Der langjährige Gründungsdirektor des Deutschen GeoForschungsZentrums in Potsdam, Rolf Emmermann, ist tot. Der international anerkannte Geowissenschaftler starb am 10. Juli 2026 im Alter von 86 Jahren. Das GFZ und die brandenburgische Landesregierung würdigten ihn als einen der entscheidenden Architekten des Wissenschaftsstandortes Potsdam nach der deutschen Wiedervereinigung.

Emmermann leitete das Forschungszentrum auf dem Potsdamer Telegrafenberg von 1992 bis 2007. In dieser Zeit entwickelte sich das neu gegründete Institut zu einem international sichtbaren Zentrum für Geophysik, Geodäsie, Geochemie und die Erforschung des Systems Erde.

Sein Lebenswerk ist eng mit einer Zeit verbunden, in der die ostdeutsche Forschungslandschaft nach 1990 grundlegend neu geordnet wurde. Emmermann gelang es, wissenschaftliche Traditionen des Standortes zu bewahren, neue Strukturen aufzubauen und Forscher aus Ost und West in einer gemeinsamen Einrichtung zusammenzuführen.

Ein Wissenschaftszentrum entsteht nach der Wiedervereinigung

Das GeoForschungsZentrum Potsdam wurde Anfang 1992 als neue Großforschungseinrichtung gegründet. Sein Standort auf dem Telegrafenberg besaß bereits eine lange wissenschaftliche Geschichte. Dort hatten zuvor unter anderem Institute der Preußischen Akademie der Wissenschaften und das Zentralinstitut für Physik der Erde der Akademie der Wissenschaften der DDR gearbeitet.

Nach der Wiedervereinigung stand der traditionsreiche Forschungsstandort vor einer ungewissen Zukunft. Bestehende Einrichtungen wurden abgewickelt, neu bewertet oder in andere Strukturen überführt. Viele ostdeutsche Wissenschaftler mussten um ihre berufliche Perspektive kämpfen.

Rolf Emmermann erhielt die Aufgabe, aus dieser schwierigen Ausgangslage ein neues nationales Forschungszentrum aufzubauen. Dabei ging es nicht allein um Gebäude, Laboratorien und technische Ausstattung. Entscheidend war die Zusammenführung unterschiedlicher wissenschaftlicher Biografien und Erfahrungen.

Forschende aus Ost und West zusammengebracht

Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle würdigte Emmermann als Wegbereiter der Wissenschaft nach der Wiedervereinigung. Er habe nicht nur ein Forschungszentrum errichtet, sondern Forschenden aus Ost und West eine gemeinsame wissenschaftliche Heimat gegeben.

Diese Leistung war Anfang der 1990er-Jahre keineswegs selbstverständlich. Die Neuordnung der ostdeutschen Wissenschaft ging vielerorts mit Arbeitsplatzverlusten und dem Abbruch gewachsener Strukturen einher.

Emmermann setzte in Potsdam dagegen auf den Aufbau einer leistungsfähigen Einrichtung, die vorhandenes Wissen mit neuen internationalen Forschungsansätzen verband. Damit trug er dazu bei, dass der Telegrafenberg seine wissenschaftliche Bedeutung nicht verlor, sondern erheblich ausbauen konnte.

Von Potsdam aus die Erde als Gesamtsystem erforscht

Das GFZ verfolgt einen umfassenden Ansatz: Die Erde wird nicht als Ansammlung einzelner geologischer Vorgänge betrachtet, sondern als zusammenhängendes System.

Dazu gehören unter anderem Erdbeben, Vulkane, Erdmagnetfeld, Klimaveränderungen, Grundwasser, Rohstoffe, Erdkruste und die Bewegung der Kontinente.

Unter Emmermanns Leitung wurden die Forschungsbereiche des Zentrums aufgebaut und international vernetzt. Das GFZ beteiligte sich an Satellitenmissionen, Tiefbohrprojekten und weltweiten Messprogrammen.

Erfahrung mit dem Kontinentalen Tiefbohrprogramm

Bereits vor seiner Zeit in Potsdam hatte Emmermann eines der bedeutendsten deutschen Geoforschungsprojekte geprägt: das Kontinentale Tiefbohrprogramm der Bundesrepublik Deutschland.

