Magdeburg. Eine Umfrage ist noch keine Wahl.
Aber 41 Prozent sind auch kein statistisches Rauschen mehr.
Nach dem Sachsen-Anhalt-Trend von Infratest dimap könnte die AfD bei einer Landtagswahl derzeit mit 41 Prozent rechnen. Die CDU käme auf 26 Prozent. Bei der Landtagswahl 2021 hatte die AfD 20,8 Prozent erreicht. Innerhalb von fünf Jahren hätte sie ihren Stimmenanteil damit in der Umfrage nahezu verdoppelt. Gewählt wird am 6. September 2026.
Diese Zahlen sind ein politischer Erdrutsch.
Und trotzdem reagieren Teile des politischen Betriebs noch immer so, als müsse man lediglich die richtige moralische Formel finden, um das Problem wieder verschwinden zu lassen.
Das wird nicht funktionieren.
Wer die AfD schwächen will, muss verstehen, warum so viele Menschen bereit sind, sie zu wählen.
Die Wähler wissen, was sie tun
Der bequemste Erklärungsversuch lautet seit Jahren: Die Menschen wählen aus Protest.
Dieser Satz war vielleicht einmal teilweise richtig.
Bei 41 Prozent reicht er nicht mehr aus.
Ein großer Teil der AfD-Anhänger entscheidet sich inzwischen bewusst für diese Partei. Politikwissenschaftler verweisen darauf, dass sich eine feste Stammwählerschaft entwickelt hat und die Partei zunehmend als normale politische Option wahrgenommen wird.
Das bedeutet nicht, dass jeder Wähler jede Aussage, jeden Funktionär oder jede radikale Position der Partei unterstützt.
Es bedeutet aber, dass viele Menschen die Warnungen der politischen Konkurrenz, der Medien und gesellschaftlicher Institutionen längst eingepreist haben – und trotzdem ihr Kreuz dort setzen wollen.
Wer diese Wähler weiterhin nur als Verführte, Uninformierte oder moralisch Defizitäre behandelt, wird sie nicht zurückgewinnen.
Er bestätigt vielmehr ihr Gefühl, von oben herab betrachtet zu werden.
Die Brandmauer ersetzt keine Politik
Die demokratischen Parteien beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit der Frage, wie sie mit der AfD umgehen sollen.
Darf man gemeinsam abstimmen? Darf man Anträge unterstützen? Wo beginnt Zusammenarbeit? Muss jeder kommunalpolitische Beschluss scheitern, sobald die AfD ebenfalls zustimmt?
Diese Fragen sind nicht unwichtig.
Aber sie sind nicht die wichtigste Aufgabe eines Staates.
Ein Bürger erwartet von der Politik nicht zuerst eine komplizierte Theorie über parlamentarische Abgrenzung. Er erwartet funktionierende Schulen, erreichbare Ärzte, sichere Bahnhöfe, bezahlbare Energie, verlässliche Straßen und eine Verwaltung, die einen Antrag bearbeitet.
Eine Brandmauer repariert keine Brücke.
Sie besetzt keine unbesetzte Hausarztpraxis.
Sie senkt keine Stromrechnung.
Sie verhindert keine Werksschließung.
Solange Politik mehr über Abgrenzungsbegriffe als über ihre eigenen Leistungen spricht, wird die AfD davon profitieren.
Das Vertrauen in staatliche Leistungsfähigkeit sinkt
Die Stärke der AfD ist nicht allein eine Frage von Migration oder kulturellen Konflikten.
Sie ist auch eine Folge des sinkenden Vertrauens in den Staat.
Menschen erleben, dass Verfahren lange dauern, Behörden überlastet sind und politische Versprechen regelmäßig nicht eingehalten werden. Unternehmen klagen über Bürokratie und hohe Energiekosten. Kommunen verschieben Investitionen. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen kämpfen um Personal.
Das ifo-Institut warnte zuletzt davor, dass Ostdeutschland wirtschaftlich den Anschluss verlieren könnte, weil Investitionen und Fachkräfte fehlen. Gleichzeitig berichten ostdeutsche Unternehmer von erheblicher Enttäuschung über die Politik.
Ein Staat verliert Vertrauen nicht erst dann, wenn er offen zusammenbricht.
Er verliert Vertrauen, wenn kleine Dinge dauerhaft nicht funktionieren.
Wenn ein Bürger monatelang auf einen Termin wartet.
Wenn eine Ärztin trotz Fachkräftemangels an deutschen Anerkennungsverfahren scheitert.
