Stadtbahn über Bahnhöfe wie Ostkreuz, Alexanderplatz, Friedrichstraße, Hauptbahnhof, Zoologischer Garten und Charlottenburg.

Die Ringbahn gehört nicht zum neu vergebenen Paket. Dort fahren bereits seit einigen Jahren moderne Fahrzeuge der Baureihen 483 und 484, die ebenfalls von Stadler und Siemens entwickelt und gebaut wurden.

Betriebsaufnahme beginnt ab 2032

Die ersten neuen Fahrzeuge sollen nach derzeitigem Plan ab Anfang 2032 in den Fahrgastbetrieb gehen. Die vollständige Einflottung dürfte mehrere Jahre dauern und soll voraussichtlich bis 2038 abgeschlossen sein. Bis dahin müssen die älteren Fahrzeuge der Baureihen 480 und 481 weiterbetrieben, technisch überprüft und teilweise umfassend instand gesetzt werden.

Die bisherigen Züge sind auf zahlreichen Linien das Rückgrat des Berliner S-Bahn-Verkehrs. Ein kurzfristiger Austausch ist nicht möglich, weil Entwicklung, Zulassung, Bau und Erprobung einer neuen Flotte mehrere Jahre beanspruchen.

Damit bleibt der Zustand der Bestandsfahrzeuge bis zum Beginn der Auslieferung eine entscheidende Frage. Insbesondere auf stark belasteten Linien müssen die Züge noch über Jahre zuverlässig fahren, obwohl ein Teil der Flotte bereits seit Jahrzehnten im Einsatz ist.

Neue Technik auf Grundlage einer bewährten Baureihe

Das technische Grundkonzept orientiert sich an den bereits eingesetzten Baureihen 483 und 484. Diese Züge fahren unter anderem auf der Ringbahn und auf mehreren Strecken im Südosten Berlins.

Nach Angaben der beteiligten Unternehmen haben die bereits ausgelieferten Fahrzeuge inzwischen mehr als 120 Millionen Kilometer zurückgelegt. Das Konzept soll für die neue Bestellung weiterentwickelt werden. Vorgesehen sind unter anderem ein überarbeiteter Führerstand, aktualisierte Brandschutzsysteme und höhere Anforderungen an die Cybersicherheit.

Auch der Energieverbrauch soll weiter sinken. Dafür werden der Antrieb und einzelne technische Komponenten überarbeitet. Gewichtsoptimierte Drehgestelle sollen nicht nur Energie sparen, sondern zugleich die Belastung der Schienen verringern.

Mehr Platz für Rollstühle, Fahrräder und Kinderwagen

Im Innenraum sind größere Mehrzweckbereiche vorgesehen. Sie sollen Platz für Rollstühle, Fahrräder und Kinderwagen bieten. Ein besonderer Sitzplatz für kleinwüchsige Fahrgäste sowie zusätzliche Möglichkeiten für Begleitpersonen mobilitätseingeschränkter Menschen sind ebenfalls Teil des Konzepts.

An jedem zweiten Sitzplatz soll ein USB-C-Anschluss vorhanden sein. Damit reagiert die Bahn auf veränderte Anforderungen im Alltag vieler Fahrgäste, die während längerer Strecken Telefone oder andere Geräte laden wollen.

Eine neu entwickelte Klimaanlage soll die Innenräume auch bei hohen Sommertemperaturen zuverlässig kühlen. Verwendet werden soll ein halogenfreies Kältemittel. Die Klimatisierung gehört zu den wesentlichen Unterschieden gegenüber einem großen Teil der heute eingesetzten älteren Flotte.

Auftrag stärkt den Industriestandort Berlin

Für die Hauptstadt besitzt der Auftrag eine besondere wirtschaftliche Bedeutung. Stadler gehört zu den großen industriellen Arbeitgebern Berlins und produziert bereits seit Jahren Schienenfahrzeuge in Pankow.

