Thüringens Abiturienten gehören bei den Abschlussnoten seit Jahren zur bundesweiten Spitzengruppe. Nach den vorliegenden Ergebnissen des Abschlussjahrgangs 2026 liegt der Notendurchschnitt im Freistaat bei 2,11. Insgesamt erwarben 5.945 Schülerinnen und Schüler die allgemeine Hochschulreife – fast 100 mehr als im Schuljahr 2024/2025. 235 Absolventen erreichten sogar die Bestnote 1,0.
Besonders auffällig ist jedoch nicht allein die Zahl der perfekten Abschlüsse. Der Anteil der Abiturienten mit einer Eins vor dem Komma lag in Thüringen im zuletzt verfügbaren bundesweiten Vergleich bei fast 40 Prozent. Damit befindet sich der Freistaat an der Spitze.
Diese Zahlen lösen eine grundsätzliche Debatte aus. Sind Thüringens Schüler tatsächlich besonders leistungsstark und gut auf Abschlussprüfungen vorbereitet? Oder werden Spitzennoten inzwischen so häufig vergeben, dass sie ihren Wert als verlässliches Auswahlkriterium verlieren?
Abiturdurchschnitt verbessert sich leicht auf 2,11
Der Abiturdurchschnitt in Thüringen verbesserte sich 2026 geringfügig. Im vergangenen Schuljahr hatte er bei 2,13 gelegen, nun beträgt er 2,11.
Auch die Zahl der Absolventen stieg. Von ursprünglich 6.065 Schülern, die im Frühjahr in den Abiturjahrgang gestartet waren, schlossen nach den veröffentlichten Ergebnissen 5.945 die Schule mit dem Abitur ab.
235 Abiturienten erreichen die Bestnote 1,0
Die Zahl der Absolventen mit einem glatten Einser-Abitur erhöhte sich von 224 im Vorjahr auf 235. Das entspricht knapp vier Prozent aller erfolgreichen Abiturienten.
Die Bestnote 1,0 ist allerdings nur ein Teil der Entwicklung. Deutlich größer ist die Gruppe der Schüler, deren Abschlussnote zwischen 1,0 und 1,9 liegt.
Nach Angaben des MDR erreichte im jüngsten verfügbaren Ländervergleich fast jeder zweite bis dritte Thüringer Abiturient eine Eins vor dem Komma; der Anteil lag zuletzt bei annähernd 40 Prozent.
Gemeinschaftsschulen erreichen besten Durchschnitt
Zwischen den verschiedenen Thüringer Schularten bestehen beim Abitur 2026 nur vergleichsweise geringe Unterschiede.
Die besten Durchschnittsnoten erzielten Schüler an Gemeinschaftsschulen mit 2,05. Gymnasiasten erreichten im Mittel 2,10. An berufsbildenden Schulen lag der Durchschnitt bei 2,22.
Unterschiede bleiben insgesamt überschaubar
Die Zahlen sprechen nicht dafür, dass die vielen guten Abschlüsse ausschließlich aus einer bestimmten Schulart stammen.
Gemeinschaftsschulen schneiden zwar etwas besser ab, doch auch Gymnasien und berufliche Schulen liegen nicht weit entfernt. Das deutet auf eine landesweite Besonderheit des Thüringer Bildungssystems hin.
Eine mögliche Erklärung ist die Besondere Leistungsfeststellung, kurz BLF, die Schüler bereits am Ende der zehnten Klasse absolvieren müssen.
Thüringens Schüler legen vor dem Abitur eine weitere Prüfung ab
Die BLF ist eine Besonderheit des Thüringer Schulsystems. Sie findet am Ende der zehnten Klasse statt und führt zum Erwerb eines dem Realschulabschluss gleichwertigen Abschlusses.
Im Jahr 2026 nahmen 6.075 Schüler daran teil. Geprüft wurden unter anderem Deutsch, Mathematik sowie die Naturwissenschaften Biologie, Chemie und Physik. Das Bestehen ist Voraussetzung für den Eintritt in die Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe.
BLF wirkt wie eine zusätzliche Hürde
Während Schüler in anderen Bundesländern teilweise ohne eine vergleichbare zentrale Prüfung in die Oberstufe wechseln, müssen Thüringer Gymnasiasten bereits in der zehnten Klasse zeigen, dass sie den Anforderungen gewachsen sind.
