Cottbus. Der Bau des neuen ICE-Instandhaltungswerks der Deutschen Bahn nähert sich seinem wichtigsten Meilenstein.

Die große Halle 1 befindet sich nach Angaben der Deutschen Bahn im Zeitplan. In den kommenden Wochen soll die erste Hälfte der Gleishalle erstmals testweise unter Strom gesetzt und technisch erprobt werden. Die bauliche Fertigstellung ist für Ende 2026 vorgesehen. Im Februar 2027 soll planmäßig der erste ICE 4 zur Instandhaltung in die neue Halle einfahren.

Mit der Inbetriebnahme wird das neue Bahnwerk vollständig. Die bereits bestehende kleinere Halle nahm im Januar 2024 den Betrieb auf.

Mehr als 500 Meter lang

Die neue Werkshalle gehört zu den größten Industriegebäuden der Region.

Sie ist mehr als 500 Meter lang und bis zu 200 Meter breit. Vorgesehen sind drei Instandhaltungsgleise, ein Inbetriebsetzungsgleis, ein Lackiergleis sowie Werkstätten, Einzelarbeitsstände und ein großes Materiallager.

In der Halle sollen vor allem umfangreiche Instandhaltungsarbeiten an ICE-4-Zügen durchgeführt werden.

Dazu gehören Arbeiten an:

  • Türen und Kupplungen,
  • Lauf- und Triebdrehgestellen,
  • Stromabnehmern,
  • Radsätzen,
  • Bremsen,
  • Klimaanlagen,
  • und weiteren technischen Komponenten.

Die Beschäftigten können auf mehreren Ebenen gleichzeitig am Zug arbeiten: auf dem Dach, an den Seiten, im Innenraum und in der durchgehenden Arbeitsgrube unter dem Fahrzeug.

Wartungszeit soll halbiert werden

Die moderne Ausstattung soll die schwere Instandhaltung deutlich beschleunigen.

Nach Angaben der Deutschen Bahn benötigt die sogenannte schwere Instandhaltungsstufe des ICE 4 in der neuen Halle künftig rund drei Wochen. An anderen Standorten dauert ein vergleichbarer Werkstattaufenthalt etwa doppelt so lange.

Dadurch sollen die Züge schneller wieder in den Fernverkehr zurückkehren.

Für Fahrgäste ist das von Bedeutung, weil lange Werkstattaufenthalte Fahrzeuge aus dem regulären Betrieb nehmen. Eine kürzere Instandhaltungszeit kann dazu beitragen, mehr einsatzfähige ICE-Züge bereitzustellen und Ausfälle zu reduzieren.

Ob sich dieser Vorteil im täglichen Bahnverkehr tatsächlich bemerkbar macht, hängt allerdings auch von Fahrzeugbestand, Streckennetz, Personal und anderen Werkstätten ab.

Bereits rund 700 Beschäftigte im Bahnwerk

Das neue Werk gehört zu den größten Arbeitsplatzprojekten des Lausitzer Strukturwandels.

Derzeit arbeiten nach Angaben der Deutschen Bahn bereits rund 700 Menschen am Cottbuser Standort. Bei vollständiger Auslastung sollen insgesamt 1.200 zusätzliche Industrie- und Ausbildungsplätze entstehen.

Gesucht beziehungsweise beschäftigt werden unter anderem:

  • Elektroniker,
  • Mechatroniker,
  • Industriemechaniker,
  • Schlosser,
  • Fahrzeugtechniker,
  • Ingenieure,
  • Logistikmitarbeiter,
  • und Auszubildende.

Damit entstehen nicht ausschließlich akademische Arbeitsplätze.

Das unterscheidet das Bahnwerk von manchen anderen Strukturwandelprojekten, die sich vor allem auf Forschung, Verwaltung oder hoch spezialisierte Tätigkeiten konzentrieren.

