Auf dem traditionsreichen Werftgelände in Stralsund beginnt ein neues Kapitel des Schiffbaus. Die Fr. Fassmer GmbH & Co. KG will dort die Rümpfe von vier neuen Ausbildungsbooten für die Deutsche Marine fertigen. Der Produktionsstart ist nach Angaben des Unternehmens für Herbst 2026 vorgesehen.

Die Boote gehören zum Bundeswehrprojekt „Seebasierte Ausbildung Marine und Seeversuche See“, kurz SAMSe. Fassmer hatte den Auftrag zum Bau und zur Lieferung der vier Einheiten bereits im Februar 2026 vom Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr erhalten. Nun steht fest, dass die wesentlichen Stahlbauarbeiten am neuen Standort in Stralsund ausgeführt werden.

Für die Hansestadt ist die Entscheidung von besonderer Bedeutung. Nach Jahren des Umbruchs, der Insolvenz der MV Werften und der Neuordnung des früheren Volkswerftgeländes kehrt damit der Neubau größerer Schiffe sichtbar zurück. Fassmer kündigte zugleich an, am Standort weitere Beschäftigte einzustellen.

Vier Rümpfe werden in Stralsund gefertigt

Fassmer spricht von vier Kaskos. Gemeint sind die weitgehend vollständigen Schiffsrümpfe einschließlich der tragenden Stahlstruktur, bevor technische Ausrüstung, Innenausbau und weitere Systeme vollständig eingebaut werden.

Die Fertigung soll in den großen Hallen des Stralsunder Werftgeländes erfolgen. Der Standort verfügt über ausreichend Platz, geeignete Krane, Hallenkapazitäten und direkten Zugang zum Wasser. Damit kann Fassmer einen erheblichen Teil des Neubauprojektes an der Ostseeküste abwickeln.

Nach Fertigstellung der Rümpfe sollen die weiteren Arbeiten innerhalb des Fassmer-Verbundes fortgesetzt werden. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz im niedersächsischen Berne und betreibt weitere Produktionsstandorte im In- und Ausland.

Baubeginn ist für den Herbst vorgesehen

Nach Angaben des NDR soll die Produktion in Stralsund im Herbst 2026 beginnen. Bis dahin müssen Arbeitsbereiche eingerichtet, Material beschafft und weitere Mitarbeiter gewonnen werden.

Der Auftrag bietet damit vergleichsweise schnell neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Gesucht werden voraussichtlich Fachkräfte aus Bereichen wie Schiffbau, Metallverarbeitung, Schweißen, Montage, Arbeitsvorbereitung und Qualitätssicherung.

Konkrete Zahlen zum zusätzlichen Personalbedarf wurden zunächst nicht genannt. Fassmer hatte bei der Übernahme des Standortes bereits erklärt, in Stralsund Arbeitsplätze schaffen und Fachkräfte gewinnen zu wollen.

Ausbildungsboote ersetzen ältere Strukturen der Marine

Die vier neuen Einheiten sind keine bewaffneten Kampfschiffe. Sie sollen vor allem der Ausbildung von Marinesoldaten dienen.

Nach Angaben von Fassmer werden die Boote als Schulungsplattformen für die nautische Ausbildung eingesetzt. Außerdem sollen darauf Lehrgänge zum Überleben auf See stattfinden. Die Einheiten werden deshalb für praktische Übungen, Manöver und Ausbildungssituationen auf dem Wasser ausgelegt.

Die erste Einheit soll nach den bisher veröffentlichten Planungen Ende 2028 ausgeliefert werden. Danach sollen die weiteren Boote folgen.

Bundeswehr modernisiert ihre Ausbildung auf See

Das Projekt ist Teil einer umfassenderen Erneuerung der maritimen Ausbildungs- und Erprobungskapazitäten der Bundeswehr.

Ältere Boote und Ausbildungsmittel entsprechen teilweise nicht mehr den technischen und betrieblichen Anforderungen. Neue Einheiten sollen moderne Navigations-, Kommunikations- und Sicherheitssysteme erhalten und eine zeitgemäße Ausbildung ermöglichen.

Die Boote müssen dabei nicht die Geschwindigkeit oder Bewaffnung eines Kampfschiffes bieten. Entscheidend sind sichere Arbeitsbereiche, flexible Schulungsräume und die Möglichkeit, reale Abläufe auf See zu trainieren.

Fassmer baut neuen Standort in Stralsund auf

Die Entscheidung für Stralsund kommt nicht überraschend. Fassmer hatte bereits Ende 2025 angekündigt, sich dauerhaft auf dem früheren Volkswerftgelände anzusiedeln.

Das Unternehmen pachtet dort unter anderem die große Schiffbauhalle. Als erstes großes Projekt wurde die weitere Fertigung des Fischereiforschungsschiffes „Walther Herwig“ angekündigt. Nun kommen die vier Marineboote hinzu.

