Königs Wusterhausen. Als am 22. Dezember 1920 vom Funkerberg erstmals ein Weihnachtskonzert mit Sprache und Musik ausgestrahlt wurde, begann eine neue Epoche der deutschen Mediengeschichte.
Menschen konnten plötzlich zur selben Zeit dieselben Stimmen und dieselbe Musik hören, obwohl sie sich an völlig unterschiedlichen Orten befanden. Aus einem technischen Versuch entwickelte sich ein Medium, das Politik, Unterhaltung, Kultur und den Alltag ganzer Generationen verändern sollte.
Heute gilt Königs Wusterhausen deshalb als Wiege des deutschen Rundfunks.
Nach vierjähriger Bauzeit wurde das Museum Funkerberg im historischen Senderhaus 1 am 20. Juni 2026 offiziell wiedereröffnet. Seit dem folgenden Aktionstag können Besucher die Rundfunk- und Technikgeschichte des Ortes wieder unmittelbar erleben.
Neuer Eingang und barrierefreier Zugang
Die auffälligste Veränderung befindet sich bereits am Eingang.
An das historische Senderhaus wurde ein moderner gläserner Eingangsbereich angebaut. Ein Aufzug erschließt die sechs Ausstellungsebenen nun barrierefrei. Auch Treppen, Sanitärbereiche, Fenster und Fassaden wurden erneuert beziehungsweise überarbeitet.
Damit können erstmals auch Menschen mit Rollstuhl, Rollator oder anderen Mobilitätseinschränkungen große Teile des Museums ohne die bisherigen Hindernisse besuchen.
Für ein technisches Kulturdenkmal ist das ein wichtiger Fortschritt.
Historische Gebäude stehen häufig vor einem grundsätzlichen Problem: Ihre ursprüngliche Architektur entspricht kaum den heutigen Anforderungen an Barrierefreiheit, Brandschutz und Besucherkomfort. Umbauten müssen deshalb moderne Nutzung ermöglichen, ohne den Charakter des Denkmals zu zerstören.
Auf dem Funkerberg ist beides miteinander verbunden worden. Der gläserne Neubau setzt sich sichtbar von der historischen Bausubstanz ab, ohne so zu tun, als sei er selbst ein Teil des ursprünglichen Senderhauses.
Europas umfassendste Sammlung historischer Rundfunksender
Das Museum beherbergt mehrere Tausend Exponate. Nach Angaben der Stadt Königs Wusterhausen besitzt es die europaweit umfassendste Sammlung historischer Rundfunksender.
Zu sehen sind nicht nur kleine Radiogeräte für das Wohnzimmer.
Die Ausstellung umfasst große Sendeanlagen, Röhren, Schalttafeln, Antennentechnik, Telefonanlagen, Motoren und zahlreiche Bauteile aus unterschiedlichen Epochen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Geschichte des Funkerbergs selbst. Besucher erfahren, wie aus ersten militärischen Funkversuchen eine der wichtigsten Sendeanlagen Deutschlands entstand.
Die Dimensionen der Technik überraschen.
Heute lassen sich Radioprogramme mit kleinen digitalen Geräten oder sogar einem Mobiltelefon produzieren und verbreiten. Früher benötigte ein Sender gewaltige Hallen, schwere Maschinen, komplexe Kühlung und große Antennenanlagen.
Das Museum zeigt deshalb nicht nur Mediengeschichte.
Es zeigt auch, wie schnell sich Technik innerhalb eines Jahrhunderts verändert hat.
Die Radiowand wird wieder lebendig
Überarbeitet wurde unter anderem die sogenannte Radiowand. Dort befinden sich mehr als 50 historische Empfangsgeräte aus rund 100 Jahren Rundfunkgeschichte.
Die Spannweite reicht vom einfachen Detektorempfänger bis zum Röhrenradio. Nach Möglichkeit sollen Geräte künftig nicht nur hinter Glas stehen, sondern wieder hör- und erlebbar werden.
Gerade dieser Ansatz kann das Museum für jüngere Besucher interessant machen.
Ein ausgeschaltetes Radio ist zunächst nur ein Gegenstand.
Wenn es jedoch knackt, rauscht und plötzlich Musik oder eine alte Stimme erklingt, wird Geschichte unmittelbar verständlich. Besucher hören, wie mühsam Sender früher eingestellt wurden und wie stark sich Klangqualität und Bedienung verändert haben.
Viele ältere Gäste werden Geräte wiedererkennen, die einst im Wohnzimmer ihrer Eltern oder Großeltern standen.