Für die Lausitz ist dieser Punkt besonders wichtig. Die Braunkohlewirtschaft bot über Jahrzehnte gut bezahlte technische und industrielle Arbeitsplätze. Der Strukturwandel wird nur dann akzeptiert, wenn neue Projekte vergleichbare berufliche Perspektiven schaffen.

Ausbildungsplätze werden zum entscheidenden Faktor

Die Deutsche Bahn kann ein Werk dieser Größe nur betreiben, wenn ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zur Verfügung stehen.

Deshalb kommt der Ausbildung eine besondere Bedeutung zu.

Das Werk soll nicht nur Fachkräfte aus anderen Regionen anziehen, sondern auch jungen Menschen aus Cottbus und dem Lausitzer Umland eine berufliche Perspektive bieten.

Ausbildungsplätze helfen dabei, Beschäftigte langfristig an den Standort zu binden. Wer seine Ausbildung in Cottbus absolviert, dort arbeitet und möglicherweise eine Familie gründet, stärkt zugleich die Bevölkerungsentwicklung und die regionale Kaufkraft.

Das Bahnwerk muss dabei mit anderen großen Arbeitgebern konkurrieren.

Auch die LEAG, die Universitätsmedizin, Handwerksbetriebe, Energieunternehmen und weitere Industrieprojekte suchen technische Fachkräfte.

BTU baut Bahnprofil aus

Die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg reagiert ebenfalls auf den wachsenden Fachkräftebedarf.

Zum Wintersemester 2026/2027 soll im Studiengang Bauingenieurwesen eine stärkere Profilierung im Bereich Bahn und Schieneninfrastruktur eingeführt werden. Bachelor- und Masterstudierende können sich dadurch gezielter auf Aufgaben bei Bahnunternehmen, Planungsbüros und Infrastrukturprojekten vorbereiten.

Die Verbindung zwischen Werk und Universität kann Cottbus langfristig Vorteile bringen.

Studierende erhalten Zugang zu einem großen industriellen Arbeitgeber. Die Bahn wiederum kann Absolventen, Forschungsprojekte und Weiterbildungsmöglichkeiten nutzen.

Wichtig ist jedoch, dass die Zusammenarbeit nicht nur aus Ankündigungen besteht.

Benötigt werden konkrete Praktika, Abschlussarbeiten, duale Angebote und berufliche Einstiegsmöglichkeiten.

Halle verdreifacht die Instandhaltungskapazität

Mit der neuen Halle soll die Revisionskapazität für ICE-4-Züge und weitere Baureihen am Standort Cottbus verdreifacht werden.

Das Werk übernimmt damit eine wichtige Rolle im bundesweiten Fernverkehr.

Die dort instand gehaltenen Züge werden anschließend nicht nur innerhalb Deutschlands eingesetzt. Sie fahren auch auf Verbindungen nach Österreich und in die Schweiz.

Cottbus wird dadurch Teil einer europaweit wichtigen Wartungsstruktur.

Für die Stadt bedeutet das mehr als zusätzliche Arbeitsplätze. Der Name Cottbus wird dauerhaft mit moderner Bahnindustrie verbunden.

Photovoltaikanlage auf dem Hallendach

Auf dem Dach der neuen Halle entsteht eine große Photovoltaikanlage.

Nach Angaben der Deutschen Bahn soll sie eine Leistung von bis zu 3.200 Kilowatt-Peak erreichen. Der erzeugte Strom soll direkt im Werk genutzt werden.

Ein Werk dieser Größe benötigt erhebliche Mengen Energie.

Beleuchtung, Maschinen, Lüftung, Heizung, Prüfstände und technische Anlagen müssen dauerhaft versorgt werden.

Die Solaranlage kann einen Teil dieses Bedarfs decken. Sie macht das Werk jedoch nicht vollständig unabhängig vom Stromnetz.

Entscheidend wird sein, wie hoch der tatsächliche Eigenversorgungsanteil ist und ob weitere Maßnahmen zur Energieeinsparung umgesetzt werden.

