Ein Schiff, zwei Namen und zwei politische Systeme: Die Geschichte des Segelschulschiffes „Greif“ lässt sich nicht erzählen, ohne auch über die DDR, die deutsche Wiedervereinigung und den schwierigen Umgang mit einem außergewöhnlichen maritimen Erbe zu sprechen.

Genau dieser Aufgabe widmet sich eine neue Sonderausstellung im Marinemuseum auf der Stralsunder Insel Dänholm. Unter dem Titel „75 Jahre Segelschulschiff ‚Wilhelm Pieck/Greif‘“ zeichnet sie den Weg des Rahseglers von der Planung im Jahr 1950 über seine Nutzung in der DDR bis zur heutigen Sanierung auf dem Gelände der Stralsunder Volkswerft nach.

Die Ausstellung wurde am 13. Juli 2026 eröffnet und ist seit dem 14. Juli für Besucher zugänglich. Sie läuft bis zum 31. Oktober 2026 und bildet den Auftakt der neuen Ausstellungsreihe „Ausstellung im Trockendock“ des Stralsund Museums.

Originalobjekte erzählen mehr als eine klassische Schiffschronik

Zu sehen sind historische Fotografien, Dokumente und zahlreiche Originalobjekte aus unterschiedlichen Phasen der Schiffsgeschichte.

Zu den auffälligsten Ausstellungsstücken gehört die frühere Schiffsglocke. Daneben werden Gegenstände gezeigt, die an den Alltag an Bord, die Ausbildung junger Seeleute und die politische Bedeutung des Schiffes in der DDR erinnern.

Sechs Themenbereiche führen durch 75 Jahre Geschichte

Die Ausstellung gliedert sich in sechs Abschnitte.

Sie beginnt mit der Idee eines „Schiffes der Jugend“ und führt über Planung, Bau und Stapellauf auf der Warnowwerft in Rostock. Weitere Bereiche beschäftigen sich mit der vormilitärischen Ausbildung, politischen Inszenierungen, staatlichen Kontrollen und den großen Reisen des Schiffes.

Der letzte Abschnitt behandelt das „zweite Leben“ nach 1990: die Umbenennung in „Greif“, die Übernahme durch die Hansestadt Greifswald und die heutige Nutzung als Traditions- und Segelschulschiff.

Gebaut als „Schiff der Jugend“

Der Rahsegler entstand zu Beginn der 1950er-Jahre in einer Phase, in der die DDR ihre eigene maritime Infrastruktur aufbauen wollte.

Das Schiff wurde 1951 auf der Warnowwerft in Rostock gebaut und nach Wilhelm Pieck benannt, dem ersten und einzigen Präsidenten der DDR. Es war das einzige in der DDR gebaute Segelschulschiff und entwickelte sich schnell zu einem politischen und maritimen Symbol.

Ausbildung und Ideologie gehörten zusammen

Die „Wilhelm Pieck“ diente nicht ausschließlich dem Erlernen von Segelmanövern und seemännischen Fähigkeiten.

Die Ausbildung war in die staatlichen Strukturen der DDR eingebettet. Jugendliche sollten praktische Kenntnisse erwerben, zugleich aber auch politisch geprägt und auf mögliche spätere Aufgaben in der Seefahrt oder bei militärisch beeinflussten Organisationen vorbereitet werden.

Die Ausstellung blendet diesen Zusammenhang nicht aus. Sie zeigt das Schiff weder nur als romantischen Großsegler noch ausschließlich als Propagandainstrument.

Gerade diese differenzierte Betrachtung macht die Schau wertvoll.

Das Schiff war Prestigeobjekt und Ausbildungsstätte

Die „Wilhelm Pieck“ stand für den Anspruch der DDR, trotz ihrer vergleichsweise kurzen Küste eine bedeutende Seefahrtsnation zu sein.

Bei Auslandsreisen und öffentlichen Auftritten repräsentierte der Rahsegler den Staat. An Bord wurden zugleich junge Menschen ausgebildet, die das gemeinsame Leben auf engem Raum, körperliche Arbeit und die Herausforderungen der See kennenlernten.

Persönliche Erinnerungen lassen sich nicht auf Politik reduzieren

Viele frühere Teilnehmer verbinden mit dem Schiff prägende Erlebnisse.

Sie erinnern sich an Freundschaften, Stürme, Hafenaufenthalte und das erste Gefühl, tatsächlich auf offener See unterwegs zu sein. Diese persönlichen Erfahrungen bestehen unabhängig davon, dass das Schiff gleichzeitig politisch genutzt wurde.

Eine zeitgemäße Ausstellung muss deshalb beides zeigen: die staatliche Instrumentalisierung und die individuellen Lebensgeschichten.

