Potsdam. Brandenburg startet mit einem ernüchternden Eingeständnis in die Sommerferien: Auch zum Beginn des neuen Schuljahres werden voraussichtlich nicht alle offenen Lehrerstellen besetzt sein.

Bildungsminister Gordon Hoffmann von der CDU erklärte, die staatlichen Schulämter arbeiteten zwar mit Hochdruck an der Personalgewinnung. Eine vollständige Besetzung werde jedoch nicht an jeder Schule gelingen. Betroffen sind vor allem Standorte, für die sich nur wenige oder gar keine geeigneten Bewerber finden.

Damit droht der Lehrermangel erneut unmittelbar im Klassenzimmer anzukommen.

An einzelnen Schulen könnte die vorgeschriebene Stundentafel nicht mehr vollständig eingehalten werden. Denkbar sind beispielsweise Kürzungen bei Förderstunden oder eine vorübergehende Verringerung des Unterrichtsumfangs in bestimmten Fächern. Hoffmann warnte zugleich davor, dass dauerhaft unterschrittene Stundentafeln sogar Fragen nach der bundesweiten Anerkennung brandenburgischer Schulabschlüsse aufwerfen könnten.

322.000 Unterrichtsstunden ersatzlos ausgefallen

Wie angespannt die Situation bereits ist, zeigen die Zahlen aus dem Schuljahr 2024/2025.

Nach Angaben des Bildungsministeriums fielen an den öffentlichen Schulen Brandenburgs rund 322.000 Unterrichtsstunden ersatzlos aus. Das entsprach etwa 2,2 Prozent aller vorgesehenen Stunden. Hinter dieser Zahl stehen Hunderttausende einzelne Unterrichtseinheiten, in denen Schüler weder regulär unterrichtet noch durch eine andere Lehrkraft betreut wurden.

Unterrichtsausfall bedeutet dabei mehr als eine freie Stunde.

Fehlt regelmäßig Mathematik-, Deutsch- oder Fremdsprachenunterricht, entstehen Lernlücken. Diese treffen besonders Kinder, deren Eltern fehlenden Unterricht nicht durch Nachhilfe oder eigene Unterstützung ausgleichen können.

Der Lehrermangel wird damit auch zu einer sozialen Frage.

Eltern übergeben 10.000 Unterschriften

Der Landeselternrat hat Bildungsminister Hoffmann rund 10.000 Unterschriften übergeben. Die Aktion stand unter dem Motto „Unterricht statt Ausfall – verlässliche Bildung für Brandenburg“.

Die ursprünglich für eine formelle Volksinitiative erforderliche Zahl von 20.000 Unterschriften wurde zwar nicht erreicht. Die Elternvertreter sehen die Aktion dennoch als Erfolg, weil der Unterrichtsausfall nun stärker öffentlich diskutiert werde. Sie wollen weiterhin kontrollieren, ob die Landesregierung ihre angekündigten Maßnahmen tatsächlich umsetzt.

Die Botschaft der Eltern ist eindeutig:

Schule darf nicht davon abhängen, in welchem Landkreis eine Familie lebt oder ob eine Lehrkraft zufällig für einen bestimmten Standort gewonnen werden kann.

Lehrer sollen notfalls versetzt werden

Eine der umstrittensten Überlegungen betrifft die Verteilung der vorhandenen Lehrkräfte.

Hoffmann schließt nicht aus, verbeamtete Lehrer zeitlich begrenzt an andere Schulen zu versetzen, wenn sich für besonders stark betroffene Standorte keine Freiwilligen finden. Zunächst sollen freiwillige Umsetzungen geprüft werden. Erst wenn diese nicht ausreichen, kämen verpflichtende Maßnahmen infrage.

Aus Sicht des Landes klingt das nachvollziehbar: Wenn an einer Schule vergleichsweise viele Lehrer beschäftigt sind und an einer anderen Unterricht kaum noch abgesichert werden kann, liegt eine Umverteilung nahe.

Für die betroffenen Pädagogen kann eine solche Entscheidung jedoch tief in das private Leben eingreifen.