Während Berlin häufig vor allem als Standort für Verwaltung, Dienstleistungen, Medien und Start-ups wahrgenommen wird, zeigt das S-Bahn-Projekt die weiterhin vorhandene industrielle Stärke im Nordosten der Stadt. Fahrzeugbau, Elektrotechnik, Softwareentwicklung, Wartung und Zulieferung schaffen langfristige Beschäftigungsmöglichkeiten für Facharbeiter, Ingenieure und Auszubildende.

Stadler kündigte an, die 350 Züge „in Berlin und für Berlin“ zu bauen. Nach Darstellung des Unternehmens stärkt die Vergabe die Wirtschaft in Berlin und Brandenburg und sichert Tausende Arbeitsplätze entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dazu gehören neben dem eigentlichen Fahrzeugbau auch Logistik, technische Ausstattung, Wartung und Ersatzteilversorgung.

Regionale Wertschöpfung statt reiner Importlösung

Die Entscheidung sorgt dafür, dass ein erheblicher Teil der Wertschöpfung in der Hauptstadtregion verbleibt. Bei einem Projekt dieser Größenordnung betrifft das nicht nur die großen Auftragnehmer. Auch mittelständische Zulieferer, Handwerksunternehmen, technische Dienstleister und spezialisierte Betriebe können von den langfristigen Verträgen profitieren.

Die Bestellung unterscheidet sich damit von Beschaffungsprojekten, bei denen Fahrzeuge weitgehend im Ausland hergestellt und lediglich zur Inbetriebnahme nach Deutschland gebracht werden. Entwicklung, Produktion und spätere Wartung sollen eng mit den vorhandenen Standorten in Berlin und Brandenburg verbunden werden.

Für die ostdeutsche Industrie ist das von Bedeutung. Nach 1990 gingen in Berlin und den neuen Bundesländern zahlreiche Produktionsstätten verloren. Dass ein großer öffentlicher Auftrag nun über Jahrzehnte industrielle Beschäftigung in der Region sichert, ist deshalb mehr als eine reine Verkehrsentscheidung.

Neues Instandhaltungswerk in Fredersdorf geplant

Neben der Fahrzeugproduktion soll auch die Wartung der Flotte in der Hauptstadtregion verankert werden. In Fredersdorf im Landkreis Märkisch-Oderland ist dafür ein neues Instandhaltungswerk vorgesehen.

Die Anlage soll spätestens zum Beginn des neuen Betriebs im Jahr 2032 zur Verfügung stehen. Dort sollen Züge untersucht, repariert und technisch betreut werden. Das schafft zusätzliche Arbeitsplätze im Berliner Umland und verteilt die wirtschaftlichen Effekte des Auftrags über die Stadtgrenze hinaus.

Die Instandhaltung ist für 30 Jahre vereinbart. Damit entstehen nicht nur vorübergehende Arbeitsplätze während der Bau- und Lieferphase, sondern dauerhaft benötigte Stellen in Werkstätten, Technik und Betriebssteuerung.

Digitale Wartung soll Ausfälle frühzeitig verhindern

Siemens Mobility übernimmt eine zentrale Rolle bei der technischen Überwachung und Instandhaltung der neuen Fahrzeuge. Über eine digitale Plattform sollen Betriebs- und Zustandsdaten der Züge laufend ausgewertet werden.

Ziel ist es, technische Probleme zu erkennen, bevor sie zu einem Ausfall führen. Bauteile können dadurch möglichst genau dann ausgetauscht werden, wenn es technisch notwendig ist. Eine solche vorausschauende Instandhaltung soll die Verfügbarkeit der Flotte erhöhen und ungeplante Werkstattaufenthalte reduzieren.

Auch Materialbestände, Arbeitsaufträge und Personaleinsatz sollen digital geplant werden. Ergänzend sind Systeme zur Überwachung von Software und möglichen Sicherheitslücken vorgesehen.