Wenn eine Gemeinde Fördermittel nicht abrufen kann, weil Formulare und Eigenanteile sie überfordern.
Wenn eine Schule Unterricht ausfallen lässt und gleichzeitig neue politische Modellprojekte ankündigt.
Aus vielen einzelnen Erfahrungen entsteht ein Gesamtbild:
Der Staat fordert viel, entscheidet aber langsam und liefert zu wenig.
Sachsen-Anhalt fühlt sich zu oft verwaltet statt vertreten
Sachsen-Anhalt besitzt bedeutende Industrie, Landwirtschaft, Hochschulen, Kulturdenkmäler und engagierte Kommunen.
Trotzdem erleben viele Einwohner ihr Land vor allem über Defizite:
- Ärztemangel,
- Abwanderung,
- niedrige Löhne,
- schlechte Verkehrsverbindungen,
- geschlossene Geschäfte,
- fehlende Lehrer,
- steigende Pflegekosten,
- und unsichere Industriearbeitsplätze.
Hinzu kommt das Gefühl, dass Entscheidungen häufig in Berlin oder Brüssel getroffen werden, während die Folgen vor Ort getragen werden müssen.
Der Kohleausstieg betrifft mitteldeutsche Kraftwerksstandorte.
Hohe Energiepreise treffen Chemieunternehmen.
Windkraft- und Stromtrassen verändern ländliche Räume.
Neue Regeln werden beschlossen, aber die praktische Umsetzung bleibt an kleinen Verwaltungen und Betrieben hängen.
Wer solche Erfahrungen pauschal als populistische Erzählung abtut, verweigert sich der Wirklichkeit vieler Bürger.
Migration bleibt ein Thema – auch wenn manche nicht darüber sprechen wollen
Es wäre ebenso falsch, den hohen AfD-Wert ausschließlich wirtschaftlich zu erklären.
Migration, innere Sicherheit und gesellschaftliche Ordnung spielen für viele Wähler eine entscheidende Rolle.
Menschen beobachten, wie Kommunen Wohnungen, Schulen, Kitas und Sozialleistungen bereitstellen müssen. Sie hören von Gewalt- und Kriminalitätsfällen und fragen, ob der Staat seine Regeln konsequent durchsetzt.
Dabei entsteht häufig eine problematische Vermischung.
Die große Mehrheit der Menschen mit Migrationsgeschichte lebt friedlich, arbeitet, zahlt Steuern und gehört längst zur Gesellschaft.
Trotzdem muss Politik offen über gescheiterte Integration, ausreisepflichtige Straftäter, Parallelgesellschaften und überlastete Kommunen sprechen dürfen.
Wer jede kritische Frage sofort unter Generalverdacht stellt, überlässt das Thema der AfD.
Eine demokratische Migrationspolitik braucht beides:
Humanität für Schutzbedürftige und Konsequenz gegenüber denen, die kein Aufenthaltsrecht besitzen oder schwere Straftaten begehen.
Das ist keine Radikalisierung.
Das ist staatliche Normalität.
Die CDU hat ihr eigenes Profil verloren
Besonders schwierig ist die Lage für die CDU.
Sie regiert Sachsen-Anhalt seit vielen Jahren und stellte mit Reiner Haseloff einen Ministerpräsidenten, der über Parteigrenzen hinweg persönliche Anerkennung genoss.
Doch ein erfolgreicher Ministerpräsident ersetzt kein dauerhaft erkennbares Parteiprofil.
Die CDU versucht zugleich, sich deutlich von der AfD abzugrenzen und konservative Wähler nicht vollständig zu verlieren. Dadurch wirkt sie häufig unsicher.
Sie spricht von Ordnung, vollzieht aber Bundeskompromisse mit.
Sie kritisiert Energiepolitik, trägt viele Entscheidungen mit.
Sie verspricht Bürokratieabbau, während Betriebe weiter neue Nachweise erfüllen müssen.
Sie warnt vor der AfD, erklärt aber zu selten, warum das eigene Angebot besser funktioniert.
Eine Partei gewinnt Wähler nicht dadurch zurück, dass sie ihnen erklärt, welche andere Partei sie nicht wählen dürfen.
Sie muss ihnen zeigen, warum sie selbst Vertrauen verdient.
Moralische Appelle wirken nur bei funktionierender Politik
Demokratie lebt von Werten.
Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenschutz dürfen nicht zur Verhandlungsmasse werden.
