Deutschland ist seit mehr als drei Jahrzehnten wiedervereinigt. Grenzen sind verschwunden, Straßen wurden erneuert, Innenstädte saniert und Rentenwerte angeglichen. Auf dem Papier ist die staatliche Einheit längst vollzogen.

Doch dort, wo über dieses Land entschieden wird, bleibt die Einheit unvollständig.

In den Spitzen von Bundesbehörden, Unternehmen, Wissenschaft, Medien, Kultur und Justiz sitzen weiterhin deutlich weniger Ostdeutsche, als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entsprechen würde. Das ist keine gefühlte Benachteiligung, die sich mit verletzter ostdeutscher Befindlichkeit erklären lässt. Es ist ein messbares strukturelles Problem.

Nach dem Elitenmonitor waren 2024 lediglich 12,1 Prozent der untersuchten Spitzenpositionen mit Ostdeutschen besetzt. Ihr Anteil an der Bevölkerung liegt hingegen bei ungefähr 20 Prozent. Zwar hat sich die Repräsentation seit 2018 leicht verbessert, doch der Abstand bleibt erheblich.

Besonders ernüchternd sind die Zahlen aus der Bundesverwaltung. Mitte 2025 stammten lediglich 8,4 Prozent der Führungskräfte in obersten Bundesbehörden aus einem der fünf ostdeutschen Flächenländer. Auf der obersten Leitungsebene sank der Anteil ohne Berlin sogar auf nur noch 1,9 Prozent.

Nach so langer Zeit kann niemand mehr glaubwürdig von einem vorübergehenden Nachwuchsproblem sprechen.

Es geht um Macht.

Ostdeutsche erleben die Einheit anders als die politische Elite

In politischen Sonntagsreden wird gern betont, wie weit Deutschland zusammengewachsen sei. Wirtschaftliche Erfolge werden aufgezählt, Städtepartnerschaften gelobt und die Friedliche Revolution gewürdigt.

Viele Ostdeutsche erleben ihren Alltag jedoch anders.

In einem aktuellen Stimmungsbild von MDRfragt erklärten 91 Prozent der Teilnehmer, Politik und Wirtschaft würden zu stark von Westdeutschen bestimmt. 76 Prozent hatten den Eindruck, Ostdeutsche würden an vielen Stellen weiterhin wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Am häufigsten wurden Unterschiede bei Löhnen und Gehältern genannt. Die Befragung ist nicht repräsentativ, zeigt aber deutlich, wie verbreitet dieses Empfinden unter den Teilnehmern ist.

Wer Entscheidungen trifft, prägt auch die Wirklichkeit

Führungskräfte entscheiden nicht nur über Personal und Geld.

Sie entscheiden darüber:

  • welche Probleme Aufmerksamkeit erhalten,
  • welche Lebensläufe als geeignet gelten,
  • welche Regionen Investitionen bekommen,
  • welche Erfahrungen ernst genommen werden,
  • wer in Talkshows eingeladen wird,
  • wer Richter, Behördenleiter oder Intendant wird,
  • welche Sprache als angemessen gilt.

Wer in diesen Positionen kaum vertreten ist, dessen Erfahrungen fließen seltener in Entscheidungen ein.

Das erklärt nicht jede Fehlentscheidung und nicht jede Benachteiligung. Aber es erklärt, warum sich viele Ostdeutsche in ihrem eigenen Land bis heute eher verwaltet als vertreten fühlen.

Die Führungsetagen wurden nach 1990 überwiegend aus dem Westen besetzt

Nach der Wiedervereinigung musste die staatliche, wirtschaftliche und rechtliche Ordnung der DDR grundlegend umgebaut werden.

Dafür wurden erfahrene Fachleute gebraucht. Viele kamen aus Westdeutschland. In der unmittelbaren Übergangsphase war das teilweise nachvollziehbar.

Doch aus einer Übergangslösung entstand eine dauerhafte Machtstruktur.

Aus Hilfe wurde eine langfristige Besetzung

Westdeutsche Beamte übernahmen Ministerien, Hochschulen, Gerichte und Verwaltungen. Westdeutsche Manager führten privatisierte Betriebe. Westdeutsche Redakteure bestimmten den Blick großer Medien auf den Osten.

Diese Menschen waren nicht automatisch ungeeignet. Viele leisteten gute Arbeit und bauten funktionierende Institutionen auf.

Das Problem liegt in der Summe.

