Berlin. Die Berliner CDU muss wenige Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl ihren Wahlkampf vollkommen neu aufstellen. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner hat am Freitag, dem 10. Juli 2026, seinen Verzicht auf die Spitzenkandidatur erklärt.
Wegner will dennoch bis zur Bildung einer neuen Landesregierung im Amt bleiben. Nach der Wahl strebt er nach eigener Aussage auch kein Senatorenamt mehr an. Als möglicher neuer CDU-Spitzenkandidat gilt Finanz- und Kultursenator Stefan Evers. Die Kreisvorsitzenden der Berliner Union haben sich bereits für ihn ausgesprochen; die formelle Entscheidung liegt bei den zuständigen Parteigremien.
Der Rückzug ist der vorläufige Höhepunkt einer monatelangen Vertrauenskrise. Im Mittelpunkt steht Wegners Verhalten während des großen Stromausfalls im Berliner Südwesten Anfang Januar – und vor allem die Frage, ob er die Öffentlichkeit anschließend vollständig und wahrheitsgemäß informiert hat.
Zehntausende Haushalte ohne Strom
Am 3. Januar 2026 beschädigte ein Brand an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal mehrere wichtige Stromleitungen. Große Teile von Nikolassee, Wannsee, Zehlendorf und Lichterfelde waren betroffen. Rund 45.000 Haushalte und mehr als 2.000 Gewerbebetriebe verloren zeitweise ihre Stromversorgung. Insgesamt waren etwa 100.000 Menschen betroffen. Die vollständige Versorgung wurde erst am 7. Januar wiederhergestellt.
Der Stromausfall traf Berlin mitten im Winter. In Wohnungen fielen vielfach Licht, Heizung, Internet und Kommunikationsmöglichkeiten aus. Pflegeeinrichtungen, Arztpraxen, Geschäfte und Betriebe mussten Notlösungen organisieren.
Besonders betroffen waren:
- Steglitz-Zehlendorf,
- Lichterfelde,
- Zehlendorf,
- Nikolassee,
- Wannsee,
- angrenzende Teile des Berliner Südwestens,
- sowie Pendler und Unternehmen entlang der betroffenen Versorgungsgebiete.
Der Ausfall war damit nicht nur ein technisches Problem. Er wurde zur Bewährungsprobe für Katastrophenschutz, Krisenkommunikation und politische Führung.
Der Vorwurf: Tennis statt Krisenleitung
Wegner hatte zunächst den Eindruck vermittelt, den ersten Tag der Krise weitgehend mit Telefonaten und Koordinierungsaufgaben verbracht zu haben. Später wurde bekannt, dass er zwischendurch gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch, Tennis gespielt hatte.
Nach Berichten dauerte der private Termin ungefähr eine Stunde. Zu diesem Zeitpunkt deutete sich bereits an, dass der Stromausfall länger dauern könnte.
Ein Regierungschef muss während einer Krise nicht zwangsläufig jede Minute persönlich am Einsatzort stehen. Auch Erholungspausen oder private Unterbrechungen sind nicht automatisch ein politischer Skandal.
Das zentrale Problem war vielmehr Wegners Darstellung seines Handelns.
In einer Krise hängt die Autorität eines Regierungschefs nicht nur von seinen Entscheidungen ab. Sie hängt auch davon ab, ob Bürger darauf vertrauen können, dass er offen, präzise und ehrlich kommuniziert.
Genau dieses Vertrauen wurde beschädigt.
Krise in Steglitz-Zehlendorf, Folgen für ganz Berlin
Der Stromausfall traf zunächst vor allem den Südwesten. Die politische Krise erfasste anschließend jedoch die gesamte Hauptstadt.
In Steglitz-Zehlendorf mussten Bürger Notunterkünfte, beheizte Räume und Hilfeangebote suchen. Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen und Gewerbebetriebe waren teilweise nur eingeschränkt arbeitsfähig. Der Bezirk stand unter hohem organisatorischem Druck.