Doch Werte werden unglaubwürdig, wenn sie ständig beschworen werden, während der Alltag schlechter funktioniert.
Ein Bürger, der keinen Hausarzt findet, möchte nicht zuerst eine politische Grundsatzrede hören.
Eine Familie, deren Strom- und Heizkosten steigen, erwartet Lösungen.
Ein Unternehmer, dessen Genehmigung seit einem Jahr unbearbeitet ist, braucht keinen weiteren Runden Tisch.
Moralische Appelle besitzen nur dann politische Wirkung, wenn die Institutionen, die sie aussprechen, selbst leistungsfähig und glaubwürdig sind.
Sonst wirken sie wie der Versuch, sachliche Schwäche durch moralische Überlegenheit zu ersetzen.
Die AfD trägt ebenfalls Verantwortung
Kritik an den etablierten Parteien darf nicht bedeuten, die AfD von jeder Prüfung freizustellen.
Wer möglicherweise stärkste Kraft werden will, muss konkrete und finanzierbare Antworten liefern.
Es reicht nicht, auf Wut hinzuweisen.
Die Partei muss erklären:
- Wie sollen Krankenhäuser finanziert werden?
- Wie werden Lehrer und Ärzte gewonnen?
- Wie bleiben Chemie- und Energiearbeitsplätze erhalten?
- Wie soll Sachsen-Anhalt mit dem Bund und der Europäischen Union zusammenarbeiten?
- Welche Steuer- und Sozialpolitik ist realistisch?
- Wie werden Gemeinden entlastet?
- Welche Folgen hätten außenpolitische und wirtschaftliche Kurswechsel?
Je näher eine Partei an Regierungsverantwortung rückt, desto weniger darf sie sich mit Opposition gegen alles begnügen.
Auch die AfD muss sich an der Wirklichkeit messen lassen.
Wer radikale Forderungen stellt, muss erklären, wie sie rechtlich, wirtschaftlich und praktisch umgesetzt werden sollen.
Eine Ausgrenzung von 41 Prozent wäre politisch gefährlich
Niemand muss mit einer Partei koalieren, deren Programm, Personal oder politische Grundhaltung er für unvereinbar hält.
Koalitionen entstehen aus politischer Übereinstimmung, nicht aus mathematischem Zwang.
Doch wenn 41 Prozent der Wähler eine Partei unterstützen, kann Politik nicht so tun, als seien diese Menschen außerhalb der demokratischen Gesellschaft angekommen.
Ihre Stimmen zählen genauso.
Ihre Sorgen müssen gehört werden, auch wenn ihre Wahlentscheidung kritisiert wird.
Die richtige Antwort besteht nicht darin, die AfD gesellschaftlich zu adeln.
Sie besteht darin, ihre Wähler wieder politisch erreichbar zu machen.
Dafür braucht es Respekt ohne Unterwerfung und Auseinandersetzung ohne Beschimpfung.
Kommunalpolitik zeigt die Grenzen abstrakter Abgrenzung
Auf kommunaler Ebene wird die Debatte besonders schwierig.
Dort geht es häufig nicht um Weltanschauung, sondern um Feuerwehrhäuser, Straßen, Schulen oder Abwassergebühren.
Ein Antrag wird nicht automatisch falsch, weil eine bestimmte Fraktion zustimmt. Ebenso wird er nicht richtig, nur weil er von einer demokratisch angesehenen Partei stammt.
Kommunalpolitiker brauchen deshalb klare Regeln, aber auch Entscheidungsfreiheit.
Die pauschale Vorstellung, jeder Beschluss müsse verhindert werden, sobald Stimmen der AfD dafür notwendig sind, kann Parlamente handlungsunfähig machen.
Gleichzeitig dürfen keine festen politischen Bündnisse durch die Hintertür entstehen.
Der Maßstab sollte der Inhalt sein.
Demokratische Parteien müssen ihre eigenen Anträge begründen und dürfen sich nicht von taktischen Abstimmungen treiben lassen.
Der Wahlkampf darf nicht nur aus Angst bestehen
Bis zur Landtagswahl am 6. September bleiben weniger als zwei Monate.
Die Versuchung wird groß sein, den Wahlkampf vollständig als Abwehrkampf gegen die AfD zu führen.
Das wäre ein Fehler.
Angst mobilisiert kurzfristig, schafft aber keine dauerhafte Zustimmung.
Die Menschen müssen wissen, was nach der Wahl konkret besser werden soll.