Wenn fast sämtliche Spitzenpositionen von außen besetzt werden, fehlen einheimische Vorbilder, Netzwerke und Aufstiegsmöglichkeiten. Die neue Führung rekrutiert wiederum Menschen, die ähnliche Lebensläufe, Hochschulen und berufliche Kontakte besitzen.

So entsteht ein Kreislauf, der sich über Jahrzehnte selbst erhält.

Netzwerke sind mächtiger als offener Ausschluss

Heute wird kaum jemand bei einer Bewerbung offen abgelehnt, weil er in Dresden, Erfurt oder Rostock geboren wurde.

Die Benachteiligung funktioniert subtiler.

Vertrautheit entscheidet über Karrieren

Menschen fördern häufig Personen, deren Sprache, Ausbildung und Lebenslauf ihnen vertraut erscheinen.

Wer auf denselben westdeutschen Hochschulen studiert hat, ähnliche berufliche Stationen durchlief und in denselben Verbänden aktiv war, wird schneller als passend wahrgenommen.

Ostdeutsche Lebensläufe können dagegen als ungewöhnlich, regional oder politisch schwer einzuordnen gelten.

Viele Ostdeutsche mussten nach 1990 berufliche Brüche bewältigen. Abschlüsse wurden infrage gestellt, Betriebe geschlossen und Erfahrungen entwertet. Wer danach mehrere Berufe ausübte oder längere Phasen der Unsicherheit erlebte, entsprach nicht dem geradlinigen Ideal einer westdeutschen Führungskarriere.

Dabei zeigen gerade solche Lebensläufe Anpassungsfähigkeit, Belastbarkeit und praktische Erfahrung.

Ostdeutsche sind keine Minderheit, die um Almosen bittet

Die Forderung nach mehr ostdeutschen Führungskräften wird gelegentlich als Identitätspolitik abgetan.

Das ist bequem, aber falsch.

Es geht nicht darum, Menschen allein aufgrund ihres Geburtsortes auf gut bezahlte Posten zu setzen. Herkunft ersetzt keine Leistung.

Es geht um gleiche Chancen bei gleicher Leistung

Wenn eine Bevölkerungsgruppe dauerhaft deutlich unter ihrem Anteil vertreten ist, muss geprüft werden, ob Auswahlmechanismen tatsächlich offen sind.

Dabei geht es um Fragen wie:

  • Wo werden Stellen ausgeschrieben?
  • Wer sitzt in Auswahlkommissionen?
  • Welche Netzwerke werden angesprochen?
  • Welche Lebensläufe gelten als karrierefähig?
  • Wie werden ostdeutsche Erfahrungen bewertet?
  • Warum schaffen es Ostdeutsche bis in mittlere Ebenen, aber so selten ganz nach oben?

Der deutliche Rückgang ihres Anteils auf der obersten Leitungsebene zeigt, dass das Problem nicht allein im Nachwuchs liegt. Ostdeutsche erreichen durchaus qualifizierte Positionen. Beim letzten Schritt zur wirklichen Entscheidungsmacht scheitern sie jedoch überdurchschnittlich häufig.

Eine starre Ostquote wäre nicht die beste Lösung

Die Versuchung liegt nahe, eine feste Quote für ostdeutsche Führungskräfte zu fordern.

Eine solche Regel könnte kurzfristig Zahlen verändern. Sie birgt jedoch erhebliche Probleme.

Herkunft lässt sich nicht sauber verwalten

Wer gilt als ostdeutsch?

Nur Menschen, die vor 1990 in der DDR geboren wurden? Auch ihre nach der Einheit geborenen Kinder? Menschen, die im Westen geboren wurden, aber seit Jahrzehnten im Osten leben? Berliner?

Eine bürokratische Herkunftskontrolle würde neue Ungerechtigkeiten erzeugen.

Zudem könnte jeder erfolgreiche Ostdeutsche unter den Verdacht geraten, seine Position nur aufgrund einer Quote erhalten zu haben. Das würde Leistung entwerten, statt sie anzuerkennen.

Deutschland braucht deshalb keine starre mathematische Verteilung. Es braucht verbindliche Ziele, transparente Verfahren und eine bewusste Öffnung bestehender Netzwerke.

Ausschreibungen müssen echte Konkurrenz ermöglichen

Viele Spitzenpositionen werden formal öffentlich ausgeschrieben. Dennoch steht der bevorzugte Kandidat häufig bereits früh fest.

Ein transparentes Verfahren verlangt mehr als die Veröffentlichung einer Stellenanzeige.

Auswahlkommissionen müssen vielfältiger werden

Wer über Spitzenpositionen entscheidet, sollte nicht ausschließlich aus Menschen mit nahezu identischem westdeutschem Karriereweg bestehen.

