In Plauen übernehmen in dieser Woche die Kinder das Kommando. Mehr als 300 Mädchen und Jungen gestalten im Rahmen der Kinderstadt 2026 eine eigene kleine Gesellschaft. Sie haben ihrem Gemeinwesen den Namen „Kinderwelt“ gegeben und organisieren dort Arbeit, Geldverkehr, Verwaltung, Medien, Handel und politische Entscheidungen weitgehend selbst.
Die Projektwoche läuft bis Freitag, den 17. Juli 2026. Veranstaltungsort ist in diesem Jahr die Erich-Ohser-Grundschule. Die Kinderstadt richtet sich vor allem an Mädchen und Jungen im Alter von sieben bis zwölf Jahren und findet im Rahmen der Ferienbetreuung statt.
Das Projekt ist mehr als eine gewöhnliche Ferienveranstaltung. Die Kinder sollen erleben, wie eine Stadt funktioniert, warum Regeln notwendig sind und welche Verantwortung mit Arbeit, Geld und politischen Entscheidungen verbunden ist.
Mehr als 300 Kinder bilden eine eigene Gesellschaft
Bei der Eröffnung wurde der Name „Kinderwelt“ unter dem Beifall von mehr als 300 Kindern bekannt gegeben. Begleitet werden sie von pädagogischen Fachkräften, Helfern und zahlreichen Unterstützern aus Plauen und dem Vogtland.
Innerhalb weniger Tage entsteht ein Stadtleben, das viele Bereiche der Erwachsenenwelt nachbildet. Die Kinder arbeiten in unterschiedlichen Berufen, erhalten dafür ein eigenes Einkommen und können ihr verdientes Spielgeld anschließend wieder ausgeben.
Arbeit, Geld und Konsum werden nachgestellt
Das Grundprinzip der Kinderstadt ist ein Planspiel. Die Teilnehmer stellen sich einem eigenen Arbeitsmarkt zur Verfügung und wählen einen Beruf aus.
Je nach Angebot können sie unter anderem in Werkstätten, Geschäften, Medienbetrieben, bei der Feuerwehr, in medizinischen Einrichtungen, in der Gastronomie oder in kommunalen Einrichtungen arbeiten.
Für ihre Tätigkeit erhalten sie ein Gehalt in einer eigens festgelegten Währung. Mit diesem Geld können sie wiederum Waren, Dienstleistungen oder Freizeitangebote innerhalb der Kinderstadt bezahlen.
Dadurch entsteht ein vereinfachter wirtschaftlicher Kreislauf:
- Die Kinder suchen sich eine Arbeit.
- Sie übernehmen Aufgaben und Verantwortung.
- Für ihre Leistung erhalten sie Geld.
- Dieses Geld geben sie innerhalb der Stadt wieder aus.
- Betriebe und Einrichtungen müssen Einnahmen und Aufgaben organisieren.
Kinder entscheiden über Regeln und Verantwortliche
Zur Kinderstadt gehören nicht nur Arbeitsplätze und Geschäfte. Auch demokratische Prozesse werden nachgebildet.
Die Kinder bestimmen Verantwortliche, beraten über Regeln und lernen, dass gemeinschaftliche Entscheidungen nicht immer den persönlichen Wünschen jedes Einzelnen entsprechen können.
Demokratie wird praktisch statt theoretisch vermittelt
Politische Bildung bleibt für Kinder häufig abstrakt. Begriffe wie Stadtrat, Verwaltung, Wahlen oder öffentlicher Haushalt sind im normalen Unterricht schwer greifbar.
In der Kinderstadt werden diese Zusammenhänge erlebbar.
Wer eine Entscheidung treffen möchte, muss andere überzeugen. Wer Verantwortung übernimmt, muss sich um konkrete Probleme kümmern. Wer Regeln aufstellt, erlebt zugleich, dass sie für alle gelten sollen.
Das Projekt vermittelt damit nicht nur Wissen über Demokratie. Es schafft eine Umgebung, in der demokratische Abläufe praktisch ausprobiert werden können.
Sitzung im Plauener Rathaus
Ein besonderer Programmpunkt führte Teilnehmer der Kinderstadt in den Ratssaal des Plauener Rathauses.
Dort konnten sie erleben, in welcher Umgebung normalerweise der Stadtrat tagt und kommunale Entscheidungen getroffen werden. Unterstützt wurde der Termin unter anderem durch örtliche politische Vertreter.
Der echte Ratssaal macht Politik anschaulich
Ein Besuch im Rathaus kann mehr vermitteln als ein Arbeitsblatt.
Die Kinder sehen, wie ein Sitzungssaal aufgebaut ist, wo Debatten stattfinden und wie politische Entscheidungen in einer wirklichen Stadt vorbereitet werden.