Gleichzeitig diskutierten Menschen in allen Berliner Bezirken darüber, wie widerstandsfähig die Infrastruktur der Hauptstadt ist:
- Könnte ein ähnlicher Anschlag auch Marzahn-Hellersdorf treffen?
- Sind Kraftwerke und Kabeltrassen in Spandau ausreichend geschützt?
- Wie gut funktionieren Notfallpläne in Pankow, Lichtenberg oder Treptow-Köpenick?
- Haben Krankenhäuser, Pflegeheime und Bürgerämter genügend Notstrom?
- Wie schnell können Senat, Bezirke, Polizei und Feuerwehr gemeinsam handeln?
Nach dem Anschlag ging sogar eine weitere Drohung gegen Infrastruktur in Marzahn-Hellersdorf ein. Die Polizei kontrollierte dort vorsorglich mögliche Ziele, ohne einen weiteren Schaden festzustellen.
Damit wurde deutlich: Die Widerstandsfähigkeit der Stromversorgung ist kein lokales Thema für den wohlhabenden Südwesten, sondern eine Sicherheitsfrage für die gesamte Stadt.
Großschadenslage erst später ausgerufen
Neben Wegners Verhalten stand auch das Krisenmanagement des Senats grundsätzlich in der Kritik.
Die sogenannte Großschadenslage wurde erst rund anderthalb Tage nach Beginn des Blackouts ausgerufen. Erst dadurch ging die zentrale Verantwortung stärker auf die Senatsinnenverwaltung über und weitergehende Unterstützung, etwa durch Hilfsorganisationen und die Bundeswehr, konnte organisiert werden.
Die entscheidenden Fragen lauten deshalb:
- Warum wurde die Lage nicht früher zentral geführt?
- Waren Senat und Bezirk ausreichend vorbereitet?
- Wer hatte zu welchem Zeitpunkt welche Informationen?
- Funktionierten die Kommunikationsketten?
- Waren genügend Notstromaggregate vorhanden?
- Wie wurden ältere, kranke und pflegebedürftige Menschen erreicht?
- Welche Konsequenzen wurden inzwischen umgesetzt?
Eine Expertenkommission hat mittlerweile Empfehlungen zur Verbesserung des Krisenschutzes vorgelegt. Der Stromausfall wurde dabei als schwerste derartige Störung Berlins seit dem Zweiten Weltkrieg eingeordnet.
Warum Wegner dennoch im Amt bleibt
Wegner zieht sich zwar aus dem Wahlkampf zurück, tritt aber nicht sofort als Regierender Bürgermeister zurück.
Er begründet das damit, dass er vom Abgeordnetenhaus gewählt worden sei und seine Amtszeit erst mit der Wahl eines Nachfolgers ende. Bis dahin wolle er seine Amtsgeschäfte weiterführen. Ein späteres Senatorenamt schloss er aus.
Rechtlich ist dieses Vorgehen möglich. Politisch entsteht jedoch eine ungewöhnliche Situation:
Berlin wird von einem Regierungschef geführt, der seiner eigenen Partei nicht mehr als geeigneter Spitzenkandidat für die nächste Wahl gilt.
Für den Senat bedeutet das eine schwierige Übergangsphase. Wegner muss weiterhin Entscheidungen treffen, Personal führen und Berlin gegenüber Bund und Ländern vertreten. Gleichzeitig richtet sich der politische Blick bereits auf seinen möglichen Nachfolger.
Das kann die Handlungsfähigkeit der Regierung schwächen.
Stefan Evers soll die CDU retten
Als wahrscheinlichster Nachfolger gilt Stefan Evers. Er ist seit 2023 Finanzsenator und übernahm zusätzlich das Kulturressort. Seit 2011 sitzt er im Berliner Abgeordnetenhaus und ist seit Jahren fest in der Landes-CDU verankert.
Evers steht nun vor einer schwierigen Aufgabe.
Er müsste innerhalb weniger Wochen:
- ein eigenes politisches Profil entwickeln,
- sich von Wegners Fehlern abgrenzen, ohne die gemeinsame Regierungsbilanz vollständig zu verwerfen,
- die zerstrittene Partei hinter sich versammeln,
- den Haushalt und die Sparpolitik verteidigen,
- sowie den Wählern erklären, wofür die Berliner CDU nach dem Personalwechsel noch steht.
