Groß Schönebeck. Die Schorfheide gehört zu den bekanntesten Waldlandschaften Brandenburgs. Für viele Menschen steht sie heute für Ruhe, Natur, Wildtiere und Erholung.

Doch die scheinbar unberührte Landschaft nördlich von Berlin besitzt auch eine politische Geschichte.

Über Jahrhunderte nutzten Herrscher, Staatsoberhäupter und hohe Funktionäre die Wälder als bevorzugtes Jagdgebiet. Dabei ging es nicht nur um das Erlegen von Wild. Jagden dienten zugleich der Repräsentation, der Pflege politischer Beziehungen und der Abgrenzung einer privilegierten Elite von der übrigen Bevölkerung.

Seit Juni 2026 widmet sich das neue Dokumentationszentrum „Jagd und Macht“ im Jagdschloss Schorfheide in Groß Schönebeck dieser Vergangenheit. Die Ausstellung ist seit dem 19. Juni für Besucher geöffnet.

Vier politische Epochen im Blick

Die Ausstellung gliedert die Geschichte der Schorfheide in vier zeitgeschichtliche Abschnitte. Sie beginnt mit der Weimarer Republik, führt über die nationalsozialistische Diktatur und die Nachkriegszeit bis zum Ende der DDR.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie politische Machthaber die Landschaft für ihre eigenen Interessen nutzten und welche Folgen dies für Natur, Bevölkerung und gesellschaftliche Verhältnisse hatte.

Die Schorfheide war über lange Zeit mehr als ein Waldgebiet.

Sie war:

  • exklusives Jagdrevier,
  • politischer Rückzugsraum,
  • Ort informeller Gespräche,
  • Repräsentationsfläche,
  • militärisch und staatlich gesichertes Gebiet,
  • sowie Ausdruck persönlicher Privilegien.

Die Ausstellung macht deutlich, dass politische Macht häufig auch darüber sichtbar wird, wer Zugang zu bestimmten Landschaften erhält – und wer ausgeschlossen bleibt.

Von Kaisern und preußischen Königen geprägt

Das Jagdschloss Groß Schönebeck selbst ist Teil dieser Geschichte.

Der Bau entstand um 1530. Später nutzten preußische Könige und deutsche Kaiser die Region regelmäßig für ihre Jagdaufenthalte. Friedrich Wilhelm I., der sogenannte Soldatenkönig, verfasste dort im Jahr 1722 Grundlagen des preußischen Beamtentums.

Die Jagd war in dieser Zeit ein sichtbares Vorrecht der Herrschenden.

Große Waldflächen wurden nicht in erster Linie nach den Bedürfnissen der örtlichen Bevölkerung bewirtschaftet. Entscheidend waren Wildbestand, Jagderfolg und die Repräsentationswünsche des Hofes.

Damit prägte die Jagd auch die Entwicklung der Landschaft.

Wildbestände wurden gezielt gefördert, Zugänge eingeschränkt und Flächen nach den Interessen der jeweiligen Machthaber gestaltet.

Hermann Göring und das Anwesen Carinhall

Besonders belastet ist die Geschichte der Schorfheide durch Hermann Göring.

Der führende Nationalsozialist ließ unweit von Groß Schönebeck seinen monumentalen Jagd- und Repräsentationssitz Carinhall errichten. Das Anwesen war nach seiner ersten Frau Carin benannt und diente Göring als privater Rückzugsort, Kunstlager, Jagdsitz und Bühne seiner persönlichen Macht.

Carinhall war keine gewöhnliche Jagdhütte.

Das Anwesen wurde mit Kunstwerken, monumentaler Architektur und zahlreichen Jagdtrophäen ausgestattet. Göring empfing dort politische Gäste, Diplomaten und andere Vertreter der nationalsozialistischen Führung.

Die Umgebung bot ihm Abgeschiedenheit und Kontrolle.

