Wo früher Militärflugzeuge standen, soll im Spätsommer Shakespeare gespielt werden. Ein ehemaliger Hangar auf dem Flugplatz Cottbus-Nord wird zur Bühne für „Hamlet“. Corinna Harfouch und Götz Schubert gehören zur prominenten Besetzung, Kinder aus Cottbus wirken ebenfalls an der Inszenierung mit.
Das ungewöhnliche Theaterprojekt ist einer der Höhepunkte des Lausitz Festivals 2026. Vom 25. August bis zum 13. September bringt das Festival Theater, Musik, Literatur, Philosophie und bildende Kunst an Orte in Brandenburg und Sachsen, die häufig selbst vom Wandel der Region erzählen. Dazu gehören Industrieanlagen, Kirchen, Schlösser, Theater und ehemalige militärische Gebäude.
Die siebte Ausgabe steht unter dem Inspirationswort „geschöpferisch“. Das Kunstwort verbindet das Geschöpf mit der schöpferischen Fähigkeit des Menschen. Festivalintendant Daniel Kühnel versteht es als Aufforderung, die Lausitz nach Kohleausstieg, Abwanderung und wirtschaftlichen Brüchen nicht nur als Problemregion zu betrachten, sondern als einen Raum, der neu gestaltet werden kann.
Kultur soll mehr sein als Begleitmusik zum Kohleausstieg
Die Lausitz befindet sich in einem der tiefgreifendsten Veränderungsprozesse ihrer jüngeren Geschichte. Tagebaue schließen, Kraftwerksstandorte verlieren ihre bisherige Funktion und Milliardenbeträge fließen in neue Verkehrswege, Forschungseinrichtungen und Unternehmensansiedlungen.
Der Strukturwandel wird häufig vor allem wirtschaftlich diskutiert: Wie viele Arbeitsplätze entstehen? Welche Bahnstrecken werden gebaut? Welche Unternehmen siedeln sich an?
Das Lausitz Festival stellt eine andere Frage: Was geschieht mit der Identität einer Region, wenn ein Wirtschaftszweig verschwindet, der Landschaft, Alltag und Familiengeschichten über Generationen geprägt hat?
Kunst kann Unsicherheit sichtbar machen
Ein Theaterstück schafft keine Ersatzarbeitsplätze für ein geschlossenes Kraftwerk. Ein Konzert saniert keine Straße und eine Ausstellung ersetzt keine Industrieansiedlung.
Kultur kann jedoch ausdrücken, was in Förderbescheiden und Wirtschaftsstatistiken kaum vorkommt: Verlust, Stolz, Widerspruch, Aufbruch, Heimatbindung und die Angst, bei einer erneuten Transformation nicht gehört zu werden.
Genau darin liegt die besondere Aufgabe des Festivals. Es soll den Strukturwandel nicht feiern oder politisch beschönigen, sondern unterschiedliche Perspektiven auf die Zukunft der Lausitz ermöglichen.
„Hamlet“ wird im früheren Flugzeughangar gespielt
Der auffälligste Spielort des Jahres befindet sich auf dem ehemaligen Flugplatz Cottbus-Nord.
Im Hangar 1 entsteht eine Neuinszenierung von Shakespeares „Hamlet“. Corinna Harfouch und Götz Schubert stehen gemeinsam mit weiteren Schauspielern und beteiligten Kindern aus Cottbus auf der Bühne. Bei der Produktion sollen unter anderem Wasser und Farbe als Gestaltungsmittel eingesetzt werden. Die Premiere war bereits bei der Programmvorstellung ausverkauft.
Der Ort verstärkt das Thema des Stücks
„Hamlet“ handelt von Macht, Verrat, familiärer Zerrüttung und der Frage, ob eine alte Ordnung noch Bestand haben kann.
In einem ehemaligen Militärhangar erhält dieses Drama eine zusätzliche Ebene. Das Gebäude trägt seine frühere Funktion weiterhin sichtbar in sich. Es ist keine neutrale Theaterbühne, sondern ein Zeugnis staatlicher und militärischer Geschichte.
Die Inszenierung verbindet damit einen europäischen Klassiker mit einem konkreten Ort der Lausitz. Genau diese Verbindung gehört zum Konzept des Festivals: Kunstwerke werden nicht nur aufgeführt, sondern treten in Beziehung zur Geschichte ihrer Spielstätten.
Corinna Harfouch kehrt in ihre Heimatregion zurück
Corinna Harfouch wurde in Suhl geboren und wuchs teilweise in der Lausitz auf. Ihre Beteiligung verleiht der Produktion eine besondere regionale Bedeutung.