Tim Reukauf vom Thüringer Lehrerverband sieht darin einen entscheidenden Grund für die überdurchschnittlich guten Abiturergebnisse. Die BLF sorge dafür, dass vor allem Jugendliche mit den notwendigen fachlichen Voraussetzungen ihren Weg in der Oberstufe fortsetzen.
Damit erfüllt die Prüfung eine Auswahl- und Vorbereitungsfunktion. Schüler sammeln bereits zwei oder drei Jahre vor dem Abitur Erfahrung mit zentralen Prüfungssituationen, Zeitdruck und verbindlichen Leistungsanforderungen.
Lehrervertreter sieht gute Vorbereitung statt zu leichter Noten
Der Thüringer Lehrerverband widerspricht der pauschalen Vermutung, die guten Abschlüsse seien vor allem durch großzügige Bewertungen entstanden.
Aus Sicht des Verbands könnte Thüringen schlicht bessere Voraussetzungen schaffen. Die Schüler seien durch die BLF mit Abschlussprüfungen vertraut und gingen deshalb routinierter in das Abitur.
Prüfungserfahrung kann Sicherheit schaffen
Eine zentrale Prüfung ist nicht nur ein Test des Fachwissens. Sie verlangt auch organisatorische Fähigkeiten:
- Aufgaben müssen unter Zeitdruck bearbeitet werden,
- umfangreiche Texte müssen schnell erfasst werden,
- Ergebnisse müssen strukturiert dargestellt werden,
- Nervosität muss kontrolliert werden,
- Prüfungsanforderungen müssen richtig eingeschätzt werden.
Wer diese Situation bereits in der zehnten Klasse erlebt hat, kann im Abitur davon profitieren.
Die guten Ergebnisse könnten demnach Ausdruck eines Systems sein, das frühzeitig fordert und Schüler gezielt auf den Abschluss vorbereitet.
Deutscher Lehrerverband warnt vor Noteninflation
Eine kritischere Einschätzung kommt vom Deutschen Lehrerverband. Dessen Präsident Stefan Düll sieht bundesweit die Gefahr, dass gute Abiturnoten immer häufiger vergeben werden und dadurch ihre Aussagekraft verlieren.
Nach seiner Einschätzung wurden in einigen Bundesländern Bewertungsregeln geschaffen, durch die schwächere Leistungen teilweise weniger stark in die Gesamtnote eingehen.
Politischer Druck auf Abschlussquoten
Düll vermutet, dass Bildungsministerien nach Veränderungen am Abitur vermeiden wollen, mit schlechteren Ergebnissen konfrontiert zu werden.
Schlechtere Noten und höhere Durchfallquoten können politisch schnell als Versagen des jeweiligen Schulsystems ausgelegt werden. Daraus kann ein Anreiz entstehen, Prüfungen, Bewertungsmaßstäbe oder Einbringungsregeln so zu gestalten, dass die Ergebnisse stabil bleiben.
Für Thüringen ist damit allerdings noch nicht bewiesen, dass die Noten tatsächlich zu großzügig vergeben werden. Die Debatte zeigt vielmehr, wie schwierig es ist, Leistungen verschiedener Bundesländer miteinander zu vergleichen.
Eine Eins ist nicht in jedem Bundesland gleich aussagekräftig
Das Abitur gilt bundesweit als allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Dennoch unterscheiden sich Schulsysteme, Fächerwahl, Prüfungsordnungen und Bewertungsregeln zwischen den Ländern.
Zwar greifen die Länder zunehmend auf gemeinsame Aufgabenpools zurück. Die Gesamtnote besteht jedoch nicht nur aus zentralen Abschlussprüfungen.
Ein erheblicher Teil wird während der Oberstufe durch Klausuren, mündliche Mitarbeit, Projekte und weitere schulische Leistungen erworben.
Unterschiedliche Regeln beeinflussen die Endnote
Je nach Bundesland kann unterschiedlich geregelt sein:
- welche Kurse eingebracht werden müssen,
- ob schwächere Leistungen gestrichen werden können,
- wie stark Prüfungsfächer gewichtet werden,
- welche Wahlmöglichkeiten bestehen,
- wie mündliche und schriftliche Leistungen verrechnet werden,
- welche Zusatzleistungen anerkannt werden.
Damit kann ein Abiturdurchschnitt von 1,5 in zwei Bundesländern auf unterschiedlichen schulischen Wegen entstanden sein.
