Mehr als 35 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung fällt in mehreren ostdeutschen Lebensmittelwerken eine der hartnäckigsten Lohnmauern.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten und die Schwarz Produktion haben einen neuen Entgelttarifvertrag geschlossen. Rund 1.700 Beschäftigte sollen bis zum Jahr 2031 schrittweise das Tarifniveau der Ernährungswirtschaft in Niedersachsen erreichen.

Betroffen sind die Großbäckerei Bonback in Halle, die Getränkewerke MEG in Jessen, Leißling, Roßbach und Weißenfels sowie nach Unternehmensangaben das Nudelwerk Bon Pasta in Erfurt. Die Betriebe gehören zur Produktionssparte der Schwarz-Gruppe und stellen unter anderem Waren für Lidl und Kaufland her.

Für Fachkräfte im sogenannten Ecklohn kann die Angleichung nach Berechnungen der Gewerkschaft am Ende ein monatliches Plus von ungefähr 1.000 Euro brutto bedeuten. Die genaue Höhe hängt von der jeweiligen Tarifgruppe und den künftigen Abschlüssen in Niedersachsen ab.

Der Durchbruch ist ein bedeutender Erfolg für die Beschäftigten. Er zeigt zugleich, wie groß die Lohnunterschiede innerhalb derselben Unternehmensgruppe noch immer waren.

Schon 2026 steigen die Löhne um 5,75 Prozent

Die Angleichung beginnt nicht erst in einigen Jahren.

Noch im Jahr 2026 steigen die tariflichen Entgelte in zwei Stufen um insgesamt 5,75 Prozent. Zusätzlich sollen die Beschäftigten eine Erholungsbeihilfe in Höhe von 156 Euro netto erhalten.

Ab 2027 werden die jeweiligen Tarifsteigerungen der niedersächsischen Ernährungswirtschaft übernommen. Zusätzlich kommt jedes Jahr ein Angleichungsschritt von zwei Prozent hinzu.

Auf diese Weise sollen die ostdeutschen Entgelte bis zum 1. Juli 2031 vollständig das niedersächsische Niveau erreichen. Insgesamt könnten sich die Löhne bis dahin abhängig von den weiteren Tarifabschlüssen um etwa ein Drittel erhöhen.

Die 1.000 Euro gibt es nicht sofort

Die zugespitzte Zahl muss richtig eingeordnet werden.

Niemand erhält mit der nächsten Abrechnung automatisch 1.000 Euro zusätzlich. Es handelt sich um das voraussichtliche monatliche Plus für bestimmte Fachkräfte, wenn die gesamte Angleichung bis 2031 vollzogen ist.

Auch Beschäftigte in anderen Lohngruppen profitieren, allerdings in unterschiedlicher Höhe.

Der Tarifabschluss ist deshalb kein einmaliger Geldsegen, sondern ein verbindlicher mehrjähriger Fahrplan.

Beschäftigte mussten für die Angleichung streiken

Die Einigung kam nicht freiwillig und nicht über Nacht zustande.

Seit dem Frühjahr hatten Beschäftigte von MEG und Bonback mehrfach ihre Arbeit niedergelegt. Bei Warnstreiks in Leißling, Jessen und Halle forderten sie gleichen Lohn für gleiche Arbeit innerhalb derselben Unternehmensgruppe.

Nach Angaben der Gewerkschaft lagen die Unterschiede zu vergleichbaren westdeutschen Betrieben je nach Tätigkeit bei mehreren hundert bis mehr als 1.000 Euro im Monat.

Die Beschäftigten produzierten dabei Waren für dieselben Handelsketten und arbeiteten teilweise mit vergleichbarer Technik und unter ähnlichen Leistungsanforderungen.

Der Konzern war derselbe, der Lohn nicht

Gerade dieser Punkt sorgte für erheblichen Unmut.

Es ging nicht um zwei vollkommen unterschiedliche Branchen oder Unternehmen. Die ost- und westdeutschen Werke gehören zur selben Unternehmensgruppe.

Aus Sicht der Beschäftigten war deshalb schwer nachvollziehbar, warum ihr Arbeitsort weiterhin über einen erheblichen Teil ihres Monatseinkommens entschied.

Die Warnstreiks machten deutlich, dass die Belegschaften nicht länger auf unverbindliche Versprechen warten wollten.

Der Konflikt betraf weit mehr als vier Werke

In der Ernährungswirtschaft Sachsen-Anhalts laufen Tarifverhandlungen für zahlreiche Unternehmen.

Nach Angaben der NGG gehören zum Tarifgebiet etwa 15 Betriebe mit gut 3.000 Beschäftigten. Genannt wurden neben MEG und Bonback unter anderem Rotkäppchen, Burger Knäcke, Ditsch, Freiberger, Hasa, Wergona und weitere Lebensmittelhersteller.

