Cottbus. Lange Wartezeiten, fehlende Hausärzte und Schwierigkeiten bei der Suche nach Facharztterminen beschäftigen immer mehr Einwohner.
Die Stadt Cottbus versucht deshalb, nicht allein auf Entscheidungen von Bund, Land und Kassenärztlicher Vereinigung zu warten. Mit einem kommunalen Förderprogramm sollen bestehende Praxen stabilisiert, zusätzliche Ärzte gewonnen und medizinische Angebote ausgebaut werden.
Oberbürgermeister Tobias Schick besuchte am 10. Juli zwei geförderte Einrichtungen und zog eine erste positive Bilanz. Nach Angaben der Stadt führt die Unterstützung in einem medizinischen Versorgungszentrum zu zwei zusätzlichen Ärztinnen. Eine von ihnen ist bereits tätig, die zweite soll am 1. Oktober 2026 beginnen. Eine chirurgische Praxis konnte zudem zwei moderne medizinische Bohrer anschaffen.
Zwei zusätzliche Ärztinnen im medizinischen Versorgungszentrum
Die erste Station des Oberbürgermeisters war die MVZ Dr. Braun GmbH in der Lieberoser Straße.
Zum Unternehmen gehören drei Einrichtungen: ein medizinisches Versorgungszentrum unter der Bezeichnung KPmedics, ein hausärztliches MVZ in Calau und ein weiteres hausärztliches MVZ in Cottbus. Insgesamt arbeiten dort derzeit sieben Fachärzte, fünf davon am Cottbuser Standort.
Durch die kommunale Unterstützung sollen in Cottbus zwei weitere Ärztinnen tätig werden.
Nach Angaben der Stadt handelt es sich um Medizinerinnen, die keine eigene Einzelpraxis mehr führen möchten. Eine arbeitet bereits im MVZ, die zweite soll zum 1. Oktober hinzukommen. Zusätzlich wurde ein digitales System zur selbstständigen Anmeldung der Patienten eingerichtet.
Für die ambulante Versorgung ist das ein wichtiger Punkt.
Viele ältere Praxisinhaber suchen Nachfolger. Gleichzeitig schrecken jüngere Ärzte häufig davor zurück, eine eigene Praxis mit Personalverantwortung, Investitionsrisiken und umfangreicher Bürokratie zu übernehmen.
Medizinische Versorgungszentren bieten eine Alternative. Ärzte können dort angestellt arbeiten, ohne zugleich Unternehmer sein zu müssen.
Einzelpraxis verliert für viele Ärzte an Attraktivität
Das klassische Modell der selbstständigen Arztpraxis gerät zunehmend unter Druck.
Ein Praxisinhaber muss nicht nur Patienten behandeln. Er trägt auch Verantwortung für:
- Personal,
- Abrechnung,
- Datenschutz,
- Technik,
- Miete,
- Einkauf,
- Vertretungen,
- und wirtschaftliche Risiken.
Hinzu kommen Dokumentationspflichten und Vorgaben der Krankenkassen.
Gerade für junge Mediziner spielen planbare Arbeitszeiten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine größere Rolle als früher.
Ein angestelltes Beschäftigungsverhältnis in einem MVZ kann deshalb attraktiver sein als die Übernahme einer älteren Einzelpraxis.
Für Städte wie Cottbus ergibt sich daraus eine klare Aufgabe: Wer neue Ärzte gewinnen will, muss moderne Arbeitsmodelle ermöglichen und bestehende Einrichtungen beim Ausbau unterstützen.
Moderne Geräte für Hand- und Unfallchirurgie
Die zweite geförderte Einrichtung ist die Praxis von Dr. Florian Kühnel in der Gerhart-Hauptmann-Straße.
Der Arzt ist Facharzt für Allgemeine Chirurgie mit den Schwerpunkten Handchirurgie und spezielle Unfallchirurgie. Als Durchgangsarzt behandelt er auch Patienten nach Arbeits- und Wegeunfällen. Durch die kommunale Förderung konnte die Praxis zwei moderne medizinische Bohrer anschaffen.
Solche Investitionen wirken auf den ersten Blick weniger spektakulär als eine neue Praxis oder eine zusätzliche Arztstelle.
Für spezialisierte chirurgische Behandlungen können moderne Instrumente jedoch entscheidend sein. Sie verbessern Arbeitsabläufe und können dazu beitragen, bestimmte Eingriffe weiterhin wohnortnah anzubieten.
Gerade Handverletzungen müssen häufig schnell und fachgerecht behandelt werden. Für Patienten aus Cottbus und dem Umland ist es daher wichtig, dass spezialisierte Angebote nicht ausschließlich in Berlin, Dresden oder Leipzig verfügbar sind.
Stadt übernimmt freiwillig Verantwortung
Die ambulante ärztliche Versorgung ist eigentlich keine klassische kommunale Aufgabe.
