Berlin/Potsdam. Ein Sprung ins kühle Wasser, einige Züge hinaus auf den See und danach zurück ans Ufer – an heißen Sommertagen erscheint das Baden zunächst harmlos.

Doch Seen, Flüsse und Kanäle sind keine Schwimmhallen. Es gibt keine klar erkennbare Beckenkante, nicht überall Rettungsschwimmer und häufig weder Markierungen noch Möglichkeiten, sich festzuhalten.

Im Juni 2026 sind nach Angaben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft allein in Berlin sechs Menschen und in Brandenburg drei Menschen ertrunken. In der Hauptstadt gehörten fünf Männer und eine Frau zu den Opfern. Vier der Männer waren Jugendliche beziehungsweise junge Menschen.

Bundesweit kamen im Juni mindestens 99 Menschen im Wasser ums Leben. Einen höheren Wert in diesem Monat hatte die DLRG zuletzt im außergewöhnlich heißen Sommer 2003 registriert. Mehr als 90 Prozent der Opfer waren männlich. 40 der Verstorbenen waren jünger als 30 Jahre.

Die Zahlen zeigen: Badeunfälle sind kein unvermeidbares Naturereignis. Viele Todesfälle entstehen, weil Menschen Gefahren unterschätzen, ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen oder unbewachte Gewässer wie ein gewöhnliches Freibad behandeln.

Sechs Todesfälle innerhalb eines Monats in Berlin

Berlin besitzt zahlreiche Seen, Flüsse und Kanäle. Schlachtensee, Krumme Lanke, Müggelsee, Havel und Spree ziehen an warmen Tagen Tausende Menschen an.

Im Juni ereigneten sich mehrere tödliche Badeunfälle an unterschiedlichen Gewässern. Die DLRG Berlin musste unter anderem zu Einsätzen am Kaisersteg in Köpenick, am Richtershorn und später am Schlachtensee ausrücken. Am besonders heißen letzten Juniwochenende verzeichneten die Rettungskräfte zugleich zahlreiche hitzebedingte Einsätze und Schwimmer in Not.

Die sechs Todesfälle des Monats bedeuten gegenüber dem Juni 2025 eine Verdopplung. Die Berliner DLRG betreibt während der Saison 26 Rettungsstationen, die überwiegend an Wochenenden durch ehrenamtliche Kräfte besetzt werden.

Doch nicht jedes Gewässer und nicht jeder Uferabschnitt kann überwacht werden.

Selbst an einem See mit Rettungsstation befinden sich Badegäste häufig außerhalb des sichtbaren oder schnell erreichbaren Bereichs. An Flüssen und Kanälen kommen Schiffsverkehr, steile Ufer, Strömungen und schwer zugängliche Stellen hinzu.

Drei Tote in Brandenburg – trotz Tausender Seen

In Brandenburg starben im Juni drei Männer in Gewässern. Einer der Todesfälle ereignete sich nach Angaben der DLRG beim Angeln.

Das Land besitzt rund 3.000 Seen und etwa 33.000 Kilometer Fließgewässer. Offiziell ausgewiesen sind jedoch nur 253 Badegewässer. Viele beliebte Stellen sind Naturufer ohne Rettungsschwimmer, abgegrenzte Schwimmbereiche oder unmittelbare Notrufmöglichkeiten.

Gerade diese landschaftliche Vielfalt macht Brandenburg attraktiv.

Seen zwischen Potsdam, der Uckermark, der Lausitz, dem Barnim und dem Havelland gehören zu den wichtigsten Freizeit- und Erholungsräumen der Region.

Doch dieselbe Weite erschwert eine flächendeckende Wasserrettung.

Eine Rettungsstation an jedem kleinen See wäre personell und finanziell kaum möglich. Deshalb trägt jeder Badegast eine besondere Verantwortung für die eigene Sicherheit und für Kinder oder schwächere Schwimmer in seiner Begleitung.

Warum fast immer Männer sterben

Die auffälligste Zahl der aktuellen Bilanz betrifft das Geschlecht der Opfer.

Mehr als neun von zehn Ertrunkenen im Juni waren männlich. Am besonders heißen letzten Juniwochenende erfasste die DLRG bundesweit mindestens 26 Tote und Vermisste – ausschließlich Männer und Jungen.

Die DLRG sieht mehrere mögliche Gründe.

Männer neigen häufiger zu riskantem Verhalten, schwimmen weiter hinaus, springen von Brücken oder Ufern ins Wasser und überschätzen ihre körperliche Leistungsfähigkeit. Alkohol und Drogen spielen bei Badeunfällen ebenfalls immer wieder eine Rolle.