Zudem trägt Evers als Finanzsenator selbst Verantwortung für wesentliche Entscheidungen des Senats. Er kann deshalb nicht glaubwürdig so auftreten, als habe er mit der bisherigen Regierungspolitik nichts zu tun.
Berlin-Wahl am 20. September
Die Abgeordnetenhauswahl findet am 20. September 2026 statt. Der Kandidatenwechsel erfolgt damit nur rund zehn Wochen vor dem Wahltag.
Die Berliner Parteien befinden sich bereits mitten im Wahlkampf. Zu den zentralen Themen gehören:
- Wohnungsnot und steigende Mieten,
- Sicherheit an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen,
- Migration und Integration,
- Zustand von Schulen,
- Verkehrspolitik,
- Verwaltung und Bürgerämter,
- Sauberkeit,
- wirtschaftliche Entwicklung,
- sowie die Belastbarkeit der kritischen Infrastruktur.
Der Rückzug Wegners droht diese Sachfragen erneut zu überlagern.
Für die CDU ist das besonders gefährlich. Sie hatte 2023 nach jahrelanger Oppositionszeit das Rote Rathaus zurückgewonnen. Nun muss sie erklären, warum ihr eigener Regierender Bürgermeister nicht mehr in der Lage ist, den Wahlkampf anzuführen.
Unterschiedliche Probleme in den Bezirken
Berlin lässt sich politisch nicht als einheitliche Stadt betrachten. Die Herausforderungen unterscheiden sich erheblich.
Steglitz-Zehlendorf
Hier stehen nach dem Blackout Versorgungssicherheit, Katastrophenschutz und der Schutz wichtiger Stromtrassen im Mittelpunkt.
Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg
In den innerstädtischen Bezirken beschäftigen die Menschen hohe Mieten, Drogenkriminalität, Obdachlosigkeit, Verkehrskonflikte und die Situation an Bahnhöfen.
Neukölln
Hier treffen Fragen der Integration, Schulpolitik, Clan-Kriminalität, Wohnungsdruck und kommunaler Überlastung aufeinander.
Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg
Viele Bürger erwarten bezahlbaren Wohnraum, verlässlichen Nahverkehr, mehr Sicherheit und eine bessere Anerkennung der ostdeutschen Bezirke.
Pankow
Der Bezirk wächst stark. Schulen, Straßen, Straßenbahnen und Verwaltungen können mit der Entwicklung vielerorts kaum Schritt halten.
Spandau und Reinickendorf
In den westlichen Außenbezirken spielen Industriearbeitsplätze, Infrastruktur, Wohnungsbau und die Erreichbarkeit der Innenstadt eine große Rolle.
Treptow-Köpenick
Wachstum, neue Wohnquartiere, Verkehr, Flughafenanbindung und der Schutz von Grünflächen führen regelmäßig zu Konflikten.
Der neue CDU-Spitzenkandidat muss daher weit mehr leisten, als die Wegner-Affäre kommunikativ hinter sich zu lassen. Er braucht konkrete Antworten für zwölf sehr unterschiedliche Bezirke.
Die Opposition erhöht den Druck
Die Berliner Opposition nutzt Wegners Rückzug erwartungsgemäß für scharfe Kritik.
SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach sprach von einem lange andauernden und belastenden Prozess. Er wirft der CDU vor, zu spät Konsequenzen gezogen zu haben. Eine Zusammenarbeit mit der CDU schloss Krach nicht grundsätzlich aus, wohl aber eine Koalition unter Wegners Führung.
Auch Grüne, Linke und AfD sehen ihre Kritik an Wegners Amtsführung bestätigt. Dabei verfolgen die Parteien sehr unterschiedliche politische Ziele.
Für die Wähler sollte deshalb nicht nur entscheidend sein, wer den Rücktritt am schärfsten kommentiert. Wichtiger ist, welche Partei glaubwürdige Lösungen für die tatsächlichen Probleme der Stadt anbietet.