Er entwickelte Anfang der 1980er-Jahre das wissenschaftliche Konzept und koordinierte das Projekt von 1986 bis 1995. Ziel war es, mit einer mehr als neun Kilometer tiefen Bohrung im bayerischen Windischeschenbach neue Erkenntnisse über die Erdkruste zu gewinnen.

Das Projekt machte Emmermann international bekannt und zeigte, wie wissenschaftliche Großvorhaben über Fachgrenzen hinweg organisiert werden können.

Diese Erfahrung brachte er später in den Aufbau des Potsdamer Forschungszentrums ein.

GFZ wurde unter Emmermann international sichtbar

Während seiner 15-jährigen Amtszeit wuchs das GFZ zu einem der bedeutenden geowissenschaftlichen Forschungszentren Europas heran.

Das Institut baute internationale Kooperationen auf und beteiligte sich an Projekten zur Erdbeobachtung, Erdbebenforschung und Katastrophenvorsorge.

Besondere Aufmerksamkeit erhielten Forschungssatelliten wie CHAMP, der ab dem Jahr 2000 das Magnet- und Schwerefeld der Erde untersuchte. Auch beim Aufbau eines Tsunami-Frühwarnsystems für den Indischen Ozean nach der Katastrophe von 2004 spielte das GFZ eine wichtige Rolle.

Emmermann schuf damit Strukturen, die weit über seine eigene Amtszeit hinaus Bestand hatten.

Wissenschaft mit praktischer Bedeutung

Die Arbeit des GFZ blieb nicht auf Grundlagenforschung beschränkt. Viele Projekte hatten unmittelbare Bedeutung für den Schutz von Menschen und Infrastruktur.

Erdbebenmessungen, Frühwarnsysteme und Satellitendaten helfen dabei, Naturgefahren besser zu verstehen. Forschung zu Wasser, Klima und Bodenbewegungen liefert Grundlagen für staatliche und wirtschaftliche Entscheidungen.

Emmermann vertrat die Überzeugung, dass Geowissenschaften einen wesentlichen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen leisten müssen.

Diese Verbindung von Grundlagenforschung und praktischer Anwendung prägt das GFZ bis heute.

Potsdam wurde zu einem Wissenschaftsstandort von internationalem Rang

Die Entwicklung des GFZ war Teil eines größeren Wandels in Potsdam. Nach der Wiedervereinigung entstanden oder wuchsen auf dem Telegrafenberg und an anderen Standorten zahlreiche Forschungseinrichtungen.

Neben dem GFZ gehören heute unter anderem das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und das Alfred-Wegener-Institut zur wissenschaftlichen Landschaft der Stadt.

Potsdam entwickelte sich dadurch zu einem der bedeutendsten Forschungsstandorte in den ostdeutschen Bundesländern.

Rolf Emmermann hatte an dieser Entwicklung einen erheblichen Anteil. Er sorgte dafür, dass das GFZ wissenschaftlich sichtbar und organisatorisch dauerhaft verankert wurde.

Forschung als Stärke Ostdeutschlands

Der Aufbau des GFZ zeigt, dass ostdeutsche Standorte nach 1990 nicht nur Empfänger westdeutscher Strukturen waren.

Auf dem Telegrafenberg entstand eine Einrichtung, die an regionale wissenschaftliche Traditionen anknüpfte und zugleich neue internationale Maßstäbe setzte.

Diese Verbindung ist für die ostdeutsche Wissenschaftsgeschichte von besonderer Bedeutung. Der Standort wurde nicht aufgegeben, sondern zu einem nationalen Forschungszentrum ausgebaut.

Emmermann verstand es, den wissenschaftlichen Wert des Ortes gegenüber Politik und Fördermittelgebern zu vertreten.

Zahlreiche wissenschaftliche und staatliche Auszeichnungen

Rolf Emmermann erhielt für seine Arbeit zahlreiche Ehrungen. Dazu gehörten das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, das Große Bundesverdienstkreuz und der Verdienstorden des Landes Brandenburg.

Auch wissenschaftliche Einrichtungen würdigten seine Leistungen. Die Technische Universität Braunschweig verlieh ihm die Ehrendoktorwürde.

Er war Mitglied mehrerer Akademien und wirkte in führenden wissenschaftlichen Organisationen mit. Unter anderem gehörte er der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften an.

Von 1997 bis 2012 war er Präsident der GeoUnion Alfred-Wegener-Stiftung, der Dachorganisation der deutschen geowissenschaftlichen Fachgesellschaften.

