Schwerin. Mecklenburg-Vorpommern steuert auf eine Landtagswahl zu, die die bisherigen politischen Verhältnisse im Nordosten grundlegend verändern könnte.
Am 20. September 2026 wählen die Bürger einen neuen Landtag. Gut zehn Wochen vor dem Wahltermin liegt die AfD in einer repräsentativen Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des NDR mit 36 Prozent deutlich an erster Stelle. Die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig erreicht 29 Prozent, die Linke zwölf Prozent, die CDU neun Prozent und die Grünen fünf Prozent. FDP und BSW würden nach dieser Erhebung den Einzug in den Landtag verpassen.
Damit wäre die AfD zwar mit Abstand stärkste Kraft. Eine Regierungsmehrheit hätte sie jedoch nicht.
Rechnerisch könnte stattdessen ein Bündnis aus SPD, Linken und Grünen eine knappe Mehrheit der Landtagssitze erreichen. Die stärkste Partei würde damit erneut nicht den Ministerpräsidenten stellen.
Genau daraus entsteht eine politische Debatte, die weit über Schwerin hinausreicht.
Darf und soll eine Partei dauerhaft von jeder politischen Zusammenarbeit ausgeschlossen werden, wenn sie von mehr als einem Drittel der Bürger gewählt wird?
Oder ist die Abgrenzung notwendig, weil andere Parteien die AfD für politisch und inhaltlich nicht regierungsfähig halten?
Rund 60 Prozent können sich eine Form der Zusammenarbeit vorstellen
Besonders bemerkenswert ist ein weiteres Ergebnis des aktuellen Mecklenburg-Vorpommern-Trends.
Während SPD, CDU, Linke und Grüne eine Zusammenarbeit mit der AfD weiterhin strikt ablehnen, können sich laut NDR-Umfrage rund 60 Prozent der Befragten grundsätzlich eine Form der Zusammenarbeit vorstellen. Dabei geht es nicht zwangsläufig um eine feste Regierungskoalition. Der Begriff kann auch gemeinsame Abstimmungen, Minderheitsregierungen oder sachbezogene Kooperationen umfassen.
Das Ergebnis zeigt, dass die Haltung vieler Bürger differenzierter ist als die klare Abgrenzung der Parteien.
Ein Teil der Bevölkerung will möglicherweise keine AfD-Regierung, lehnt aber die pauschale Weigerung ab, mit AfD-Abgeordneten über einzelne Vorhaben zu sprechen oder gemeinsam abzustimmen.
Andere Bürger sehen bereits jede Form politischer Kooperation als Normalisierung einer Partei, die sie entschieden ablehnen.
Die sogenannte Brandmauer ist deshalb keine rein taktische Parteifrage mehr. Sie berührt das Verständnis von Demokratie, Mehrheiten und parlamentarischer Verantwortung.
Was bedeutet „Brandmauer“ überhaupt?
Der Begriff Brandmauer wird in der politischen Debatte häufig verwendet, ist aber nicht eindeutig definiert.
Er kann unterschiedliche Formen der Abgrenzung umfassen:
- keine Regierungskoalition mit der AfD,
- keine Unterstützung einer AfD-Minderheitsregierung,
- keine Wahl eines AfD-Ministerpräsidenten,
- keine gemeinsamen Anträge,
- keine Absprachen vor Abstimmungen,
- keine Wahl von AfD-Kandidaten in parlamentarische Ämter,
- oder sogar die Ablehnung von AfD-Anträgen unabhängig vom Inhalt.
Diese Unterschiede sind entscheidend.
Eine feste Koalition mit gemeinsamen Ministern, einem Koalitionsvertrag und langfristiger Regierungsverantwortung ist etwas anderes als die Zustimmung zu einem einzelnen Antrag, der inhaltlich der eigenen politischen Überzeugung entspricht.
Wenn Parteien jede Abstimmung davon abhängig machen, wer einen Antrag eingebracht hat, entsteht der Eindruck, dass nicht mehr der Inhalt, sondern ausschließlich der Absender zählt.