Die Ausstellung zeigt unter anderem ein Modell von Carinhall sowie Teile des früheren Eingangsportals. Dadurch wird sichtbar, welche Dimensionen das Anwesen einst besaß.

Breker-Skulpturen als Zeugnisse der NS-Ideologie

Zu den auffälligsten Ausstellungsstücken gehören drei überlebensgroße Bronzeplastiken von Arno Breker.

Breker gehörte zu den prominentesten Künstlern des nationalsozialistischen Deutschlands. Seine idealisierten Körperdarstellungen entsprachen dem Menschenbild und der Rassenideologie des Regimes.

Die in Groß Schönebeck ausgestellten Figuren stammen aus Carinhall. Sie werden nicht als harmlose Kunstobjekte präsentiert, sondern in den politischen Zusammenhang ihrer Entstehung eingeordnet.

Das ist wichtig.

Kunst aus einer Diktatur kann nicht allein nach ihrer handwerklichen oder ästhetischen Wirkung betrachtet werden. Entscheidend ist auch, welchem politischen Zweck sie diente und welches Weltbild sie transportierte.

Die Ausstellung ermöglicht deshalb eine kritische Betrachtung, ohne die historischen Gegenstände zu verstecken.

Auch die DDR nutzte Jagd als Privileg

Mit dem Ende des Nationalsozialismus verschwand die Verbindung zwischen Jagd und politischer Macht nicht.

Auch in der DDR besaßen führende Funktionäre bevorzugte Jagdgebiete und besondere Zugangsrechte. Die politische Führung inszenierte sich offiziell als Vertreter eines Staates der Arbeiter und Bauern. Gleichzeitig entstanden abgeschirmte Räume, in denen sich Funktionäre Privilegien ermöglichten, die gewöhnlichen Bürgern nicht offenstanden.

Die Schorfheide war dabei erneut von besonderer Bedeutung.

Jagdveranstaltungen konnten der politischen Kontaktpflege dienen. In abgeschirmter Umgebung wurden Beziehungen gepflegt und Gespräche geführt, die außerhalb offizieller Sitzungen stattfanden.

Die neue Ausstellung verfolgt diese Entwicklung bis zum Ende der DDR und zeigt damit, dass Machtstrukturen politische Systeme überdauern können.

Kein einfacher Vergleich der Systeme

Die Ausstellung darf allerdings nicht dazu verleiten, Nationalsozialismus und DDR pauschal gleichzusetzen.

Die NS-Diktatur beruhte auf Rassenwahn, Eroberungskrieg und industriellem Massenmord. Die DDR war eine kommunistische Diktatur mit politischer Verfolgung, Überwachung und eingeschränkten Freiheitsrechten, besaß aber einen anderen historischen Charakter und ein anderes Ausmaß staatlicher Verbrechen.

Dennoch lassen sich bestimmte Mechanismen politischer Macht vergleichen:

  • abgeschirmte Eliten,
  • bevorzugter Zugang zu Ressourcen,
  • politische Beziehungen außerhalb öffentlicher Kontrolle,
  • Nutzung staatlichen Eigentums für persönliche Privilegien,
  • und eine deutliche Trennung zwischen offizieller Ideologie und tatsächlichem Verhalten der Führung.

Gerade solche Unterschiede und Gemeinsamkeiten machen eine historisch sorgfältige Ausstellung wertvoll.

Die Landschaft wurde zum Werkzeug der Herrschenden

„Jagd und Macht“ behandelt nicht nur Politik und Personen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Auswirkungen auf die Natur.

Herrscher und Funktionäre betrachteten die Schorfheide häufig nicht als eigenständigen Naturraum, sondern als Landschaft, die für Jagderfolge gestaltet werden sollte.

Das konnte bedeuten:

  • Förderung bestimmter Wildarten,
  • Eingriffe in Waldstrukturen,
  • Einschränkung anderer Nutzungen,
  • Sperrung von Gebieten,
  • Bau von Straßen und Gebäuden,
  • sowie Einfluss auf Forstwirtschaft und Wildbestände.

