Jena. Es war nur ein Vorbereitungsspiel. Doch für den FC Carl Zeiss Jena fühlte sich dieser Sonntagnachmittag bereits nach deutlich mehr an.
Vor 7.015 Zuschauern im Ernst-Abbe-Sportfeld besiegten die Thüringer den Bundesligisten 1. FC Union Berlin mit 2:0. Elias Löder brachte Jena bereits in der Anfangsphase in Führung. Kevin Lankford sorgte sieben Minuten vor dem Ende für die Entscheidung.
Der Klassenunterschied zwischen dem Viertligisten und dem Bundesligisten war über weite Strecken kaum erkennbar. Jena trat mutig auf, störte Union früh und nutzte die Fehler der Berliner konsequent.
Für den neuen Trainer Marco Grote war es eine gelungene Heimpremiere. Für Mannschaft und Fans war es ein Signal, dass mit Carl Zeiss Jena in der kommenden Regionalliga-Saison zu rechnen sein dürfte.
Löder bestraft Unions Fehler
Die Führung fiel früh.
Union versuchte, das Spiel aus der eigenen Abwehr aufzubauen. Jena setzte die Berliner jedoch unter Druck und zwang den Bundesligisten zu einem Ballverlust. Elias Löder nutzte die Gelegenheit und erzielte bereits in der elften beziehungsweise zwölften Minute das 1:0.
Der Treffer passte zum gesamten Auftritt der Gastgeber.
Jena versteckte sich nicht, sondern verteidigte aktiv und suchte nach Ballgewinnen schnell den Weg nach vorn. Union hatte zwar mehr individuelle Qualität im Kader, konnte daraus vor allem in der ersten Halbzeit aber nur wenig Kapital schlagen.
Die Berliner waren erst rund vier Wochen später als Jena in die Vorbereitung gestartet. Trainer Mauro Lustrinelli wechselte im Verlauf der Partie zahlreiche Spieler ein und nutzte den Test ausdrücklich zur Belastungssteuerung und Sichtung seines Kaders.
Das schmälert Jenas Leistung jedoch nicht.
Ein Regionalligist muss einen Bundesligisten zunächst einmal so beschäftigen, dass dieser seine Qualität kaum entfalten kann.
Lankford entscheidet die Partie
Nach dem Seitenwechsel wurde Union stärker.
Die Berliner kamen zu mehreren Möglichkeiten und drängten auf den Ausgleich. Jena verteidigte jedoch konzentriert und überstand die gefährlichste Phase.
In der 83. Minute fiel schließlich das zweite Tor. Kevin Lankford nutzte die Gelegenheit und entschied die Partie zugunsten der Thüringer.
Spätestens danach feierten die Jenaer Anhänger ihren Verein und eine gelungene Saisoneröffnung.
Ein 2:0 gegen einen Bundesligisten sorgt in einer Vorbereitung für Selbstvertrauen. Noch wichtiger war jedoch die Art des Auftritts.
Jena wirkte geschlossen, laufstark und bereit, sich gegen einen individuell überlegenen Gegner zu behaupten.
Mehr als 7.000 Zuschauer zeigen die Kraft des Vereins
Die Zuschauerzahl war ebenfalls bemerkenswert.
7.015 Menschen kamen zur Saisoneröffnung ins Ernst-Abbe-Sportfeld. Rund 850 Anhänger begleiteten Union Berlin nach Thüringen.
Für ein Freundschaftsspiel mitten in der Sommervorbereitung ist das eine starke Kulisse.
Carl Zeiss Jena spielt zwar nur in der Regionalliga Nordost. Der Verein besitzt aber weiterhin eine Anhängerschaft, die weit über das Niveau einer gewöhnlichen vierten Liga hinausgeht.
Jena ist ein traditionsreicher Fußballstandort. Der Klub spielte viele Jahre in höheren deutschen Ligen und erreichte 1981 das Finale im Europapokal der Pokalsieger.
Die Fans erwarten deshalb nicht nur eine gute Regionalliga-Saison.
Sie erwarten eine ernsthafte Rückkehrperspektive in den Profifußball.
Jena verpasste zuletzt knapp die Meisterschaft
In der vergangenen Regionalliga-Saison belegte Carl Zeiss Jena den zweiten Platz hinter Lok Leipzig.
Die Thüringer gehörten über weite Strecken zu den stärksten Mannschaften der Liga. Am Ende reichte es jedoch nicht zur Meisterschaft.
Für die neue Saison bedeutet das: Jena beginnt nicht als Außenseiter.
Der Verein gehört gemeinsam mit Lok Leipzig, Halleschem FC, Chemnitzer FC, Rot-Weiß Erfurt und weiteren ambitionierten Klubs zum Kreis der Mannschaften, die um die Spitze kämpfen können.
Der Saisonstart hat es sofort in sich.
Am 26. Juli empfängt Carl Zeiss Jena den FSV Zwickau. Damit beginnt die neue Spielzeit mit einem traditionsreichen Ostduell.
