Leipzig. Die Straßenbahnen fahren wieder, doch aufgearbeitet ist das beispiellose Verkehrschaos noch lange nicht.

Nach elf Tagen mit massiven Einschränkungen kehrten die Leipziger Verkehrsbetriebe am Donnerstag zum weitgehend regulären Straßenbahnbetrieb zurück. Zuvor hatten Temperaturen von rund 40 Grad die Fugenvergussmasse an zahlreichen Gleisabschnitten aufgeweicht. Die klebrige Masse wurde von Straßenbahnrädern über Schienen und Weichen verteilt, härtete anschließend wieder aus und beschädigte teilweise auch Fahrzeuge. Aus Sicherheitsgründen musste der Straßenbahnverkehr zwischenzeitlich vollständig eingestellt werden.

Für eine Stadt mit mehr als 600.000 Einwohnern war das weit mehr als eine gewöhnliche Betriebsstörung. Tausende Beschäftigte, Schüler, Senioren und Besucher mussten auf Busse, Fahrräder, Autos oder längere Fußwege ausweichen.

Nun muss geklärt werden, ob die außergewöhnliche Hitze allein für den Zusammenbruch verantwortlich war – oder ob Materialauswahl, Verarbeitung und fehlende Vorsorge die Schäden begünstigten.

30 Kilometer Gleise und 150 Weichen betroffen

Nach Angaben der Verkehrsbetriebe mussten rund 30 Kilometer verunreinigtes Gleis gereinigt und 150 Weichen instand gesetzt werden. Damit war ungefähr ein Zehntel des etwa 300 Kilometer langen Leipziger Straßenbahnnetzes betroffen. Rund 1.500 Mitarbeiter der LVB und der Leipziger Gruppe waren im Einsatz. Hinzu kamen etwa 550 freiwillige Helfer, die teilweise mit Spachteln und Werkzeugen die ausgehärtete Masse von den Schienen entfernten.

Die große Hilfsbereitschaft der Leipziger verdient Anerkennung. Sie darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Wiederherstellung eines kommunalen Verkehrsnetzes grundsätzlich Aufgabe des Betreibers ist.

Dass Hunderte Bürger bei der Reinigung der Gleise helfen mussten, zeigt einerseits starken Zusammenhalt. Andererseits verdeutlicht es, wie außergewöhnlich groß der Schaden war.

Nahezu alle Stadtteile waren betroffen

Das Leipziger Straßenbahnnetz verbindet die Innenstadt mit fast allen größeren Wohn- und Arbeitsgebieten. Entsprechend breit waren die Auswirkungen.

Leipzig-Grünau

Für Bewohner von Grünau, Lausen-Grünau und Schönau sind die Straßenbahnlinien eine wichtige Verbindung zur Innenstadt. Besonders Menschen ohne Auto waren auf Ersatzverkehr und deutlich längere Fahrzeiten angewiesen.

Gohlis und Möckern

Im Leipziger Norden treffen mehrere Straßenbahnlinien auf wichtige Bus- und Bahnverbindungen. Einschränkungen wirkten sich deshalb auch auf Pendler aus Wiederitzsch, Eutritzsch und dem nördlichen Landkreis Leipzig aus.

Paunsdorf, Sellerhausen und Sommerfeld

Im Osten der Stadt sind Straßenbahnen für viele Beschäftigte, Schüler und Besucher des Paunsdorf Centers unverzichtbar. Ersatzbusse können die Kapazität einer Straßenbahn nur begrenzt ersetzen.

Connewitz, Lößnig und Dölitz

Der Süden Leipzigs ist dicht besiedelt. Dort treffen Berufsverkehr, Studentenverkehr und Fahrgäste aus Markkleeberg aufeinander. Ausfälle führen schnell zu überfüllten Bussen und zusätzlichen Autos auf ohnehin stark belasteten Straßen.

Plagwitz und Lindenau

Im Leipziger Westen nutzen viele Menschen die Straßenbahn für Wege in die Innenstadt, zum Hauptbahnhof oder zu Arbeitsplätzen in Plagwitz. Gerade dort sind zahlreiche Haushalte bewusst ohne eigenes Auto unterwegs.

Zentrum und Hauptbahnhof

Am Hauptbahnhof und auf dem Innenstadtring laufen zahlreiche Linien zusammen. Störungen an diesen zentralen Punkten wirken sich deshalb innerhalb kurzer Zeit auf das gesamte Stadtgebiet aus.

Schon während der schrittweisen Wiederaufnahme des Betriebs konnten zunächst nur einzelne Linien beziehungsweise Teilstrecken verkehren. Erst nach und nach wurden wieder alle Stadtteile angebunden.

Warum schmolz die Masse nicht überall?

Eine der wichtigsten Fragen lautet, warum sich die Fugenmasse an manchen Streckenabschnitten stark verformte, während andere Bereiche der Hitze standhielten.