Sie gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten deutschen Schauspielerinnen und ist einem breiten Publikum aus Theater, Film und Fernsehen bekannt. Götz Schubert stammt aus Pirna und zählt ebenfalls zu den profiliertesten Schauspielern Ostdeutschlands.
Prominente Namen sollen Aufmerksamkeit in die Region bringen
Die Besetzung besitzt nicht nur künstlerischen Wert. Sie hilft dem Festival, bundesweite Aufmerksamkeit für Cottbus und die Lausitz zu erzeugen.
Kulturveranstaltungen außerhalb Berlins, Hamburgs oder Münchens müssen häufig stärker um mediale Wahrnehmung kämpfen. Bekannte Künstler können Besucher anziehen, die anschließend auch die ungewöhnlichen Spielorte und weitere Projekte der Region kennenlernen.
Entscheidend ist allerdings, dass das Festival nicht allein von prominenten Gästen lebt. Es muss auch Künstler, Autoren und Initiativen aus der Lausitz dauerhaft einbeziehen.
Festival bespielt Brandenburg und Sachsen gemeinsam
Die Lausitz endet nicht an einer Landesgrenze.
Sie erstreckt sich über den Süden Brandenburgs und den Osten Sachsens und reicht kulturell sowie historisch bis in das heutige Polen. Das Festival versteht die Region deshalb als zusammengehörigen Kulturraum.
2026 sind Veranstaltungen unter anderem in Cottbus, Senftenberg, Finsterwalde, Hoyerswerda, Weißwasser, Görlitz, Bautzen und Zittau vorgesehen. Insgesamt werden 22 Spielstätten in 14 Orten genannt.
Landesgrenzen spielen im Alltag trotzdem eine Rolle
Brandenburg und Sachsen besitzen unterschiedliche Förderstrukturen, Ministerien, Theaterlandschaften und kommunale Zuständigkeiten.
Ein länderübergreifendes Festival muss deshalb Fördermittel, Genehmigungen, Verkehr und Werbung über mehrere Verwaltungsebenen hinweg koordinieren.
Gerade diese Zusammenarbeit ist jedoch ein wichtiger Teil seines Wertes. Die Lausitz wird nicht als Randgebiet zweier Bundesländer behandelt, sondern als eigenständige Region mit gemeinsamer Geschichte und Zukunft.
Cottbus wird zum kulturellen Zentrum des Festivals
Cottbus nimmt innerhalb des Programms eine besondere Stellung ein.
Neben der „Hamlet“-Inszenierung im Flugzeughangar sind dort Veranstaltungen im Staatstheater, im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst und weiteren Einrichtungen geplant. Das Staatstheater Cottbus ist das einzige staatliche Theater Brandenburgs und gehört zu den bedeutendsten Kulturinstitutionen der Lausitz.
Ein Jugendprojekt fragt nach Gehen oder Bleiben
Ein Cottbuser Jugendclub entwickelt eine Uraufführung, die sich mit der Frage beschäftigt, ob junge Menschen ihre Heimat verlassen oder in der Lausitz bleiben wollen.
Dieses Thema berührt einen zentralen Konflikt vieler ostdeutscher Regionen.
Junge Menschen hören einerseits, dass sie für Ausbildung und Karriere mobil sein sollen. Andererseits erwarten Politik und Gesellschaft, dass sie ihre Heimat stärken und den demografischen Wandel aufhalten.
Kultur kann diesen Widerspruch sichtbar machen, ohne jungen Menschen eine bestimmte Entscheidung vorzuschreiben.
„Lausitzlieder“ bringen regionale Texte auf die Bühne
Ein weiteres Projekt verbindet professionelle Musiker mit Texten aus der Bevölkerung.
Für die „Lausitzlieder“ wurden Beiträge von Laienautoren aus der Region musikalisch weiterentwickelt. Die Singer-Songwriterin Alin Coen und eine Band um den Komponisten und Bassisten Haggai Cohen-Milo präsentieren die entstandenen Lieder in Cottbus.
Menschen aus der Region werden zu Mitautoren
Das Projekt verhindert, dass ausschließlich Künstler von außen über die Lausitz sprechen.
Menschen, die in der Region leben, formulieren ihre Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen selbst. Professionelle Musiker übersetzen diese Texte anschließend in ein künstlerisches Format.
Damit entsteht keine klassische Heimatmusik. Vielmehr wird regionale Identität in zeitgenössische Formen übertragen.