Materiallager soll im November starten

Mehrere Bereiche der Halle werden bereits vor der vollständigen Inbetriebnahme vorbereitet.

Das Materiallager soll nach aktuellem Zeitplan im November 2026 seinen Betrieb aufnehmen. Dort werden unter anderem große Bauteile wie Drehgestelle und Radsätze für die ersten Revisionen eingelagert.

Auch in den Werkstätten und Einzelarbeitsständen läuft der Innenausbau.

Damit wird deutlich, wie komplex die Inbetriebnahme eines solchen Werkes ist.

Es reicht nicht, die Gebäudehülle fertigzustellen. Maschinen müssen montiert, Gleise geprüft, Ersatzteile eingelagert, Mitarbeiter geschult und sämtliche Sicherheitsabläufe erprobt werden.

Der erste Zug im Februar 2027 kann deshalb nur einfahren, wenn zahlreiche Einzelprojekte rechtzeitig abgeschlossen werden.

Erneuter Bombenfund zeigt Risiken des Baugeländes

Die Bauarbeiten werden immer wieder durch die Geschichte des Geländes beeinflusst.

Am 9. Juli 2026 musste erneut eine 250 Kilogramm schwere amerikanische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden. Rund 3.000 Anwohner und Beschäftigte im Umfeld des Bahnhofs mussten den Sperrbereich verlassen. Zug-, Straßenbahn- und Busverkehr wurden zeitweise eingestellt. Die Entschärfung verlief erfolgreich.

Bereits zuvor waren in Bahnhofsnähe weitere Kampfmittel gefunden worden.

Solche Funde verursachen hohe organisatorische Belastungen. Baustellen müssen unterbrochen, Wohnhäuser evakuiert und Verkehrsverbindungen gesperrt werden.

Dass der Zeitplan bislang dennoch gehalten werden kann, ist deshalb bemerkenswert.

Künftige Bombenfunde können allerdings nie vollständig ausgeschlossen werden.

Strecke nach Berlin soll ausgebaut werden

Das Bahnwerk benötigt leistungsfähige Schienenverbindungen.

Zwischen Lübbenau und Cottbus ist deshalb der zweigleisige Ausbau geplant. Die Bauarbeiten sollen nach aktueller Planung im Dezember 2026 beginnen und Ende 2027 abgeschlossen werden. Ziel ist unter anderem ein Halbstundentakt im Regionalverkehr zwischen Cottbus und Berlin. Während der Bauzeit ist allerdings eine etwa einjährige Streckensperrung vorgesehen.

Der Ausbau ist für die gesamte Stadt wichtig.

Neue Arbeitsplätze im Bahnwerk, im Science Park und in der Universitätsmedizin erhöhen die Zahl der Pendler. Gleichzeitig muss Cottbus für Fachkräfte aus Berlin und anderen Regionen erreichbar sein.

Eine schnellere und häufigere Verbindung kann den Standort stärken.

Die lange Sperrung während der Bauzeit wird jedoch eine erhebliche Belastung. Ersatzverkehre müssen verlässlich funktionieren, damit Pendler und Reisende nicht dauerhaft auf das Auto ausweichen.

Neue Arbeitsplätze erhöhen den Wohnungsbedarf

Mit dem Bahnwerk, dem Lausitz Science Park und der Universitätsmedizin entstehen in Cottbus mehrere große Arbeitgeber gleichzeitig.

Das kann zu zusätzlichem Wohnungsbedarf führen.

Gesucht werden nicht nur klassische Familienwohnungen, sondern auch:

  • kleinere Wohnungen für Auszubildende,
  • möblierte Wohnungen für neue Beschäftigte,
  • barrierefreie Wohnungen,
  • Wohnraum für internationale Fachkräfte,
  • und Häuser im Umland.

Die Stadt muss darauf achten, dass ausreichend Wohnraum entsteht, ohne dass Mieten unnötig stark steigen.

Der Strukturwandel darf nicht dazu führen, dass langjährige Einwohner aus attraktiven Vierteln verdrängt werden.