Notwendig wären:

  • nachvollziehbare Auswahlkriterien,
  • unabhängige Mitglieder in Berufungskommissionen,
  • Veröffentlichung der Bewerberstruktur in anonymisierter Form,
  • Begründung wichtiger Personalentscheidungen,
  • gezielte Ansprache qualifizierter Bewerber aus dem Osten,
  • Kontrolle langfristiger Repräsentationsziele.

Es geht nicht darum, schwächere Bewerber zu bevorzugen. Es geht darum, überhaupt einen fairen Wettbewerb herzustellen.

Ostdeutsche Bundesländer müssen selbst Verantwortung übernehmen

Es wäre zu einfach, ausschließlich Berlin und westdeutschen Netzwerken die Schuld zu geben.

Auch ostdeutsche Landesregierungen, Hochschulen, Unternehmen und Medien müssen ihre Personalpolitik überprüfen.

Nicht einmal im Osten entscheiden überall Ostdeutsche

Selbst in Ministerien und Institutionen der neuen Bundesländer sind gebürtige Ostdeutsche nicht automatisch in der Mehrheit der Führungspositionen.

Das zeigt: Das Problem entsteht nicht nur dadurch, dass zentrale Institutionen im Westen liegen. Es entsteht auch durch fortbestehende Rekrutierungsmuster innerhalb des Ostens.

Ostdeutsche Regierungen dürfen nicht bei jeder Gelegenheit mehr Repräsentation im Bund fordern und gleichzeitig ihre eigenen Spitzenpositionen bevorzugt mit bekannten Kandidaten aus westdeutschen Netzwerken besetzen.

Glaubwürdigkeit beginnt im eigenen Haus.

Der Osten braucht eigene wirtschaftliche Machtzentren

Repräsentation in Behörden ist wichtig. Noch bedeutender ist langfristig wirtschaftliche Eigenständigkeit.

Viele große Unternehmen besitzen Produktionsstandorte im Osten, aber ihre Konzernzentralen, Forschungsleitungen und Vorstände sitzen im Westen oder im Ausland.

Eine Fabrik allein schafft noch keine Entscheidungsmacht

Ostdeutschland produziert Autos, Maschinen, Chemikalien, Batterien und Halbleiter. Strategische Entscheidungen über diese Standorte werden jedoch oft anderswo getroffen.

Das zeigt sich besonders in Krisenzeiten.

Ein Werk kann hochmodern und leistungsfähig sein. Wenn der Vorstand Hunderte Kilometer entfernt sitzt und kaum persönliche Bindung an die Region besitzt, wird es schneller zu einem Posten in einer Sparliste.

Der Osten braucht deshalb nicht nur verlängerte Werkbänke, sondern:

  • Unternehmenszentralen,
  • eigene Marken,
  • Forschungsabteilungen,
  • private Kapitalgeber,
  • regionale Banken,
  • wirtschaftliche Netzwerke,
  • mehr Unternehmensnachfolger aus der Region.

Nur wer eigenes Kapital und eigene Entscheidungsmacht besitzt, muss nicht bei jeder Krise darauf hoffen, dass ein fremder Konzernstandort erhalten bleibt.

Fördermittel ersetzen kein Eigentum

Aktuell fließen erhebliche EU-Strukturmittel in die ostdeutschen Bundesländer. Einer Analyse zufolge gehen rund 62 Prozent der deutschen EU-Strukturförderung in den Osten. Diese Mittel sollen strukturschwächeren Regionen beim wirtschaftlichen Aufholen helfen.

Das ist sinnvoll und notwendig.

Doch Fördermittel allein schaffen keine dauerhafte Selbstständigkeit.

Der Osten darf nicht zum ewigen Fördergebiet werden

Ein gefördertes Forschungszentrum ist gut. Besser ist ein Unternehmen, das aus den Forschungsergebnissen eigene Produkte entwickelt und Gewinne in der Region versteuert.

Eine subventionierte Fabrik schafft Arbeitsplätze. Noch wertvoller ist ein Unternehmenssitz, an dem über Investitionen, Lieferketten und die Zukunft des Standorts entschieden wird.

Strukturpolitik muss deshalb stärker darauf ausgerichtet werden, ostdeutsches Eigentum und Unternehmertum aufzubauen.

Sonst bleibt der Osten abhängig von politischen Programmen und Entscheidungen externer Konzernzentralen.

Medien prägen das Bild eines angeblich schwierigen Ostens

Ein weiteres Machtzentrum sind die Medien.