Nach 1990 begann ein zweites Leben

Mit dem Ende der DDR verlor auch der Name „Wilhelm Pieck“ seine bisherige politische Funktion.

1991 ging das Schiff in das Eigentum der Hansestadt Greifswald über. Es erhielt den Namen „Greif“ und wurde als ziviles Segelschul- und Traditionsschiff weitergeführt.

Aus einem Staatssymbol wurde ein städtisches Wahrzeichen

Die Umbenennung bedeutete keine vollständige Trennung von der Vergangenheit.

Das Schiff blieb dasselbe. Seine Rümpfe, Masten und Erinnerungen ließen sich nicht einfach in eine neue Zeit übertragen, ohne die frühere Geschichte mitzunehmen.

Die „Greif“ wurde jedoch anders genutzt. Nicht mehr die Repräsentation eines sozialistischen Staates, sondern gemeinsames Segeln, maritime Bildung und die Begegnung verschiedener Generationen rückten in den Mittelpunkt.

Gerade diese Wandlungsfähigkeit macht das Schiff zu einem besonderen deutschen Denkmal.

Die Ausstellung spricht bewusst von „Wilhelm Pieck/Greif“

Der Doppeltitel ist mehr als eine formale Entscheidung.

Er verhindert, dass eine der beiden historischen Phasen verdrängt wird. Wer nur von der „Greif“ spricht, könnte den DDR-Ursprung ausblenden. Wer ausschließlich die „Wilhelm Pieck“ betrachtet, würde die mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ignorieren.

Ein Schiff kann mehrere Identitäten tragen

Historische Objekte verändern ihre Bedeutung.

Ein Bauwerk, Fahrzeug oder Schiff kann nacheinander unterschiedlichen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zwecken dienen. Es bleibt materiell weitgehend dasselbe und wird dennoch neu gelesen.

Die „Greif“ steht deshalb beispielhaft für den Umgang Ostdeutschlands mit seinem Erbe.

Nicht alles aus der DDR muss verworfen werden. Ebenso wenig sollte problematische politische Nutzung romantisiert werden. Entscheidend ist, Geschichte sichtbar zu machen und ihre Widersprüche auszuhalten.

Ausstellung und Sanierung gehören unmittelbar zusammen

Während Besucher auf dem Dänholm die Geschichte des Schiffes betrachten, wird die „Greif“ auf dem Gelände der Stralsunder Volkswerft weiter saniert.

Seit 2022 wird der Rahsegler grundlegend überholt. Im März 2026 kam er nach rund drei Jahren im Trockendock wieder ins Wasser. Außenhaut, Stahldecks, Holzdeck, Propellerwelle und Ruderblatt wurden erneuert oder aufgearbeitet. Auch die Masten und Decksaufbauten wurden restauriert beziehungsweise neu aufgebaut.

Der wichtigste Teil ist noch nicht abgeschlossen

Dass das Schiff wieder schwimmt, bedeutet nicht, dass es bereits einsatzbereit ist.

Noch fehlen unter anderem Innenausbau, Motor, Elektrik, Navigationsanlagen, Heizung und Sanitärtechnik. Die Ausschreibungen für weitere Arbeiten waren im Juli 2026 weitgehend vorbereitet. Ziel bleibt, die „Greif“ ab 2027 wieder für Fahrten einzusetzen. Ein verbindlicher Termin steht bislang nicht fest.

Sanierung kostet mehr als sieben Millionen Euro

Die Wiederherstellung des Schiffes ist erheblich teurer geworden als ursprünglich geplant.

2025 wurden die Gesamtkosten mit rund 7,7 Millionen Euro beziffert. Die Greifswalder Bürgerschaft gab im Dezember weitere 2,9 Millionen Euro frei, damit die Arbeiten fortgesetzt werden können. Zuvor waren bereits rund vier Millionen Euro aus Mitteln der Stadt, des Bundes, des Landes sowie aus Spenden und Stiftungsgeldern investiert worden.

Firmenpleiten und steigende Preise verzögerten das Projekt

Zu den Ursachen der Mehrkosten gehören höhere Material- und Lohnpreise sowie die Insolvenz eines beteiligten Werftunternehmens.

Die ursprüngliche Planung stammte aus dem Jahr 2020. Seitdem veränderten sich die Bedingungen im Schiffbau deutlich. Zeitverzögerungen führten wiederum zu weiteren Kosten.

Die Sanierung zeigt damit ein grundsätzliches Problem historischer Großprojekte: Je länger Arbeiten dauern, desto schwieriger wird es, Kosten und technische Risiken zuverlässig vorherzusagen.