Der jetzige Abschluss gilt zunächst für die rund 1.700 Beschäftigten der betroffenen Schwarz-Produktionswerke.

Für andere Betriebe ist die Lohnfrage noch nicht erledigt

Die Einigung besitzt jedoch Signalwirkung.

Gewerkschaftsvertreter wollen das Ergebnis nun auch in den weiteren Tarifverhandlungen der Branche nutzen. Das Ziel bleibt, die Lohnunterschiede nicht nur in einzelnen besonders erfolgreichen Werken zu reduzieren.

Für Beschäftigte anderer Unternehmen ist der Durchbruch deshalb wichtig, aber noch kein eigener Tarifabschluss.

Arbeitgeber wollten zunächst langsamer angleichen

Während des Tarifkonflikts lagen die Vorstellungen weit auseinander.

Die Arbeitgeberseite hatte zwischenzeitlich eine Angleichung über acht Jahre angeboten. Insgesamt sollten die Entgelte um mindestens 35 Prozent steigen. Für 2026 waren zunächst vier Prozent in zwei Stufen vorgesehen.

Die Gewerkschaft hielt diesen Zeitraum für zu lang und erhöhte mit Warnstreiks und einer Kundgebung auf dem Magdeburger Domplatz den Druck.

Am Ende steht nun die vollständige Angleichung bis 2031.

Der Kompromiss bleibt langfristig angelegt

Auch fünf Jahre sind für Beschäftigte eine lange Zeit.

Wer seit Jahrzehnten weniger verdient, hätte sich verständlicherweise eine sofortige Gleichstellung gewünscht.

Die Unternehmensseite erklärte jedoch, dass eine sofortige vollständige Angleichung wirtschaftlich nicht tragfähig gewesen sei. Der vereinbarte Stufenplan solle die höhere Vergütung mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Betriebe verbinden.

Der Abschluss ist damit ein Kompromiss: deutlich schneller und verbindlicher als frühere Angebote, aber nicht sofort.

Halle wird zum Symbol für den Widerspruch

Besonders sichtbar wird der Konflikt am Standort Halle.

Die Großbäckerei Bonback im Star Park wird mit Investitionen von mehr als 300 Millionen Euro erheblich erweitert. Der Standort zählt nach Angaben der Stadt zu den modernsten Großbäckereien Deutschlands.

Gleichzeitig mussten die dortigen Beschäftigten um eine Angleichung an das westdeutsche Tarifniveau kämpfen.

Moderne Fabrik, alter Lohnunterschied

Diese Kombination wirkt wie ein Sinnbild der ostdeutschen Wirtschaft.

In vielen Regionen stehen moderne Produktionsanlagen, die mit hoher Automatisierung und internationaler Wettbewerbsfähigkeit arbeiten. Trotzdem liegen Löhne und Tarifbindung teilweise noch hinter dem Westen zurück.

Der Unterschied lässt sich immer schwerer mit geringerer Produktivität oder veralteter Technik erklären.

Wer an modernen Anlagen dieselben Produkte für denselben Konzern herstellt, erwartet zu Recht eine vergleichbare Bezahlung.

Die Lohnlücke kostet den Osten Fachkräfte

Niedrigere Löhne sind nicht nur ein Gerechtigkeitsproblem.

Sie erschweren es den Betrieben, Nachwuchs und qualifizierte Beschäftigte zu gewinnen. Junge Menschen vergleichen Einkommen, Arbeitszeiten und Entwicklungsmöglichkeiten längst über Landesgrenzen hinweg.

Abwanderung ist eine wirtschaftliche Entscheidung

Wer in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen oder Bayern für dieselbe Qualifikation mehrere hundert Euro mehr verdienen kann, wird einen Umzug zumindest prüfen.

Gerade in Regionen mit ohnehin schrumpfender und alternder Bevölkerung verschärft dies den Fachkräftemangel.

Ostdeutsche Unternehmen können nicht dauerhaft über fehlende Arbeitskräfte klagen und zugleich erhebliche Lohnunterschiede verteidigen.

Höhere Löhne stärken die Region

Ein monatliches Plus verschwindet nicht vollständig auf Sparkonten.

Beschäftigte geben einen erheblichen Teil ihres Einkommens vor Ort aus: für Wohnen, Handwerk, Handel, Gastronomie, Freizeit und Dienstleistungen.

Tarifsteigerungen wirken über das Werkstor hinaus

Mehr Lohn stärkt deshalb nicht nur einzelne Familien.

Er erhöht Kaufkraft in Halle, Jessen, Weißenfels, Leißling, Roßbach und Erfurt. Davon profitieren lokale Geschäfte und Dienstleister.