Damit erhält der neue Standort eine breitere Auftragsgrundlage. Er hängt nicht nur von einem einzelnen Forschungsschiff ab, sondern kann mehrere Neubauten parallel oder nacheinander bearbeiten.

Schiffbauhalle wird wieder für Neubauten genutzt

Nach der Insolvenz der MV Werften im Jahr 2022 war lange offen, wie das große Areal künftig genutzt werden kann.

Die Stadt Stralsund übernahm das Gelände und entwickelte es zu einem maritimen Industrie- und Gewerbepark. Dort arbeiten heute mehrere Unternehmen aus Schiffbau, Reparatur und maritimer Technik.

Fassmers Einstieg bringt nun wieder klassischen Neubau in die große Halle. Für Stralsund ist das ein wichtiges Signal: Das Werftgelände wird nicht lediglich als Lager-, Reparatur- oder Gewerbefläche genutzt, sondern erneut für den Bau kompletter Schiffskörper.

Neue Arbeit für einen traditionsreichen Standort

Stralsund besitzt eine lange Schiffbautradition. Über Jahrzehnte gehörte die Volkswerft zu den wichtigsten Industriebetrieben der Region.

Zu DDR-Zeiten wurden dort vor allem Fischereischiffe für die Sowjetunion und weitere Auftraggeber gebaut. Nach 1990 folgten wechselnde Eigentümer, neue Schiffstypen, Modernisierungen und wiederholte Krisen.

Die Insolvenz der MV Werften bedeutete einen weiteren schweren Einschnitt. Viele Fachkräfte verloren ihre Arbeit oder wechselten zu anderen Unternehmen und Standorten.

Fachwissen ist in der Region noch vorhanden

Trotz der Brüche verfügt die Region weiterhin über Menschen mit Erfahrung im Schiffbau. Schweißer, Schiffbauer, Konstrukteure und weitere Fachkräfte besitzen Kenntnisse, die sich nicht kurzfristig ersetzen lassen.

Für Fassmer kann dieser vorhandene Arbeitsmarkt ein wichtiger Vorteil sein. Zugleich ist die Gewinnung geeigneter Beschäftigter nicht selbstverständlich, weil viele frühere Werftarbeiter inzwischen andere Stellen angenommen haben oder die Region verlassen haben.

Entscheidend wird deshalb sein, ob das Unternehmen langfristige Perspektiven, verlässliche Aufträge und attraktive Arbeitsbedingungen bieten kann.

Öffentlicher Auftrag stärkt ostdeutsche Wertschöpfung

Der Marineauftrag wird aus Bundesmitteln finanziert. Dass ein wesentlicher Teil der Fertigung in Stralsund erfolgt, hält damit öffentliche Wertschöpfung in Mecklenburg-Vorpommern.

Von einem solchen Projekt profitieren nicht nur die direkt beschäftigten Werftarbeiter. Benötigt werden Stahl, Schweißtechnik, Transporte, Gerüste, technische Dienstleistungen, Prüfungen und zahlreiche Zulieferteile.

Auch Hotels, Gastronomie und örtliche Dienstleister können durch externe Mitarbeiter und Projektpartner zusätzliche Aufträge erhalten.

Bundeswehrbeschaffung erreicht die Region

In der Debatte über höhere Verteidigungsausgaben wird häufig über Milliardenbeträge gesprochen. Für die Regionen wird deren Wirkung jedoch erst sichtbar, wenn konkrete Aufträge in Betrieben ankommen.

Der Bau der vier Kaskos zeigt, wie Bundeswehrbeschaffung industrielle Arbeit an einem ostdeutschen Standort sichern kann.

Das Projekt verbindet damit zwei politische Ziele: die Modernisierung der Deutschen Marine und die Stärkung der maritimen Industrie an der Ostseeküste.

Stralsund braucht dauerhafte Aufträge statt kurzer Zwischenlösungen

Einzelne Neubauprojekte allein garantieren noch keine dauerhaft ausgelastete Werft. Der Aufbau eines tragfähigen Standorts benötigt eine Folge mehrerer Aufträge.

Fassmer verfügt bereits über Projekte aus Forschungsschiffbau, Behördenfahrzeugen, Marinebau und Spezialschiffbau. Diese Mischung kann helfen, Schwankungen einzelner Märkte auszugleichen.

Die vier Ausbildungsboote bieten Arbeit über mehrere Jahre. Danach wird entscheidend sein, ob weitere Neubauten oder größere Reparaturprojekte nach Stralsund geholt werden können.

Ansiedlung muss über das erste Projekt hinausreichen

Die Geschichte ostdeutscher Werften ist von wechselnden Eigentümern und großen Ankündigungen geprägt. Beschäftigte und Stadt wissen deshalb, dass ein Auftrag noch keine dauerhafte Sicherheit schafft.

Fassmer ist jedoch kein neu gegründetes Projektunternehmen, sondern ein etablierter Spezialschiffbauer mit langer Erfahrung. Das erhöht die Aussicht, den Standort in ein bestehendes Produktionsnetz einzubinden.

