Senftenberg. Noch vor wenigen Jahrzehnten bestimmten Bagger, Förderbrücken und gewaltige Gruben das Bild dieser Landschaft. Dörfer verschwanden, Erde wurde bewegt und Millionen Tonnen Braunkohle aus dem Boden geholt.
Heute gleiten Boote über blaues Wasser.
Seit dem 29. Juni 2026 sind erstmals fünf große Seen des Lausitzer Seenlandes durch schiffbare Kanäle zu einem zusammenhängenden Wasserrevier verbunden. Zum neuen Verbund gehören der Senftenberger See, der Geierswalder See, der Partwitzer See, der Sedlitzer See und der Großräschener See. Die Wasserfläche umfasst rund 5.100 Hektar.
Damit ist ein Projekt Wirklichkeit geworden, das über Jahrzehnte geplant, gebaut und gesichert wurde.
Aus den Restlöchern früherer Braunkohletagebaue entsteht Schritt für Schritt eine der größten künstlich geschaffenen Seenlandschaften Europas.
Rund 50 Kilometer über das Wasser
Wasserwanderer können nun über eine Strecke von ungefähr 50 Kilometern durch den Verbund fahren. Die Seen sind über insgesamt fünf Kanäle miteinander verbunden.
Bereits zuvor waren der Senftenberger und der Geierswalder See über den Koschener Kanal verbunden. Der Barbara-Kanal führte weiter zum Partwitzer See.
Neu geöffnet wurden nun weitere Verbindungen:
- der Sornoer Kanal zwischen Geierswalder und Sedlitzer See,
- der Rosendorfer Kanal zwischen Partwitzer und Sedlitzer See,
- sowie der Ilse-Kanal zwischen Sedlitzer und Großräschener See.
Der Sedlitzer See bildet damit das zentrale Drehkreuz des Verbundes.
Bootsfahrer können vom brandenburgischen Senftenberg bis in den sächsischen Teil des Seenlandes fahren, ohne ihr Boot aus dem Wasser holen und über Land transportieren zu müssen.
Zwei Bundesländer wachsen auf dem Wasser zusammen
Das Lausitzer Seenland erstreckt sich über Brandenburg und Sachsen.
Zum Verbund gehören Orte wie:
- Senftenberg,
- Großräschen,
- Lieske,
- Geierswalde,
- Kleinkoschen,
- Partwitz,
- und die Umgebung von Hoyerswerda.
Was auf Landkarten noch durch Landesgrenzen getrennt erscheint, wird auf dem Wasser zu einer gemeinsamen Ferienregion.
Zur offiziellen Eröffnung reisten Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer symbolisch mit Booten zum Festakt am Sedlitzer See an.
Der Seenverbund ist deshalb nicht nur ein touristisches Projekt.
Er verbindet zwei Bundesländer, mehrere Kommunen und eine Region, deren wirtschaftliche und kulturelle Geschichte eng miteinander verbunden ist.
Der Sedlitzer See war jahrzehntelang gesperrt
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel am Sedlitzer See.
Der See entstand aus dem früheren Tagebau Sedlitz. Über viele Jahre waren große Teile des Ufers wegen geotechnischer Risiken nicht zugänglich. Böschungen mussten stabilisiert, Wasserstände reguliert und ehemalige Bergbauflächen gesichert werden.
Seit dem 24. April 2026 darf am Seestrand Lieske offiziell gebadet werden. Auch Bootfahren und Wassersport wurden zunächst in freigegebenen Bereichen gestattet. Voraussetzung waren umfangreiche Prüfungen und die Aufnahme des Gewässers in die brandenburgische Landesschifffahrtsverordnung.
Was heute wie eine natürliche Seenlandschaft wirkt, ist daher das Ergebnis jahrelanger technischer Arbeit.
Unter der Wasseroberfläche liegt keine gewöhnliche Landschaft.
Dort befinden sich ehemalige Tagebauflächen, aufgeschüttete Böden und frühere Bergbauanlagen.
Aus einer zerstörten Landschaft wird ein Urlaubsziel
Die Entstehung des Seenlandes ist eine der größten landschaftlichen Veränderungen in Deutschland.
Der Braunkohleabbau hinterließ tiefe Gruben und vollständig veränderte Böden. Nach dem Ende der Förderung mussten die Tagebaue saniert und schrittweise geflutet werden.
Das Wasser kam unter anderem aus Flüssen, Grundwasser und gezielten Überleitungen.
Aus industriellen Restlöchern wurden Seen mit:
- Stränden,
- Häfen,
- Radwegen,
- Ferienwohnungen,
- Campingplätzen,
- Aussichtspunkten,
- und Wassersportangeboten.