Auch Kommunen können indirekt durch höhere Einkommen und stabilere Beschäftigung gewinnen.

Die Angleichung ist damit zugleich ein regionales Wirtschaftsprogramm – finanziert nicht durch staatliche Subventionen, sondern durch die Wertschöpfung der Unternehmen.

Beschäftigte haben lange genug gewartet

Die deutsche Einheit wurde politisch 1990 vollzogen.

Bei Löhnen, Vermögen und Tarifbindung bestehen jedoch weiterhin erhebliche Unterschiede.

Der Hinweis auf die Vergangenheit trägt nicht ewig

In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung konnten niedrigere Löhne noch mit wirtschaftlichen Brüchen, hoher Arbeitslosigkeit und geringerer Produktivität erklärt werden.

Mehr als drei Jahrzehnte später überzeugt diese Begründung in modernen, profitablen Produktionsbetrieben immer weniger.

Ostdeutsche Arbeitnehmer sind nicht weniger qualifiziert, weil ihr Arbeitsplatz östlich der früheren Grenze liegt.

Tarifbindung macht einen Unterschied

Der Abschluss zeigt, welche Bedeutung Gewerkschaften und Tarifverträge weiterhin besitzen.

Einzelne Beschäftigte hätten kaum die Möglichkeit gehabt, einen fünfjährigen Angleichungsplan für mehrere Werke durchzusetzen.

Gemeinsamer Druck veränderte das Angebot

Erst die organisierte Tarifrunde, die Warnstreiks und die öffentliche Aufmerksamkeit brachten Bewegung in die Verhandlungen.

Das bedeutet nicht, dass jeder Arbeitskampf automatisch richtig geführt wird. Es zeigt jedoch, dass Lohnunterschiede selten allein durch geduldiges Warten verschwinden.

Wer gemeinsam verhandelt, besitzt eine stärkere Position als ein einzelner Arbeitnehmer.

Unternehmen erhalten Planungssicherheit

Auch für den Arbeitgeber hat ein langfristiger Tarifvertrag Vorteile.

Die Lohnentwicklung bis 2031 ist grundsätzlich berechenbar. Das erleichtert Investitions-, Kosten- und Personalplanung.

Höhere Kosten können geringerer Fluktuation gegenüberstehen

Wenn Beschäftigte besser bezahlt werden, sinkt möglicherweise die Bereitschaft, den Betrieb wegen eines höheren Lohnes zu verlassen.

Dadurch spart das Unternehmen Kosten für Stellenbesetzung, Einarbeitung und Produktionsausfälle.

Eine gute Bezahlung ist deshalb nicht nur eine Belastung. Sie kann ein Wettbewerbsvorteil im Kampf um Fachkräfte sein.

Die Angleichung darf nicht durch schlechtere Bedingungen erkauft werden

Entscheidend ist nun, wie der Tarifvertrag im Alltag umgesetzt wird.

Höhere Löhne dürfen nicht durch Personalabbau, dauerhafte Mehrarbeit oder schlechtere Schichtpläne wieder relativiert werden.

Bruttolohn ist nicht alles

Für Beschäftigte zählen ebenso:

  • planbare Arbeitszeiten,
  • ausreichende Pausen,
  • sichere Arbeitsplätze,
  • verlässliche Schichtpläne,
  • Urlaubsregelungen,
  • Gesundheitsschutz,
  • Weiterbildung,
  • faire Behandlung von Leiharbeitern.

Eine echte Annäherung an westdeutsche Arbeitsbedingungen umfasst mehr als die Zahl auf der Lohnabrechnung.

Auch Auszubildende müssen profitieren

Die Ernährungswirtschaft sucht dringend Nachwuchs.

Wer junge Menschen für Produktion, Lebensmitteltechnik, Logistik oder Instandhaltung gewinnen will, muss ihnen attraktive Perspektiven bieten.

Westniveau darf nicht erst nach der Ausbildung beginnen

Auszubildende vergleichen Vergütung und Übernahmechancen ebenso wie Fachkräfte.

Ein Betrieb, der hohe Investitionen ankündigt, aber beim Nachwuchs spart, gefährdet seine eigene Zukunft.

Die Tarifparteien sollten deshalb auch die Ausbildungsvergütungen und die Bedingungen nach erfolgreichem Abschluss im Blick behalten.

Nicht jeder Ost-Beschäftigte erhält nun Westlohn

Der Titel des Tarifabschlusses darf nicht zu einer falschen Verallgemeinerung führen.

Die Einigung betrifft rund 1.700 Arbeitnehmer in bestimmten Betrieben. Sie beseitigt nicht automatisch die gesamte Lohnlücke in Sachsen-Anhalt, Thüringen oder Ostdeutschland.