Schloss Altdöbern wird erneut zur Bühne
Auch Schloss Altdöbern gehört zu den brandenburgischen Spielorten.
Die barocke Anlage im Landkreis Oberspreewald-Lausitz verbindet Architektur, Landschaftsgarten und eine wechselvolle Nutzungsgeschichte. Das Festival nutzt das Schloss für Veranstaltungen, die bewusst außerhalb klassischer Konzertsäle stattfinden.
Kultur hilft historischen Orten sichtbar zu bleiben
Schlösser und Herrenhäuser benötigen hohe Summen für Sanierung und Unterhalt. Viele Gebäude in Brandenburg kämpfen um eine tragfähige Nutzung.
Kulturveranstaltungen können solche Anlagen nicht vollständig finanzieren. Sie schaffen jedoch Öffentlichkeit, bringen Besucher und zeigen, dass ein historischer Ort mehr sein kann als ein abgeschlossenes Baudenkmal.
Das Festival macht die Spielstätten dadurch selbst zu einem Teil seines kulturellen Programms.
Industriekultur wird nicht nur ausgestellt, sondern genutzt
Zu den charakteristischen Orten früherer Festivaljahre und des Kulturraums gehört die Brikettfabrik Louise in Domsdorf. Sie steht exemplarisch für den Versuch, industrielle Vergangenheit nicht zu beseitigen, sondern neu zu interpretieren.
Das Festival nutzt ehemalige Produktionsstätten, Maschinenhallen und andere technische Denkmale als Bühnen. Derartige Orte tragen sichtbare Spuren jener Arbeit, die die Lausitz geprägt hat.
Der Strukturwandel braucht Erinnerungsorte
Neue Forschungszentren und Gewerbeparks können nicht allein erzählen, woher eine Region kommt.
Wer Kraftwerke, Tagebaue und Fabriken vollständig verschwinden lässt, verliert einen Teil der regionalen Erinnerung. Gleichzeitig kann nicht jede alte Industrieanlage dauerhaft als Museum erhalten werden.
Temporäre kulturelle Nutzungen schaffen einen Mittelweg. Sie halten Orte im öffentlichen Bewusstsein und ermöglichen neue Erfahrungen, ohne ihre Geschichte zu verleugnen.
Brasilianische Gegenwartskunst trifft auf Lausitzer Landschaft
Das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus arbeitet beim Festival mit Schloss Bad Muskau zusammen.
Gezeigt wird eine Ausstellung des brasilianischen Künstlers Jonathas de Andrade. Seine Arbeiten beschäftigen sich häufig mit Arbeit, Gesellschaft, Erinnerung und den politischen Bedeutungen von Landschaften.
Der internationale Blick verhindert regionale Selbstbespiegelung
Ein Festival über die Lausitz darf nicht ausschließlich regionale Geschichten wiederholen.
Internationale Künstler können zeigen, dass Fragen nach Industrialisierung, Naturzerstörung, Arbeit und gesellschaftlichem Wandel auch andere Weltregionen beschäftigen.
Dadurch wird die Lausitz nicht zum abgeschlossenen Sonderfall. Sie wird Teil einer globalen Debatte über den Umgang mit Landschaft, Ressourcen und wirtschaftlicher Veränderung.
Sorbische und wendische Kultur gehört zur Lausitz
Die Lausitz ist zugleich Heimat der Sorben und Wenden.
Ihre Sprache, Bräuche, Literatur, Musik und Geschichte gehören untrennbar zur regionalen Identität. Kulturpolitik in der Lausitz kann deshalb nicht allein deutsche Industriegeschichte und moderne Kunst behandeln.
Das Land Brandenburg unterstützt 2026 über den Projektfonds Kulturplan Lausitz insgesamt 26 Kulturvorhaben mit rund einer Million Euro. Dabei sollen ausdrücklich auch das sorbische und wendische Erbe sowie kulturelle Teilhabe und Strukturwandel gestärkt werden.
Sichtbarkeit darf nicht auf Folklore beschränkt bleiben
Sorbische Kultur wird öffentlich häufig vor allem mit Trachten, Ostereiern und traditionellen Festen verbunden.
Diese Traditionen sind wichtig, bilden jedoch nur einen Teil einer lebendigen Kultur ab. Dazu gehören ebenso zeitgenössische Literatur, Theater, Musik, politische Debatten und die Frage, wie eine Minderheitensprache im Alltag erhalten werden kann.
Ein modernes Lausitz Festival sollte diese Gegenwart stärker sichtbar machen.