Längere Fahrtwege, familiäre Verpflichtungen und bestehende Bindungen an ein Kollegium oder einen Wohnort lassen sich nicht einfach ignorieren. Eine Versetzung kann außerdem dazu führen, dass Lehrkräfte ihre Arbeitszeit reduzieren, sich versetzen lassen oder das Bundesland ganz verlassen.

Das Land muss deshalb sehr genau prüfen, wann eine verpflichtende Versetzung verhältnismäßig ist und welche Entfernungen Lehrern zugemutet werden können.

Der Speckgürtel zieht Personal an

Die Personalprobleme sind innerhalb Brandenburgs sehr unterschiedlich verteilt.

Schulen im Berliner Umland können Stellen häufig leichter besetzen als Einrichtungen in der Prignitz, der Uckermark, im Süden Brandenburgs oder in abgelegenen ländlichen Regionen. Nähe zu Berlin, bessere Verkehrsanbindungen, mehr Wohn- und Freizeitangebote sowie Arbeitsmöglichkeiten für Partner machen den Speckgürtel für viele Bewerber attraktiver.

In dünn besiedelten Regionen konkurrieren Schulen dagegen nicht nur untereinander, sondern teilweise auch mit anderen Bundesländern um wenige ausgebildete Lehrkräfte.

Damit wächst die Gefahr eines zweigeteilten Bildungssystems:

  • vergleichsweise gute Versorgung rund um Berlin,
  • zunehmende Personalnot in ländlichen Gebieten,
  • mehr Seiteneinsteiger an schwer zu besetzenden Schulen,
  • größere Klassen und weniger Förderangebote,
  • längere Schulwege und eingeschränkte Fächerwahl.

Gerade Regionen, die ohnehin unter Abwanderung und Fachkräftemangel leiden, werden dadurch zusätzlich geschwächt.

Erst wurden Stellen gestrichen

Besonders erklärungsbedürftig ist die Personalpolitik der vergangenen Jahre.

Im Haushalt 2025 wurden nach Angaben des Ministers 345 Vollzeitstellen gestrichen. Hoffmann erklärte später, diese Kürzung habe die Situation verschärft. Dadurch hätten unter anderem zahlreiche Seiteneinsteiger nicht eingestellt werden können.

Die damalige Landesregierung aus SPD und BSW hatte den Sparkurs mit der Haushaltslage begründet. Inzwischen regieren SPD und CDU, und die neue Koalition will 250 zusätzliche Stellen schaffen. Diese Stellen müssen jedoch erst mit dem kommenden Haushalt beschlossen und anschließend tatsächlich besetzt werden.

Selbst wenn alle 250 Stellen geschaffen werden, wäre damit nicht einmal die gesamte vorherige Kürzung von 345 Stellen ausgeglichen.

Hinzu kommt: Eine neue Stelle auf dem Papier ist noch keine Lehrkraft im Klassenzimmer. Entscheidend ist, ob sich qualifizierte Bewerber finden und ob diese bereit sind, an den Schulen mit dem größten Bedarf zu arbeiten.

Mehr Unterricht für vorhandene Lehrkräfte

Seit Februar 2026 müssen zahlreiche Lehrkräfte in Brandenburg eine zusätzliche Unterrichtsstunde pro Woche übernehmen. Das Land wollte damit einen Teil des Personalmangels auffangen.

Nach Angaben des Bildungsministeriums betrifft die Änderung allerdings nicht alle Lehrkräfte gleichermaßen. Bei etwa 40 Prozent habe sie keine Auswirkung auf die individuelle Unterrichtsverpflichtung.

Für die Schulen bringt jede zusätzliche Stunde zunächst mehr Unterrichtskapazität. Gleichzeitig steigt jedoch die Belastung der Lehrer.

Unterricht besteht nicht nur aus den 45 Minuten vor der Klasse. Hinzu kommen:

  • Vorbereitung,
  • Korrekturen,
  • Elterngespräche,
  • Konferenzen,
  • Vertretungsstunden,
  • Klassenleitung,
  • Dokumentation,
  • Fortbildung,
  • Betreuung von Schülern mit besonderem Förderbedarf.