Der Durchbruch ist konkret, aber begrenzt

In vielen Branchen bestehen weiterhin Unterschiede.

Andere Beschäftigte arbeiten ohne Tarifvertrag oder in Unternehmen, die nicht an westdeutsche Vergleichsentgelte herangeführt werden.

Der Erfolg bei MEG, Bonback und Bon Pasta ist deshalb ein wichtiger Präzedenzfall – aber noch nicht das Ende der ostdeutschen Lohnfrage.

Die nächsten Tarifrunden werden entscheidend

Die NGG will nun auch in anderen Unternehmen der Ernährungswirtschaft Fortschritte erreichen.

Dort dürfte der Abschluss der Schwarz Produktion zum Maßstab werden.

Arbeitgeber müssen erklären, warum es anderswo nicht gehen soll

Wenn ein großer Lebensmittelproduzent einen verbindlichen Angleichungspfad vereinbaren kann, wächst der Druck auf andere Unternehmen.

Natürlich unterscheiden sich Ertragslage, Größe und Produktivität der Betriebe.

Doch pauschale Hinweise auf den Standort Ostdeutschland reichen nicht mehr aus, um dauerhaft niedrigere Entgelte zu rechtfertigen.

Politik sollte den Abschluss nicht für sich vereinnahmen

Die Einigung wurde von Beschäftigten, Betriebsräten, Gewerkschaft und Unternehmen ausgehandelt.

Politiker können sie begrüßen. Sie sollten aber nicht so tun, als hätten staatliche Programme die Lohnangleichung geschaffen.

Tarifautonomie hat funktioniert

Der Staat setzt den gesetzlichen Rahmen.

Die konkrete Verbesserung entstand jedoch am Verhandlungstisch und durch den Druck der Belegschaften.

Das verdient eine klare Benennung: Die Beschäftigten haben sich die Angleichung organisiert und erkämpft.

Ein Erfolg mit fünfjähriger Bewährungsprobe

Der Tarifabschluss ist unterschrieben. Nun beginnt die Umsetzung.

Bis 2031 müssen jedes Jahr die vereinbarten Schritte erfolgen. Die künftigen niedersächsischen Tarifsteigerungen müssen korrekt übernommen und die zusätzlichen Angleichungsprozente angewendet werden.

Vertrauen entsteht durch jede Abrechnung

Für Beschäftigte zählt nicht die Pressemitteilung, sondern das tatsächliche Entgelt.

Betriebsräte und Gewerkschaft werden deshalb genau prüfen müssen, ob Eingruppierungen, Zuschläge und Erhöhungen vollständig umgesetzt werden.

Erst wenn 2031 tatsächlich dasselbe Tarifniveau gilt, ist die Lohnmauer in diesen Betrieben gefallen.

Der Osten braucht mehr solcher Abschlüsse

Die Einigung zeigt, dass eine Angleichung möglich ist, ohne Werke zu schließen oder Produktion sofort zu verlagern.

Unternehmen erhalten einen planbaren Zeitraum. Beschäftigte erhalten ein verbindliches Ziel.

Gleiche Arbeit darf nicht dauerhaft unterschiedlich bezahlt werden

Das ist der Kern dieses Konflikts.

Nicht jede regionale Lohndifferenz ist automatisch ungerecht. Lebenshaltungskosten, Produktivität und betriebliche Lage können Unterschiede erklären.

Doch wenn Beschäftigte innerhalb derselben Unternehmensgruppe vergleichbare Arbeit leisten und ihre Entgelte dauerhaft um hunderte oder mehr als 1.000 Euro auseinanderliegen, braucht es sehr gute Gründe.

Bei MEG, Bonback und Bon Pasta haben die Beschäftigten durchgesetzt, dass dieser Unterschied bis 2031 verschwindet.

Ein Durchbruch, der weit über die Lebensmittelwerke hinausweist

Rund 1.700 Arbeitnehmer erhalten zunächst 5,75 Prozent mehr Geld und eine Erholungsbeihilfe. In den kommenden Jahren folgen die niedersächsischen Tarifsteigerungen sowie zusätzliche Angleichungsschritte. Für Fachkräfte kann am Ende ein Plus von ungefähr 1.000 Euro brutto im Monat stehen.

Das ist ein materieller Erfolg.

Noch wichtiger ist jedoch das Signal: Ostdeutsche Beschäftigte müssen sich nicht damit abfinden, für vergleichbare Arbeit dauerhaft weniger zu verdienen.

Die vollständige Gleichstellung kommt spät und sie kommt nicht sofort. Aber erstmals gibt es für diese Werke einen verbindlichen Termin.

Am 1. Juli 2031 soll die tarifliche Lohnmauer fallen.

Mehr als 40 Jahre nach der deutschen Einheit wäre das wahrlich nicht zu früh.