Neues Festivalbudget fällt kleiner aus
Die kulturellen Ambitionen stehen unter finanziellem Druck.
Nach Angaben der Veranstalter wurde die Bundesförderung von vier auf zwei Millionen Euro halbiert. Zusammen mit Landes- und Stiftungsmitteln verfügt das Festival 2026 über rund 3,3 Millionen Euro. Das Programm wurde deshalb gegenüber früheren Planungen reduziert.
Weniger Geld bedeutet weniger Veranstaltungen
Kulturveranstaltungen an ungewöhnlichen Orten sind teuer.
Ein leerer Hangar benötigt Bühne, Licht, Ton, Brandschutz, Fluchtwege, Toiletten, Personal und technische Infrastruktur. Künstler müssen untergebracht und transportiert werden. Hinzu kommen Proben, Versicherungen und Sicherheitsdienste.
Weniger Fördergeld führt daher nicht automatisch nur zu kleineren Honoraren. Es kann bedeuten, dass ganze Produktionen oder Spielorte entfallen.
Rund 15.000 Besucher kamen im Vorjahr
Im Jahr 2025 erreichte das Lausitz Festival nach Angaben der Veranstalter rund 15.000 Besucher.
Für eine dünn besiedelte Region und ein Programm mit teilweise anspruchsvollen Formaten ist das eine beachtliche Zahl.
Besucherzahlen allein dürfen nicht der einzige Maßstab sein
Ein Konzert mit mehreren Tausend Gästen ist wirtschaftlich und statistisch leicht zu bewerten.
Eine Diskussion in einer Dorfkirche, ein Jugendprojekt oder eine künstlerische Arbeit mit Bewohnern erreicht möglicherweise deutlich weniger Menschen. Trotzdem kann ihre regionale Wirkung größer sein.
Kulturförderung darf deshalb nicht ausschließlich danach bemessen werden, wie viele Eintrittskarten verkauft werden.
Neuer Credo-Preis würdigt kulturelles Engagement
2026 wird erstmals ein neuer Preis vergeben.
Der Credo-Preis soll künftig alle zwei Jahre Persönlichkeiten auszeichnen, die sich in besonderer Weise für die gesellschaftliche Bedeutung der Kultur einsetzen. Die erste Verleihung ist beim Eröffnungskonzert am 25. August in Görlitz geplant.
Kultur braucht auch Fürsprecher außerhalb der Bühne
Künstlerische Arbeit hängt nicht nur von Schauspielern, Musikern und Regisseuren ab.
Benötigt werden Menschen, die Räume öffnen, Fördermittel sichern, Netzwerke aufbauen und öffentlich erklären, warum Kultur auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten finanziert werden muss.
Ein Preis kann dieses Engagement sichtbar machen. Er sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dauerhafte Kulturstrukturen verlässliche Finanzierung benötigen.
Brandenburg investiert zusätzlich in regionale Kulturprojekte
Neben dem Festival fördert Brandenburg über den Kulturplan Lausitz zahlreiche kleinere und mittlere Projekte.
2026 erhalten 26 Vorhaben insgesamt rund eine Million Euro. Zu den geförderten Projekten gehören unter anderem ein Festival für Subkultur und Teilhabe in Cottbus, Tanzproduktionen sowie Formate zur Zukunft und Geschichte der Region.
Große Festivals und kleine Initiativen brauchen einander
Ein international sichtbares Festival kann Aufmerksamkeit in die Lausitz holen.
Die alltägliche Kulturarbeit leisten jedoch häufig lokale Vereine, Theatergruppen, Museen, Jugendclubs und ehrenamtliche Initiativen. Sie arbeiten das ganze Jahr über und erreichen Menschen, die nicht eigens zu einem großen Festival anreisen.
Eine nachhaltige Kulturpolitik darf deshalb nicht das eine gegen das andere ausspielen.
Kultur kann neue Besucher in die Lausitz bringen
Das Festival verbindet Veranstaltungen mit besonderen Orten und schafft dadurch einen Anreiz für Kulturtourismus.
Besucher reisen nicht nur wegen einer Inszenierung an. Sie entdecken Cottbus, Senftenberg, Altdöbern, Finsterwalde oder ehemalige Industrieanlagen.
Gastronomie und Beherbergung können profitieren
Wer für ein Konzert oder Theaterstück anreist, benötigt möglicherweise ein Hotelzimmer, besucht ein Restaurant oder verbindet die Veranstaltung mit einem weiteren Ausflug.