Die Ausstellung zeigt damit, dass Umweltgeschichte immer auch eine Geschichte politischer Entscheidungen ist.

Wer über Macht verfügt, entscheidet häufig auch darüber, wie Landschaften genutzt, geschützt oder verändert werden.

Rund 160 Jagdtrophäen in eigener Scheune

Zum Ausstellungsareal gehört außerdem eine Trophäenscheune.

Dort werden ungefähr 160 Jagdtrophäen gezeigt, die überwiegend aus dem früheren Staatsjagdgebiet Schorfheide stammen. Die Sammlung reicht zeitlich von Brandenburg-Preußen und dem Kaiserreich über Weimarer Republik, Nationalsozialismus und DDR bis in die jüngere Vergangenheit.

Solche Trophäen können unterschiedlich betrachtet werden.

Für Jäger dokumentieren sie Wildbestand, Alter und Entwicklung der Tiere. Für Kritiker stehen sie für die Inszenierung des Tötens und für gesellschaftliche Privilegien.

Im historischen Zusammenhang zeigen sie vor allem, wie stark Jagderfolg als Statussymbol genutzt wurde.

Je größer und auffälliger das Geweih, desto größer das Prestige des Jägers.

Multimediale Ausstellung statt reiner Schautafeln

Das Dokumentationszentrum setzt nicht allein auf Texte und historische Gegenstände.

Bildmaterial, Tonaufnahmen, Videoprojektionen und raumübergreifende Klanginstallationen sollen die unterschiedlichen Epochen erlebbar machen. In der Remise wird zudem ein rund 40-minütiger Film auf drei Leinwänden gezeigt. Er verbindet die Jagdgeschichte mit der heutigen Schorfheide und stellt Menschen vor, die die Region künftig erhalten und gestalten wollen.

Damit richtet sich die Ausstellung nicht nur an Fachhistoriker.

Sie soll auch Familien, Schulklassen, Touristen und Menschen erreichen, die zunächst wegen der Natur oder des Jagdschlosses in die Schorfheide kommen.

Das ist eine große Chance.

Historische Bildung funktioniert besonders gut an authentischen Orten.

Bedeutung für Barnim und die gesamte Region

Groß Schönebeck gehört zur Gemeinde Schorfheide im Landkreis Barnim.

Die Region liegt zwischen Eberswalde, Joachimsthal, Wandlitz und Templin. Sie besitzt mit dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, zahlreichen Seen, Wäldern und historischen Orten ein großes touristisches Potenzial.

Das neue Dokumentationszentrum ergänzt dieses Angebot.

Es kann Besucher ansprechen, die Naturerlebnis mit Geschichte verbinden möchten. Davon können auch Gastronomie, Beherbergungsbetriebe und weitere Ausflugsziele profitieren.

Mögliche Kombinationen ergeben sich mit:

  • dem Wildpark Schorfheide,
  • dem Kloster Chorin,
  • dem Luftfahrtmuseum Finowfurt,
  • dem Buchenwald Grumsin,
  • Eberswalde,
  • sowie Rad- und Wanderwegen durch die Region.

Kultur und Tourismus müssen dabei nicht im Widerspruch stehen.

Ein historisch anspruchsvolles Museum kann zugleich ein attraktives Ausflugsziel sein.

Erinnerungskultur darf nicht nur in Großstädten stattfinden

Viele bedeutende Museen und Gedenkstätten befinden sich in Berlin, Dresden, Leipzig oder anderen großen Städten.

Die Geschichte politischer Macht spielte sich jedoch häufig im ländlichen Raum ab.

Abgeschiedene Schlösser, Wälder und militärisch gesicherte Gebiete waren gerade deshalb attraktiv, weil sie außerhalb öffentlicher Aufmerksamkeit lagen.

Die Schorfheide ist dafür ein besonders deutliches Beispiel.