Gleichzeitig entsteht eine Verbindung zwischen dem Planspiel und dem tatsächlichen kommunalen Leben Plauens.
Das ist besonders wertvoll, weil kommunale Politik den Alltag unmittelbar beeinflusst: Schulen, Straßen, Spielplätze, Schwimmbäder, Feuerwehr und öffentliche Einrichtungen werden vor Ort organisiert.
Eine eigene Medienlandschaft informiert die Bürger
Zum Konzept einer Kinderstadt gehören auch Medienangebote. Radio, Zeitung, Fernsehen oder digitale Formate sollen den Informationsfluss innerhalb der Stadt sicherstellen.
Kinder können dort Nachrichten sammeln, Interviews führen, Berichte erstellen und über Ereignisse in der Kinderwelt informieren.
Medien tragen Verantwortung
Damit lernen die Teilnehmer nicht nur technische oder kreative Fähigkeiten.
Sie erfahren auch, dass Informationen ausgewählt, geprüft und verständlich weitergegeben werden müssen. Eine Stadt funktioniert nur, wenn ihre Bürger wissen, was beschlossen wurde, welche Veranstaltungen stattfinden und wo Veränderungen anstehen.
Gerade in einer Zeit, in der Kinder früh mit sozialen Netzwerken und ungeprüften Informationen in Kontakt kommen, besitzt diese Erfahrung besonderen Wert.
Berufe können ohne schulischen Druck ausprobiert werden
Die Kinderstadt eröffnet zahlreiche Möglichkeiten, unterschiedliche Tätigkeiten kennenzulernen.
Die Teilnehmer können Berufe ausprobieren, ohne bereits eine endgültige Entscheidung treffen oder schulische Leistungen nachweisen zu müssen.
Praktische Erfahrungen schaffen Selbstvertrauen
Ein Kind, das im Unterricht zurückhaltend ist, kann bei einer handwerklichen, organisatorischen oder kreativen Aufgabe besondere Fähigkeiten zeigen.
Andere entdecken vielleicht Freude am Verkauf, an Medien, Technik, Betreuung oder öffentlicher Verantwortung.
Solche Erfahrungen können Selbstvertrauen stärken. Die Kinder lernen, dass eine Stadt viele verschiedene Fähigkeiten benötigt und nicht nur gute Noten zählen.
Plauen begann 2020 mit einer kleinen Kinderstadt
Die erste Plauener Kinderstadt entstand im Jahr 2020. Damals wurde das Projekt vom Hort der Astrid-Lindgren-Grundschule organisiert.
Die Initiatoren wollten Kindern während der Einschränkungen der Corona-Zeit ein besonderes Gemeinschaftserlebnis ermöglichen. Zunächst konnten nur Kinder dieses Hortes teilnehmen.
Aus einem Hortprojekt wurde ein großes Ferienangebot
Im Jahr 2022 wurde die Kinderstadt gemeinsam mit weiteren Plauener Horten vergrößert.
Seitdem entwickelte sich aus dem kleinen Projekt ein stadtweit bekanntes Ferienangebot. Veranstaltungsorte und beteiligte Einrichtungen können wechseln, während das grundlegende Konzept erhalten bleibt.
Die wachsende Teilnehmerzahl zeigt, dass das Angebot von Kindern, Eltern und Betreuungseinrichtungen angenommen wird.
Kinderschutzbund trägt das Projekt
Träger der Kinderstadt ist der Kinderschutzbund Ortsverband Plauen. Organisiert wird das Angebot gemeinsam mit Plauener Horten und weiteren Partnern.
Unterstützung kommt außerdem aus Unternehmen, Einrichtungen, Politik und Förderprogrammen. Das Projekt wird unter anderem über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gefördert.
Viele Helfer stehen hinter fünf Tagen Kinderstadt
Die eigentliche Projektwoche dauert nur wenige Tage. Ihre Vorbereitung beginnt jedoch erheblich früher.
Benötigt werden:
- geeignete Räume,
- Arbeitsmaterialien,
- Spielgeld und Ausweise,
- pädagogische Konzepte,
- Sicherheitsregeln,
- Verpflegung,
- Helfer und Betreuungspersonal,
- Kontakte zu Unternehmen,
- Transport und Ausflüge,
- Genehmigungen und Verkehrsregelungen.
Die Kinder erleben eine funktionierende Stadt. Dahinter steht eine umfangreiche organisatorische Arbeit der Erwachsenen.
Seminarstraße wurde vorübergehend gesperrt
Damit die Kinderstadt sicher durchgeführt werden konnte, wurde die Seminarstraße im Bereich der Erich-Ohser-Grundschule zeitweise für den Fahrzeugverkehr gesperrt.