Gleichzeitig bieten neue Einwohner Chancen für Handel, Gastronomie und Dienstleistungen.

Regionale Unternehmen müssen beteiligt werden

Ein Großprojekt dieser Größenordnung erzeugt zahlreiche Aufträge.

Neben den eigentlichen Bauleistungen werden benötigt:

  • Gebäudetechnik,
  • Wartung,
  • Reinigung,
  • Sicherheitsdienste,
  • Logistik,
  • Catering,
  • Materiallieferungen,
  • und handwerkliche Dienstleistungen.

Für den Strukturwandel ist entscheidend, wie viele dieser Aufträge in der Region bleiben.

Wenn Bau und Betrieb überwiegend von Unternehmen außerhalb der Lausitz übernommen werden, fällt ein Teil der wirtschaftlichen Wirkung geringer aus.

Die Deutsche Bahn und ihre Auftragnehmer sollten deshalb regionale Betriebe dort berücksichtigen, wo Vergaberecht, Qualität und Leistungsfähigkeit dies erlauben.

Ein industrieller Anker nach dem Kohleausstieg

Das Bahnwerk besitzt für Cottbus eine besondere Symbolkraft.

Während der Braunkohleausstieg traditionelle Arbeitsplätze infrage stellt, entsteht hier ein neuer großer Industriestandort.

Das Projekt zeigt, dass Strukturwandel nicht ausschließlich aus Büros, Instituten und Förderprogrammen bestehen muss.

Es entstehen Werkhallen, Maschinen, technische Ausbildungsberufe und tariflich geprägte Industriearbeitsplätze.

Damit kann das Werk einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilität der Lausitz leisten.

Es kann die Braunkohlewirtschaft jedoch nicht allein ersetzen.

Die Region benötigt eine Vielzahl neuer Arbeitgeber in Energie, Verkehr, Gesundheit, Forschung, Handwerk und Produktion.

Erfolg muss sich langfristig beweisen

Die Baufortschritte sind beeindruckend.

Trotzdem entscheidet sich der Erfolg nicht mit der Einfahrt des ersten Zuges.

Wichtig ist, ob:

  • alle 1.200 Stellen tatsächlich entstehen,
  • genügend Fachkräfte gewonnen werden,
  • die Instandhaltung zuverlässig funktioniert,
  • regionale Unternehmen profitieren,
  • Ausbildungsplätze dauerhaft angeboten werden,
  • und das Werk langfristig ausgelastet bleibt.

Auch die Deutsche Bahn steht unter wirtschaftlichem Druck.

Investitionsprogramme, Fahrzeugbeschaffung und politische Vorgaben können sich verändern.

Cottbus benötigt deshalb langfristige Zusagen und eine dauerhafte Einbindung des Werkes in die Instandhaltungsstrategie des Konzerns.

Cottbus bekommt einen echten Industriestandort

Die neue ICE-Halle ist mehr als ein weiteres Strukturwandelprojekt.

Sie schafft konkrete industrielle Kapazitäten, Ausbildungsplätze und langfristige Beschäftigung.

Im Februar 2027 soll der erste ICE 4 einfahren. Bis dahin müssen Technik, Werkstätten, Materiallager und Personal vollständig einsatzbereit sein.

Das Werk bietet Cottbus eine große Chance.

Es kann junge Menschen in der Region halten, Fachkräfte anziehen und den Wirtschaftsstandort dauerhaft stärken.

Nun kommt es darauf an, dass der Zeitplan eingehalten wird und die versprochenen 1.200 Arbeitsplätze tatsächlich entstehen.

Der Strukturwandel wird nicht durch Förderbescheide gewonnen.

Er wird dort gewonnen, wo Menschen morgens zur Arbeit gehen, einen Beruf erlernen und dauerhaft eine Zukunft für ihre Familien sehen.

Das neue Bahnwerk kann genau ein solcher Ort werden.