Höchste Auszeichnung des GFZ trägt seinen Namen

Das GFZ benannte seine höchste wissenschaftliche Auszeichnung nach seinem Gründungsdirektor. Die Rolf-Emmermann-Medaille wird an Persönlichkeiten verliehen, die sich in besonderer Weise um das Forschungszentrum und die Geowissenschaften verdient gemacht haben.

Die Benennung zu Lebzeiten verdeutlicht, wie stark Emmermann mit der Entwicklung der Einrichtung verbunden war.

Sein Name bleibt damit dauerhaft Teil der wissenschaftlichen Kultur des GFZ.

Emmermann führte das GFZ bis 2007

Bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 2007 war Emmermann Wissenschaftlicher Vorstand und Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums.

In diesen anderthalb Jahrzehnten wuchs die Einrichtung personell, technisch und wissenschaftlich. Neue Forschungsbereiche wurden aufgebaut, internationale Partnerschaften geschlossen und große Infrastrukturprojekte begonnen.

Nach seinem Rückzug blieb Emmermann der Wissenschaft verbunden. Er wirkte weiterhin in Gremien und beriet Institutionen in Fragen der Forschungsorganisation.

Das GFZ beschreibt ihn als Wissenschaftler, der die Geowissenschaften seiner Zeit nachhaltig geprägt habe.

Wissenschaftspolitik würdigt sein Lebenswerk

Brandenburgs Wissenschaftsministerin erinnerte an Emmermanns Bedeutung für die Entwicklung des Landes nach 1990.

Sein Aufbauwerk sei ein Beispiel dafür, wie aus den Umbrüchen der Wiedervereinigung eine international erfolgreiche Wissenschaftseinrichtung entstehen konnte.

Auch das GFZ würdigte seine wissenschaftliche Neugier, seine strategische Weitsicht und seine Fähigkeit, Menschen für gemeinsame Projekte zusammenzubringen.

Emmermann hinterlässt nach Angaben des Forschungszentrums seine Ehefrau, drei Kinder und neun Enkelkinder.

Sein Lebenswerk wirkt auf dem Telegrafenberg weiter

Der Tod von Rolf Emmermann beendet ein Kapitel der Potsdamer Wissenschaftsgeschichte. Das von ihm aufgebaute Forschungszentrum besteht jedoch fort und hat seinen Einfluss seit der Gründung weiter ausgebaut.

Heute arbeiten dort Wissenschaftler aus zahlreichen Ländern an Fragen, die von Erdbeben und Vulkanismus bis zu Klimafolgen, Rohstoffen und Satellitenbeobachtung reichen.

Dass diese Forschung auf dem Telegrafenberg stattfinden kann, ist eng mit den Entscheidungen der frühen 1990er-Jahre verbunden.

Emmermann erkannte die Chance, einen traditionsreichen ostdeutschen Forschungsstandort nicht nur zu erhalten, sondern zu einer modernen Großforschungseinrichtung auszubauen.

Ein Aufbauwerk, das die deutsche Einheit sichtbar macht

Rolf Emmermann war selbst kein gebürtiger Ostdeutscher. Dennoch ist sein Lebenswerk eng mit dem wissenschaftlichen Wiederaufbau Brandenburgs verbunden.

Seine Leistung bestand darin, in einer Phase großer Unsicherheit nicht nur vorhandene Strukturen abzuwickeln, sondern etwas Neues aufzubauen.

Das GFZ wurde zu einem Ort, an dem sich wissenschaftliche Traditionen aus Ostdeutschland mit neuen nationalen und internationalen Netzwerken verbanden.

Damit steht das Zentrum beispielhaft für einen Teil der deutschen Einheit, der häufig weniger Beachtung erhält: den erfolgreichen Aufbau leistungsfähiger Forschungsstrukturen in den neuen Bundesländern.

Potsdam verliert einen prägenden Wissenschaftler

Mit Rolf Emmermann verliert Brandenburg einen der wichtigsten Wissenschaftsorganisatoren der Nachwendezeit.

Sein Name ist untrennbar mit dem GFZ, dem Telegrafenberg und der Entwicklung Potsdams zur Wissenschaftsstadt verbunden.

Sein Vermächtnis besteht nicht nur aus Veröffentlichungen, Forschungsprojekten oder Auszeichnungen. Es besteht vor allem in einer Institution, die auch Jahrzehnte nach ihrer Gründung international erfolgreich arbeitet.