Das kann das Vertrauen in parlamentarische Entscheidungen weiter beschädigen.
AfD bleibt stärkste politische Kraft
Die AfD steht in Mecklenburg-Vorpommern nicht erst seit wenigen Wochen an der Spitze der Umfragen.
Bereits im Mai 2026 erreichte sie im NDR-Trend 36 Prozent. Auch eine INSA-Umfrage im Juni sah die Partei mit 35 Prozent vorn. Die SPD konnte zuletzt zwar aufholen, liegt aber weiterhin deutlich hinter der AfD.
Die Partei geht entsprechend selbstbewusst in den Wahlkampf.
Bei der Vorstellung ihrer Kampagne erklärte die AfD, den Führungsanspruch im Land zu erheben. Landeschef Leif-Erik Holm wird als möglicher Ministerpräsident präsentiert. Spitzenkandidat Enrico Schult wirbt ebenfalls dafür, dass die AfD nach der Wahl Regierungsverantwortung übernimmt.
Das Wahlprogramm steht unter dem Motto „Unser Land zuerst“. Inhaltliche Schwerpunkte sind Migration, Energiepolitik, innere Sicherheit und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
Ob die Partei tatsächlich regieren könnte, hängt jedoch nicht nur vom Wahlergebnis ab. Ohne absolute Mehrheit benötigt sie mindestens einen Partner oder eine andere Form parlamentarischer Unterstützung.
Eine solche Zusammenarbeit schließen derzeit alle anderen relevanten Parteien aus.
CDU im politischen Dilemma
Am stärksten unter Druck steht die CDU.
Sie erreicht in der aktuellen Umfrage nur noch neun Prozent und könnte damit ihr bislang schwächstes Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern erzielen.
Die Partei befindet sich damit in einer schwierigen Lage.
Einerseits will sie sich als konservative und bürgerliche Alternative zur SPD präsentieren. Andererseits verliert sie seit Jahren Wähler an die AfD. Viele frühere CDU-Wähler sehen ihre politischen Anliegen bei Migration, Energie, innerer Sicherheit und ländlichem Raum nicht mehr ausreichend vertreten.
Gleichzeitig hält die Union an der Abgrenzung zur AfD fest.
Die CDU muss ihren Wählern deshalb erklären, wie sie konservative Politik durchsetzen will, wenn sie parlamentarisch immer schwächer wird und gleichzeitig jede Zusammenarbeit mit der stärksten rechten Partei ausschließt.
Eine CDU mit neun Prozent kann kaum den politischen Kurs eines Landes bestimmen.
Sie könnte nach der Wahl jedoch als Mehrheitsbeschafferin für ein weiteres von der SPD geführtes Bündnis gebraucht werden, falls Rot-Rot-Grün keine eigene Mehrheit erreicht.
Das würde die Partei vor eine schwierige Entscheidung stellen.
Unterstützt sie erneut eine Regierung links der Mitte, könnte sie weitere konservative Wähler verlieren.
Öffnet sie sich in einzelnen Fragen für die AfD, würde sie ihre bisherige Linie aufgeben und erheblichen innerparteilichen Widerstand auslösen.
SPD setzt auf Manuela Schwesig
Die SPD geht erneut mit Ministerpräsidentin Manuela Schwesig an der Spitze in den Wahlkampf. Auf einem Landesparteitag in Wismar erhielt sie 98,9 Prozent der Delegiertenstimmen.
Ihre Strategie ist klar.
Die SPD will die Wahl auf die Frage zuspitzen, wer Mecklenburg-Vorpommern verlässlich und stabil regieren kann. Schwesig präsentiert sich als erfahrene Regierungschefin und Gegenpol zur AfD.
Die jüngste Umfrage zeigt, dass diese Strategie Wirkung entfalten könnte. Die SPD verbessert sich auf 29 Prozent und verkürzt den Abstand zur AfD.
Trotzdem bleibt ein grundlegendes Problem bestehen.