Für die Fahrgäste wird entscheidend sein, ob die neue Technik im täglichen Betrieb tatsächlich für mehr Zuverlässigkeit sorgt. Moderne Fahrzeuge allein lösen nicht alle Probleme des Berliner S-Bahn-Netzes. Engpässe entstehen ebenso durch alte Stellwerke, Bauarbeiten, beschädigte Infrastruktur, Weichenstörungen und fehlendes Personal.

Vergabeverfahren dauerte mehrere Jahre

Der Zuschlag folgt auf ein ungewöhnlich langes und kompliziertes Vergabeverfahren. Berlin und Brandenburg hatten den Betrieb der Teilnetze Stadtbahn und Nord-Süd gemeinsam mit der Beschaffung und Wartung neuer Fahrzeuge ausgeschrieben.

Das Verfahren war von juristischen Auseinandersetzungen begleitet. Der unterlegene Fahrzeughersteller Alstom hatte die Vergabe angegriffen. Ende Juni 2026 wurde das Nachprüfungsverfahren beendet, nachdem auf weitere Rechtsmittel verzichtet worden war. Am 8. Juli konnte der rechtskräftige Zuschlag an das Konsortium aus S-Bahn Berlin, Siemens Mobility und Stadler Deutschland erteilt werden.

Die langen Auseinandersetzungen haben den Zeitplan verschoben. Ursprünglich war eine deutlich frühere Erneuerung der Flotte vorgesehen. Nun müssen ältere Fahrzeuge länger im Dienst bleiben als zunächst geplant.

Das Gesamtvolumen der Ausschreibung, einschließlich Fahrzeugen, Betrieb und Instandhaltung über mehrere Jahrzehnte, wird auf rund 15 Milliarden Euro beziffert.

Alte Züge müssen noch mehrere Jahre durchhalten

Bis 2032 liegt eine große technische Aufgabe vor der S-Bahn Berlin. Die Baureihen 480 und 481 müssen so instand gehalten werden, dass sie die Zeit bis zur Ablösung zuverlässig überstehen.

Dafür sind Grundinstandsetzungen und technische Nachrüstungen notwendig. Diese Arbeiten können zeitweise dazu führen, dass weniger Fahrzeuge zur Verfügung stehen. Nach Angaben der Berliner Verkehrssenatorin kann sich das Angebot durch die Werkstattaufenthalte vorübergehend geringfügig reduzieren. Betroffen sein könnten unter anderem die Linien S1 und S5.

Für die Fahrgäste beginnt die Verbesserung daher nicht sofort. Zwischen dem Zuschlag und dem sichtbaren Einsatz der ersten neuen Züge liegen noch mehrere Jahre. Während dieser Übergangszeit müssen Politik, Betreiber und Hersteller sicherstellen, dass die bestehende Flotte nicht zum Schwachpunkt des Systems wird.

Ein Großauftrag mit Wirkung über Berlin hinaus

Die Bestellung der 350 neuen S-Bahn-Züge ist eines der größten Schienenfahrzeugprojekte der kommenden Jahre in Deutschland. Sie modernisiert nicht nur einen erheblichen Teil des Berliner Nahverkehrs, sondern bindet Produktion, Wartung und technische Entwicklung langfristig an die Hauptstadtregion.

Berlin erhält damit schrittweise eine einheitlichere und modernere Flotte. Brandenburg profitiert unter anderem durch das geplante Instandhaltungswerk und durch zahlreiche Pendlerverbindungen, die täglich über die Landesgrenze führen.

Der wirtschaftliche Wert liegt vor allem in der langfristigen Perspektive. Der Fahrzeugbau beginnt nun, der Betrieb startet voraussichtlich ab 2032, die Instandhaltung ist für drei Jahrzehnte vereinbart. Aus einem Verkehrsauftrag wird damit ein Industrieprojekt, das Berlin und sein Umland über viele Jahre beschäftigen wird.