Für Universitäten ist das problematisch, wenn sie Bewerber nahezu ausschließlich anhand der Abschlussnote auswählen.
Numerus clausus verliert an Trennschärfe
Besonders begehrte Studiengänge wie Medizin, Psychologie, Zahnmedizin oder Pharmazie erhalten regelmäßig deutlich mehr Bewerbungen als Studienplätze verfügbar sind.
Die Abiturnote dient dort als wichtiges Auswahlkriterium. Wenn immer mehr Bewerber mit sehr guten Abschlüssen antreten, reicht sie jedoch nicht mehr aus, um zwischen ihnen zu unterscheiden.
Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands warnt deshalb davor, dass das Leistungsniveau von Einser-Abiturienten zunehmend schwieriger zu vergleichen sei.
Universitäten benötigen zusätzliche Auswahlverfahren
Schon heute setzen Hochschulen neben der Abiturnote teilweise auf:
- Studierfähigkeitstests,
- Auswahlgespräche,
- Berufserfahrung,
- Praktika,
- fachspezifische Tests,
- Warte- oder Dienstzeiten,
- gewichtete Einzelnoten.
Diese Verfahren sind aufwendig und verursachen zusätzliche Kosten.
Für Bewerber bedeuten sie mehr Prüfungen und Unsicherheit. Gleichzeitig können sie gerechter sein, wenn eine einzelne Gesamtnote nicht mehr ausreichend zwischen unterschiedlichen Leistungen unterscheidet.
Gute Noten dürfen nicht pauschal abgewertet werden
Die Bezeichnung „Einser-Schwemme“ birgt die Gefahr, die Leistungen junger Menschen kleinzureden.
Ein Abitur mit einer Eins vor dem Komma verlangt in der Regel über mehrere Jahre hinweg konstant gute Leistungen. Schüler müssen Prüfungen bestehen, Hausaufgaben erledigen, Referate halten und zahlreiche Kurse erfolgreich abschließen.
Auch der Thüringer Lehrerverband betont, dass es falsch sei, den Absolventen vorschnell zu unterstellen, ihre Noten seien nicht verdient.
Leistungsbereitschaft verdient Anerkennung
Thüringens Bildungsminister Christian Tischner wertete bereits den stabilen Abschlussdurchschnitt als Zeichen für die Leistungsfähigkeit der Schüler und für die Arbeit der Lehrerkollegien. Er verwies auf das Prinzip des Förderns und Forderns.
Die Ergebnisse können daher durchaus als Erfolg verstanden werden:
- Thüringer Schüler erreichen konstant gute Abschlüsse,
- die Zahl der Abiturienten wächst,
- Gemeinschaftsschulen schneiden stark ab,
- viele Jugendliche bewältigen eine zusätzliche Prüfung in Klasse zehn,
- Lehrkräfte bereiten die Schüler offenbar wirksam vor.
Die bloße Zahl guter Noten beweist noch keine Absenkung des Leistungsniveaus.
Entscheidend ist, was Schüler tatsächlich können
Ob eine Noteninflation vorliegt, lässt sich nicht allein am Abiturdurchschnitt erkennen.
Dafür müssten die tatsächlichen Kompetenzen der Schüler über längere Zeiträume und zwischen den Bundesländern verglichen werden. Wichtig wären Ergebnisse in Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften.
Abschlussnoten und Vergleichstests gemeinsam betrachten
Ein belastbares Bild entsteht erst, wenn mehrere Datenquellen miteinander verbunden werden:
- Abiturnoten,
- Ergebnisse zentraler Prüfungen,
- bundesweite Bildungsvergleiche,
- Studienerfolg an Hochschulen,
- Abbruchquoten,
- Leistungsentwicklung in Ausbildung und Beruf.
Erreichen Schüler sehr gute Abschlussnoten, haben später aber große Schwierigkeiten im Studium, könnte das auf überhöhte Bewertungen hindeuten.
Sind sie dagegen auch an Hochschulen und in der Berufsausbildung erfolgreich, spricht dies eher für eine tatsächlich gute Vorbereitung.
Thüringen sollte seine Ergebnisse transparent erklären
Die außergewöhnlich hohe Quote sehr guter Abiturabschlüsse ist grundsätzlich erfreulich. Sie verlangt aber auch Transparenz.
Das Bildungsministerium sollte nachvollziehbar darstellen, wie sich die Noten zusammensetzen und welche Rolle Prüfungen, Kursleistungen und Wahlmöglichkeiten spielen.