Der neue Verbund steht damit für eine beeindruckende menschliche Leistung.
Doch er erinnert zugleich daran, welchen Preis die Region für die Energieversorgung Deutschlands gezahlt hat.
Landschaften wurden abgebaggert, Menschen umgesiedelt und historische Orte verloren ihre Heimat.
Das Wasser bedeckt heute vieles, was nicht zurückkehren kann.
Tourismus soll neue Arbeitsplätze schaffen
Die Region setzt große Hoffnungen auf den Tourismus.
Bereits 2025 wurden im Lausitzer Seenland rund 269.000 Gäste und ungefähr 800.000 Übernachtungen in größeren Beherbergungsbetrieben gezählt. Besonders wichtig sind neben deutschen Urlaubern Besucher aus Tschechien und Polen.
Durch den neuen Seenverbund könnten zusätzliche Angebote entstehen:
- Boots- und Hausbootvermietung,
- Fahrgastschifffahrt,
- Segelschulen,
- Gastronomie,
- Camping,
- Fahrradverleih,
- Ferienunterkünfte,
- sowie Reparatur- und Hafendienstleistungen.
Touristen können künftig mehrere Orte während einer einzigen Bootstour erreichen. Das erhöht die Chance, dass Gäste länger bleiben und nicht nur für einen kurzen Tagesausflug anreisen.
Davon können Hotels, Restaurants und Einzelhändler in Senftenberg, Großräschen, Hoyerswerda und den umliegenden Gemeinden profitieren.
Der Verbund ist noch kein fertiges Urlaubsgebiet
Trotz der Eröffnung bleibt die touristische Entwicklung ungleichmäßig.
Einige Seen verfügen bereits über etablierte Strände, Häfen und Ferienanlagen. An anderen Uferabschnitten fehlen Gastronomie, Toiletten, Schattenplätze oder sichere Zugänge.
Gerade am Sedlitzer See steht die touristische Entwicklung noch am Anfang.
Besucher können dort auf weiten Abschnitten eine offene Landschaft erleben. Das ist reizvoll, bedeutet aber auch, dass nicht überall eine vollständig ausgebaute Infrastruktur vorhanden ist.
Für die Region entsteht ein schwieriger Spagat.
Sie möchte Gäste gewinnen, darf die neu entstandene Landschaft aber nicht innerhalb weniger Jahre vollständig verbauen.
Nicht jedes Ufer ist frei zugänglich
Ehemalige Tagebaulandschaften bleiben geotechnisch sensibel.
Auch wenn Seen und Kanäle freigegeben sind, bedeutet das nicht, dass jedes Ufer betreten oder jeder Bereich befahren werden darf.
Es gibt weiterhin:
- Sperrflächen,
- nicht gesicherte Böschungen,
- flache oder noch nicht freigegebene Ufer,
- besondere Geschwindigkeitsregeln,
- Brücken mit begrenzter Durchfahrtshöhe,
- und vorgeschriebene Fahrbereiche.
Bootsfahrer und Badegäste müssen deshalb Hinweisschilder, Karten und behördliche Regelungen beachten.
Wer Absperrungen ignoriert, bringt nicht nur sich selbst in Gefahr. Er erschwert auch die schrittweise Öffnung weiterer Bereiche.
Neue Freiheit braucht klare Regeln
Die Kanäle sind keine gewöhnlichen Flüsse.
Teilweise sind sie schmal, besitzen Brücken oder führen durch empfindliche Landschaftsbereiche. Begegnungsverkehr und hohe Geschwindigkeiten können dort gefährlich werden.
Besonders unerfahrene Freizeitkapitäne müssen Rücksicht nehmen.
Wichtig sind:
- angepasste Geschwindigkeit,
- ausreichender Abstand,
- Beachtung der Vorfahrtsregeln,
- Rücksicht auf Paddler und Segler,
- sowie der Verzicht auf Alkohol am Steuer.
Auch auf dem Wasser gilt Verantwortung.
Ein Seenverbund dieser Größe funktioniert nur, wenn Motorboote, Segler, Stand-up-Paddler, Kanuten und Badegäste miteinander auskommen.
Wasserqualität muss dauerhaft überwacht werden
Viele Tagebauseen waren nach ihrer Flutung zunächst stark sauer. Mineralien aus den freigelegten Böden konnten den pH-Wert des Wassers beeinflussen.
Die heute für Baden und Wassersport freigegebenen Seen erfüllen die notwendigen Voraussetzungen. Dennoch bleibt die Wasserqualität eine langfristige Aufgabe.
Regelmäßig kontrolliert werden müssen unter anderem:
- pH-Werte,
- Sichttiefe,
- Algenentwicklung,
- Belastungen aus umliegenden Flächen,
- sowie Auswirkungen steigender Temperaturen.
