Ein ehemaliges Gefängnis ist kein gewöhnlicher Ausstellungsraum. Seine Mauern tragen Erinnerungen, die sich nicht in nüchternen Jahreszahlen erfassen lassen. In der früheren Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Rostock wird nun eine weitere künstlerische Arbeit dauerhaft an das Schicksal politisch Verfolgter erinnern.

Kulturministerin Bettina Martin hat der Dokumentations- und Gedenkstätte die Fotoserie „Ein Augen Blick“ der Künstlerin Iris vom Stein übergeben. Die Arbeit stammt aus dem Landeskunstankauf Mecklenburg-Vorpommerns und wird künftig an einem Ort gezeigt, an dem zwischen 1960 und 1989 Tausende Menschen inhaftiert waren.

Die Übergabe ist mehr als ein gewöhnlicher Kulturtermin. Sie berührt eine zentrale Frage ostdeutscher Erinnerung: Wie bewahrt man die Erfahrungen von Menschen, die in der DDR unter staatlicher Überwachung, politischer Verfolgung und Haft litten, ohne die gesamte Lebensgeschichte Ostdeutschlands auf Diktatur und Mangel zu reduzieren?

Eine ehrliche Antwort verlangt beides: klare Worte über das Unrecht der SED-Diktatur und Respekt vor den Lebensleistungen der Ostdeutschen.

Rostocks frühere Stasi-Haftanstalt ist ein historischer Tatort

Die heutige Dokumentations- und Gedenkstätte befindet sich im Grünen Weg 5 unweit der Rostocker Innenstadt. Das Gebäude gehörte zum Komplex der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit.

Zwischen 1958 und 1960 entstand dort eine Untersuchungshaftanstalt mit rund 50 Zellen. Sie war für bis zu 110 Häftlinge gleichzeitig ausgelegt. Von 1960 bis 1989 wurden dort mehr als 4.800 Menschen bis zu ihrer Verurteilung festgehalten. Viele von ihnen waren politische Gefangene oder wurden verfolgt, weil sie die DDR verlassen wollten.

Haft mitten in der Stadt

Die Lage des Gefängnisses macht seine Geschichte besonders bedrückend. Die Haftanstalt befand sich nicht in einem abgelegenen Sperrgebiet, sondern mitten in Rostock.

Nur wenige Straßen entfernt ging der Alltag weiter. Menschen arbeiteten, kauften ein oder besuchten die Innenstadt. Gleichzeitig wurden hinter verschlossenen Mauern Häftlinge verhört, isoliert und unter psychischen Druck gesetzt.

Das System der Staatssicherheit lebte auch davon, dass seine konkreten Orte im öffentlichen Leben möglichst unsichtbar blieben.

Was Besucher im ehemaligen Stasi-Gefängnis sehen können

Die Rostocker Gedenkstätte gehört zu den am besten erhaltenen früheren Untersuchungshaftanstalten des Ministeriums für Staatssicherheit.

Zu sehen sind unter anderem ehemalige Gefängniszellen, Duschräume, Dunkelzellen und der Freihof mit den sogenannten Tigerkäfigen. Auch ein Gefangenentransportwagen vom Typ Barkas B 1000 gehört zur Ausstellung.

Die Zellen erzählen mehr als Zahlen

Historische Statistiken sind wichtig. Doch erst der Blick in eine kleine Zelle vermittelt, was politische Haft für den einzelnen Menschen bedeutete.

Enge, fehlende Privatsphäre, ständige Kontrolle und die Ungewissheit über die eigene Zukunft gehörten zum Haftalltag. Die Staatssicherheit versuchte, Gefangene zu verunsichern, voneinander zu isolieren und zu Aussagen zu bewegen.

Die erhaltenen Räume geben den Opfern einen konkreten Ort zurück. Sie verhindern, dass politische Verfolgung zu einem abstrakten Kapitel im Schulbuch wird.

Neue Fotoserie „Ein Augen Blick“ kommt an den richtigen Ort

Die Fotoserie der Künstlerin Iris vom Stein soll künftig die vorhandene Ausstellung ergänzen. Bereits der Titel „Ein Augen Blick“ verweist auf das Sehen, Beobachten und Erinnern.

Gerade an einem ehemaligen Stasi-Ort erhält dieses Thema eine besondere Bedeutung. Die DDR-Staatssicherheit beobachtete Menschen, sammelte Informationen, kontrollierte Kontakte und griff tief in das Privatleben ein.

Kunst kann diese Geschichte nicht ersetzen. Sie kann aber einen Zugang schaffen, der über Akten, Daten und politische Begriffe hinausgeht.

Erinnerung braucht Gesichter und persönliche Geschichten

Die Aufarbeitung der SED-Diktatur darf sich nicht allein auf Institutionen konzentrieren. Hinter jeder Akte stand ein Mensch.