Ostdeutschland wird in überregionalen Berichten häufig als politische Problemregion dargestellt: hohe Wahlergebnisse für Protestparteien, Rechtsextremismus, Abwanderung, Strukturwandel und Unzufriedenheit.

Diese Themen dürfen nicht verschwiegen werden. Sie sind real.

Der Osten ist mehr als sein Wahlverhalten

Zu selten wird berichtet über:

  • erfolgreiche mittelständische Unternehmen,
  • starke Handwerksbetriebe,
  • internationale Forschung,
  • kulturellen Reichtum,
  • kommunales Ehrenamt,
  • Rückkehrer,
  • neue Industrie,
  • wirtschaftliche Eigeninitiative.

Wenn Redaktionen überwiegend mit Menschen besetzt sind, die den Osten nur von Dienstreisen kennen, entsteht schnell ein einseitiger Blick.

Der Osten wird dann erklärt, untersucht und moralisch bewertet – aber selten aus eigener Erfahrung beschrieben.

Mehr ostdeutsche Redakteure in leitenden Funktionen würden nicht automatisch zu positiver Berichterstattung führen. Sie könnten jedoch andere Fragen stellen, historische Erfahrungen besser einordnen und verbreitete Klischees erkennen.

Kritik am Osten wird zu häufig moralisch geführt

Wenn Ostdeutsche politische Entscheidungen ablehnen, wird schnell nach Defiziten in ihrer demokratischen Kultur gesucht.

Man fragt nach autoritären Einstellungen, DDR-Prägungen oder mangelnder Offenheit.

Diese Forschung kann berechtigt sein. Doch sie ersetzt keine politische Selbstkritik.

Misstrauen entsteht nicht im luftleeren Raum

Menschen verlieren Vertrauen, wenn sie erleben:

  • dass gut bezahlte Entscheidungen von außen getroffen werden,
  • dass ihre Berufsbiografien abgewertet werden,
  • dass Versprechen nicht eingehalten werden,
  • dass regionale Interessen wenig Gewicht besitzen,
  • dass Kritik als Rückständigkeit behandelt wird.

Bei einer Umfrage zur politischen Lage in Sachsen-Anhalt erklärten im Mai 2026 nur 16 Prozent der Befragten, großes Vertrauen in die Fähigkeit des Staates zu besitzen, seine Aufgaben zu erfüllen.

Das ist ein Alarmsignal.

Die Antwort kann nicht allein darin bestehen, den Bürgern mehr politische Bildung anzubieten. Auch der Staat muss beweisen, dass er zuhört, zuverlässig arbeitet und unterschiedliche Lebenserfahrungen respektiert.

Ostdeutsche brauchen keine westdeutsche Bestätigung

Ein Teil des Problems liegt auch im ostdeutschen Selbstbild.

Zu lange wurde Erfolg daran gemessen, ob jemand im Westen anerkannt wurde, für einen westdeutschen Konzern arbeitete oder in Berlin Karriere machte.

Der Osten muss eigene Maßstäbe entwickeln

Ein Unternehmer in Chemnitz ist nicht weniger bedeutend als ein Manager in Düsseldorf.

Eine erfolgreiche Lokalzeitung in der Lausitz ist nicht automatisch provinzieller als eine Redaktion in Hamburg.

Ein Wissenschaftler in Jena muss nicht erst nach München wechseln, um als herausragend zu gelten.

Ostdeutsche Institutionen sollten selbstbewusster eigene Persönlichkeiten fördern, Preise vergeben, Netzwerke bilden und Unternehmen unterstützen.

Wer ständig auf Anerkennung von außen wartet, überlässt anderen die Maßstäbe des Erfolgs.

Die jüngere Generation trägt die Unterschiede weiter

Oft heißt es, die Ost-West-Frage werde sich biologisch erledigen.

Diese Hoffnung ist bequem. Sie erfüllt sich aber nicht automatisch.

Auch Menschen, die lange nach 1990 geboren wurden, erleben unterschiedliche Vermögensverhältnisse, Löhne und berufliche Netzwerke ihrer Familien.

Herkunft wirkt über Generationen

Wer Eltern besitzt, die Häuser, Unternehmen, Wertpapiere oder gut bezahlte Führungspositionen weitergeben können, startet mit anderen Voraussetzungen.

Viele ostdeutsche Familien mussten nach 1990 Vermögen erst neu aufbauen. Betriebe, Grundstücke und berufliche Sicherheiten gingen verloren oder konnten nicht in vergleichbarer Weise weitergegeben werden.