Sollte die AfD mit großem Abstand stärkste Kraft werden und die SPD nur mithilfe von Linken und Grünen weiterregieren, könnte ein erheblicher Teil der Bevölkerung den Eindruck gewinnen, dass sich trotz deutlicher Wahlverschiebungen politisch wenig ändert.
Formal wäre ein solches Bündnis selbstverständlich demokratisch legitim, sofern es eine Mehrheit im Landtag besitzt.
Politisch müsste es jedoch erklären, wie es mit einem möglicherweise sehr knappen Sitzvorsprung gegen die mit Abstand stärkste Partei dauerhaft regieren will.
Rot-Rot-Grün wäre rechnerisch möglich
Nach dem aktuellen Umfragestand kämen SPD, Linke und Grüne zusammen auf 46 Prozent.
Da FDP, BSW und weitere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern könnten, würde dieser Stimmenanteil voraussichtlich für eine knappe Mehrheit der Sitze reichen.
Mecklenburg-Vorpommern könnte damit erstmals von einem rot-rot-grünen Bündnis regiert werden.
Die SPD regiert derzeit bereits gemeinsam mit der Linken. Die Grünen würden als dritter Partner hinzukommen.
Inhaltlich gäbe es jedoch Konfliktpotenzial.
Die Parteien unterscheiden sich unter anderem bei:
- Energiepolitik,
- Landwirtschaft,
- Straßenbau,
- Migration,
- innerer Sicherheit,
- Küstenschutz,
- wirtschaftlicher Entwicklung,
- sowie dem Umgang mit dem ländlichen Raum.
Eine knappe Mehrheit würde zudem bedeuten, dass einzelne Abweichler oder fehlende Abgeordnete Abstimmungen gefährden könnten.
Stabile Regierungsführung wäre bei einem Vorsprung von möglicherweise nur wenigen Mandaten keine Selbstverständlichkeit.
Was bewegt die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern?
Die Diskussion über die Brandmauer darf nicht den Blick auf die eigentlichen Probleme des Landes verstellen.
Die Bürger wählen nicht allein aufgrund parteipolitischer Bündnisfragen.
Viele Menschen beschäftigt vielmehr:
- der Ärztemangel auf dem Land,
- steigende Lebenshaltungskosten,
- niedrige Löhne und Renten,
- fehlende Bus- und Bahnverbindungen,
- die Zukunft kleiner Krankenhäuser,
- Schulschließungen und Lehrermangel,
- Migration und Unterbringung,
- die Lage der Landwirtschaft,
- wirtschaftliche Schwäche,
- sowie der Zustand von Straßen und Brücken.
Gerade in ländlichen Regionen erleben Bürger einen Rückzug staatlicher und privater Angebote.
Der Hausarzt geht in den Ruhestand. Der Bus fährt seltener. Geschäfte schließen. Schulen werden zusammengelegt. Wege zu Behörden und medizinischer Versorgung werden länger.
Wenn Parteien hauptsächlich über Abgrenzung reden, aber diese Alltagsprobleme nicht lösen, stärkt das den politischen Frust.
Vorpommern-Greifswald: AfD besonders stark
In Vorpommern-Greifswald ist die AfD seit Jahren besonders erfolgreich.
Der Landkreis umfasst Greifswald, Pasewalk, Anklam, Ueckermünde, Wolgast und große ländliche Gebiete bis an die polnische Grenze.
Viele Gemeinden kämpfen mit:
- Abwanderung,
- alternder Bevölkerung,
- Fachkräftemangel,
- niedrigen Einkommen,
- schwachem öffentlichen Nahverkehr,
- und langen Wegen zu Ärzten und Behörden.
In solchen Regionen gewinnt die AfD nicht allein durch bundespolitische Debatten.
Sie profitiert auch von dem Gefühl vieler Bürger, dass Entscheidungen in Schwerin und Berlin getroffen werden, ohne die konkreten Bedingungen vor Ort ausreichend zu berücksichtigen.
Wer die AfD politisch schwächen will, muss deshalb mehr anbieten als moralische Appelle.