Der TÜV Süd Rail untersucht derzeit Materialproben aus beschädigten und unbeschädigten Gleisabschnitten. Dabei sollen sowohl die verwendete Masse als auch das Einbauverfahren geprüft werden. Erste Ergebnisse wurden für Ende August angekündigt. Bis dahin setzen die Verkehrsbetriebe den Einbau neuer Fugenvergussmasse zunächst aus.

Die Untersuchung muss insbesondere klären:

  • Welches Material wurde verwendet?
  • Welche Temperaturbeständigkeit war zugesichert?
  • Wurden alle technischen Vorgaben beim Einbau eingehalten?
  • Welche Unternehmen führten die Arbeiten aus?
  • Wann wurden die betroffenen Fugen eingebaut?
  • Gab es bereits frühere Warnzeichen?
  • Warum hielten manche Abschnitte der Hitze stand und andere nicht?
  • Bestehen mögliche Garantie- oder Schadenersatzansprüche?

Solange diese Fragen nicht beantwortet sind, wäre es zu einfach, sämtliche Schäden pauschal mit dem Klimawandel zu erklären.

Extreme Hitze war der Auslöser. Ob sie alleinige Ursache war, muss das Gutachten zeigen.

Wer bezahlt den Schaden?

Bislang ist noch keine vollständige öffentliche Kostenaufstellung bekannt.

Zu den möglichen Kosten gehören:

  • zusätzliche Personalstunden,
  • Ersatzbusverkehr,
  • Reinigung von Gleisen und Weichen,
  • Reparatur beschädigter Fahrzeuge,
  • Material- und Werkzeugkosten,
  • Gutachterkosten,
  • Einnahmeausfälle,
  • Kosten der Dankeschön-Aktion für Fahrgäste,
  • sowie mögliche Verzögerungen bei anderen Bau- und Wartungsarbeiten.

Für ein kommunales Unternehmen und damit indirekt für die Leipziger Bürger ist entscheidend, ob der Schaden aus eigenen Mitteln, Versicherungen oder durch verantwortliche Auftragnehmer getragen wird.

Sollte sich herausstellen, dass ungeeignetes Material geliefert oder fehlerhaft verarbeitet wurde, müssen mögliche Ansprüche konsequent geprüft werden. Es wäre nicht akzeptabel, wenn Fahrgäste die Folgen später über höhere Preise oder geringere Investitionen allein bezahlen müssten.

LVB bedankt sich mit Mitfahreraktion

Als Dank für Geduld und Unterstützung durften Fahrgäste mit gültigem Ticket bis zum 12. Juli im Leipziger Stadtgebiet eine weitere Person kostenlos in Bussen und Straßenbahnen mitnehmen. S-Bahnen und Regionalzüge waren davon ausgenommen.

Die Geste ist nachvollziehbar. Sie ersetzt aber keine transparente Aufklärung.

Viele Leipziger mussten während der Störung alternative Verkehrsmittel nutzen, Termine verschieben oder zusätzliche Kosten tragen. Besonders belastend war die Situation für Schichtarbeiter, ältere Menschen, Familien mit Kindern und Personen mit eingeschränkter Mobilität.

Die Stadt und die Verkehrsbetriebe sollten deshalb offen darlegen, welche Entschädigungs- oder Kulanzmöglichkeiten für Abonnenten geprüft werden.

Der Hochsommer steht noch bevor

Besonders beunruhigend ist, dass die großen Schäden bereits zu Beginn des Sommers auftraten.

LVB-Geschäftsführer Ulf Middelberg erklärte, für weitere Hitzeperioden seien verschiedene Maßnahmen vorbereitet worden. Denkbar sind das Abstreuen oder Kühlen der Fugen, die zeitweise Herausnahme einzelner Linien, Streckensperrungen oder Einschränkungen für Busse, die über Gleisbereiche fahren. Auch ein erneut eingeschränkter Straßenbahnverkehr bleibt bei extremer Hitze möglich. Langfristig soll ein Hitzeplan entwickelt werden.

Diese Maßnahmen zeigen, dass die Gefahr noch nicht vollständig gebannt ist.

Ein Hitzeplan muss deshalb konkrete Temperaturgrenzen, Kontrollintervalle und Verantwortlichkeiten enthalten. Es darf nicht erst reagiert werden, wenn sich die Masse bereits über das Netz verteilt hat.

Reicht der Hinweis auf den Klimawandel?

Die Verkehrsbetriebe verweisen darauf, dass wiederkehrende Hitzeperioden künftig technische Anpassungen erforderlich machen könnten. Auch andere Verkehrsunternehmen, etwa in Nürnberg und Essen, hatten ähnliche Probleme.

Das ist ein wichtiger Hinweis. Trotzdem muss eine kommunale Infrastruktur auf absehbare Wetterbedingungen vorbereitet sein.