Es waren Arbeiter, Studenten, Handwerker, Künstler, Seeleute, Familienväter und junge Frauen. Manche wollten ausreisen. Andere äußerten Kritik, pflegten unerwünschte Kontakte oder gerieten aus weiteren politischen Gründen in das Visier des Staates.

Eine Fotoserie kann den Blick wieder auf das Individuum richten. Genau darin liegt ihre Stärke.

Flucht über die Ostsee war lebensgefährlich

Im dritten Obergeschoss der Rostocker Gedenkstätte befindet sich die Ausstellung „Über die Ostsee in die Freiheit“. Sie befasst sich mit Fluchtversuchen aus der DDR und dem strengen Grenzregime an der Küste.

Für viele Menschen war die Ostsee ein Sehnsuchtsort. Hinter dem Horizont lagen Dänemark, Schweden und die Bundesrepublik. Doch die Küste war zugleich eine streng überwachte Grenze.

Rostocks maritime Lage prägte auch die politische Verfolgung

Die Staatssicherheit beobachtete Häfen, Seeleute, Fischer, Urlauber und Menschen, denen sie Fluchtabsichten unterstellte.

Wer versuchte, die DDR über die Ostsee zu verlassen, riskierte Festnahme, Haft und sein Leben. Das maritime Selbstbild Rostocks besitzt deshalb auch eine dunkle Seite.

Der Hafen stand für Handel, Arbeit und Weltoffenheit. Zugleich war die Ostseeküste Teil eines Grenzsystems, das die eigenen Bürger am Verlassen des Landes hindern sollte.

Bürgerrechtler stoppten 1989 die Vernichtung von Akten

Am 4. Dezember 1989 besetzten Bürgerrechtler den Komplex der Rostocker Stasi-Bezirksverwaltung. Sie versiegelten Räume und verhinderten, dass weitere Akten vernichtet wurden.

Dieser Schritt war von großer Bedeutung. Ohne den Mut der Bürgerrechtler wären viele Belege über Überwachung, politische Verfolgung und das Netz der inoffiziellen Mitarbeiter vermutlich verloren gegangen.

Die Friedliche Revolution kam aus dem Osten

Die Geschichte des Jahres 1989 wird bis heute häufig so erzählt, als sei die Freiheit den Ostdeutschen von außen gebracht worden.

Das ist falsch.

Es waren Bürger in Rostock, Leipzig, Dresden, Plauen, Berlin und vielen kleineren Städten, die demonstrierten, Kirchen als Schutzräume nutzten, staatliche Einrichtungen besetzten und das Ende der SED-Herrschaft erzwangen.

Die Friedliche Revolution ist eine der größten Leistungen der ostdeutschen Geschichte. Sie verdient mehr Selbstbewusstsein und einen festen Platz im gesamtdeutschen Gedächtnis.

Aufarbeitung darf nicht zur Belehrung des Ostens werden

Die Erinnerung an die SED-Diktatur bleibt unverzichtbar. Dennoch darf sie nicht in eine pauschale Abwertung ostdeutscher Lebensgeschichten umschlagen.

Millionen Menschen haben in der DDR gearbeitet, Familien gegründet, Kinder erzogen, Nachbarschaften gepflegt und unter schwierigen Bedingungen ihren Alltag gemeistert. Sie waren nicht automatisch Anhänger des Systems.

Staat und Bevölkerung müssen unterschieden werden

Eine konservative Erinnerungskultur unterscheidet klar zwischen dem Unrechtsstaat und den Menschen, die in ihm lebten.

Die Verbrechen und Repressionen der SED-Herrschaft dürfen nicht relativiert werden. Ebenso falsch wäre es jedoch, die Biografien der Ostdeutschen ausschließlich als Geschichte von Anpassung, Rückständigkeit oder Versagen zu erzählen.

Viele Menschen hielten Familien, Betriebe, Gemeinden und Vereine zusammen. Andere widersetzten sich offen oder im Stillen. Diese Lebensleistungen gehören ebenfalls zur Wahrheit.

Junge Menschen müssen die Geschichte vor Ort kennenlernen

Mehr als drei Jahrzehnte nach der deutschen Einheit haben viele Schüler keine unmittelbare familiäre Erinnerung mehr an die DDR.

Gedenkstätten wie die ehemalige Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Rostock werden deshalb immer wichtiger. Die Einrichtung bietet neben ihrer Dauerausstellung auch Führungen, Vorträge, Lesungen, Filmvorführungen und Schülerprojekte an.

Ein Zellenblock wirkt stärker als ein Arbeitsblatt

Geschichtsunterricht darf nicht bei Jahreszahlen und politischen Begriffen stehen bleiben.

Wer eine Zelle betritt, die engen Gänge sieht oder vor den Dunkelzellen steht, versteht unmittelbarer, was ein Staat anrichten kann, wenn Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit und unabhängige Gerichte fehlen.

Solche Besuche sollten deshalb fester Bestandteil des Schulunterrichts in Mecklenburg-Vorpommern sein.