Hinzu kommt ein gefährlicher sozialer Druck.

Wer mit Freunden unterwegs ist, möchte keine Schwäche zeigen. Ein junger Mann, der schlecht schwimmt oder erschöpft ist, gibt dies möglicherweise nicht rechtzeitig zu. Statt umzukehren, versucht er, mit der Gruppe mitzuhalten.

Im Wasser kann diese Entscheidung tödlich sein.

Erschöpfung entwickelt sich häufig schneller als erwartet. Wer weit vom Ufer entfernt ist und plötzlich keine Kraft mehr hat, kann sich nicht einfach ausruhen.

Ein See ist kein Schwimmbad

Natürliches Wasser unterscheidet sich grundlegend von einem Schwimmbecken.

Die Sicht ist häufig eingeschränkt. Der Boden kann plötzlich steil abfallen. Pflanzen können Beine berühren und Panik auslösen. Kalte Wasserschichten belasten den Kreislauf, obwohl sich die Oberfläche angenehm warm anfühlt.

Hinzu kommen mögliche Gefahren durch:

  • Strömungen,
  • Untiefen,
  • Schiffsverkehr,
  • steile Ufer,
  • Schlamm,
  • Äste und andere Hindernisse,
  • sowie große Entfernungen bis zum sicheren Ausstieg.

Bei Flüssen können Strömungen selbst gute Schwimmer schnell abtreiben. Vorbeifahrende Schiffe erzeugen Wellen und Sogwirkungen. Kanalufer sind teilweise so hoch oder glatt, dass ein Mensch aus eigener Kraft kaum herauskommt.

Wer regelmäßig im Hallenbad schwimmt, ist deshalb nicht automatisch ein sicherer Freiwasserschwimmer.

Die Hitze macht den Sprung besonders gefährlich

Bei hohen Außentemperaturen heizt sich der Körper stark auf.

Wer dann ohne Abkühlung in deutlich kälteres Wasser springt, belastet Herz und Kreislauf abrupt. Die Atmung kann sich unkontrolliert beschleunigen. Menschen mit unbekannten Vorerkrankungen können das Bewusstsein verlieren.

Die DLRG empfiehlt deshalb, langsam ins Wasser zu gehen und den Körper zunächst abzukühlen. Auch nach langem Sonnenbaden sollte niemand unmittelbar hineinspringen.

Das gilt selbst dann, wenn die Wasseroberfläche warm erscheint.

In tieferen Seen können einzelne Wasserschichten deutlich kühler sein. Wer hinausschwimmt oder abtaucht, kann plötzlich mit einem starken Temperaturunterschied konfrontiert werden.

Während der Hitzewelle wurden an Berliner und Brandenburger Gewässern zwar teilweise Oberflächentemperaturen von mehr als 25 Grad gemessen. Tiefere Wasserschichten können dennoch wesentlich kälter bleiben.

Alkohol und Wasser sind eine tödliche Verbindung

Ein Bier am Strand gehört für manche Menschen zum Sommertag.

Doch Alkohol beeinträchtigt Reaktionsvermögen, Orientierung, Gleichgewicht und Risikowahrnehmung. Gleichzeitig überschätzen alkoholisierte Menschen häufiger ihre Fähigkeiten.

Im Wasser kommt ein weiteres Problem hinzu: Alkohol erweitert die Blutgefäße. Dadurch kann der Körper schneller Wärme verlieren, selbst wenn sich die Person zunächst warm fühlt.

Die DLRG warnt deshalb ausdrücklich davor, unter Alkohol- oder Drogeneinfluss schwimmen zu gehen.

Diese Regel gilt nicht nur für stark Betrunkene.

Schon kleinere Mengen können Entscheidungen beeinflussen. Besonders gefährlich wird es, wenn Alkohol, Hitze, Müdigkeit und tiefes Wasser zusammenkommen.

Wer getrunken hat, sollte am Ufer bleiben.

Kinder dürfen niemals unbeaufsichtigt bleiben

Kinder ertrinken häufig leise.

Anders als im Film rufen Ertrinkende oft nicht laut um Hilfe und schlagen nicht sichtbar mit den Armen. Der Körper konzentriert sich darauf, den Mund über Wasser zu halten. Für Schreien bleibt kaum Zeit.

Eltern und andere Begleitpersonen dürfen sich deshalb nicht darauf verlassen, dass sie einen Notfall hören werden.