Für Kinder und Jugendliche dagegen wirken selbst Geräte aus den 1970er- oder 1980er-Jahren bereits wie Technik aus einer weit entfernten Welt.
Der 1.000-PS-Dieselmotor bleibt ein Höhepunkt
Zu den eindrucksvollsten Exponaten gehört ein betriebsfähiger Deutz-Dieselmotor mit 1.000 PS.
Der Motor stammt aus dem Jahr 1935 und diente der Energieversorgung der Sendeanlagen. Nach Angaben des Museums handelt es sich um das letzte erhaltene Exemplar seiner Bauart. Bei besonderen Vorführungen kann die Maschine weiterhin in Betrieb erlebt werden.
Der Motor vermittelt, welcher Aufwand notwendig war, um Rundfunk zuverlässig auszustrahlen.
Ein Sender durfte nicht einfach verstummen, wenn das öffentliche Stromnetz ausfiel. Deshalb benötigten die Anlagen eine eigene leistungsfähige Notstromversorgung.
Wenn der historische Dieselmotor startet, geht es nicht nur um Lautstärke und Technikbegeisterung.
Er macht deutlich, dass Rundfunk von Anfang an als kritische Infrastruktur betrachtet wurde.
Das Weihnachtskonzert von 1920 machte Geschichte
Der Funkerberg ist eng mit dem Weihnachtskonzert vom 22. Dezember 1920 verbunden.
Damals übertrugen Techniker Sprache und Musik über einen Langwellensender. Das Programm gilt als eine der ersten öffentlichen Rundfunksendungen Deutschlands und als entscheidender Meilenstein auf dem Weg zum regulären Radio.
Die Übertragung war noch kein Rundfunk im heutigen Sinne.
Es gab keine flächendeckenden Programme, keine öffentlich-rechtlichen Sender und keine Millionen Haushalte mit Radiogeräten. Dennoch zeigte das Konzert, was technisch möglich war.
Musik konnte drahtlos über große Entfernungen übertragen werden.
Aus dieser Möglichkeit entstand wenige Jahre später ein neues Massenmedium.
Der Funkerberg steht damit am Beginn einer Entwicklung, die später Nachrichten, Sportübertragungen, Hörspiele, Unterhaltung und politische Reden in nahezu jedes Wohnzimmer brachte.
Rundfunk war nie nur Unterhaltung
Das Museum sollte jedoch nicht ausschließlich technische Erfolge feiern.
Rundfunk war immer auch ein politisches Machtinstrument.
Regierungen und politische Bewegungen erkannten früh, dass sich über Radio Millionen Menschen gleichzeitig erreichen lassen. Im Nationalsozialismus wurde Rundfunk systematisch für Propaganda, Durchhalteparolen und ideologische Kontrolle eingesetzt.
Auch in der DDR blieb Radio ein staatlich kontrolliertes Medium. Sendetechnik und Programme waren Teil eines politischen Systems, das Informationen lenkte und unliebsame Stimmen begrenzte.
Die Geschichte des Funkerbergs berührt deshalb mehrere politische Systeme:
- Kaiserreich,
- Weimarer Republik,
- Nationalsozialismus,
- sowjetische Besatzungszeit,
- DDR,
- und das wiedervereinigte Deutschland.
Eine moderne Ausstellung muss diese Zusammenhänge sichtbar machen.
Technik ist nicht neutral, sobald Menschen entscheiden, welche Inhalte über sie verbreitet werden.
Vom Staatsfunk zur digitalen Medienwelt
Der Rundfunk hat sich seit 1920 grundlegend verändert.
Lange Zeit bestimmten wenige große Sender, welche Nachrichten, Musik und Unterhaltung die Menschen erreichten. Radio und später Fernsehen hatten eine nahezu monopolartige Stellung.
Heute konkurrieren klassische Programme mit:
- Podcasts,
- Musikstreaming,
- Internetradio,
- sozialen Netzwerken,
- Videoplattformen,
- und digitalen Nachrichtendiensten.
Jeder Mensch kann mit vergleichsweise einfacher Technik selbst Inhalte produzieren und weltweit veröffentlichen.
Diese Entwicklung wirkt wie das genaue Gegenteil der großen zentralen Sendeanlagen auf dem Funkerberg.
Trotzdem besteht eine direkte Verbindung.
Die Grundidee ist gleich geblieben: Sprache, Musik und Informationen werden technisch über Entfernung übertragen.
Das Museum kann deshalb nicht nur erzählen, wie Radio früher funktionierte. Es kann auch zeigen, wie sich Kommunikation verändert und welche Fragen dabei gleich geblieben sind.