Auch westdeutsche Schüler sollten Rostock besuchen

Die Geschichte der DDR ist keine ostdeutsche Regionalgeschichte. Sie gehört zur deutschen Geschichte.

Dennoch findet die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur häufig vor allem im Osten statt, weil sich dort die historischen Orte befinden und viele Familien persönliche Erfahrungen weitergeben.

Das ist zu wenig.

Deutsche Einheit braucht gemeinsames Geschichtswissen

Schüler aus Hamburg, München, Köln oder Frankfurt sollten ebenso wissen, was im Rostocker Stasi-Gefängnis geschah.

Zur inneren Einheit gehört, dass Westdeutsche ostdeutsche Geschichte nicht nur aus Schlagworten kennen. Wer über politische Haft, die Friedliche Revolution und die Umbrüche nach 1990 sprechen will, muss die Orte und Biografien des Ostens ernst nehmen.

Gedenkstättenfahrten dürfen daher nicht an früheren innerdeutschen Grenzen enden.

Opfer der SED-Diktatur brauchen mehr Anerkennung

Viele frühere politische Häftlinge kämpfen bis heute mit den gesundheitlichen, beruflichen und sozialen Folgen ihrer Verfolgung.

Haftzeiten unterbrachen Ausbildungen und berufliche Entwicklungen. Familien wurden getrennt. Manche Betroffene litten jahrzehntelang unter Angst, Misstrauen oder traumatischen Erinnerungen.

Erinnerung darf nicht nur bei Jahrestagen stattfinden

Politiker besuchen Gedenkstätten gern zu offiziellen Terminen. Entscheidend ist jedoch, was zwischen den Gedenktagen geschieht.

Die Opfer brauchen verlässliche Beratung, eine würdige soziale Absicherung und unkomplizierte Anerkennungsverfahren. Wer unter einer deutschen Diktatur gelitten hat, darf nicht erneut durch jahrelange Bürokratie gedemütigt werden.

Der Staat schuldet diesen Menschen mehr als symbolische Worte.

Rostock trägt besondere Verantwortung

Die Hansestadt ist stolz auf ihre Universität, ihre maritime Geschichte, den Hafen und die Tradition der Hanse.

Zu einer selbstbewussten Stadtgeschichte gehört aber auch der Mut, sich den dunklen Kapiteln zu stellen.

Heimatliebe und kritische Erinnerung widersprechen sich nicht

Wer Rostock und Mecklenburg-Vorpommern verbunden ist, muss die Vergangenheit nicht beschönigen.

Im Gegenteil: Echte Heimatverbundenheit zeigt sich darin, die gesamte Geschichte anzunehmen – Erfolge und Brüche, Tradition und Unrecht, mutige Bürger und staatliche Unterdrückung.

Die Gedenkstätte im Grünen Weg ist deshalb kein Ort gegen den Osten. Sie ist ein Ort für ein ehrliches ostdeutsches Selbstverständnis.

Warum die Gedenkstätte dauerhaft gesichert werden muss

Von 2017 bis 2021 war die Einrichtung wegen Sanierungsarbeiten geschlossen. Seit 2021 wird sie von der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern getragen.

Historische Haftorte benötigen dauerhaft Geld für Gebäudeunterhalt, Ausstellungen, Bildungsarbeit und wissenschaftliche Forschung.

Erinnerungskultur ist eine staatliche Pflicht

Die Finanzierung darf nicht von kurzfristigen politischen Moden abhängen.

Solange Zeitzeugen noch berichten können, müssen ihre Erfahrungen dokumentiert werden. Gleichzeitig braucht es moderne Angebote für junge Besucher, ohne den historischen Ort durch oberflächliche Inszenierungen zu entwerten.

Die Originalräume sind das stärkste Zeugnis. Sie müssen geschützt und würdig vermittelt werden.

Rostock bewahrt einen wichtigen Ort ostdeutscher Geschichte

Die Übergabe der Fotoserie „Ein Augen Blick“ lenkt die Aufmerksamkeit erneut auf einen der bedeutendsten Erinnerungsorte Mecklenburg-Vorpommerns.

In der früheren Rostocker Stasi-Untersuchungshaftanstalt wurden Tausende Menschen festgehalten. Viele hatten kein Verbrechen begangen, sondern wollten frei sprechen, frei leben oder das Land verlassen.

Ihre Schicksale dürfen nicht vergessen werden.

Gleichzeitig muss die Aufarbeitung ostdeutscher Geschichte fair bleiben. Die SED-Diktatur war ein Unrechtsstaat. Die Menschen im Osten waren jedoch weit mehr als Untertanen dieses Systems. Sie arbeiteten, hielten Familien zusammen, bewahrten ihre Heimat und erkämpften 1989 schließlich selbst die Freiheit.

Die Rostocker Gedenkstätte erinnert deshalb nicht nur an Unterdrückung. Sie erinnert auch an Mut, Widerstand und die Kraft der Ostdeutschen, ihre Geschichte selbst zu verändern.