Kleine Kinder müssen am Wasser dauerhaft in unmittelbarer Reichweite beaufsichtigt werden. Schwimmflügel, aufblasbare Tiere und Luftmatratzen ersetzen keine Aufsicht.

Auch ein abgelegtes Seepferdchen bedeutet nicht, dass ein Kind sicher schwimmen kann.

Das Abzeichen bestätigt grundlegende Fähigkeiten unter kontrollierten Bedingungen. Ausdauer, Orientierung und Verhalten in einem natürlichen Gewässer sind damit noch nicht ausreichend geprüft.

Rettungsschwimmer arbeiten überwiegend ehrenamtlich

Die Wasserrettung an vielen ostdeutschen Seen wird von Ehrenamtlichen getragen.

Sie verbringen Wochenenden und Urlaubstage an Rettungsstationen, sichern Badestellen, leisten Erste Hilfe und suchen nach vermissten Personen. In Brandenburg arbeiten die Rettungsschwimmer ebenfalls überwiegend freiwillig.

Diese Arbeit verdient mehr Aufmerksamkeit.

Rettungskräfte tragen hohe Verantwortung, erhalten aber nicht überall die notwendige personelle, technische und finanzielle Unterstützung. Boote, Rettungsbretter, Funkgeräte und medizinische Ausrüstung müssen angeschafft und gewartet werden.

Zugleich benötigt die DLRG genügend Nachwuchs.

Wer Rettungsschwimmer werden will, muss gut schwimmen, körperlich belastbar sein und regelmäßig trainieren. Viele Ortsgruppen bieten entsprechende Kurse an, stoßen aber bei Hallenzeiten und verfügbaren Schwimmbädern an Grenzen.

Schwimmbadsterben verschärft das Problem

Die Sicherheit an Seen beginnt nicht erst am Ufer.

Menschen müssen schwimmen lernen – und dafür benötigen sie erreichbare Schwimmhallen, Schulschwimmen und ausgebildete Lehrer.

In zahlreichen Regionen Ostdeutschlands sind Schwimmbäder geschlossen worden oder nur eingeschränkt nutzbar. Kommunen kämpfen mit hohen Energie- und Sanierungskosten. Schulen finden teilweise keine ausreichenden Wasserzeiten.

Dadurch verlassen Kinder die Grundschule, ohne sicher schwimmen zu können.

Später gehen dieselben Jugendlichen mit Freunden an unbewachte Seen.

Der Mangel an Schwimmfähigkeit wird dann zu einer unmittelbaren Lebensgefahr.

Schwimmbäder sind deshalb keine verzichtbaren Freizeitangebote. Sie gehören zur grundlegenden Sicherheits- und Bildungsinfrastruktur einer Kommune.

Bewachte Badestellen können Leben retten

Die DLRG empfiehlt, möglichst nur an bewachten Badestellen zu schwimmen.

Dort prüfen Rettungskräfte das Geschehen auf dem Wasser, kennen örtliche Gefahren und können im Notfall schneller eingreifen. Häufig gibt es gekennzeichnete Badebereiche, Rettungsmittel und besser zugängliche Ufer.

Eine Bewachung bietet allerdings keine vollständige Sicherheit.

Badegäste müssen weiterhin auf Flaggen, Absperrungen und Anweisungen achten. Wer weit außerhalb des markierten Bereichs schwimmt, erschwert eine Rettung.

Besonders riskant sind abgelegene Stellen, an denen niemand einen Unfall bemerkt.

Wer allein schwimmen geht, sollte zumindest einer anderen Person mitteilen, wo er sich befindet und wann er zurückkehren will.

Luftmatratzen treiben schneller ab als gedacht

Aufblasbare Tiere, Matratzen und kleine Boote vermitteln ein Gefühl von Sicherheit.

Bei Wind können sie jedoch innerhalb kurzer Zeit weit vom Ufer abtreiben. Menschen springen dann ins Wasser, um das Spielgerät zurückzuholen, und unterschätzen die Entfernung.

Besonders Kinder geraten dadurch in Gefahr.

Aufblasbare Freizeitartikel sind keine Rettungsmittel. Sie können Luft verlieren, umkippen oder sich vom Nutzer entfernen.

Beim Paddeln, Segeln oder Fahren mit einem Stand-up-Paddle-Board sollte grundsätzlich eine passende Schwimmweste getragen werden. Auch gute Schwimmer können nach einem Sturz verletzt, bewusstlos oder desorientiert sein.