Ein erfolgreicher Auftakt könnte die Euphorie nach dem Sieg gegen Union weiter verstärken.
Neuer Trainer soll den nächsten Schritt schaffen
Marco Grote hat zur neuen Saison das Traineramt in Jena übernommen.
Der 53-Jährige arbeitete zuvor unter anderem im Nachwuchs von Werder Bremen und war zeitweise für die Profimannschaft des 1. FC Union Berlin verantwortlich. Damit traf er bei seiner Heimpremiere ausgerechnet auf einen früheren Arbeitgeber.
Grote lobte bereits zum Trainingsauftakt die Bedingungen in Jena. Stadion und Trainingsplätze seien in einem hervorragenden Zustand.
Die Infrastruktur ist damit grundsätzlich vorhanden.
Was Jena fehlt, ist die Rückkehr in den Profifußball.
Der Klub spielt seit dem Abstieg aus der 3. Liga im Jahr 2020 in der Regionalliga. Seitdem gab es gute Spielzeiten, Trainerwechsel und neue Anläufe – aber keinen Aufstieg.
Grote soll nun eine Mannschaft formen, die nicht nur attraktive Einzelspiele gewinnt, sondern über eine gesamte Saison konstant bleibt.
Sieg gegen Union darf nicht überbewertet werden
So erfreulich das Ergebnis ist: Vorbereitungsspiele besitzen nur eine begrenzte Aussagekraft.
Union befindet sich in einer anderen Phase der Saisonvorbereitung. Die Berliner wechselten 22 Spieler ein und probierten Formationen sowie Abläufe aus. Mehrere wichtige Profis standen verletzungsbedingt nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung.
Jena steht dagegen kurz vor dem Regionalliga-Start und muss bereits deutlich näher an der Wettkampfform sein.
Das erklärt einen Teil des Leistungsunterschieds.
Ein Testspielerfolg garantiert keine Punkte gegen Zwickau, Lok Leipzig oder den Halleschen FC.
Die Regionalliga Nordost verlangt andere Qualitäten als ein einzelner Auftritt gegen einen Bundesligisten. Woche für Woche warten enge Spiele, tief stehende Gegner, schlechte Plätze und hoher Erwartungsdruck.
Jena muss beweisen, dass die Mannschaft auch dann Lösungen findet, wenn sie selbst das Spiel machen soll.
Union enttäuscht erneut gegen einen Ost-Regionalligisten
Für Union Berlin war es bereits das zweite enttäuschende Testspiel innerhalb weniger Tage gegen einen Verein aus der Regionalliga Nordost.
Zuvor kamen die Köpenicker beim Chemnitzer FC nicht über ein 1:1 hinaus. Marin Ljubicic hatte Union in Führung gebracht, Jonas Marx glich für Chemnitz aus.
Damit holte Union gegen Chemnitz und Jena zusammen keinen Sieg.
Das ist für den Bundesligisten kein Grund zur Panik. Es zeigt jedoch, dass die ostdeutschen Regionalligisten über Mannschaften verfügen, die auch höherklassige Gegner fordern können.
Chemnitz und Jena traten diszipliniert, körperlich präsent und taktisch gut vorbereitet auf.
Für die Regionalliga Nordost ist das ein positives Zeichen.
Die Liga wird häufig als vierte Spielklasse wahrgenommen. Viele Vereine arbeiten jedoch unter nahezu professionellen Bedingungen und verfügen über erfahrene Spieler aus der 2. und 3. Liga.
Verletzung überschattet den Erfolg
Der sportliche Erfolg wurde von der Verletzung Maxim Hessels überschattet.
Der Innenverteidiger musste nach einem Zweikampf behandelt und vom Platz gebracht werden. Der Verein sprach zunächst von einer möglicherweise schweren Verletzung. Eine genaue Diagnose stand unmittelbar nach dem Spiel noch aus.
Für Jena wäre ein längerer Ausfall bitter.
Gerade in der entscheidenden Phase vor dem Saisonstart benötigt Trainer Grote einen stabilen Kader und eingespielte Abläufe.
Ein Testspielergebnis ist schnell vergessen, wenn sich dabei ein wichtiger Spieler schwer verletzt.
Der Gesundheitszustand Hessels dürfte deshalb in den kommenden Tagen wichtiger sein als der Sieg selbst.
Der Kader steht weitgehend
Carl Zeiss Jena hat den Kader für die neue Saison weitgehend zusammengestellt.
Nach aktuellen Berichten umfasst das Aufgebot 27 Spieler. Sportdirektor Miroslav Jovic schließt dennoch nicht aus, dass der Verein auf dem Transfermarkt noch einmal reagiert.
Die Mannschaft benötigt vor allem Breite.
Eine Regionalliga-Saison ist lang. Verletzungen, Sperren und Formschwankungen können einen kleinen Kader schnell an seine Grenzen bringen.
Jena will nicht nur oben mitspielen, sondern möglichst bis zum Saisonende um die Meisterschaft kämpfen. Dafür muss jede Position konkurrenzfähig besetzt sein.