Wer die Zahl der Unterrichtsstunden erhöht, ohne andere Aufgaben zu reduzieren, riskiert mehr Krankheit, Teilzeit und vorzeitige Ausstiege.

Eine kurzfristige Entlastung kann dann langfristig den Personalmangel noch verschärfen.

Seiteneinsteiger sollen Lücken füllen

Brandenburg wirbt ausdrücklich um Seiteneinsteiger.

Sie werden eingestellt, wenn für eine offene Stelle keine grundständig ausgebildete Lehrkraft gefunden werden kann. Besonders gesucht werden Bewerber für Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik, Englisch, Kunst, Musik und berufsbezogene Fächer.

Seiteneinsteiger können wertvolle berufliche Erfahrung mitbringen. Ingenieure, Naturwissenschaftler, Musiker oder Handwerksmeister können Schülern Wissen aus der Praxis vermitteln.

Sie dürfen aber nicht ohne ausreichende Vorbereitung allein vor schwierige Klassen gestellt werden.

Fachwissen ist wichtig, ersetzt jedoch keine pädagogische Ausbildung. Klassenführung, Leistungsbewertung, Förderdiagnostik und der Umgang mit Konflikten müssen gelernt werden.

Wer Seiteneinsteiger gewinnen will, braucht deshalb:

  • eine verbindliche Grundqualifizierung,
  • Mentoren an den Schulen,
  • reduzierte Unterrichtsverpflichtungen während der Ausbildung,
  • klare Qualitätsstandards,
  • verlässliche berufliche Perspektiven.

Seiteneinsteiger dürfen keine billige Notlösung sein. Sie müssen zu vollwertigen Lehrkräften entwickelt werden.

Fernunterricht als mögliche Ergänzung

Das Bildungsministerium prüft zudem digitale Unterrichtsmodelle.

Bei einem Modellprojekt sollen beispielsweise Klassen an unterschiedlichen Standorten gleichzeitig online von einer Lehrkraft unterrichtet werden. Ein Lehrer könnte so ein selten angebotenes Fach an mehreren Schulen abdecken.

Für einzelne Oberstufenkurse kann das sinnvoll sein. Digitale Lösungen können verhindern, dass Fächer vollständig entfallen, weil an einem Standort keine Fachlehrkraft verfügbar ist.

Als Ersatz für regulären Präsenzunterricht eignen sie sich jedoch nur begrenzt.

Vor allem jüngere Schüler benötigen direkte Ansprache, Unterstützung und Aufsicht. Eine Lehrkraft auf einem Bildschirm kann nicht erkennen, ob jedes Kind mitarbeitet, überfordert ist oder zusätzliche Hilfe benötigt.

Fernunterricht sollte deshalb eine Ergänzung bleiben und nicht zur dauerhaften Antwort auf fehlendes Personal werden.

320.000 Schüler sind betroffen

Brandenburgs Bildungsminister verweist darauf, dass er nicht nur Verantwortung gegenüber den Lehrkräften, sondern vor allem gegenüber rund 320.000 Schülern trage.

Dieser Hinweis ist richtig.

Der Staat hat die Aufgabe, jedem Kind Zugang zu verlässlicher Bildung zu ermöglichen. Dazu gehört nicht nur, Schulgebäude zu öffnen und Abschlusszeugnisse auszustellen. Unterricht muss in ausreichendem Umfang und durch geeignetes Personal stattfinden.

Wenn Stundenpläne regelmäßig gekürzt werden, Förderunterricht entfällt und bestimmte Fächer nicht mehr angeboten werden können, wird dieser Anspruch nicht mehr vollständig erfüllt.

Die Ursachen reichen weit zurück

Der Lehrermangel ist nicht innerhalb eines einzigen Haushaltsjahres entstanden.

Zu den Ursachen gehören:

  • steigende Schülerzahlen in bestimmten Regionen,
  • Pensionierungen älterer Lehrkräfte,
  • zu wenige Ausbildungsplätze,
  • hohe Abbruchquoten im Lehramtsstudium,
  • langsame Anerkennung ausländischer Abschlüsse,
  • unattraktive Standorte,
  • steigende Teilzeit,
  • hohe Arbeitsbelastung,
  • Konkurrenz zwischen den Bundesländern,
  • verspätete Personalplanung.