Temperaturen von 35 bis 40 Grad sind in Deutschland zwar außergewöhnlich, aber nicht mehr vollkommen überraschend. Straßen, Brücken, Schienen, Schulen und Krankenhäuser müssen so geplant und betrieben werden, dass sie auch unter extremen Bedingungen möglichst funktionsfähig bleiben.

Der Begriff Klimaanpassung darf nicht nur in politischen Konzepten stehen. Er muss sich in Materialauswahl, Wartung und Notfallplanung zeigen.

Welche Lehren andere ostdeutsche Städte ziehen müssen

Der Leipziger Fall betrifft nicht nur Sachsen.

Auch Straßenbahnnetze in Dresden, Chemnitz, Erfurt, Halle, Magdeburg, Rostock, Potsdam, Cottbus, Brandenburg an der Havel und Berlin müssen prüfen, ob ähnliche Materialien verwendet wurden.

Besonders wichtig sind folgende Fragen:

  • Wo wurde vergleichbare Fugenmasse eingebaut?
  • Welche Temperaturgrenzen gelten?
  • Gibt es regelmäßige Kontrollen vor Hitzewellen?
  • Können schadhafte Abschnitte frühzeitig erkannt werden?
  • Existieren ausreichende Ersatzbuskapazitäten?
  • Sind kritische Weichen und Knotenpunkte besonders überwacht?
  • Welche Alternativen zu den bisher eingesetzten Materialien gibt es?

Wenn ein technisches Problem in mehreren Städten auftreten kann, sollten kommunale Verkehrsunternehmen gemeinsam handeln und Erkenntnisse austauschen.

Baustellen verschärfen die Lage

Parallel zu den Hitzeschäden beginnen im Juli weitere Gleisbauarbeiten am Hauptbahnhof, in Gohlis und in Schkeuditz. Dabei werden unter anderem Gleisbögen der Linie 9 und Gleisabschnitte zwischen dem Bahnhofsvorplatz und der Gerberstraße erneuert.

Solche Arbeiten sind notwendig. Sie bedeuten aber erneut Umleitungen und Einschränkungen.

Für Fahrgäste entsteht dadurch der Eindruck, dass der reguläre Betrieb kaum wiederhergestellt ist, bevor die nächsten Störungen beginnen. Die LVB muss deshalb besonders klar kommunizieren, welche Einschränkungen noch auf die Hitzeschäden zurückgehen und welche durch geplante Baumaßnahmen entstehen.

Bürger halfen, wo Technik versagte

Die vielleicht stärkste Geschichte dieser Krise ist das Engagement der Leipziger.

Menschen kamen freiwillig zusammen, um Gleise freizukratzen und den Straßenbahnverkehr wieder möglich zu machen. Das zeigt eine Stadtgesellschaft, die nicht nur kritisiert, sondern in einer Notlage selbst anpackt.

Dieser Einsatz darf von Verantwortlichen allerdings nicht als Ersatz für technische Vorsorge verstanden werden.

Ehrenamtliche Hilfe ist wertvoll. Ein dauerhaft funktionierender Nahverkehr muss dennoch professionell geplant, finanziert und abgesichert werden.

Dank an die Helfer – aber jetzt müssen Antworten folgen

Leipzig darf stolz auf seine Helfer sein.

Dass 550 Freiwillige gemeinsam mit Beschäftigten der Leipziger Gruppe das Straßenbahnnetz wieder freilegten, zeigt eindrucksvoll, wie stark der Zusammenhalt in der Stadt sein kann.

Doch Dankesworte allein reichen nicht.

Ein Straßenbahnnetz in einer Großstadt darf nicht bei einer Hitzewelle großflächig ausfallen, ohne dass anschließend jede technische und organisatorische Entscheidung überprüft wird.

Die Bürger haben ein Recht zu erfahren, welches Material verwendet wurde, wer es eingebaut hat, wie hoch der Schaden ist und wer dafür aufkommt.

Sollte die Hitze tatsächlich trotz aller eingehaltenen Standards zu einem nicht vorhersehbaren Materialversagen geführt haben, müssen neue Standards entwickelt werden. Sollten aber Fehler bei Beschaffung, Verarbeitung oder Kontrolle vorliegen, müssen Verantwortlichkeiten klar benannt werden.

Leipzig ist eine wachsende Wirtschafts-, Messe- und Universitätsstadt. Sie wirbt für öffentlichen Nahverkehr und weniger Autoverkehr. Dieses Versprechen funktioniert nur, wenn Busse und Bahnen auch dann zuverlässig fahren, wenn die Bedingungen schwierig werden.

Die Leipziger haben beim Aufräumen ihren Teil geleistet.

Jetzt müssen Verkehrsbetriebe, Stadtverwaltung, Gutachter und beteiligte Firmen ihren Teil leisten: vollständig aufklären und dafür sorgen, dass sich ein solches Verkehrschaos nicht wiederholt.