Die Sperrung galt bis zum Ende des Projekts am 17. Juli gegen 15 Uhr.
Sicherheit benötigt Platz
Eine Kinderstadt mit mehreren Hundert Teilnehmern erzeugt viel Bewegung.
Kinder wechseln zwischen Arbeitsplätzen, Veranstaltungen und Einrichtungen. Lieferungen und Helfer müssen das Gelände erreichen, während der normale Straßenverkehr möglichst ferngehalten wird.
Die Sperrung zeigt, dass das Projekt inzwischen eine Größenordnung erreicht hat, die auch Auswirkungen auf das unmittelbare Stadtgebiet besitzt.
Unternehmen geben Einblicke in reale Arbeitswelten
Mehrere Unterstützer bereiteten Kinder auf ihre späteren Aufgaben vor.
Ein Beispiel ist ein Lebensmittel- und Handelsunternehmen in Weischlitz, das Kinder aus Plauener Grundschulklassen mit Abläufen in Gastronomie, Lebensmittelverarbeitung und Verkauf vertraut machte.
Praxispartner machen Berufe glaubwürdiger
Kinder können in der Kinderstadt eine Pizzeria, ein Geschäft oder einen Dienstleistungsbetrieb betreiben.
Besonders anschaulich wird dies, wenn sie zuvor erfahren, wie solche Einrichtungen in der Realität funktionieren:
- Welche Aufgaben müssen verteilt werden?
- Wie wird Hygiene sichergestellt?
- Wie werden Kunden bedient?
- Was kostet ein Produkt?
- Wie wird mit Geld umgegangen?
- Wer trägt Verantwortung?
Unternehmen können dadurch früh Interesse an unterschiedlichen Berufsfeldern wecken, ohne das Projekt zu einer Werbeveranstaltung zu machen.
Eigene Entscheidungen führen auch zu Konflikten
Wo mehrere Hundert Kinder arbeiten, handeln und abstimmen, läuft nicht alles reibungslos.
Arbeitsplätze können besonders begehrt sein. Manche Dienstleistungen werden häufiger genutzt als andere. Geld kann zu schnell ausgegeben werden. Regeln können unterschiedlich verstanden werden.
Konflikte gehören zum Lernprozess
Gerade solche Schwierigkeiten sind pädagogisch wertvoll.
Die Kinder müssen Lösungen finden:
- Wie werden begehrte Arbeitsplätze verteilt?
- Was geschieht, wenn jemand seine Aufgabe nicht erfüllt?
- Wie hoch soll der Lohn sein?
- Was passiert bei Regelverstößen?
- Wer entscheidet bei Streit?
- Wie kann eine ungerechte Regel verändert werden?
Eine funktionierende Gesellschaft entsteht nicht dadurch, dass alle immer einer Meinung sind. Sie entsteht durch Regeln, Kompromisse und verantwortliche Entscheidungen.
Kinder lernen den Wert von Arbeit kennen
Das verdiente Spielgeld verbindet Arbeit und Konsum.
Wer etwas kaufen oder ein Freizeitangebot nutzen möchte, muss zuvor eine Aufgabe übernehmen. Dadurch wird auf einfache Weise vermittelt, dass Leistungen, Waren und Dienstleistungen nicht unbegrenzt verfügbar sind.
Geld allein darf nicht das Ziel sein
Eine Kinderstadt sollte jedoch nicht nur vermitteln, dass Arbeit dem Geldverdienen dient.
Ebenso wichtig sind Gemeinschaft, Verantwortung und die Erfahrung, dass bestimmte Tätigkeiten für eine Stadt unverzichtbar sind, obwohl sie nicht immer besonders sichtbar oder beliebt erscheinen.
Feuerwehr, Betreuung, Reinigung, Verwaltung und medizinische Versorgung tragen ebenso zum Funktionieren der Stadt bei wie Handel und Unterhaltung.
Verantwortung wird altersgerecht erfahrbar
Kinder hören im Alltag häufig, dass Erwachsene Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen.
In der Kinderwelt dürfen sie selbst erfahren, was Verantwortung bedeutet.
Wer eine Aufgabe übernimmt, kann nicht einfach verschwinden, wenn andere auf seine Arbeit angewiesen sind. Wer gewählt wird, muss zuhören und Entscheidungen erklären. Wer mit Geld umgeht, muss rechnen und planen.
Fehler sind ausdrücklich erlaubt
Ein Planspiel bietet den Vorteil, dass Fehler keine dauerhaften wirtschaftlichen oder politischen Folgen haben.
Eine schlecht organisierte Kinderstadt-Einrichtung kann verbessert werden. Eine unpraktische Regel lässt sich ändern. Ein misslungener Arbeitstag wird am nächsten Morgen neu begonnen.