Die Kinder dieser Familien leben zwar im selben Staat, beginnen ihre Karriere jedoch häufig mit weniger Kapital und schwächeren Netzwerken.

Deshalb verschwinden Ost-West-Unterschiede nicht allein dadurch, dass die Generation mit eigener DDR-Erfahrung älter wird.

Mehr Ostdeutsche an der Spitze nützen ganz Deutschland

Bei der Debatte geht es nicht um Rache, Verdrängung oder die Abwertung westdeutscher Führungskräfte.

Deutschland würde davon profitieren, unterschiedliche Erfahrungen stärker einzubeziehen.

Umbruchserfahrung ist eine besondere Kompetenz

Ostdeutsche haben in wenigen Jahrzehnten erlebt:

  • den Zusammenbruch eines politischen Systems,
  • den Verlust ganzer Industrien,
  • Massenarbeitslosigkeit,
  • neue Eigentumsverhältnisse,
  • technische Modernisierung,
  • gesellschaftliche Neuorientierung,
  • Abwanderung und Wiederaufbau.

Diese Erfahrungen sind in einer Zeit wirtschaftlicher und geopolitischer Veränderungen wertvoll.

Menschen, die bereits einen tiefgreifenden Systemwechsel bewältigt haben, können anders auf Unsicherheit, Transformation und staatliche Versprechen blicken.

Diese Perspektive gehört nicht nur in Erinnerungsprojekte. Sie gehört in Vorstände, Ministerien und Institutionen.

Schluss mit den jährlichen Betroffenheitsreden

Jedes Jahr rund um den Tag der Deutschen Einheit folgen ähnliche Aussagen.

Man müsse Ostdeutsche stärker hören, ihre Lebensleistung anerkennen und mehr Menschen aus den neuen Ländern in Führung bringen.

Danach geschieht häufig wenig.

Repräsentation muss messbar werden

Bund, Länder und öffentliche Unternehmen sollten jährlich veröffentlichen:

  • wie viele Ostdeutsche in Führungspositionen arbeiten,
  • wie sich ihr Anteil entwickelt,
  • wie viele Spitzenstellen neu besetzt wurden,
  • wie Bewerber angesprochen werden,
  • welche Maßnahmen tatsächlich wirken.

Was nicht gemessen wird, lässt sich leicht mit freundlichen Worten verdecken.

Die Zahlen zeigen zwar leichte Fortschritte in mittleren Ebenen. Gerade an der wirklichen Spitze ist die Entwicklung jedoch teilweise rückläufig.

Deutschland darf sich damit nicht zufriedengeben.

Die deutsche Einheit ist erst vollendet, wenn Macht geteilt wird

Deutschland hat beim Zusammenwachsen viel erreicht.

Die Unterschiede zwischen Ost und West sind kleiner geworden. Städte wurden aufgebaut, Infrastruktur verbessert und neue Industrien angesiedelt. Millionen Menschen haben mit großer persönlicher Leistung zum Gelingen der Einheit beigetragen.

Doch staatliche Einheit ist nicht dasselbe wie gleichberechtigte Teilhabe.

Solange Ostdeutsche in den wichtigsten Führungsetagen deutlich unterrepräsentiert bleiben, besteht ein Machtgefälle fort. Solange wesentliche Entscheidungen über ostdeutsche Regionen überwiegend von Menschen ohne eigene Bindung an diese Regionen getroffen werden, bleibt Misstrauen nachvollziehbar.

Der Osten verlangt keine bevorzugte Behandlung.

Er verlangt, nicht länger übersehen zu werden.

Mehr Ostdeutsche in Führungspositionen bedeuten nicht weniger Leistung, sondern mehr Wettbewerb. Nicht weniger Einheit, sondern eine glaubwürdigere Einheit. Nicht die Verdrängung des Westens, sondern die gleichberechtigte Beteiligung des Ostens.

Nach mehr als drei Jahrzehnten reicht es nicht mehr, von einer Übergangsphase zu sprechen.

Die Einheit wird nicht dadurch vollendet, dass jedes Jahr dieselben Reden gehalten werden. Sie wird vollendet, wenn Menschen aus Rostock, Magdeburg, Cottbus, Erfurt, Leipzig oder Zwickau selbstverständlich dort sitzen, wo über Deutschland entschieden wird.

Erst wenn der Osten nicht nur Produktionsstandort, Wahlgebiet und Förderregion ist, sondern auch Macht, Kapital und Führung besitzt, wird aus staatlicher Einheit wirkliche Gleichberechtigung.