Er muss beweisen, dass staatliche Politik den Alltag in Pasewalk, Anklam oder Ueckermünde tatsächlich verbessert.
Mecklenburgische Seenplatte: Große Fläche, lange Wege
Ähnlich ist die Lage in der Mecklenburgischen Seenplatte.
Mit Städten wie Neubrandenburg, Waren, Neustrelitz, Demmin und Malchin umfasst der Landkreis eine riesige Fläche.
Die Menschen erleben dort besonders deutlich, was Zentralisierung bedeutet.
Wenn eine Behörde, ein Krankenhausstandort oder eine Schule geschlossen wird, beträgt der nächste Weg nicht wenige Kilometer. Es können 30, 40 oder mehr Kilometer sein.
Politische Entscheidungen, die in dichter besiedelten Regionen vertretbar erscheinen, können im ländlichen Raum erhebliche Folgen haben.
Die AfD greift diese Unzufriedenheit auf und verbindet sie mit grundsätzlicher Kritik am politischen System.
Die etablierten Parteien müssen darauf mit konkreten Angeboten reagieren:
- wohnortnahe Gesundheitsversorgung,
- verlässlicher Nahverkehr,
- digitale Behördenleistungen,
- Erhalt kleiner Schulen,
- Unterstützung regionaler Unternehmen,
- und stärkere kommunale Entscheidungsfreiheit.
Schwerin und Rostock erleben andere Probleme
In Schwerin und Rostock ist die Lage teilweise anders.
Hier geht es stärker um:
- steigende Mieten,
- fehlenden Wohnraum,
- Migration und Integration,
- Verkehr,
- Arbeitsplätze,
- Universitäten,
- und die Finanzierung kommunaler Aufgaben.
Rostock wächst und benötigt neue Wohnungen, Schulen und Infrastruktur.
Schwerin ist als Landeshauptstadt Sitz von Regierung, Landtag und Behörden. Zugleich kämpft die Stadt mit sozialen Unterschieden und angespannten Kommunalfinanzen.
Eine landesweite Partei muss beide Welten ansprechen: die größeren Städte und die dünn besiedelten Regionen.
Die AfD erzielt ihre höchsten Werte meist nicht in den wohlhabenderen Stadtteilen, sondern dort, wo sich Menschen wirtschaftlich und politisch abgehängt fühlen.
Stralsund, Greifswald und die Küste
In Stralsund, Greifswald und an der Ostseeküste spielen zusätzlich Tourismus, Wohnraum und Saisonarbeit eine wichtige Rolle.
Der Tourismus sichert viele Arbeitsplätze, führt aber auch zu steigenden Immobilienpreisen und einer starken Abhängigkeit von der Sommersaison.
Einheimische Familien finden mancherorts nur schwer bezahlbaren Wohnraum, während Ferienwohnungen und Zweitwohnsitze zunehmen.
Auch solche Themen beeinflussen die Wahlentscheidung.
Die Bürger erwarten, dass Landespolitik nicht nur Besucherzahlen feiert, sondern auch die Lebensbedingungen der Menschen verbessert, die dauerhaft an der Küste wohnen und arbeiten.
Warnungen aus der Wirtschaft
Wirtschaftsverbände warnen vor einer Regierungsbeteiligung der AfD.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie argumentiert, eine solche Beteiligung könne Investitionen erschweren, Unsicherheit schaffen und die Gewinnung ausländischer Fachkräfte beeinträchtigen.
Diese Warnungen müssen ernst genommen werden.
Unternehmen brauchen verlässliche politische Bedingungen. Mecklenburg-Vorpommern ist auf Investitionen, Fachkräfte und internationale Märkte angewiesen.
Allerdings sollten Wirtschaftsverbände ebenfalls erklären, warum viele Beschäftigte und kleinere Unternehmer trotz solcher Warnungen AfD wählen.
Viele Menschen erleben hohe Energiepreise, Bürokratie, Fachkräftemangel und eine schwache Infrastruktur bereits heute.