Wer sendet? Wer empfängt? Wer kontrolliert Inhalte? Wem vertrauen die Menschen?
Welle 370 hält die Tradition lebendig
Die Geschichte des Funkerbergs endet nicht mit dem Museum.
Mit dem Museumsradio welle370 wird die Tradition der historischen Sonntags- und Weihnachtskonzerte fortgeführt. An ausgewählten Terminen werden Programme über Mittelwelle ausgestrahlt.
Damit bleibt der Ort ein aktiver Sendestandort.
Für Radiofreunde und Funkamateure besitzt eine solche Mittelwellenausstrahlung besonderen Reiz. Sie erinnert an eine Technik, die im gewöhnlichen Rundfunkbetrieb weitgehend verschwunden ist.
Gleichzeitig können Besucher erleben, dass die historischen Anlagen nicht nur tote Museumsstücke sind.
Sie gehören zu einer lebendigen technischen Tradition.
Ehrenamtliche bewahrten die Anlagen
Dass der Funkerberg heute als Museum existiert, ist wesentlich dem Einsatz von Technikfreunden und Ehrenamtlichen zu verdanken.
Der Förderverein „Sender Königs Wusterhausen“ setzt sich seit den 1990er-Jahren für den Erhalt der Anlagen ein. Mitglieder restaurieren Geräte, organisieren Aktionstage, führen Besucher durch die Ausstellung und bewahren technisches Wissen, das sonst verloren gehen könnte.
Gerade historische Großtechnik lässt sich nicht allein durch das Aufstellen eines Schildes erhalten.
Maschinen müssen gewartet, Bauteile geprüft und Funktionsweisen dokumentiert werden. Viele Geräte stammen aus einer Zeit, deren Fachleute inzwischen im Ruhestand sind oder nicht mehr leben.
Ohne ehrenamtliche Techniker wäre ein großer Teil dieses Wissens kaum noch verfügbar.
Das Museum zeigt damit auch, wie wichtig bürgerschaftliches Engagement für die Kulturpflege ist.
Nicht jedes bedeutende Denkmal wird von einer großen staatlichen Institution getragen.
Oft sind es Vereine und einzelne Enthusiasten, die verhindern, dass Geschichte verschrottet oder vergessen wird.
Vier Jahre Schließzeit waren eine lange Belastung
Die Sanierung war notwendig, bedeutete für das Museum aber eine lange Unterbrechung.
Vier Jahre ohne regulären Museumsbetrieb sind für jede Kultureinrichtung schwierig. Besucher bleiben aus, Veranstaltungen können nur eingeschränkt stattfinden und die öffentliche Wahrnehmung nimmt ab.
Mit der Wiedereröffnung beginnt deshalb nicht nur ein neuer Ausstellungsbetrieb.
Das Museum muss sein Publikum teilweise neu gewinnen.
Dazu gehören Familien, Schulklassen, Touristen, Funkfreunde und technisch interessierte Besucher aus Berlin und Brandenburg.
Die modernisierten Räume schaffen dafür bessere Voraussetzungen.
Entscheidend wird nun sein, wie regelmäßig Sonderveranstaltungen, Vorführungen und Bildungsangebote stattfinden.
Königs Wusterhausen kann stärker von seiner Geschichte profitieren
Der Funkerberg ist für Königs Wusterhausen ein Alleinstellungsmerkmal.
Viele Städte besitzen ein Heimatmuseum, ein Schloss oder eine historische Altstadt. Nur wenige können glaubhaft behaupten, an einem zentralen Beginn der deutschen Mediengeschichte zu stehen.
Diesen Vorteil sollte die Stadt stärker nutzen.
Königs Wusterhausen liegt südöstlich von Berlin und ist mit Regionalbahn und S-Bahn erreichbar. Das Museum kann deshalb sowohl Touristen aus Brandenburg als auch Tagesbesucher aus der Hauptstadt anziehen.
Mögliche Verbindungen bestehen mit:
- dem Schloss Königs Wusterhausen,
- dem Dahme-Seenland,
- dem Dahmelandmuseum,
- Ausflügen nach Zeuthen und Wildau,
- sowie touristischen Angeboten rund um Seen und Wasserwege.
Technikgeschichte und Naherholung können sich dabei ergänzen.
Ein Besucher muss nicht ausschließlich wegen alter Senderanlagen in die Region reisen. Das Museum kann Teil eines ganzen Tagesausflugs sein.