Diese wirtschaftlichen Effekte dürfen nicht überschätzt werden. Ein Festival ersetzt keine industrielle Wertschöpfung. Es kann jedoch dazu beitragen, das Bild der Lausitz zu verändern und neue Besuchergruppen anzusprechen.
Erreichbarkeit bleibt eine Schwäche
Viele Spielorte liegen außerhalb großer Städte oder sind abends nur eingeschränkt mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.
Das betrifft besonders Besucher, die nach einer Veranstaltung noch nach Berlin, Dresden oder in kleinere Lausitzer Orte zurückfahren wollen.
Kultur im ländlichen Raum braucht einen Verkehrsplan
Ein Festival, das besondere Orte bespielt, sollte auch deren Erreichbarkeit mitdenken.
Dazu können Shuttlebusse, abgestimmte Regionalverbindungen oder gemeinsame Fahrangebote gehören. Andernfalls bleibt die Teilnahme vor allem Menschen mit eigenem Auto vorbehalten.
Kulturelle Teilhabe hängt nicht nur vom Eintrittspreis ab. Sie hängt auch davon ab, ob ein Besucher sicher nach Hause kommt.
Das Festival muss stärker in der Region verankert bleiben
Prominente Schauspieler und internationale Künstler erzeugen Aufmerksamkeit. Langfristig entscheidet jedoch die Akzeptanz der Einwohner über die Zukunft des Festivals.
Menschen in der Lausitz sollten sich nicht lediglich als Publikum für ein von außen entwickeltes Programm fühlen.
Beteiligung darf nicht dekorativ sein
Jugendprojekte, regionale Texte und Kooperationen mit örtlichen Einrichtungen sind deshalb besonders wichtig.
Ein Festival über Strukturwandel wirkt unglaubwürdig, wenn die Menschen, die diesen Wandel erleben, nur als Kulisse erscheinen.
Die Region benötigt Möglichkeiten, Themen vorzuschlagen, an Produktionen mitzuwirken und auch außerhalb der drei Festivalwochen von den entstandenen Netzwerken zu profitieren.
„Geschöpferisch“ ist ein anspruchsvolles Versprechen
Das diesjährige Motto verlangt mehr als kreative Bühnenbilder.
Es behauptet, dass Menschen ihre Welt trotz Verlusten und Rückschlägen neu gestalten können.
Für die Lausitz ist diese Vorstellung zugleich Hoffnung und Zumutung. Viele Einwohner haben bereits nach 1990 einen radikalen wirtschaftlichen Umbruch erlebt. Nun sollen sie erneut Vertrauen in einen großen Strukturwandel entwickeln.
Kultur darf Widerspruch zulassen
Ein glaubwürdiges Festival darf deshalb nicht nur optimistische Zukunftsbilder zeigen.
Es muss auch Raum für Kritik, Skepsis und Enttäuschung lassen. Schöpferisch zu sein bedeutet nicht, jede Veränderung begeistert zu begrüßen. Es bedeutet auch, Alternativen zu formulieren und Entscheidungen infrage zu stellen.
Die Lausitz wird für drei Wochen zur europäischen Kulturlandschaft
Vom 25. August bis zum 13. September treffen Shakespeare, zeitgenössische Kunst, regionale Texte, Musik und philosophische Diskussionen auf eine Landschaft, die sich wirtschaftlich und ökologisch neu erfinden muss.
Die ungewöhnlichen Orte sind dabei mehr als attraktive Kulissen.
Ein Flugzeughangar erzählt von Militärgeschichte. Eine Brikettfabrik erinnert an die Kohleindustrie. Ein Schloss steht für kulturelles Erbe und kostspieligen Erhalt. Ein Theater in Senftenberg oder Cottbus zeigt, dass anspruchsvolle Bühnenkunst nicht nur in den großen Metropolen entsteht.
Das Lausitz Festival besitzt deshalb eine Aufgabe, die weit über drei Veranstaltungswochen hinausgeht.
Es soll sichtbar machen, dass die Region nicht nur Gegenstand von Strukturpolitik ist. Sie ist ein eigener Kulturraum mit Geschichte, Konflikten und schöpferischer Kraft.
Die halbierte Bundesförderung zeigt allerdings, wie unsicher diese Rolle bleibt.
Wer von der Lausitz erwartet, dass sie sich neu erfindet, darf Kultur nicht als verzichtbare Dekoration behandeln. Wirtschaftliche Transformation benötigt Investitionen in Straßen, Unternehmen und Forschung.
Sie benötigt aber ebenso Orte, an denen eine Region darüber sprechen kann, wer sie künftig sein will.