Ein glaubwürdiges Programm für Sachsen-Anhalt müsste sich auf wenige zentrale Aufgaben konzentrieren:
- schnellere Verwaltung,
- bessere medizinische Versorgung,
- Sicherung industrieller Arbeitsplätze,
- verlässliche Energieversorgung,
- Stärkung von Polizei und Justiz,
- konsequente Migrationspolitik,
- bessere Schulen,
- und mehr Entscheidungsspielraum für Kommunen.
Die Parteien sollten dazu konkrete Fristen, Kosten und Verantwortlichkeiten nennen.
Nicht jede Krise benötigt ein neues Leitbild.
Viele Probleme benötigen schlicht eine Entscheidung.
Ostdeutsche Wähler sind nicht demokratisch unreif
In westdeutschen Debatten schwingt gelegentlich der Vorwurf mit, Ostdeutsche hätten Demokratie nicht ausreichend gelernt oder seien besonders anfällig für autoritäre Angebote.
Diese Erklärung ist bequem und herablassend.
Viele Menschen im Osten haben eine Diktatur erlebt, die deutsche Einheit bewältigt, Arbeitsplätze verloren, Betriebe zusammenbrechen sehen und sich mehrfach neu orientiert.
Sie sind nicht politisch unmündig.
Gerade deshalb reagieren sie empfindlich auf Widersprüche zwischen öffentlicher Sprache und eigener Erfahrung.
Wenn Politik erklärt, alles entwickle sich grundsätzlich positiv, während vor Ort Geschäfte schließen und Arztpraxen keinen Nachfolger finden, entsteht Misstrauen.
Dieses Misstrauen verschwindet nicht durch weitere Belehrung.
Es verschwindet nur durch bessere Ergebnisse.
Eine starke Demokratie braucht eine starke Regierung und Opposition
Demokratie lebt nicht davon, dass eine Partei dauerhaft aus allen Entscheidungen ausgeschlossen wird.
Sie lebt von Wettbewerb, Kontrolle und Machtwechsel.
Dazu braucht es Parteien, die regierungsfähig sind, und eine Opposition, die verantwortungsvoll kontrolliert.
Sollte die AfD nach der Wahl stärkste Kraft werden, aber keine Mehrheit für eine Regierung finden, wäre das verfassungsrechtlich normal.
Dann müssten andere Parteien eine tragfähige Koalition bilden.
Doch eine solche Regierung dürfte nicht allein durch die gemeinsame Ablehnung der AfD verbunden sein.
Eine Koalition ohne gemeinsames politisches Projekt würde den nächsten Vertrauensverlust bereits vorbereiten.
Wer nur regiert, um jemand anderen zu verhindern, regiert meist schlecht.
Der Staat muss wieder beweisen, dass er funktioniert
41 Prozent für die AfD sind kein Betriebsunfall.
Sie sind ein Misstrauensvotum gegen die politische Ordnung, wie viele Menschen sie derzeit erleben.
Das sollte niemand verharmlosen.
Die AfD trägt problematische Kräfte, radikale Forderungen und politische Widersprüche in sich. Sie muss kritisch geprüft und hart mit ihren eigenen Aussagen konfrontiert werden.
Doch die etablierten Parteien dürfen sich nicht länger einreden, die AfD wachse hauptsächlich wegen falscher Kommunikation oder zu wenig politischer Bildung.
Sie wächst, weil der Staat in den Augen vieler Bürger seine Kernaufgaben nicht ausreichend erfüllt.
Wer diese Entwicklung stoppen will, muss den Alltag verbessern.
Behörden müssen entscheiden.
Gerichte müssen schneller arbeiten.
Grenzen und Regeln müssen kontrolliert werden.
Industriearbeitsplätze benötigen verlässliche Bedingungen.
Schulen brauchen Lehrer.
Krankenhäuser und Praxen brauchen Personal.
Kommunen brauchen Geld und Handlungsspielraum.
Das klingt weniger spektakulär als große Demokratiereden.
Aber genau dort entscheidet sich, ob Menschen ihrem Staat vertrauen.
Die Brandmauer kann eine politische Grenze markieren.
Sie kann jedoch keine verlorene Glaubwürdigkeit ersetzen.
Sachsen-Anhalt ist deshalb ein Frühwarnsystem für ganz Deutschland.
Wer die Zahlen nur mit Empörung beantwortet, hat sie nicht verstanden.
Wer sie als Auftrag begreift, den Staat wieder leistungsfähig, gerecht und verlässlich zu machen, besitzt noch eine Chance.