Ein besonderer Lernort für Schulen
Für Schulen bietet der Funkerberg zahlreiche Anknüpfungspunkte.
Im Physikunterricht geht es um elektromagnetische Wellen, Antennen, Energie und Signalübertragung. Geschichte und Politik können untersuchen, wie Rundfunk in Diktaturen und Demokratien genutzt wurde. Im Deutsch- oder Musikunterricht lassen sich Hörspiele, Radiobeiträge und historische Aufnahmen behandeln.
Auch Medienbildung gehört dazu.
Kinder und Jugendliche wachsen heute mit sozialen Netzwerken und ständig verfügbaren Inhalten auf. Der Funkerberg kann zeigen, dass Massenkommunikation nicht selbstverständlich ist, sondern eine lange technische und politische Entwicklung besitzt.
Der neue barrierefreie Zugang verbessert zugleich die Möglichkeiten für inklusive Schulbesuche.
Das Museum bietet außerdem eine Jugendwerkstatt, in der Besucher bei Aktionstagen selbst technische Arbeiten und Lötbasteleien ausprobieren können.
Technikmuseen bewahren mehr als Maschinen
Technikgeschichte wird gelegentlich als trockene Spezialkultur für ältere Männer und Sammler betrachtet.
Das wird ihrer Bedeutung nicht gerecht.
Maschinen erzählen, wie Menschen gearbeitet, kommuniziert und ihre Gesellschaft organisiert haben. Sie zeigen, welche Fähigkeiten eine Region besaß und welche Industrien ganze Städte prägten.
In Ostdeutschland gingen nach 1990 zahlreiche Betriebe, technische Berufe und industrielle Strukturen verloren. Mit ihnen verschwand auch viel Wissen.
Museen wie der Funkerberg bewahren deshalb einen Teil der ostdeutschen und deutschen Arbeits- und Technikgeschichte.
Sie erinnern an Ingenieure, Techniker, Monteure und Funker, deren Leistungen häufig weniger bekannt sind als die Namen berühmter Politiker oder Künstler.
Öffnungszeiten und Eintritt
Nach der Wiedereröffnung ist das Museum regulär dienstags und donnerstags von 10 bis 17 Uhr sowie samstags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Zu besonderen Aktionstagen öffnet es zusätzlich an Sonntagen. Der reguläre Eintritt liegt bei sieben Euro, ermäßigt bei fünf Euro.
Führungen und Vorführungen sollten möglichst vorab geplant werden, besonders wenn Besucher den historischen Dieselmotor oder spezielle Sendetechnik in Betrieb erleben möchten.
Für den 29. August 2026 ist zudem ein Thementag im Kultursaal des Senderhauses angekündigt.
Ostdeutsche Technikgeschichte verdient mehr Aufmerksamkeit
Der Funkerberg ist kein gewöhnliches Heimatmuseum.
Hier begann eine Entwicklung, die das Leben der Menschen tiefgreifend verändert hat.
Ohne Rundfunk wären die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts kaum vorstellbar. Radio brachte Musik in die Wohnzimmer, übertrug Nachrichten und Sportereignisse, rettete Menschen in Notlagen – und wurde zugleich für Propaganda und staatliche Kontrolle missbraucht.
Diese Geschichte begann nicht in München, Hamburg oder Köln.
Sie begann in Königs Wusterhausen.
Darauf kann Brandenburg stolz sein.
Doch Stolz allein erhält kein Denkmal. Historische Anlagen benötigen Geld, Fachwissen, Ehrenamt und Besucher. Die vierjährige Sanierung war deshalb eine wichtige Investition in ein Stück deutscher Kulturgeschichte.
Konservative Kulturpolitik bedeutet, gewachsene Orte nicht verfallen zu lassen und technische Leistungen früherer Generationen sichtbar zu bewahren.
Sie bedeutet aber auch, Museen nicht in der Vergangenheit einzuschließen.
Der Funkerberg muss erklären, was seine Geschichte mit der heutigen Medienwelt zu tun hat. Denn auch heute geht es um Reichweite, Meinungsmacht, Wahrheit, Manipulation und Vertrauen.
Die Geräte haben sich verändert.
Die grundlegenden Fragen sind geblieben.
Das Museum Funkerberg kann deshalb mehr sein als eine Sammlung beeindruckender Maschinen.
Es kann ein Ort sein, an dem Menschen verstehen, wie Kommunikation unsere Gesellschaft formt.
Nach vier Jahren Schließzeit sendet der Funkerberg wieder.
Diese Frequenz sollte Brandenburg nutzen.