Künstliche Seen entwickeln sich über Jahrzehnte weiter.
Sie benötigen deshalb dauerhafte wissenschaftliche und behördliche Begleitung.
Ein neues Zuhause für Tiere und Pflanzen
Mit den Seen entstanden auch neue Lebensräume.
Wasservögel, Fische, Amphibien und zahlreiche Pflanzenarten besiedeln Flachwasserzonen, Inseln und Uferbereiche. Einige frühere Bergbauflächen haben sich zu wertvollen Rückzugsräumen entwickelt.
Gleichzeitig können intensive touristische Nutzung und Bootsverkehr empfindliche Bereiche stören.
Deshalb müssen Ruhezonen erhalten bleiben.
Nicht jedes Ufer braucht einen Strand. Nicht jede Insel sollte zugänglich sein. Und nicht jeder freie Blick auf das Wasser muss mit Ferienhäusern bebaut werden.
Der langfristige Erfolg des Seenlandes hängt davon ab, ob Tourismus und Naturschutz miteinander verbunden werden.
Ein Symbol des ostdeutschen Wandels
Kaum eine andere Landschaft zeigt den Strukturwandel Ostdeutschlands so sichtbar.
Aus einem Gebiet, das jahrzehntelang Energie und Rohstoffe lieferte, wird eine Region für Freizeit, Natur und Erholung.
Die Veränderung ist gewaltig:
Wo Bergleute arbeiteten, segeln heute Familien. Wo Förderbrücken standen, führen Radwege am Wasser entlang. Frühere Industrieanlagen dienen als Aussichtspunkte oder Erinnerungsorte.
Doch der Wandel darf nicht romantisiert werden.
Tourismus ersetzt nicht automatisch die früheren gut bezahlten Industriearbeitsplätze. Hotels, Gastronomie und Freizeitbetriebe arbeiten häufig mit niedrigeren Löhnen und starken saisonalen Schwankungen.
Das Seenland kann ein wichtiger Teil der wirtschaftlichen Zukunft sein.
Es kann jedoch nicht allein sämtliche Folgen des Kohleausstiegs auffangen.
Die Vergangenheit darf nicht im Wasser versinken
Die neue Landschaft besitzt ihre größte Wirkung, wenn sie ihre Geschichte nicht versteckt.
Besucher sollten erfahren, wie die Seen entstanden sind, welche Tagebaue sich hier befanden und welche Ortschaften dem Bergbau weichen mussten.
Industriekultur, Museen und Aussichtspunkte können diese Erinnerung bewahren.
Dazu gehören etwa:
- die Energiefabrik Knappenrode,
- das Besucherbergwerk F60,
- der Aussichtsturm „Rostiger Nagel“,
- ehemalige Förderanlagen,
- und Dokumentationen über verschwundene Dörfer.
Ein Urlaubsgebiet ohne Erinnerung an seine Herkunft wäre unvollständig.
Die Seen sind nicht einfach vom Himmel gefallen.
Sie entstanden aus einer tiefgreifenden Veränderung von Landschaft und Heimat.
Die Lausitz hat ein neues Gesicht bekommen
Der Fünf-Seen-Verbund ist eine Erfolgsgeschichte.
Aus einer gewaltigen Bergbaufolgelandschaft ist ein zusammenhängendes Wasserrevier entstanden, das Brandenburg und Sachsen verbindet.
Das verdient Anerkennung.
Ingenieure, Bergbausanierer, Behörden und Kommunen haben über Jahrzehnte daran gearbeitet, gefährliche Restlöcher zu sichern und nutzbar zu machen.
Doch der größte Fehler wäre, das Lausitzer Seenland nun ausschließlich als fertiges Urlaubsparadies zu verkaufen.
Die Landschaft bleibt jung und empfindlich. Ufer müssen überwacht, Wasserstände reguliert und Sperrbereiche respektiert werden. Gleichzeitig braucht die Region Investitionen in Häfen, Gastronomie, Unterkünfte und öffentliche Verkehrsverbindungen.
Vor allem darf die Geschichte nicht verschwinden.
Unter dem Wasser liegen Spuren einer Industrie, die die Lausitz geprägt und Deutschland über Jahrzehnte mit Energie versorgt hat.
Der neue Seenverbund zeigt, dass aus Zerstörung etwas Neues entstehen kann.
Er zeigt aber auch, dass Strukturwandel Zeit, Geduld und gewaltige Investitionen benötigt.
Die Lausitz ist heute eine andere Region als vor 30 Jahren.
Sie hat ein neues Gesicht bekommen – blau, weit und voller Möglichkeiten.