Diese geschützte Umgebung macht Lernen möglich, ohne dass Kinder Angst vor ernsthaften Konsequenzen haben müssen.
Ferienbetreuung wird zum Bildungsangebot
Viele Familien sind während der Sommerferien auf Horte und andere Betreuungsangebote angewiesen.
Die Kinderstadt zeigt, dass Ferienbetreuung mehr sein kann als bloße Beaufsichtigung.
Bildung findet auch außerhalb des Klassenzimmers statt
Während der Projektwoche lernen die Kinder:
- rechnen und wirtschaften,
- lesen und schreiben,
- diskutieren und abstimmen,
- planen und organisieren,
- mit Konflikten umgehen,
- Aufgaben übernehmen,
- kreativ arbeiten,
- sich in einer Gemeinschaft orientieren.
Diese Fähigkeiten werden nicht in Schulnoten gemessen. Sie sind für das spätere Leben dennoch entscheidend.
Das Projekt verbindet Kinder aus mehreren Einrichtungen
Durch die Beteiligung verschiedener Horte treffen Kinder aufeinander, die sich vorher möglicherweise nicht kannten.
Sie müssen in neuen Gruppen zusammenarbeiten und Aufgaben mit anderen Teilnehmern teilen.
Neue Gemeinschaft außerhalb der eigenen Schule
Im normalen Schulalltag bewegen sich Kinder meist in festen Klassen und bekannten Gruppen.
Die Kinderstadt durchbricht diese Strukturen. Ein Kind kann mit Teilnehmern aus anderen Schulen oder Stadtteilen zusammenarbeiten.
Dadurch entstehen neue Kontakte und die Erfahrung, dass Zusammenarbeit auch mit zunächst fremden Menschen möglich ist.
Demokratie braucht frühe Erfahrungen
Politische Beteiligung beginnt nicht erst mit dem Wahlrecht.
Kinder können bereits früh erleben, dass ihre Meinung gehört wird, aber nicht automatisch jede Forderung umgesetzt werden kann.
Beteiligung bedeutet auch Verantwortung
Wer mitentscheiden darf, muss sich informieren und die Folgen seiner Entscheidung berücksichtigen.
Die Kinderstadt vermittelt diese Verbindung auf spielerische Weise. Entscheidungen werden nicht nur von Erwachsenen vorgegeben, sondern von den Teilnehmern mitgestaltet.
Dadurch kann ein Verständnis dafür entstehen, warum Demokratie manchmal langsam und anstrengend ist, aber dennoch bessere Möglichkeiten zur Beteiligung bietet als reine Anweisungen von oben.
Ein positives Signal aus Plauen
Über Plauen und das Vogtland wird häufig im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Problemen, Abwanderung oder politischen Konflikten berichtet.
Die Kinderstadt zeigt eine andere Seite der Region.
Mehr als 300 Kinder, zahlreiche pädagogische Fachkräfte, Unternehmen, Vereine und öffentliche Einrichtungen arbeiten gemeinsam an einem großen Ferienprojekt.
Region investiert in ihren Nachwuchs
Die Teilnehmer lernen nicht nur, wie eine Stadt funktioniert.
Sie erleben zugleich, dass ihre Ideen wichtig sind und Erwachsene ihnen zutrauen, Verantwortung zu übernehmen.
Dieses Vertrauen ist ein wichtiger Bestandteil erfolgreicher Kinder- und Jugendarbeit.
Wer jungen Menschen früh Gestaltungsmöglichkeiten gibt, erhöht die Chance, dass sie sich später für ihre Stadt, Vereine oder demokratische Einrichtungen engagieren.
Kinderwelt endet – Erfahrungen bleiben
Am 17. Juli endet die Kinderstadt 2026. Die aufgebauten Einrichtungen werden wieder verschwinden, die Straßensperrung wird aufgehoben und die Erich-Ohser-Grundschule kehrt in ihren normalen Zustand zurück.
Für die Kinder bleiben jedoch Erinnerungen und Erfahrungen.
Sie haben gearbeitet, gewählt, diskutiert, Geld verdient und ausgegeben. Sie haben erlebt, dass eine Stadt nur funktioniert, wenn Menschen unterschiedliche Aufgaben übernehmen und gemeinsam Regeln entwickeln.
Die Plauener Kinderstadt ist damit nicht nur ein unterhaltsames Ferienangebot. Sie ist ein praktisches Bildungsprojekt über Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie.
Und vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis der „Kinderwelt“ ganz einfach: Eine Stadt gehört nicht nur Politikern, Behörden und Unternehmen. Sie gehört allen Menschen, die in ihr leben – auch den Kindern.