Ein Dokumentationszentrum am historischen Ort kann Zusammenhänge sichtbar machen, die in einem gewöhnlichen Stadtmuseum schwerer zu vermitteln wären.

Die Besucher stehen dort nicht vor einer abstrakten Landkarte.

Sie befinden sich mitten in der Landschaft, die von Kaisern, Nationalsozialisten und DDR-Funktionären genutzt wurde.

Geschichte ohne pauschale Verurteilung der Jagd

Der Titel „Jagd und Macht“ darf nicht als grundsätzliche Anklage gegen alle Jäger verstanden werden.

Jagd erfüllt heute auch Aufgaben bei Wildbestandsregulierung, Seuchenprävention, Waldumbau und Vermeidung von Wildschäden. In Brandenburg wurden im Jagdjahr 2024/25 beispielsweise mehr als 60.000 Wildschweine erlegt; besonders hohe Strecken gab es unter anderem in der Uckermark, Potsdam-Mittelmark und im Havelland.

Die historische Kritik richtet sich daher nicht gegen jeden Menschen, der jagt.

Sie richtet sich gegen die politische Instrumentalisierung der Jagd und die Nutzung von Landschaft, Staatsvermögen und Privilegien durch mächtige Eliten.

Diese Unterscheidung ist wichtig, damit aus der Ausstellung keine pauschale kulturpolitische Debatte entsteht.

Kulturpolitik muss historische Orte erhalten

Das Dokumentationszentrum wurde mit öffentlichen Mitteln unterstützt. Dazu gehörten unter anderem Lottomittel des Landes Brandenburg, Gelder aus einem Förderprogramm für Zeitgeschichte sowie Mittel aus der Jagdabgabe.

Solche Förderung ist gerechtfertigt, wenn sie dauerhaft nachvollziehbare Ergebnisse schafft.

Historische Orte benötigen:

  • fachgerechte Sanierung,
  • wissenschaftliche Aufarbeitung,
  • sichere Aufbewahrung von Objekten,
  • zeitgemäße Vermittlung,
  • und dauerhaft finanzierbaren Betrieb.

Eine einmalige Ausstellungseröffnung reicht nicht.

Entscheidend ist, ob das Zentrum auch in einigen Jahren noch gut gepflegt, personell ausreichend ausgestattet und für Schulen sowie Besucher erreichbar ist.

Geschichte muss dort erzählt werden, wo sie geschah

Die Schorfheide ist schön.

Gerade deshalb darf ihre politische Geschichte nicht hinter idyllischen Bildern von Wäldern, Seen und Wildtieren verschwinden.

Kaiser, NS-Funktionäre und DDR-Eliten nutzten diese Landschaft nicht nur zur Erholung. Sie nutzten sie als Raum der Macht.

Sie bestimmten, wer Zugang erhielt, wer ausgeschlossen blieb und wie Natur sowie staatliches Eigentum für persönliche oder politische Zwecke verwendet wurden.

Das neue Dokumentationszentrum stellt sich dieser Geschichte.

Das ist richtig und notwendig.

Konservative Kulturpolitik bedeutet nicht, ausschließlich angenehme Traditionen zu feiern. Sie bedeutet, das gesamte historische Erbe zu bewahren – auch dort, wo es unbequem ist.

Dazu gehört die preußische Geschichte ebenso wie die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und SED-Diktatur.

Dabei darf Geschichte weder beschönigt noch für heutige parteipolitische Zwecke vereinfacht werden.

Ein Museum muss Unterschiede erklären, Quellen zeigen und Besucher zum eigenen Urteil befähigen.

Genau darin liegt die Stärke eines authentischen Ortes.

Die Schorfheide ist nicht nur eine Landschaft.

Sie ist ein Zeugnis dafür, wie eng Natur, Privilegien und politische Macht miteinander verbunden sein können.

Diese Geschichte gehört nicht versteckt.

Sie gehört erzählt.