Zuständig sind vor allem die Kassenärztlichen Vereinigungen, Krankenkassen sowie die Gesundheitspolitik von Bund und Ländern.
Wenn Ärzte fehlen, spüren die Folgen jedoch zuerst die Städte und Landkreise.
Bürger wenden sich an das Rathaus, wenn sie keinen Hausarzt finden, monatelang auf einen Termin warten oder für eine Behandlung weit fahren müssen. Auch Arbeitgeber, Pflegeeinrichtungen und soziale Dienste sind auf eine funktionierende medizinische Infrastruktur angewiesen.
Cottbus versucht deshalb, mit einem ergänzenden Förderprogramm eigene Handlungsmöglichkeiten zu nutzen.
Oberbürgermeister Tobias Schick erklärte, die Unterstützung solle Praxen stabilisieren und zusätzliche Angebote für Patienten schaffen. Das Programm wird von der Entwicklungsgesellschaft Cottbus betreut.
Mehr Ärzte bedeuten nicht automatisch mehr Termine
Die ersten Ergebnisse sind positiv.
Zwei zusätzliche Ärztinnen und neue medizinische Technik können das Angebot verbessern.
Ob Patienten die Wirkung tatsächlich spüren, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab:
- Wie viele Wochenstunden arbeiten die neuen Ärzte?
- Nehmen die Praxen neue Patienten auf?
- Wie lang sind die Wartezeiten?
- Welche Leistungen werden angeboten?
- Werden tatsächlich zusätzliche Termine geschaffen?
- Und bleiben die Ärzte langfristig in Cottbus?
Eine neue Arztstelle auf dem Papier hilft nur begrenzt, wenn sie vor allem bisherige Kapazitäten ersetzt oder ausschließlich privatärztliche Leistungen anbietet.
Die Stadt sollte deshalb nicht nur die Zahl der geförderten Praxen veröffentlichen.
Wichtig wären auch messbare Ergebnisse zur tatsächlichen Versorgung.
Hausarztmangel trifft ältere Menschen besonders stark
Eine gute hausärztliche Versorgung ist für eine alternde Stadt von zentraler Bedeutung.
Hausärzte behandeln nicht nur Erkältungen oder kleinere Beschwerden. Sie koordinieren Medikamente, überwachen chronische Erkrankungen, veranlassen Facharztuntersuchungen und begleiten Patienten oft über viele Jahre.
Fehlt eine solche feste Anlaufstelle, landen mehr Menschen in Notaufnahmen oder versuchen, einzelne Beschwerden direkt bei Fachärzten behandeln zu lassen.
Das belastet das gesamte Gesundheitssystem.
Besonders schwierig ist die Situation für ältere Menschen, die nicht ohne Weiteres weite Wege zurücklegen können. Eine Praxis in erreichbarer Nähe ist für sie wichtiger als für mobile jüngere Patienten.
Cottbus benötigt deshalb nicht nur hoch spezialisierte Universitätsmedizin, sondern zugleich eine verlässliche Grundversorgung in den Stadtteilen.
Neue Universitätsmedizin löst ambulante Probleme nicht allein
Mit der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem entsteht in Cottbus eines der größten Strukturwandelprojekte der Region.
Die neue Universität soll medizinische Forschung, Lehre und Krankenversorgung verbinden. Langfristig könnte sie auch dazu beitragen, mehr Ärzte in die Lausitz zu holen.
Bis neue Studierende ihr Studium abgeschlossen und ihre Facharztausbildung beendet haben, vergehen jedoch viele Jahre.
Zudem bleiben Absolventen nicht automatisch in Cottbus.
Sie benötigen attraktive Arbeitsplätze, Weiterbildungsmöglichkeiten, Wohnungen, Kinderbetreuung und eine langfristige berufliche Perspektive.
Das kommunale Förderprogramm kann deshalb eine sinnvolle Brücke bilden. Es reagiert auf aktuelle Engpässe, während die Universitätsmedizin ihre langfristige Wirkung erst noch entfalten muss.
Cottbus versorgt auch das Umland
Die medizinische Bedeutung der Stadt reicht weit über die Stadtgrenze hinaus.
Viele Menschen aus Spree-Neiße, Oberspreewald-Lausitz und weiteren Teilen Südbrandenburgs kommen für Untersuchungen und Behandlungen nach Cottbus.
Schließt im Umland eine Praxis, steigt häufig der Druck auf die Einrichtungen in der Stadt.
Damit muss Cottbus medizinische Kapazitäten für eine deutlich größere Region vorhalten als die reine Einwohnerzahl vermuten lässt.
Das gilt sowohl für das Krankenhaus als auch für Facharztpraxen und medizinische Versorgungszentren.