Die Kultusministerkonferenz geht bundesweit davon aus, dass dem Einstellungsbedarf bis 2035 weniger neu ausgebildete Lehrkräfte gegenüberstehen werden. Brandenburg trifft diese Entwicklung besonders hart, weil das Land gleichzeitig wachsende Schülerzahlen und große regionale Unterschiede bewältigen muss.

Was die Landesregierung jetzt tun muss

Brandenburg benötigt mehr als kurzfristige Notmaßnahmen.

1. Personalbedarf offenlegen

Das Bildungsministerium sollte für jeden Landkreis und jede Schulform veröffentlichen:

  • wie viele Stellen unbesetzt sind,
  • welche Fächer fehlen,
  • wie hoch der Unterrichtsausfall ist,
  • wie viele Seiteneinsteiger eingesetzt werden,
  • wie viele Lehrkräfte in den kommenden Jahren ausscheiden.

2. Ländliche Standorte attraktiver machen

Denkbar wären:

  • Stipendien gegen eine zeitlich begrenzte Verpflichtung,
  • Zuschüsse für Wohnungen und Fahrtkosten,
  • schnellere Verbeamtung,
  • kleinere Klassen,
  • Unterstützung bei der Kinderbetreuung,
  • Beschäftigungsmöglichkeiten für Partner.

Das Land plant bereits, über Stipendien angehende Lehrkräfte für Schulen im ländlichen Raum zu gewinnen. Entscheidend wird sein, ob die Förderung groß genug ist, um tatsächliche Standortentscheidungen zu verändern.

3. Lehrkräfte von Bürokratie entlasten

Pädagogen sollten unterrichten und Schüler fördern.

Verwaltungsaufgaben, IT-Betreuung, Statistik, Dokumentation und Teile der Organisation könnten stärker von Schulverwaltungsassistenten und technischem Personal übernommen werden.

4. Ausbildung ausweiten

Brandenburg muss mehr Lehrkräfte selbst ausbilden und dafür sorgen, dass Studierende ihr Studium erfolgreich abschließen.

Ausbildungsplätze helfen allerdings erst mit mehreren Jahren Verzögerung. Deshalb braucht es gleichzeitig kurzfristige Lösungen.

5. Unterrichtsausfall ehrlich ausweisen

Vertretungsstunden dürfen statistisch nicht automatisch als vollwertiger Fachunterricht erscheinen.

Eltern und Öffentlichkeit müssen erkennen können, wie viel Unterricht tatsächlich fachgerecht erteilt wurde.

Bildung darf nicht vom Wohnort abhängen

Brandenburg kann den Lehrermangel nicht wegreden.

Wenn ein Minister offen einräumt, dass nicht mehr alle Stellen besetzt und möglicherweise nicht einmal alle vorgesehenen Stunden unterrichtet werden können, ist eine Grenze erreicht.

Der Staat fordert von Schülern Anwesenheit, Leistung und Disziplin. Im Gegenzug muss er auch seinen Teil erfüllen: genügend Lehrer, planbaren Unterricht und vergleichbare Chancen in allen Regionen.

Versetzungen können in akuten Notlagen notwendig sein. Seiteneinsteiger können Schulen bereichern. Digitale Angebote können einzelne Fächer retten. Doch keine dieser Maßnahmen ersetzt eine langfristige Personalstrategie.

Besonders problematisch ist, dass das Land zunächst Hunderte Stellen strich und nun einen Teil davon wieder schaffen will. Bildungspolitik darf nicht zwischen Sparrunde und Notprogramm schwanken.

Kinder haben nur eine Schulzeit.

Eine ausgefallene Unterrichtsstunde lässt sich statistisch erfassen. Die verlorene Bildungschance dahinter lässt sich später häufig nicht mehr vollständig zurückholen.

Brandenburg muss deshalb klar entscheiden, was ihm Bildung wert ist.

Wer beim Unterricht spart, spart nicht an Verwaltung oder Strukturen. Er spart unmittelbar an der Zukunft der Kinder.