Wer helfen will, darf sich nicht selbst gefährden

Beobachtet jemand einen Menschen in Not, ist der erste Impuls häufig, sofort hinterherzuspringen.

Das kann zu einem zweiten Opfer führen.

Ertrinkende Menschen geraten in Panik und klammern sich unter Umständen mit großer Kraft an ihren Retter. Selbst erfahrene Schwimmer können dadurch unter Wasser gedrückt werden.

Sicherer ist es, zunächst den Notruf 112 zu wählen und schwimmende Hilfsmittel zuzuwerfen:

  • Rettungsring,
  • Luftmatratze,
  • Ball,
  • Kanister,
  • Brett,
  • oder ein langes Seil.

Eine direkte Rettung im Wasser sollte möglichst ausgebildeten Personen überlassen werden.

Nach der Bergung muss sofort geprüft werden, ob die Person atmet. Fehlt die Atmung, zählt jede Minute. Wiederbelebungsmaßnahmen sollten bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes fortgesetzt werden.

Kommunen müssen gefährliche Stellen besser sichern

Die Verantwortung darf nicht allein auf Badegäste übertragen werden.

Kommunen sollten bekannte Gefahrenstellen prüfen und dort deutlich sichtbare Warnhinweise, Rettungsringe oder Notrufinformationen anbringen.

Besonders wichtig sind:

  • stark besuchte unbewachte Ufer,
  • Brücken und Sprungstellen,
  • steile Kanalwände,
  • Bereiche mit Schiffsverkehr,
  • frühere Tagebaurestseen,
  • und schwer zugängliche Gewässerabschnitte.

Nicht jede gefährliche Stelle muss sofort gesperrt werden.

Doch Menschen müssen erkennen können, welche Risiken bestehen. Ein kleines Schild, das hinter Büschen steht oder nur juristische Formulierungen enthält, reicht nicht.

Auch Rettungswege sollten freigehalten werden. Feuerwehr und Wasserrettung verlieren wertvolle Zeit, wenn Zufahrten zugeparkt oder Ufer nicht erreichbar sind.

Panorama einer vermeidbaren Tragödie

Hinter jeder Zahl steht ein Mensch.

Ein Jugendlicher, der mit Freunden einen Sommertag verbringen wollte. Ein Angler, der ins Wasser fiel. Ein älterer Schwimmer, dessen Kreislauf versagte. Angehörige, die statt einer Heimkehr eine Todesnachricht erhalten.

Gerade weil Baden gewöhnlich und friedlich erscheint, wird die Gefahr unterschätzt.

Die meisten Menschen gehen Tausende Male ohne Zwischenfall ins Wasser. Dadurch entsteht das Gefühl, es werde auch beim nächsten Mal gut gehen.

Doch ein einziger Fehler kann genügen:

zu weit hinausgeschwommen, nach Alkohol ins Wasser gegangen, einen Temperaturunterschied unterschätzt oder ein Kind nur für wenige Augenblicke aus den Augen verloren.

Freiheit am See braucht Verantwortung

Seen und Flüsse gehören zum ostdeutschen Sommer.

Niemand sollte aus Angst auf das Baden verzichten müssen. Brandenburgs Seenlandschaft, Berlins Gewässer und die vielen Naturbäder sind ein hohes Gut.

Doch Freiheit bedeutet nicht, Risiken zu ignorieren.

Wer ins Wasser geht, trägt Verantwortung für sich selbst. Eltern tragen Verantwortung für ihre Kinder. Kommunen tragen Verantwortung für erkennbare Gefahrenstellen. Und der Staat trägt Verantwortung dafür, dass Kinder überhaupt schwimmen lernen können.

Die erschreckende Bilanz von neun Toten in Berlin und Brandenburg sollte nicht mit einem kurzen Warnhinweis abgetan werden.

Sie verlangt konkrete Konsequenzen:

mehr Schwimmunterricht, ausreichend geöffnete Bäder, Unterstützung für die ehrenamtliche Wasserrettung und bessere Sicherung stark besuchter Uferstellen.

Vor allem braucht es Ehrlichkeit.

Nicht jeder ist ein guter Schwimmer. Nicht jede frühere Leistung gilt noch Jahre später. Und Mut zeigt sich nicht darin, nach Alkohol möglichst weit hinauszuschwimmen.

Mut zeigt sich auch darin, rechtzeitig umzukehren.

Ein schöner Sommertag darf nicht deshalb mit einer Tragödie enden, weil jemand vor Freunden keine Schwäche zeigen wollte.