Vertrauen ist schwerer zu reparieren als ein Stromkabel
Der beschädigte Teil des Stromnetzes konnte innerhalb weniger Tage repariert werden.
Das beschädigte politische Vertrauen lässt sich nicht so schnell wiederherstellen.
Wegners Fall zeigt, wie sehr sich politische Krisen häufig an der Kommunikation entscheiden. Ein Fehler kann verziehen werden. Eine verspätete oder unvollständige Darstellung des eigenen Handelns wiegt häufig schwerer.
Bürger erwarten von Politikern nicht, dass sie fehlerlos sind. Sie erwarten aber, dass Fehler offen eingeräumt werden.
Wegner erklärte bei seinem Rückzug, die anhaltende Debatte verhindere, dass er mit seinen politischen Themen noch zur Bevölkerung durchdringe. Er wolle seine Partei nicht länger durch die Personalfrage belasten.
Diese Einsicht kommt für seine erneute Kandidatur zu spät.
Der eigentliche Skandal ist größer als das Tennisspiel
Die öffentliche Debatte darf sich nicht allein auf die Frage reduzieren, ob ein Regierender Bürgermeister während einer Krise eine Stunde Tennis spielen darf.
Viel wichtiger sind die strukturellen Probleme, die der Blackout sichtbar gemacht hat:
- empfindliche Stromtrassen,
- unzureichende Ausweichmöglichkeiten,
- verspätete zentrale Krisenführung,
- begrenzte Notstromkapazitäten,
- Probleme bei der Kommunikation mit Betroffenen,
- und die Gefahr gezielter Angriffe auf kritische Infrastruktur.
Wer nur über das Tennisspiel spricht, verpasst den Kern der politischen Aufgabe.
Die nächste Berliner Regierung muss dafür sorgen, dass Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Schulen, Behörden und Kommunikationsnetze auch bei längeren Stromausfällen funktionieren.
Sie muss außerdem erklären, wie sensible Anlagen geschützt werden, ohne Berlin in eine vollständig überwachte Stadt zu verwandeln.
Wegners Rückzug ist richtig – aber Berlin braucht mehr als einen neuen Namen
Kai Wegners Verzicht auf die Spitzenkandidatur ist richtig.
Ein Regierungschef, dessen Glaubwürdigkeit wenige Wochen vor einer Wahl dauerhaft beschädigt ist, kann seine Partei kaum noch überzeugend führen. Dass er die Konsequenz zieht, verhindert zumindest, dass der gesamte Berliner Wahlkampf ausschließlich um seine Person kreist.
Dennoch bleibt ein bitterer Eindruck.
Nicht das Tennisspiel allein hat Wegner politisch zu Fall gebracht. Entscheidend war die widersprüchliche Kommunikation danach. Gerade in einer Krise muss ein Regierungschef nachvollziehbar erklären, wo er war, was er wusste und welche Entscheidungen er traf.
Berlin darf sich nun aber nicht mit einem bloßen Kandidatenwechsel zufriedengeben.
Die Stadt braucht Antworten auf grundlegende Fragen:
Warum konnte ein einzelner Anschlag Zehntausende Haushalte und Betriebe tagelang lahmlegen? Warum wurde die Großschadenslage so spät ausgerufen? Wie werden Pflegebedürftige, ältere Menschen und Unternehmen beim nächsten Ausfall erreicht? Und wer trägt Verantwortung dafür, dass vergleichbare Ereignisse künftig schneller bewältigt werden?
Stefan Evers oder ein anderer Nachfolger muss beweisen, dass die CDU aus der Krise gelernt hat.
Die Opposition wiederum darf sich nicht darauf beschränken, Wegners Scheitern zu feiern. Auch sie muss konkrete Konzepte für Sicherheit, Wohnen, Verkehr, Schulen und Verwaltung vorlegen.
Am 20. September wählen die Berliner nicht nur einen neuen Senat.
Sie entscheiden auch darüber, wem sie zutrauen, diese Stadt in der nächsten echten Krise verlässlich zu führen.