Wer vor wirtschaftlichen Risiken einer AfD-Regierung warnt, muss daher zugleich benennen, welche wirtschaftspolitischen Erfolge die bisherigen Regierungen vorweisen können.
Reine Appelle werden Wähler kaum überzeugen.
Millionen für Kampagnen gegen die AfD
Vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt hat der Verein Campact nach eigenen Angaben mehr als 2,5 Millionen Euro für Kampagnen gegen die AfD gesammelt. Das Geld soll lokale Initiativen, Vereine und politische Aktionen unterstützen.
Solches Engagement ist grundsätzlich vom Recht auf politische Meinungsäußerung gedeckt.
Trotzdem stellt sich die Frage, ob millionenschwere Kampagnen gegen eine Partei tatsächlich zu einer sachlicheren politischen Auseinandersetzung beitragen.
Wähler lassen sich selten dauerhaft durch Plakate, Demonstrationen oder moralische Warnungen umstimmen.
Wer Menschen davon überzeugen will, eine andere Partei zu wählen, muss ihre Sorgen ernst nehmen und bessere politische Lösungen anbieten.
Je stärker Bürger das Gefühl bekommen, dass sie belehrt oder gesellschaftlich ausgegrenzt werden, desto größer kann der gegenteilige Effekt sein.
Die Brandmauer ersetzt keine politische Auseinandersetzung
Andere Parteien haben selbstverständlich das Recht, Koalitionen mit der AfD auszuschließen.
Keine Partei kann gezwungen werden, mit einer anderen zusammenzuarbeiten.
Problematisch wird es jedoch, wenn die Brandmauer zum Ersatz für inhaltliche Politik wird.
Die entscheidenden Fragen müssen weiterhin lauten:
- Welche Vorschläge sind rechtlich möglich?
- Was kosten sie?
- Welche Folgen haben sie?
- Welche Probleme lösen sie?
- Welche Risiken entstehen?
- Und welche Alternativen bieten die anderen Parteien?
Ein Antrag wird nicht automatisch richtig, nur weil er von der AfD stammt.
Er wird aber auch nicht automatisch falsch.
Ein selbstbewusstes Parlament muss in der Lage sein, jeden Vorschlag nach Inhalt und Wirkung zu beurteilen.
Zusammenarbeit ist nicht gleich Koalition
In der öffentlichen Debatte werden unterschiedliche Formen politischer Kooperation häufig vermischt.
Eine Koalition bedeutet gemeinsame Regierungsverantwortung, gemeinsame Minister und einen verbindlichen Koalitionsvertrag.
Eine Minderheitsregierung benötigt dagegen wechselnde Mehrheiten für einzelne Gesetze.
Daneben gibt es sachbezogene Abstimmungen, bei denen mehrere Parteien unabhängig voneinander demselben Vorschlag zustimmen.
Wer jede gemeinsame Abstimmung als Zusammenarbeit bezeichnet, kann parlamentarische Prozesse kaum noch vernünftig erklären.
Es wäre absurd, wenn eine Partei gegen eine eigene langjährige Forderung stimmt, nur weil auch die AfD dafür ist.
Umgekehrt darf die AfD andere Parteien nicht politisch vorführen, indem sie deren Anträge taktisch übernimmt oder Zustimmung gezielt als angeblichen Beweis einer Zusammenarbeit darstellt.
Alle Beteiligten benötigen mehr politische Gelassenheit.
Was geschieht, wenn die AfD 40 Prozent erreicht?
Die aktuelle Umfrage sieht die AfD bei 36 Prozent.
Doch Wahlkämpfe können Ergebnisse verändern. Sollte die Partei weiter zulegen und sich der Marke von 40 Prozent nähern, würde die Regierungsbildung noch schwieriger.
Alle anderen Parteien müssten dann möglicherweise ein sehr breites Bündnis bilden, um eine Regierung ohne AfD zu ermöglichen.
Ein solches Bündnis könnte von der Linken bis zur CDU reichen.
Politisch wäre es äußerst widersprüchlich.
Parteien mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen bei Migration, Wirtschaft, Energie und Gesellschaft müssten gemeinsam regieren, hauptsächlich um eine AfD-Regierung zu verhindern.