Ein bundesweiter Vergleich wäre sinnvoll
Besonders hilfreich wären vergleichbare Angaben zu:
- Anteil der Abschlüsse zwischen 1,0 und 1,9,
- Ergebnissen einzelner Prüfungsfächer,
- Verhältnis zwischen Vornoten und Prüfungsnoten,
- Zahl der gestrichenen oder nicht eingebrachten Kurse,
- Erfolgsquoten nach Schularten,
- späterem Studienerfolg der Absolventen.
Nur dann lässt sich seriös beurteilen, ob Thüringen besonders leistungsstarke Schüler hervorbringt oder ob das Bewertungssystem gute Noten begünstigt.
BLF bleibt politisch umstritten
Die Besondere Leistungsfeststellung wird seit Jahren unterschiedlich bewertet.
Befürworter sehen sie als verlässlichen Leistungsnachweis und wichtige Vorbereitung auf die Oberstufe. Kritiker befürchten zusätzlichen Prüfungsdruck und eine frühe Auswahl von Schülern.
Prüfung kann fördern und aussortieren
Beide Wirkungen können gleichzeitig eintreten.
Die BLF zwingt Schulen und Schüler dazu, sich frühzeitig mit grundlegenden Kompetenzen auseinanderzusetzen. Wer Defizite hat, erkennt sie vor dem Eintritt in die Oberstufe.
Gleichzeitig kann die Prüfung dazu führen, dass Schüler den Weg zum Abitur nicht fortsetzen, obwohl sie sich mit zusätzlicher Unterstützung noch erfolgreich entwickeln könnten.
Die guten Abiturergebnisse können deshalb teilweise daraus entstehen, dass die spätere Gruppe der Prüflinge bereits stärker ausgewählt ist als in anderen Ländern.
Fast 40 Prozent sind ein starkes Signal
Dass zuletzt fast 40 Prozent der Thüringer Abiturienten eine Eins vor dem Komma erreichten, ist ungewöhnlich.
Diese Zahl sollte weder als automatischer Beweis für ein besonders gutes Schulsystem noch als Beleg für wertlose Noten betrachtet werden.
Sie zeigt aber, dass Thüringens Abschlussstruktur genauer untersucht werden muss.
Leistung schützen statt Spitzennoten politisch zu produzieren
Ein gerechtes Abitur muss zwei Ziele verbinden:
Es muss Schülern ermöglichen, ihre tatsächlichen Fähigkeiten zu zeigen. Gleichzeitig muss es Unterschiede zwischen guten, sehr guten und herausragenden Leistungen sichtbar machen.
Werden Spitzennoten zu häufig vergeben, verlieren sie ihren besonderen Wert. Werden sie aus politischen Gründen künstlich verknappt, benachteiligt dies leistungsstarke Schüler.
Thüringen muss deshalb weder seine guten Ergebnisse schlechtreden noch Kritik pauschal zurückweisen. Entscheidend ist eine offene Prüfung der Bewertungsregeln.
Thüringen kann stolz sein – muss aber vergleichbar bleiben
Der Abiturjahrgang 2026 liefert zunächst erfreuliche Zahlen. 5.945 junge Menschen haben die Hochschulreife erworben, der Durchschnitt verbesserte sich auf 2,11 und 235 Absolventen erreichten die Bestnote 1,0.
Die hohe Zahl sehr guter Abschlüsse kann für leistungsfähige Schulen, engagierte Lehrer und eine erfolgreiche Prüfungsvorbereitung sprechen.
Gleichzeitig ist die Frage nach der bundesweiten Vergleichbarkeit berechtigt. Ein Abitur muss nicht in jedem Land völlig identisch sein. Es sollte aber zuverlässig erkennen lassen, welches fachliche Niveau ein Absolvent erreicht hat.
Die Thüringer BLF könnte dabei ein Vorteil sein: Sie fordert frühzeitig Leistung und bereitet auf Prüfungssituationen vor. Ob sie allein die außergewöhnlich vielen Einser-Abschlüsse erklärt, ist jedoch offen.
Statt vorschnell von einer „Einser-Schwemme“ zu sprechen, braucht es eine sachliche Auswertung. Gute Leistungen verdienen Anerkennung. Ihr Wert bleibt aber nur erhalten, wenn Bewertungsmaßstäbe anspruchsvoll, transparent und bundesweit nachvollziehbar sind.