Besonders wichtig wird sein, die Torlast auf mehrere Spieler zu verteilen.
Elias Löder zeigte gegen Union erneut seine Qualität. Der Offensivspieler gehörte bereits in der vergangenen Saison zu den auffälligsten Akteuren der Thüringer.
Ein Aufstiegsanwärter darf jedoch nicht von einem einzelnen Torjäger abhängig sein.
Die Regionalliga Nordost verspricht ein enges Rennen
Die neue Saison dürfte zu den spannendsten der vergangenen Jahre gehören.
Lok Leipzig will nach zwei Meisterschaften und zwei bitteren Aufstiegsenttäuschungen erneut angreifen. Der Hallesche FC möchte in die 3. Liga zurück. Rot-Weiß Erfurt und der Chemnitzer FC besitzen ebenfalls Ambitionen.
Hinzu kommen traditionsreiche und unangenehme Gegner wie:
- FSV Zwickau,
- BFC Dynamo,
- Chemie Leipzig,
- Babelsberg 03,
- Greifswalder FC,
- und VSG Altglienicke.
Carl Zeiss Jena kann sich daher keine längeren Schwächephasen leisten.
Der Sieg gegen Union zeigt das Potenzial. Entscheidend wird aber sein, dieses Niveau gegen Regionalligisten abzurufen, die tief verteidigen und um jeden Punkt kämpfen.
Direkter Aufstieg erhöht die Bedeutung der Saison
Für die Regionalliga Nordost besitzt die kommende Spielzeit besondere Bedeutung.
Nach dem bestehenden Rotationssystem könnte der Nordostmeister diesmal einen direkten Aufstiegsplatz erhalten. Dadurch würden die umstrittenen Entscheidungsspiele entfallen.
Für Vereine wie Jena eröffnet sich damit eine große Chance.
Wer die Meisterschaft gewinnt, müsste nicht anschließend seine gesamte Saison in zwei zusätzlichen Spielen verteidigen.
Das dürfte die Investitionsbereitschaft und den sportlichen Ehrgeiz mehrerer Traditionsvereine zusätzlich erhöhen.
Gerade Carl Zeiss Jena weiß, wie schwer der Weg aus der Regionalliga ist.
Der Klub kann die kommende Saison deshalb nicht als gewöhnliches Übergangsjahr betrachten.
Was der Aufstieg für Thüringen bedeuten würde
Ein Aufstieg von Carl Zeiss Jena wäre nicht nur für den Verein ein Erfolg.
Thüringen besitzt derzeit keinen Klub in den drei höchsten deutschen Fußballligen. Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena spielen beide in der Regionalliga.
Damit fehlt dem Bundesland eine dauerhafte Präsenz im bundesweiten Profifußball.
Das hat Folgen für:
- Medienaufmerksamkeit,
- Sponsoring,
- Nachwuchsarbeit,
- regionale Identität,
- und wirtschaftliche Effekte rund um Spieltage.
Jena verfügt über ein modernes Stadion und eine große Anhängerschaft. Der Verein könnte die 3. Liga organisatorisch und atmosphärisch bereichern.
Doch Tradition allein steigt nicht auf.
Der Klub muss sportlich beweisen, dass er über 34 Spieltage besser ist als die starke Konkurrenz.
Kommentar: Jena gehört höher – muss es aber endlich beweisen
Der FC Carl Zeiss Jena besitzt vieles, was ein Profiverein benötigt.
Ein modernes Stadion, eine treue Anhängerschaft, eine große Geschichte und professionelle Trainingsbedingungen.
Mehr als 7.000 Zuschauer bei einem Vorbereitungsspiel gegen Union Berlin zeigen, welche Kraft weiterhin in diesem Verein steckt.
Der 2:0-Sieg war deshalb ein starkes Signal.
Jena kann höherklassige Gegner schlagen. Die Mannschaft kann mutig auftreten, intensiv verteidigen und Chancen konsequent nutzen.
Doch der Verein hat in den vergangenen Jahren auch gelernt, dass einzelne Glanzlichter nicht ausreichen.
Die Regionalliga gewinnt nicht die Mannschaft mit dem größten Namen.
Sie gewinnt die Mannschaft, die über Monate kaum Fehler macht.
Carl Zeiss Jena gehört gemessen an Tradition, Stadion und Anhängerschaft mindestens in die 3. Liga. Einen Anspruch auf den Aufstieg gibt es daraus jedoch nicht.
Der Sieg gegen Union sollte deshalb nicht als vorweggenommene Rückkehr in den Profifußball gefeiert werden.
Er sollte als Maßstab dienen.
Wenn Jena diese Leidenschaft, Laufbereitschaft und Geschlossenheit auch gegen Zwickau, Erfurt, Halle, Chemnitz und Leipzig zeigt, kann die Saison erfolgreich werden.
Das Thüringer Fußballpublikum wartet lange genug auf die Rückkehr eines Vereins in den Profifußball.
Jetzt muss Carl Zeiss Jena beweisen, dass aus einem gelungenen Sommerabend eine erfolgreiche Saison entstehen kann.