Das wäre demokratisch möglich.
Es könnte aber gleichzeitig den Eindruck verstärken, dass alle übrigen Parteien trotz großer inhaltlicher Unterschiede am Ende gemeinsam gegen einen erheblichen Teil der Wähler stehen.
Ist eine Minderheitsregierung denkbar?
Eine mögliche Alternative wäre eine Minderheitsregierung.
Dabei könnte etwa die SPD eine Regierung bilden, ohne eine feste Mehrheit im Landtag zu besitzen. Für jedes Gesetz müsste sie Unterstützung bei anderen Parteien suchen.
Das würde den Landtag stärken und mehr offene Debatten erzwingen.
Eine Minderheitsregierung könnte je nach Thema mit Linken, Grünen, CDU oder im Einzelfall auch mit Stimmen der AfD Mehrheiten bilden.
Allerdings wäre dieses Modell politisch instabiler und in Deutschland ungewohnt.
Die Parteien müssten akzeptieren, dass Zustimmung zu einem Gesetz nicht automatisch eine dauerhafte Zusammenarbeit bedeutet.
Gerade wegen der verhärteten Brandmauer-Debatte erscheint ein solches Modell derzeit schwer vorstellbar.
Die Wahlentscheidung liegt bei den Bürgern
Am Ende entscheiden nicht Parteizentralen, Verbände oder Kampagnenorganisationen über die Zusammensetzung des Landtags.
Die Bürger Mecklenburg-Vorpommerns wählen am 20. September.
Sie können die AfD stärken, die SPD bestätigen, die CDU zurückholen oder kleineren Parteien den Einzug ermöglichen.
Die Parteien müssen das Ergebnis anschließend respektieren.
Respekt bedeutet nicht, dass jede Partei an einer Regierung beteiligt werden muss.
Es bedeutet aber, dass große Teile der Wählerschaft nicht pauschal als politisch irrelevant behandelt werden dürfen.
Wer mehr als ein Drittel der Stimmen erhält, besitzt ein starkes demokratisches Mandat für parlamentarische Opposition und politische Mitgestaltung.
Andere Parteien müssen sich inhaltlich damit auseinandersetzen.
Wähler lassen sich nicht wegorganisieren
Die sogenannte Brandmauer hat die AfD bisher nicht geschwächt.
Im Gegenteil: In Mecklenburg-Vorpommern liegt die Partei seit Monaten deutlich vorn.
Das bedeutet nicht, dass CDU, SPD oder andere Parteien eine Koalition mit der AfD eingehen müssen. Jede Partei darf selbst entscheiden, mit wem sie regieren will.
Doch die politische Realität lässt sich nicht dauerhaft durch Ausgrenzungsbeschlüsse ersetzen.
Wenn 36 Prozent der Bürger eine Partei wählen wollen und rund 60 Prozent zumindest bestimmte Formen der Zusammenarbeit nicht grundsätzlich ablehnen, muss die Politik diese Haltung ernst nehmen.
Die entscheidende Antwort auf den Aufstieg der AfD kann nicht darin bestehen, immer größere Bündnisse gegen sie zu bilden.
Die Antwort muss bessere Politik sein.
Die Menschen wollen sichere Städte, kontrollierte Migration, bezahlbare Energie, erreichbare Ärzte, gute Schulen, funktionierende Straßen und eine wirtschaftliche Perspektive.
Wer diese Aufgaben löst, kann Wähler zurückgewinnen.
Wer dagegen hauptsächlich erklärt, mit wem er niemals spricht, überlässt der AfD die Rolle der einzigen wirklichen Opposition.
Eine Demokratie braucht klare Grenzen gegenüber Extremismus und Verfassungsfeindlichkeit.
Sie braucht aber ebenso offene Debatten, Respekt vor Wahlergebnissen und die Bereitschaft, politische Argumente inhaltlich zu prüfen.
Wähler lassen sich nicht wegorganisieren.
Sie lassen sich nur überzeugen.