Ein Förderprogramm sollte diese regionale Funktion berücksichtigen. Gleichzeitig darf die Stadt nicht dauerhaft allein für Versorgungslücken im gesamten Umland zahlen.
Hier bleiben auch Land und Nachbarlandkreise gefordert.
Förderung muss transparent vergeben werden
Öffentliche Unterstützung für private oder medizinische Einrichtungen benötigt klare Regeln.
Die Stadt sollte transparent darstellen:
- Wer kann einen Antrag stellen?
- Welche Kosten werden gefördert?
- Wie hoch ist die maximale Unterstützung?
- Welche Eigenleistung müssen Praxen erbringen?
- Wie lange muss das Angebot bestehen bleiben?
- Was geschieht bei einer vorzeitigen Schließung?
- Und nach welchen Kriterien wird entschieden?
Nur so lässt sich verhindern, dass Fördermittel nach persönlichem Kontakt oder öffentlicher Aufmerksamkeit verteilt werden.
Besonders sinnvoll sind Bindungsfristen.
Erhält eine Praxis Geld für Geräte oder zusätzliche Arztstellen, sollte sie sich verpflichten, die geförderte Leistung über einen festgelegten Zeitraum in Cottbus anzubieten.
Digitalisierung kann Abläufe erleichtern
Das neue Selbstanmeldesystem im MVZ soll Patienten eine eigenständige Registrierung ermöglichen.
Solche Systeme können die Anmeldung entlasten und Wartebereiche besser organisieren.
Sie dürfen jedoch nicht dazu führen, dass ältere oder technisch unerfahrene Menschen Schwierigkeiten beim Zugang zur Behandlung haben.
Eine digitale Anmeldung sollte daher immer durch persönliche Hilfe ergänzt werden.
Digitalisierung ist dann sinnvoll, wenn sie Ärzten und Mitarbeitern mehr Zeit für Patienten verschafft. Sie ist kein Fortschritt, wenn sie lediglich Arbeit auf kranke oder ältere Menschen verlagert.
Gute Arbeitsbedingungen bleiben entscheidend
Fördergeld kann den Einstieg erleichtern.
Ob Ärzte und medizinische Fachangestellte langfristig in Cottbus bleiben, hängt jedoch vor allem von den täglichen Arbeitsbedingungen ab.
Dazu gehören:
- angemessene Bezahlung,
- verlässliche Arbeitszeiten,
- funktionierende Teams,
- moderne Räume,
- Weiterbildung,
- Kinderbetreuung,
- und möglichst wenig unnötige Bürokratie.
Besonders medizinische Fachangestellte sind knapp.
Eine Praxis kann zusätzliche Ärzte einstellen, benötigt aber auch Personal für Anmeldung, Blutentnahmen, Diagnostik, Abrechnung und Organisation.
Der Fachkräftemangel betrifft daher nicht nur Mediziner.
Das Förderprogramm sollte regelmäßig ausgewertet werden
Die Stadt bezeichnet die bisherigen Ergebnisse als Beleg dafür, dass das Programm in die gewünschte Richtung wirkt.
Diese Einschätzung ist nachvollziehbar, sollte aber durch eine regelmäßige Auswertung ergänzt werden.
Sinnvolle Kennzahlen wären:
- Zahl der geförderten Einrichtungen,
- neu geschaffene Arztstellen,
- gesicherte Nachfolgen,
- zusätzliche Behandlungsstunden,
- Zahl neu aufgenommener Patienten,
- Dauer der Standortbindung,
- und eingesetzte Fördersumme.
So könnte die Öffentlichkeit erkennen, ob das Programm sein Geld wert ist.
Erfolgreiche Maßnahmen könnten ausgebaut, weniger wirksame Förderungen angepasst werden.
Richtiger Schritt gegen eine wachsende Versorgungslücke
Cottbus handelt dort, wo viele Kommunen bislang nur auf übergeordnete Zuständigkeiten verweisen.
Das kommunale Förderprogramm schafft zwei zusätzliche Arztstellen und ermöglicht einer spezialisierten chirurgischen Praxis Investitionen in moderne Technik. Das ist ein konkreter Nutzen für die medizinische Versorgung.
Die Stadt darf den Erfolg jedoch nicht allein an unterschriebenen Zuschussverträgen messen.
Entscheidend ist, ob Patienten schneller Termine erhalten, neue Ärzte dauerhaft bleiben und bestehende Praxen vor einer Schließung bewahrt werden.
Cottbus braucht beides:
die große Vision einer Universitätsmedizin und die alltägliche Versorgung beim Hausarzt und Facharzt.
Das neue Förderprogramm kann dabei ein sinnvoller Baustein sein.
Es ersetzt keine umfassende Gesundheitspolitik. Aber es zeigt, dass eine Kommune auch mit begrenzten Mitteln konkrete Verbesserungen anstoßen kann.