Greifswald muss auch den späteren Betrieb finanzieren

Mit der Fertigstellung endet die finanzielle Herausforderung nicht.

Ein Traditionssegler benötigt eine qualifizierte Besatzung, regelmäßige Wartung, Versicherungen, Sicherheitsprüfungen und Liegeplätze. Hinzu kommen Treibstoff, Reparaturen und Verwaltung.

Die Greifswalder Bürgerschaft verband ihre zusätzliche Finanzierung deshalb mit der Forderung, den städtischen Zuschuss für den späteren Betrieb möglichst auf 250.000 Euro jährlich zu begrenzen. Ob dieses Ziel realistisch ist, wurde selbst innerhalb der Stadtverwaltung bezweifelt.

Ein Denkmal muss genutzt werden, um lebendig zu bleiben

Die günstigste Lösung wäre möglicherweise, das Schiff dauerhaft im Hafen liegen zu lassen.

Dann würde die „Greif“ jedoch einen wesentlichen Teil ihres Charakters verlieren. Sie wurde gebaut, um zu segeln, Menschen auszubilden und Gemeinschaft auf See zu ermöglichen.

Der Versuch, sie wieder fahrfähig zu machen, ist deshalb nachvollziehbar. Gleichzeitig muss die Stadt offen darlegen, wie viele Fahrten, Teilnehmer und Einnahmen künftig realistisch sind.

Tradition allein ersetzt kein tragfähiges Betriebskonzept.

Die neue Ausstellung kommt zum richtigen Zeitpunkt

Die Schau in Stralsund erscheint genau in jener Phase, in der öffentlich über Kosten und Zukunft der „Greif“ diskutiert wird.

Sie erinnert daran, warum das Schiff überhaupt erhalten werden soll.

Die Debatte darf nicht allein um Millionenbeträge kreisen

Mehr als sieben Millionen Euro sind für eine finanziell belastete Kommune eine erhebliche Summe.

Kritische Fragen sind deshalb berechtigt. Gleichzeitig lässt sich der Wert eines national bedeutenden Denkmals nicht ausschließlich anhand kurzfristiger Einnahmen berechnen.

Die „Greif“ ist das einzige erhaltene Segelschulschiff, das in der DDR gebaut wurde. Sie steht für Schiffbau, Jugendpolitik, Seefahrt, Wiedervereinigung und die maritime Identität Vorpommerns.

Die Ausstellung liefert den historischen Hintergrund, der in einer reinen Haushaltsdebatte leicht verloren geht.

Stralsund und Greifswald teilen sich die Geschichte des Schiffes

Eigentümerin der „Greif“ ist die Hansestadt Greifswald.

Gebaut wurde sie in Rostock, saniert wird sie in Stralsund, und nun widmet ihr das Stralsunder Marinemuseum eine Sonderausstellung.

Maritime Geschichte endet nicht an Stadtgrenzen

Diese Verteilung zeigt, wie eng die Hafen- und Werftenstandorte Mecklenburg-Vorpommerns miteinander verbunden sind.

Die Geschichte der „Greif“ gehört nicht nur einer einzelnen Stadt. Sie ist Teil der gemeinsamen maritimen Geschichte des Landes.

Eine stärkere Zusammenarbeit könnte auch für die spätere touristische Nutzung sinnvoll sein. Ausstellungen, Werftführungen, Segelangebote und maritime Veranstaltungen könnten miteinander verbunden werden.

Der Dänholm ist ein passender Ausstellungsort

Die Insel Dänholm zwischen Stralsund und Rügen besitzt selbst eine lange militärische und maritime Geschichte.

Im dortigen Marinemuseum werden Schiffe, Technik und die Entwicklung der deutschen Seestreitkräfte dargestellt. Die Ausstellung über die „Wilhelm Pieck/Greif“ fügt diesem Ort eine ostdeutsche Perspektive hinzu.

Geschichte wird in unmittelbarer Nähe zum Original erzählt

Die Besucher sehen nicht nur Fotografien eines weit entfernten Schiffes.

Die „Greif“ befindet sich während ihrer Sanierung ebenfalls in Stralsund. Ausstellung und Original liegen damit räumlich nah beieinander.

Das schafft eine besondere Verbindung zwischen Rückblick und Gegenwart: Im Museum wird erklärt, was das Schiff war, während auf der Werft daran gearbeitet wird, was es künftig wieder sein soll.

Auch kritische DDR-Geschichte gehört ins Museum

Die Beschäftigung mit DDR-Geschichte schwankt häufig zwischen Verklärung und vollständiger Abwertung.

Bei der „Wilhelm Pieck“ wäre beides falsch.