Ob daraus eine langfristige Erfolgsgeschichte wird, hängt von Auftragslage, Fachkräftegewinnung und der Zusammenarbeit mit Stadt, Land und maritimen Zulieferern ab.

Zusammenarbeit mit weiteren Betrieben auf dem Gelände

Auf dem Stralsunder Werftareal arbeitet nicht nur Fassmer. Auch andere Unternehmen nutzen Hallen, Flächen und maritime Infrastruktur.

Dazu gehört unter anderem Strela Shiprepair, das Schiffe wartet und repariert. Nach früheren Angaben sollen die verschiedenen Nutzer nebeneinander auf dem Gelände tätig bleiben.

Diese Struktur kann Vorteile bringen. Neubau, Reparatur und technische Dienstleistungen lassen sich möglicherweise miteinander verbinden. Unternehmen können Personal, Infrastruktur oder Zuliefernetzwerke gemeinsam nutzen.

Maritimer Gewerbepark gewinnt an Profil

Die Stadt hatte nach der Werfteninsolvenz bewusst darauf gesetzt, nicht erneut das gesamte Gelände von einem einzigen Großunternehmen abhängig zu machen.

Stattdessen entstand ein Standort mit mehreren Betrieben. Fassmer wird nun zu einem wichtigen, aber nicht alleinigen Nutzer.

Der Auftrag für die Marineboote stärkt dieses Konzept. Das Gelände entwickelt sich wieder zu einem Ort, an dem Schiffe gebaut, repariert und technisch betreut werden.

Mecklenburg-Vorpommern bleibt Schiffbauland

Die maritime Wirtschaft gehört zu den industriellen Kernbereichen Mecklenburg-Vorpommerns. Neben Stralsund spielen auch Rostock, Wismar, Wolgast und weitere Hafenstandorte eine wichtige Rolle.

Nach mehreren Werftenkrisen stand wiederholt die Frage im Raum, ob größerer Schiffbau im Land dauerhaft bestehen kann.

Der Einstieg Fassmers in Stralsund und der Marineauftrag zeigen, dass der Standort weiterhin industrielles Potenzial besitzt.

Spezialschiffe bieten bessere Chancen als Massenproduktion

Der europäische Schiffbau kann bei einfachen Frachtern oder großen Kreuzfahrtschiffserien kaum mit asiatischen Werften konkurrieren.

Bessere Chancen bestehen bei technisch anspruchsvollen Spezialschiffen, Forschungsschiffen, Behördenfahrzeugen, Rettungsbooten und militärischen Einheiten.

Fassmer ist auf genau solche Projekte spezialisiert. Diese Ausrichtung passt daher besser zum Standort als der Versuch, mit Niedriglohnwerften bei standardisierten Schiffstypen zu konkurrieren.

Was die neuen Boote für die Marine leisten sollen

Die Ausbildungsboote sollen künftige Besatzungen unter realen Bedingungen auf ihren Dienst vorbereiten.

Dazu gehören Navigation, Schiffsführung, Verhalten in Notfällen und praktische Abläufe an Bord. Auch Übungen zum Überleben auf See sollen auf den Einheiten möglich sein.

Damit erfüllen die Boote eine grundlegende Aufgabe. Moderne Kriegsschiffe und technische Systeme können nur sicher eingesetzt werden, wenn die Besatzungen zuvor umfassend ausgebildet wurden.

Die neuen Einheiten stellen somit keine repräsentative Ergänzung der Flotte dar, sondern eine Arbeitsgrundlage für den Nachwuchs der Marine.

Wie es jetzt weitergeht

Fassmer bereitet derzeit den Produktionsstart in Stralsund vor. Im Herbst sollen die ersten Arbeiten an den Kaskos beginnen.

Parallel muss das Unternehmen weitere Fachkräfte einstellen und die Abläufe zwischen Stralsund und den übrigen Fassmer-Standorten organisieren.

Die erste Auslieferung ist für Ende 2028 vorgesehen. Bis dahin müssen Bau, technische Ausrüstung, Erprobung und Abnahme abgeschlossen werden.

Ein starkes Signal für Stralsund und Vorpommern

Der Auftrag bringt wieder sichtbaren Schiffsneubau in die große Halle der früheren Volkswerft.

Für Stralsund bedeutet das neue Arbeit, zusätzliche industrielle Wertschöpfung und eine Perspektive für maritime Fachkräfte. Für die Deutsche Marine entstehen moderne Ausbildungsplattformen. Für Fassmer wird der neue Ostseestandort zu einem wichtigen Teil seiner Fertigung.

Die vier Boote allein lösen nicht alle wirtschaftlichen Herausforderungen der Region. Sie zeigen jedoch, dass industrielle Tradition und moderne öffentliche Aufträge in Vorpommern zusammenfinden können.

Nach den Rückschlägen der vergangenen Jahre ist das für Stralsund mehr als eine gewöhnliche Unternehmensmeldung: Auf dem früheren Volkswerftgelände werden wieder neue Schiffe gebaut.