Das Schiff war weder nur Propaganda noch unpolitische Romantik

Es wurde staatlich inszeniert und für Ausbildung innerhalb des politischen Systems genutzt. Gleichzeitig war es ein technisch bedeutendes Schiff und für viele Teilnehmer ein Ort persönlicher Erfahrungen.

Die neue Ausstellung scheint genau diese Mehrdeutigkeit aufzugreifen.

Sie behandelt politische Kontrolle und vormilitärische Ausbildung ebenso wie Fahrten, Besatzungen und das spätere zivile Leben als „Greif“.

Damit trägt sie zu einer erwachsenen Erinnerungskultur bei, die Widersprüche nicht beseitigt, sondern erklärt.

Die Schiffsglocke wird zum Symbol der verlorenen Zeit

Originalobjekte besitzen eine Wirkung, die Fotografien allein kaum erreichen.

Eine Glocke, ein Ausrüstungsstück oder ein Dokument wurde tatsächlich an Bord verwendet. Es verbindet abstrakte Geschichte mit einem greifbaren Gegenstand.

Kleine Objekte erzählen von großen Umbrüchen

Die frühere Schiffsglocke erinnert an den Alltag auf See, an feste Abläufe und an die Besatzungen, die über Jahrzehnte an Bord arbeiteten.

Gleichzeitig steht sie für eine Zeit, in der das Schiff einen anderen Namen trug und einem anderen Staat gehörte.

Solche Gegenstände helfen, Geschichte nicht nur politisch, sondern auch menschlich zu verstehen.

Die „Greif“ soll 2027 wieder segeln

Nach derzeitiger Planung soll das Schiff im kommenden Jahr wieder einsatzfähig sein.

Bevor es so weit ist, müssen die noch fehlenden technischen Arbeiten abgeschlossen, Abnahmen durchgeführt und eine tragfähige Besatzungs- und Betriebsstruktur aufgebaut werden.

Der genaue Termin bleibt offen

Bei einem historischen Schiff sind weitere Verzögerungen nicht ausgeschlossen.

Verdeckte Schäden, Lieferprobleme oder zusätzliche Anforderungen der zuständigen Behörden können den Zeitplan verändern. Deshalb ist die Formulierung, die „Greif“ solle 2027 wieder fahren, derzeit seriöser als die Ankündigung eines festen Startdatums.

Für Unterstützer des Schiffes bleibt dennoch die Hoffnung, dass der 75. Geburtstag nicht nur im Museum, sondern bald wieder unter Segeln gefeiert werden kann.

Besucherinformationen zur Ausstellung

Die Sonderausstellung „75 Jahre Segelschulschiff ‚Wilhelm Pieck/Greif‘“ ist im Marinemuseum auf der Insel Dänholm in Stralsund zu sehen.

Sie ist seit dem 14. Juli 2026 geöffnet und läuft bis zum 31. Oktober 2026. Die Schau gehört zur neuen Reihe „Ausstellung im Trockendock“ des Stralsund Museums.

Mehr als ein Angebot für Schifffahrtsfreunde

Die Ausstellung richtet sich nicht nur an Menschen, die sich für Segeltechnik interessieren.

Sie behandelt Jugendkultur, DDR-Politik, deutsche Einheit, Denkmalschutz und kommunale Verantwortung. Damit bietet sie auch für Schulklassen, Familien und Besucher ohne besondere maritime Vorkenntnisse zahlreiche Anknüpfungspunkte.

Ein Schiff als Spiegel ostdeutscher Geschichte

Die „Wilhelm Pieck“ wurde als Prestige- und Ausbildungsschiff der jungen DDR gebaut.

Die „Greif“ wurde nach 1990 zu einem zivilen Traditionssegler und Wahrzeichen Greifswalds. Heute kämpft die Stadt mit hohen Sanierungskosten darum, das Schiff für eine weitere Generation zu erhalten.

Diese drei Phasen lassen sich nicht voneinander trennen.

Das Schiff erzählt vom politischen Anspruch eines verschwundenen Staates, von persönlichen Erinnerungen ehemaliger Teilnehmer, von den Umbrüchen der Wiedervereinigung und vom heutigen Versuch, ostdeutsches Kulturerbe weder zu verklären noch verfallen zu lassen.

Die neue Ausstellung auf dem Dänholm macht diese doppelte Geschichte sichtbar.

Sie zeigt nicht nur, wie aus der „Wilhelm Pieck“ die „Greif“ wurde.

Sie stellt auch die entscheidende Frage für die Zukunft: Was ist einer Gesellschaft ihr maritimes Erbe wert?

Wenn die Sanierung gelingt, könnte die Antwort ab 2027 wieder auf der Ostsee zu sehen sein – unter Segeln, mit neuem Motor und mit 75 Jahren Geschichte an Bord.